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Neue jüdische Presse · 1914-07-25 · Heft 29 (25.7.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 29 (25.7.1914)
Date
1914-07-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israel. Familienblatt. Wladimir Solovjeff ««d das Judentum. (Schluß.) Es ist interessant und .für den tiefen Blick des Denkers und Psychologen Solovjeff bezeichnend, wie verständnisvoll und in manchen Punkten durchaus richtig er das Wesen. des Judentums erfaßt hat. Auch in diesem ersten Bande, in seiner Schrift: „Die geistigen Grundlagen des Lebens" spricht er über das Judentum und äußert dabei Ansichten, die höchst beachtenswert sind. Der Grundzug des jüdischen Volkes — meint er — sei sein Subjektivismus. „So sehen, wir, daß das hebräische Volk in der Poesie von ihrer Sonderart uns etwas nur in der Form gegeben hat, die gerade das subjektive, das persönliche Element der Posse darstellt; es gab uns die hohe Lyrik seiner.Psalmen und das wundervolle Idyll des hohen Liedes,'; jedoch konnte es ein wirkliches Epos, ein Drama, wie wir es bei den Griechen und Indern finden, weder in der Zeit seiner historischen Selbständigkeit noch in späteren Zeiten hervorbringen. Ebenso ist es bemerkenswert, daß die Juden in der Musik Bedeutendes leisten, das heißt in der Kunst, welche vorzugsweise die subjektiven, inneren Seelenregungen zum Ausdruck bringt, und daß sie in den bildenden Künsten nichts von Bedeutung hervorbrachten." Dieser Subjektivismus des jüdischen ^Volkes sei nun — ethisch und religiös gewertet — sowohl von der größten Gefahr wie auch vom .höchsten Segen. Seine Gefahr bestehe darin, daß chas Volk sich seinem Subjektivismus, seinem Egoismus hingebe, und damit die größte aller Sünden begehe; denn für Solovjeff gibt es nur ein Uebel: seinem EgoisMus folgen und so die Einheit aller Menschen, und ihren Zusammenhang mit der Gottheit zerreißen; alle Ethik und Religion habe daher, nur eine Aufgabe: den Egoismus des Einzelnen zu ertöten, die Liebe zu der gesamten Menschheit, das Bewußtsein seiner Zusammengehörigkeit nrit allen Kreaturen zu stärken und ihn so bis zur.höchsten Stufe: der Vereinigung mit der Gottheit, .gelangen zu lassen. Gerade aber, weil das jüdische Volk das subjektivste der Geschichte sei, hat es auch das größte religiöse Volk werden können; denn — sagt Solovjeff — „jeder tätige sittliche Charakter setzt die bezwungene Kraft des Bösen, das ist des Egoismus, voraus; das tatsächliche Gute setzt. mS potentielle Böse voraus'; der geheiligte Mensch ist darum so groß jn seiner 'Heiligkeit, weil er auch groß sein könnte im Bösen; er besiegte die Kraft des Bösen, er unterwarf es dem höheren Selbst, und diese Kraft wurde die Grundlage und der Träger des Guten. Darum ist auch tms hebräische Volk, das die schlimmsten Seiten der menschlichen Natur aufweist, das „halsstarrige" Volk, das Volk mit dem! -„steinernen Herzen", auch das Volk der Heiligen und Propheten Gottes.". Man muß gestehen, diese religionsgeschichtliche Erfassung und Wirkung des jüdischen Volkes ist im höchsten Grade originell,'; diese Verknüpfung ' der psychologischen Erfassung des Grundzugs des jüdischen Wesens mit seiner welthistorischen religiösen Mission ist ein Gedanke, ,der wahrhaft genial erscheint. Natürlich erschöpft sich für Solovjeff die religiöse Bedeutung des Judentums nicht im Prophetismus und dem.Monotheismus. Für ihn bedeutet der Stifter des Christentums den Höhepunkt der jüdischen Religionsentwicklung,.den.Moment, in dem das Judentum seinen Beruf an seine neue Tochterreligion abtrat. Aber diese verständliche Anschauung kann uns nicht hinderin, die verschiedenen feinsinnigen und tiefen Bemerkungen Solovjeffs über das alte Judentum dankbar hinzunehmen und sie mit der Ehrfurcht Ul behandeln und zu prüfen, die einem Denker von seineM.Range gebührt. Der Einfluß Solovjeffs auf die.russische Kulturentwicklung der letzten Jahrzehnte war — wie gesagt — ein sehr starker gewesen. Dem mächtigen Pathos seiner Sprache, der Wucht und Tiefe seines religiösen Empsindens, dem