Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 30 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Tage ernsten Nachdenkens vom Fasten >es siebzehnten im Tamus bis zu ihrem Höhepunkt dem Fasten des neunten im Arv sind diesnal wirklich Tage der Schwere. Ein Anheil verimdendes Gewölk hat sich am politischen Himmel jusammengezogen, eine beängstigende Schwüle lastet mf ganz Europa. Auf des Messers Schneide seht das Schicksal von Tausenden und abermals Lausenden blühender, kraftstrotzender junger Meuchen,, von Tausenden und abermals Tausenden orgender Familienväter. Noch hat trotz allen Kulturfortschritts die stimme der Menschlichkeit im' Rate der Völker ncht gesiegt, denn noch gibt es eine unverantoortliche, von ehrgeizigen Plänen geleitete Coulisenpolitik unter den Persönlichkeiten, die über das Wohl und Wehe der Völker mitbestimmend sind. Bo ringt denn im Rate der Wlker die pottbeseelte Menschlichkeit mit dem gottlosen, egoistischen Jch- »Mußtfein. Wer siegen wird, — die nächsten Lage, ja vielleicht die nächsten Stunden schon »erden es entscheiden. * Wir bangen, — weil's uns betrifft. Und oenn's uns nicht beträfe, wenn's nur die anderen beträfe? Za, dann ... Unter den Juden des Ostens ist seit Jahren chwerste Kriegsnot. Immer wieder und wieder »erden Tausende von ihnen aus ihrer Heimat getrieben, wird ihnen so ihr mit Mühsal Erworienes über Nacht vernichtet. Ueber 40 000 Juden iner einzigen Stadt, der Stadt Kiew, hängt in diesen Wochen das Schwert der Ausweisung und «mit ihres wirtschaftlichen Ruins. Hat Westeuropa auch nur einen einzigen Gemäken für diese geopfert? Hat es nicht im Gegeneil seine 'Züten vor den Hilfesuchenden ängstlich icrsperrt? Denkt nur an die Bewegung, die die Iniversitäten Westeuropas in den letzten Jahren mrchzog, die Prozentnorm für Ausländer einzuühren, um so sich den russischen Juden, dem die Bildungsstätten seines Heimatlandes von seiner iharaonischen Regierung verschlossen worden sind, >om Hals zu halten! Die Christenheit Westeuropas hatte kein Berfändnis für die Kriegsnot der Ostjuden; aber auch >ie Judenheit Westeuropas, der's doch näher gehen ollte. ist meist gleichgültig geblieben. Möchten diese doppelt ernsten Tage für uns.;uden doch das Brudergefühl in uns wach werden lassen, das als traurige Folge der Assimilierung veiten Kreisen unter uns verloren gegangen ist. Wie weit dieses Brudergefühl verloren ging, dies »eigen die Bemühungen deutscher jüd. Großgeneinden, den im Auslande geborenen Mitgliedern ms Wahlrecht zu rauben, dies zeigt die fanatische Bekämpfung jener Bewegung, die iM Lande ber Väter, um dessen Verlust wir in diesen Tagen kauern, unseren Entrechteten eine freie Heimat Waffen will. Erweckung des Brudergefühls: dazu mahnen Me Tage ferner Vergangenheit, an die der Trscho- >oaw alljährlich erinnert, dazu mahnt fühlbar Ür jeden von uns die Gegenwart. Das Bruderfefühl für die große jüdische Gesamtheit ,in all hren Teilen, das möge aus diesen trüben Tagen rwachen. Die Demission der amerikanischen Kuratoren des Haisaer Technikums. Seitdem der Sprachenkampf durch das von den amerikanischen Kuratoren des Haisaer Technikums vorgeschlagene Kompromiß beendet worden ist, hat die jüdische Oeffentlichkeit von der weiteren Entwicklung der Dinge.nichts mehr erfahren. Man durfte also annehmen, daß nunmehr allen Streitigkeiten innerhalb des Kuratoriums ein definitives Ende bereitet sei und die Kuratoren in energischer Meise an die Realisierung der gefaßten Kompromißbeschlüsfe schreiten würden. Es war zwar bekannt, daß noch eine große Summe zur Beendigung des Baues in Haifa aufzubringen sei, wie auch, daß die jährlichen Unterhaltungskosten noch keineswegs garantiert seien, aber es war zu hoffen, daß es dem Kuratorium, in dem Männer wie Jacob Schiff, Strauß, Marshall, James Simon, Wissotzky saßen, nicht allzuschwer fallen würde, die fehlenden Gelder zu beschaffen. Nunmehr kommt die unerwartete Nachricht, daß die amerikanischen Kuratoren demissioniert hätten. Erstaunt fragt man sich, womit diese Demission zu erklären sei. Denn an sich muß sie recht unbegreiflich erscheinen. Welchen Grund hätten wohl die amerikanischen Kuratoren, jetzt zu demissionieren? Seit dem' Wschlusse des Kompromisses ist keinn neues Moment in der Entwicklung der Technikumangelegenheit eingetreten. Und gerade die amerikanischen Kuratoren haben doch alle Ursache, mit dem /Friedensschlüsse zufrieden zu sein. Wurde Loch derselbe auf der Basis des Kompromißvorschlags geschlossen, den sie unterbreitet haben. Oder sollen es nur die finanziellen Sorgen sein, die ihren Austritt aus dem Kuratorium veranlaßt haben? Wir können es uns nicht recht denken, daß Männer wie Schiff, Strauß Marshall aus solchen Gründen die Mtarbeit an einem Werke von der Worischen Bedeutung des Haisaer Technikums einstellen und dies noch kurz vor