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Neue jüdische Presse · 1914-04-14 · Heft 32 (14.4.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 32 (14.4.1914)
Date
1914-04-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Rückkehr, Gebet und gute Tate«. Wenn wir an dem heiligen Tage der Versöhnung vor unserem Gott stehen. und unt günstige Lenkung unseres Geschickes flehen, — dann ruft uns Gott zn: „Rückkehr, Gebet und gute Taten führen an Dir das böse Verhängnis vorüber, sodah Du nicht davon getroffen wirst." Zuerst: Rückkehr. Sitze über Dich selber zu Gericht, prüfe Dein bisheriges Leben an dem Maststabe des Gottesgesetzes, und wenn Du einen Fehl entdeckst, da verurteile Dich rücksichtslos, indem Du den Fehl vor Deinem Gewissen freimütig bekennst und ihn sühnst durch den Vorsatz seiner Ausmerzung. Und wenn Du so Deine innere Reinheit wiedergewonnen hast, weim Du wieder, als wärest Du Kind, 'beten kannst: „Die Seele, die. Du, Gott, mir gegeben hast, sie ist. rein", — erst dann rannst Du auf Erhörung Deines Gebetes hoffen. Aber daß Du nun auch wirklich ein neues Leben beginnst, nicht wieder in Dein bisheriges Tun zurückfällst: dazu bedarf es der Taten, der sofortigen Ausführung des Vorsatzes. „Rückkehr, Gebet und gute Taten!" — Jahr für Jahr versammelt sich ganz Israel am heiligen Tage der Versöhnung, um diesen Ruf zu vernehmen. 'Und Tausende gehen ernst mit sich zu Rate und flehen inbrünstig, — aber scheiden sie Hann von diesem großen Tage und es umlpfängt sie wieder das Leben, so sind, sie wieder die Vorherigen. Ihre Rückkehr Mar keine wahrhafte Rückkehr, ihr Flehen strömte nicht aus einer wahrhaft rein gewordenen Seele, — deshalb fehlte ihnen auch die Kraft zum guten Tun im Leben. * „Rückkehr, Gebet und gute Taten", —' mit ehernen Schlägen pochen diese Worte jetzt an das Gewissen eines Jeden von uns. Eine schwere Prüfung. ist über uns alle gekommen, ein tückischer Feind bedroht unser Vaterland, und Millionen unseres Volkes haben nach den Waffen der Verteidigung greifen müssen. Heilig wie der Tag der Versöhnung ist dieser Krieg der Verteidigung. Denn die Sache des göttlichen Rechts ist unser. In einem gotterleuchteten Erfassen des Augenblicks hat unser großer, begnadeter Kaiser unserem Volke zugerufen: Seid ruhig, bewahrt die Ruhe dessen, auf dessen Seite die Sache des göttlichen Rechts ist, vertrauet auf Gott, er wird uns zur Seite stehen! Und so ziehen unsere Heerscharen mit denk Vertrauen auf ihre gute Sache und mit dem Aufblick zu Gott in den Kampf, dessen Ausgang in Gottes Ratschluß liegt. Folgen wir alle dem Rufe unseres Kaisers, cs verzage das Herz keines von uns, es lege jeder die Engherzigkeit und Kleingeistigkeit seiner" vergangenen Tage ab und suche würdig zu werden des großen Augenblicks, — dann wird sicher.Gottes Ratschluß' uns den Sieg verleihen. Ein jeder von uns, auch all', der zu Häufe Gebliebenen, kann zu dem Siege beitragen; — nur eines verlangt Gott von jedem in dieser Kit gleichend dem heiligen Tage der .Versöhnung, und dieses Eine lautet: „Rückkehr, Gebet und gute Taten". Die heilige Rot. Es sind große Tage/ die wir jetzt durchleben. Und zunächst imtf;' der erste unmittelbare Eindruck der gewaltigen Ereignisse, die uns durchs ihre Schnelle nicht minder überraschten wie durch ihre Größe, sich geklärt haben, muß die fiebernde Aufregung der