Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 31 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Freitag, de» 15 Aw 5674 (7 August 1914) Rr. 31 Abonnenten fowle deren Sövnen, die n den Krieg gezogen sind, senden wir untere Leitung kostenlos nach, mir bitten um Aufgabe genauer Adressen. Frankfurter Isr. Familienblatt. Wir bitten unsere Leser» uns alles, was die Anteilnahme der Juden am Kriege betrifft (Spenden» Laten der Capferkeit, Beförderungen infofgc Capferkeit u. f. w.) mitzuteilen. Frankfurter Isr. Familienblatt« Für Gott uuv Recht! Schulter an Schulter und Mann an Mann — Trommelwirbel — heran! heran! Die uns gemordet, geschändet, gejagt, Rache sei ihnen nun angesagt! Rache geschworen beim ewigen.Gott, Den sie machen wollten zum Spott. Stürmt auf die Feinde! Drauf und drauf! Schichtet die russ'schen Kadaver zu Häuf! Schmettert mit Kolben, zücket das Schwert, Kämpfet für Gott und den heimischen Herd! Kämpft fürs geliebte Vaterland, Das sich in Treuen dem Frieden verband, > Das ihn gehegt in heiliger Hut, Das ihn gehalten als köstlichstes Gut. Meuchelmörder sind uns genaht, Haben zertreten die sprossende Saat, Wollen düngen mit Blut das Md, : Wollen zerstören, zerstampfen die Welt! Greift zu den Waffen! Frisch zum Gefecht! Dorten der Blutdurst — hier Gott und Recht! * ' Ueber Europa lodert die Kriegsfackel. Das Entsetzliche, womit man seit Jahren in Gedanken nur gespielt, in trüben Stunden uns gedrohtchatte, ist über Nacht Ereignis geworden: der europäische Weltkrieg, der furchtbarste und größte Krieg,' den die Weltgeschichte je gesehen, hat begonnen. Es gibt kein Kolk,. das von Natur aus dem Kriege so abgewandt ist, das' den Frieden heißer liebt -als wir Juden, die wir schon vor- Jahrtausenden zum ersten Mal in der Geschichte das Ideal des messianischen .Volkerfriedens proklamiert haben. Aber es gibt auch wenig Völker, die für eine gerechte Sache, für .ihre heiligsten Güter williger und begeisterter in den Tod zu gehen bereit find als das unsere. Eine 1800jährige Märtyrergeschichte hat uns dazu erzogen, fiir das uns Heilige und Teure mit Freuden und Stolz unser Leben hingeben zu können. Und selten hat es einen Krieg gegeben, in dem um heiligere Güter gekämpft wurde, als dieser. Niemals aber ist ein Land um : einer gerechteren Sache willen in den Krieg gezogen, als es in diesen gewaltigen Tagen unser deutsches Vaterland tut. Wenn in diesen furchtbaren Stunden, die wir durchleben, in den Stunden, da unsere Mütter ihre Söhne, unsere Frauen ihre Männer, unsere Kinder ihre Väter hinziehen lassen einem/Schicksal entgegen, dessen Ausgang nur der Allmächtige weiß, wenn in diesen Stunden die Reinheit des Gewissens, die Makellosigkeit des inneren sittlichen Bewußtseins der . stärkste seelische Trost ist für all die Leiden, die wir durchleben, dann stehen wir deutsche Juden mit unseren deutschen Brüdern gemeinsam als die stärksten in der Welt da. Denn das Gewissen des deutschen Volkes ist rein und unbefleckt, und von der furchtbaren Verantwortung für all die namenlosen Leiden des Krieges trägt unser Vaterland auch nicht die geringste Spur. Gegen eine Koalition von Gegnern, die sich alle in den Dienst des russischen Despotismus gestellt haben, ziehen wir in den Krieg, mcht allein zur Wahrung unserer politischen Existenz, sondern auch zur Rettung und Erhaltung der menschheitlichen Kultur, vor der Barbarei der russischen Tyrannen. Wenn je in einem Krieg die Mächte des Bösen sich zusammengerottet haben gegen die Kräfte des Guten, wenn je in einem Kampf sich die Parteien der Kultur und' der Barbarei Legenüberstanden, so ist es in diesem Krieg. Und wer könnte begeisterter und zuversichtlicher in einen solchen Kampf ziehen als wir Juden! Der Glaube an den Sieg des Gerechten, der Glaube an die sittliche Weltordnung ist die heiligste Ueberzeugung, die unser Volk seit Jahrtausenden in sich trägt. And an den Sieg der Gerechten in der Welt glauben und von dem Sieg unseres Vaterlandes überzeugt sein, bedeutet in diesem Kriege