seiner Vollendung. Man wird also nicht fehl gehen, wenn man die Ursachen dieser überraschenden Demission in Vorgängen vermutet, die sich in der Zwischenzeit hinter den Kulissen abgespielt haben; und da neue Vorfälle in der Entwilllung der Technikumsangelegenheit selbst nicht eingetreten sind, so müssen diese Ursachen noch in den Ereignissen des Sprachenkampfs verwurzelt sein. Es ist bekannt, daß im Sprachenkampf selbst die amerikanischen Kuratoren im Prinzip den zionistisch-hebraistischen Standpunkt atzeptiert haben, und ihrer Stellungnahme eigentlich in erster Reihe der günstige Ausgang. des Streites, sofern er das Technikum betraf, zuzuschreiben ist. Wenn nun die amerikanischen, Kuratoren über Nacht unzufrieden sind mit dem Ergebnis des Streites und ihre Mitarbeit cinstellen wollen, so kann dies nur die Folge von Einwirkungen und Einflüssen sein, die inzwischen von antizionistischer Seite aus auf sie ausgeübt worden sind und sie zu einer Aenderung ihres Standpunktes veranlaßt haben. Diese naheliegende, beinahe allein mögliche Vermutung über die wahren Ursachen der Demission der amerikanischen Kuratoren wird in hohem Matze gestützt, ja nahezu bestätigt durch einen Brief, den Jacob Schiff im „American Hebrew" veröffentlicht hat und der wohl die ErTärung der Demission geben soll. In diesem Briefe erklärt Herr Schiff, daß nicht -*• wie verschiedentlich behauptet wurde — Dr. Schmarjahu Lewin, sondern Dr. Paul Nathan ihn zur Mitarbeit am Haisaer Technikum gewonnen hätte. Sodann wendet er sich in scharfer Weise gegen die Zionisten und gibt ihnen die Hauptschuld an dem vor wenigen Monaten beendeten Kampfe, der nun zum „Zusammenbruch des Projekts" geführt hat. Die Zionisten — meint er — scheuen sich nicht, /,die tadelnswertesten Mittel zu ergreifen, um, wenn nötig mit Gewalt, ihre Zwecke und Ziele zu erreichen." Unter diesen Umständen „sollte die internationale und besonders die amerikanische Judenheit es sich ernstlich überlegen, inwieweit bei einem solchen Stand der Dinge es in diesem Moment ratsam sei, ihr Interesse an den Palästina-Unternehmungen und -Projekten und ihre Unterstützungen zu vergrößern." So klar und eindeutig der Inhalt dieses Brieses ist, so unverständlich und überraschend ist die Tatsache seiner Veröffentlichung. Noch vor wenigen Monaten hat sich Herr Jacob Schiff samt den übrigen amerikanischen Kuratoren energisch für die hebräische Sprache als Unterrichtssprache des Technikums ausgesprochen, haben sie die Entscheidung in einem für die Zionisten günstigen Sinne herbeigeführt. Und plötzlich stellt sich Herr Schiff in die Reihe der heftigsten Gegner der. Zionisten im Sprachenkampf, wirft er ihnen vor, den „Zusammenbruch des Projektes" verschuldet zu haben. Wodurch? Durch ihr vor kurzem noch von Herrn Jacob Schiff als berechtigt anerkanntes Eintreten für die hebräische Sprache? Wir wollen hier nicht noch einmal das Problem selbst in seinem sachlichen Inhalt aufwerfen, wollen auch nicht nochmals untersuchen, welche von den zwei kämpfenden Parteien „tadelnswerte Mittel" ergriffen hat, um ihre Zwecke zu erreichen. Nicht darauf kommt es bei der Beurteilung des Briefes des Herrn Jacob Schiff an; sondern allein darauf, daß er vor wenigen Monaten sich noch im Prinzip für den zionistischen Standpunkt erklärt hat und jetzt als sein heftigster Gegner auftritt. Zwischen diesen zwei Standpunkten herrscht ein unlösbarer Widerspruch; zu verstehen ist es nur,, wenn man .eine inzwischen erfolgte Einwirkung auf Herrn Jacob Schiff in antizionistischem Sinne vermutet. Zu erraten, von welcher Seite aber diese Einwirkung nur ausgegangen sein kann, dürste nicht allzuschwer fallen. Herr Jacob Schiff bestreitet in seinem Briefe jegliche erfolgreiche Beeinflussung seitens Schmarjahu Lewins und schreibt seine Jnteressierung für das Technikumprojekt allein der Einwirkung Dr. Paul Nathans zu. Nun, seine jetzige geänderte Stellungnahme zeugt von diesem starken Einfluß den Herr Dr. Nathan auf ihn in der Technikmnfrage auszuüben vermag, in hohem! Grade. Diese veränderte Stellungnahme des Herrn Jacob Schiff erllärt auch die Demission der übrigen amerikanischen Kuratoren. Durch den jetzigen Standpunkt soll wohl chr neuer, antizionistischer Standpunkt zum Ausdruck gebracht werden, soll erreicht werden, daß die Beschlüsse, die sie selbst durchgesetzt haben, nicht realisiert werden können. Wohin dies aber Wausläuft, darüber sind, sich wohl die amerikanischen Kuratoren vollkommen klar. Wenn ihre Demiffion auch nicht den völligen Zusammenbruch des Projektes zur Folge haben wird, so bedeutet sie doch zweifellos eine enorme Erschwerung seiner Durchführung und schiebt die Gründung des Technikums auf unabsehbare Ml Waus. Nicht die Zionisten also, die für eine berechtigte und notwendige Forderung den Kampf ausgenommen haben, einen Kampf übriger^, der