ersten Stunden gewichen sein, bevor wir beginnen können, die volle Größe und Heiligkeit der Zeit zu begreifen und zu erleben. Es ist eine Zeit der Not, in der wir stehen. Keinen gibt es in unserem Vaterlände, ja in Europa, den die Not des Tages nicht unmittelbar berührte, keinen, dem sie nicht bereits tiefe Wunden geschlagen hat, dem sie nicht tiefere Wunden noch schlagen wird. Und es bedarf zunächst der inneren Sammlung, der Ueberwindung all der Leiden, Schmerzen und Aengste, die wir durchleben, um die volle Heiligkeit, die tiefe sittliche Bedeutung dieser Not zu empfinden, um zn erkennen, wie bedeutsam, wie erhebend, wie reinigend und adelnd diese Not für uns ist. Wer wüßte besser von der Heiligkeit, der Not zu erzählen als wir Inden, wer vermöchte ihre heilsame Bedeutung, ihren erzieherischen Einfluß tiefer zu erkennen als wir! Vom ersten Tage unserer Geschichte an, da uns die göttliche Allmacht von dem Joche Aegyptens befreite, ward die Not zu der großen, der größten Lehrmeisterin unseres Volkes. 'In 40jähriger Wüstenwanderung durch eine Welt von Feinden hindurch wurden wir zu dem Volke erzogen, das würdig war, der Welt die Thora zu verkünden. 'Und seitdem, durch all die Jahrhunderte hindurch, da wir, eingekeilt zwischen den zwei großen Weltmächten des Altertums, Assyrien und Aegypten, ständig um unsere Existenz kämpfen mußten, bis uns ein grausames Geschick aus unserem Lande trieb, durch all die Jahrhunderte der Diaspora, da uns das Leben zur Hölle ward, bis zum heutigen Tage, da der größte Teil unserer Brüder im Osten ein Leben unerträglicher Mühe und qualvoller Entbehrungen führt, stets und jederzeit war es die Not, die unser Dasein beherrschte, war es die Not. die unseren Bolkscharakter gebildet, gemeißelt und geläutert hat. Und darum auch: in keiner anderen Literatur der Weltgeschichte hat die Erkenntnis von der heiligenden Wirkung der Not einen klareren, reineren, gewaltigeren Ausdruck gefunden, als in der unseren. Ja, cs wäre nicht übertrieben, unser Schrifttum als das Preislied der Not, als das Loblied ihrer Segnungen zu bezeichnen. Was ist der tieffte Gedanke des Prophetismus wenn nicht dieser, daß nur die Not das jüdische Volk, die Menschheit zur Sittlichkeit erziehen wird. Wenn man unsere Propheten Mit Recht die größten Volks¬ und Menschheitserziieher der Weltgeschichte genannt hat, so läßt sich der ganze Kern, .der eigentliche Inhalt ihrer Menschheitspädagogik darin zusammenfassen, daß, die Not und nur die Not, daß Leiden und Dulden die Menschen läutern und .adeln und würdig machen wird, das Ideal des Messianischen Zeitalters zu realisieren. Und was die Propheten in der flammenden Sprache des Erziehers, des Mahners und Whrers verkündet haben, lehrten die Psalmisten nicht minder schön in ihren innigen, ergreifend schlichten Psalmen. Das Herz des Menschen ist erfüllt von bösen Trieben, von Lastern und Schwachen. Wenn aber die Not kommt, die heilige, gewaltige Not, dann befreit er sich von der Herrschaft des Bösen, dann findet er den 'Weg zn seinem Gott zurück, dann wird er gut, sittlich und rein. „Min hamezar korosi johl" Aus der Not rief ich zu Gott; der Weg zur Gottheit führt durch das reinigende Feuer 8er Not. ,Wir modernen Menschen, 'nicht zwni Wenigsten auch wir modernen 'westeuropäischen Juden, hatten diese Lehren unserer Propheten und Psalmisten vergessen. Es ging uns so gut; nur das Glück schien uns zu lachen; von Erfolg war unser Tun begleitet, der Reichtum mehrte sich, die Bequemlichkeit und der Luxus des Lebens stiegen von Tag zn Tag, ein dünkelhaftes Machtbewußtsein erfaßte uns, im Wonnerausch des Genusses verlebten wir die Tage, das ganze Leben dünkte uns eitel Lust zu sein. Wir drohten in ein.Meer von Lastern und Sünden, von Hochmut und Dünkel, von Egoismus und Selbstsucht zu versinken. 