ein und dasselbe. Gegen russische Barbarei ziehen wir ins Feld. Und indem wir Europa von der Seuche des Zarentums befreien wollen, werden wir auch all den Millionen jener Unglücklichen in RuWänd selbst, die bislang unter der Knute der moskowittschen Despotie geschmachtet haben, Befreiung und Erlösung bringen. Unter diesen Unglücklichen aber, die in ihrem tiefsten Innern auf die Befreiung durch unser Vaterland harren, wer ist unglücklicher als unsere jüdischen Brüder in Rußland? Und so dürfen wir auch dieses Bewußtsein als glückende Hoffnung mit auf den Weg nehmen, daß wir in diesem Kampfe zur Erhaltung unseres heiligen Vaterlandes, zur Errettung der europäischen Kultur auch kämpfen unk die Befreiung unserer Brüder im Osten. Wahrlich, mit Zuversicht und Gottvertrauen dürfen wir diesem. Krieg entgegenziehen. Ist der Krieg einer ungerechten Sache willen das größte Verbrechen, so ist der Kampf UM eine heilige, gute Sache die höchste sittliche Pflicht auf Erden. Das .alte jüdische Gottvertrauen, das uns stets in den Stunden der Not erhalten und gekräftigt hat. unser tiefer Glaube an den Sieg her Gerechten begleitet uns in diesen Krieg als unsere stärkste innere Stütze. Weil unser Glaube an Gott und an das Gute unerschütterlich ist, kann unsere Siegeszuversicht durch nichts gemindert werden. Mag uns eine Welt von Feinden gegenstgerste^n, unsere Sache.: ist die Sache des Guten, des Sitt-. lichen, des Göttlichen, und darum wissen wir: wir werden siegen! Esther. Die „Franks. Ztg." hat in ihrem „Anf-- ruf an. hie deutschen Frauen" ein Matt aus "der ruhmreichen jüdischen Geschichte zum Borwurf genommen. Möchte dieser Aufruf, den wir nachfolgend wiedergeben, in jedem deutschen Frauenherzen den lebhaftesten Widerhall, das tiefste Verständnis ftnden. „Vielleicht bist Du um eines solchen Tages willen Königin geworden, o Esther!" Es gibt Worte, in denen Gewalt ist über Leben und Tod, weil in ihnen zusammengeschlossen, zusammengeballt ist die Gewalt der großen Gedanken. Von solchen Worten soll man schweigen in Reineren und größeren Tagen. An ganz großen Tagen aber soll man von ihnen sprechen. Denn der große Tag bedarf auch des großen Wortes. Weil er aller Größe des Geistes bedarf. „Vielleicht bist Du um eines solchen Tages willen Königin geworden, o Esther!" Mordochai sagt es zu Esther, da er um ihres bedrohten Volkes willen .fordert, daß sie hintrete vor den König und der Gefahr des Todes trotze, der jeden bedroht, der ungcrufen vor den König tritt. Und Esther zagt. Und Esther gehorcht. „Und bin ich verloren, so fei ich verloren!" * , „Vielleicht bist Du um eines solchen Tages willen Königin geworden, o Esther!" Was immer Dein Reichtum ist. Deine Fähig? kett. Deine Kraft, wodurch immer Du emporragst über die anderen— es ist nicht mehr Dein eigen, wenn Du wahrhaft die Gefahr Deines Volkes empfindest. -Von allem gehört dem Volke, von allem Reichtum, von aller Kraft. ^Vielleicht bist Du um .eines solchen Tages willen Königin geworden, o Esther!" Das Judeu-Eleud iu Warschau. Kurt Aram entwirft in feinem neuesten Buche „Der Zar und feine Juden" folgendes Bild: Nach den armenischen Massakres habe ich monatelang in Kleinasien unter armenischen Flüchtlingen gelebt, verkrüppelten Männern, verstümmelten Frauen, verwaisten Kindern, verzweifelten Müttern. Das war herzzerreißend. Kurz nach der Einnahme Adrianopels durch die Bulgaren befand ich mich in dieser ausgehungerten Stadt, in der Cholera und Typhus wüteten.^ Das war gräßlich. Zwei Stunden von Adrianopel entfernt aber waren mehrere tausend türkische Soldaten als Gefangene wie eine Herde auf einem kühlen Felde zusammengettieben worden und konnten mcht ausbrechen, da sie von bulgarischen Soldaten scharf bewacht wurden. Da lagen nun diese von der langen Belagerung ohnehin schon stark mitgenommenen Menschen völlig schutzlos dem Sturm und Regen preisgegeben im! Dreck. Und zu essen bekamen sie . auch nichts, nicht einmal für die Sieger ausreichende HaM rungsmittel vorhanden Laren Frierend^ j viyH