'Da kam über Nacht die gewaltige Zeit, die wir durchleben. Es kam die Gefahr, es kam das Elend, es kam die Not. Und was alle Predigten .und Traktate nicht vermochten, sie, die heilige, göttliche Not, hat es schon zum Teil vollbracht und wird es ganz vollbringen. Andere^ bessere Menschen sind wir durch sie geworden. "In diesen großen Stunden der gemeinsamen Gefahr, der allgemeinen Not ist Mer persönliche Dünkel, Me niedrige Selbstsucht von uns abgefallen wie eine wertlose HMe, wie eine Maske, die uns häßlich und gemein gemacht hat. Die Barmherzigkeit ist in unsere Seelen eingezogen, das große, heilige Mitleid hat von unseren Herzen Besitz ergriffen, das Leiden jedes einzelnen empfinden wir als das unsere, und Me sind wir geeint in der gemeinsamen Not und Gefahr des Vaterlandes. Wieviele, die bisher ihre Tage in einem erniedrigenden Kultus ihres eigenen kleinen Ich verlebten, deren ganzes Sinnen und Trachten auf die Befriedigung egoistischer Gelüste und niedriger Triebe ging, haben nicht begonnen, in diesen Tagen zu erkennen und zn erleben, daß es neben unb* über ihnen die große Allgemeinheit gibt, vor deren Größe ihr Ich in ein Nichts zerstiebt. Und wenn jetzt Millionen ontfeter Brüder ausziehen in den Kampf, bereit, ihr Leben einzusetzen für die große Sache, was gibt ihnen die innere Kraft dazu, wenn nicht das erhebende Bewußtsein, daß es ein Glück ist, Gut und Mut für das Vaterland hinzugeben? Und wiederum: Wieviele von uns, denen Religion bislang ein leeres Wort, denen das Gebet eine nichtssagende Zeremonie war, haben nicht in dieser schweren Zeit den Weg zu ihrem Gott zurückgefunden. „Min hämiezar korosi joh", aus der Not rief ich 'Gott; sellen ist das Psalmenwort so wahr, so bedeutungsvoll geworden als in diesen Tagen. Und dies ist der bleibende Gewinn, dieser Zeit. Wenn die Not geschwunden sein wird, wenn mit dem Siege unserer Waffen — an dem niemand von uns zweifelt — eine neue Epoche des Glückes beginnen wird, dann wird doch die Lehre dieser Tage bleiben, die Lehre, die uns die Not dieser Zeit tief eingeflößt hat': daß der einzelne in M seinem berechtigten Streben nach Glück und Erfolg nie vergessen soll, daß über ihm die große Allgemeinheit existiert, in der er nur Glied und Diener ist, daß all sein Leben und Streben nur einen Sinn und Wert hat, wenn es in den Dienst der Allgemeinheit, des Volkes, des Vaterlands, der Menschheit, der Gottheit gestellt ist. „Min hamezar korosi joh". Ans der Rvt rief ich Gott „ononi bamerchaw joh", Gottqntuwrtetenrir aus der Weite. Wenn einer aus der Not, geläutert und geadelt durch die Not, zu Gott gelangt, dann mag er sicher sein, daß ihm Gott antwortet. . Und hat er erst einmal die innere Reinigung durch die Not erfahren, hat er damit den Weg zur Gottheit wiedergesunden, dann kapn. ihm keine Gefahr mehr Furcht.einflößen, kann ihn keine Not mehr

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