Adel und der Reinheit seiner Persönlichkeit konnten sich nur die wenigsten verschließen. Und gerade im Rußland des 19. Jahrhunderts mußte seine Erscheinung doppelt stark wirken, in diesem Rußland, dessen Intelligenz säst ganz unter dem Banne des Materialismus und Atheismus stand; für sie war religiös identisch mit reaktionär und Religion eine für alle Fortschrittlichen längst überwundene Sache. Solovjeff mit seiner Religion, die nicht klerikal, mit seiner Frömmigkeit, die nicht sklavischer Gehorsam, mit seinem Gottesglauben,, der nicht Aberglaube war, mußte naturgemäß in Rußland bahnbrechend wirken, und so hat sein Auftreten denn auch in diesem an Extremen und Widersprüchen so reichen Lande in weiten Kreisen eine ReMion gegen den Materialismus als Philosophie und den Nihilismus als politisches Programm hervorgerufen, und mit ihm beginnt ■ in Rußland eine starke religiöse Strömung. Man wird nicht fehlgehen, wenn man Wir-, kungen dieser Strömung auch innerhalb des russischen Judentums zu erkennen glaubt, und das „Gottsuchen", das in der hebräischen Literatur der letzten Zeit sich bemerkbar Macht, zum Teil als Niederschlag dieser Bewegung ansieht. Es zeigte sich hier üben wieder einmal die tragikomische Erscheinung, die man so oft in unserer Geschichte wahrnehmen kann, daß wir Ideen und Werte, die wir einst der Welt geschenft, nunmehr in ver- ,,änderter und so oft in verstümmelter Form von den anderen Kulturen zurückempfangen und sie als Offenbarungen bewundern und bewerten. MM fühlt die ganze Anormalität und das teilweise Groteske unseres. Schicksals, wenn man sich sagen mutz, daß die religiöse Strömung in der hebräischen Literatur von dem. großen Religionspropheten der Russen miteHeugt worden ist. . . Dieser Gedanke vermag uns nur Mit Empörung über unsere Lage Au erfllllen, uns irgendwie mit Zorn oder Abneigung gegen Solovjeff selbst zu stimmen, darf er nicht. An unseren.Fehlern und Anormalitäten ist er weniger schuldig als jeder andere Europäer. Solovjeff war stets ein aufrichtiger Judenfreund gewesen. Er war christlicher Religionsphilosoph, war Russe und bewahrte doch zeitlebens vollstes Verständnis und Mitgefühl für unser Schicksal, ein gewiß ungewöhnlicher Beweis seiner reinen, edlen Seele und seines vorurteilsfteien Geistes. Noch auf dem Totenbette hat er seiner tiefen Sympathie für das Judentum,. seiner Empörung über die Verfolgungen der Juden in Rußland Ausdruck gegeben, und diese Mahnung zur Toleranz und Gerechtigkeit seinem Lande gewissermaßen als Testament hinterlassen. Sein Land hat seine Mahnung unbeachtet gelassen, und seit seinem Tode hat sich das Maß der Grausamkeiten Nr. 29. und barbarischen Willkürtaten Rußlands uns gegenüber nur vermehrt. UM so reiner erstrahlt das Bild dieses großen Russen, der in seiner Weltanschauung wie in seiner Stellung zum jüdischen Volke hoch über das allgemeine Kulturniveau seines Landes' und seines Volkes emporragt, eine imposante Verkörperung jenes alten Gedankens, daß wahre Liebe und wahre Sittlichkeit in ihrer Ewigkeit und Absolutheit an keine Länder imd Zeiten gebunden sind. . . . —n. —th. Zur Situation der Agudas Jisroel.*) Bon N. N. Nachdem Herr Dr. Jsak Breuer in der ihm so wohl anstehenden Geste eines Diktators der gesetzestreuen Jüdenheit die Diskussion über das zukünftige StatM der Agudas Jisroel zu eröffnen geruht hat, kann man an den durch diese Publikation aufgeworfenen Fragen kaum Mehr stillschweigend Vorbeigehen. Aus den bisher erfolgten.Veröffentlichungen geht Kar hervor, daß es sich bei dem von Dr. I. Breuer publizierten Entwurf nicht um .den Entwurf des Statuts handelt, der in dieser Form der Hauptversammlung vorzulegen wäre, sondern um einen Entwurf, auf den sich Rabbiner Breuer und einige polnische Rebbes festgelegt haben, und. für den unter gewissen Vorbehalten mehrere einflußreiche Herren des Provisorischen Komitees eintreten oder eingetreten sind. Welche Aufnahme diesem Entwurf rM ganzen wie in den von Dr. I. Breuer triumphiererü» hervorgehobenen Einzelheiten in der Plenarsitzung des Prov. Komitees, die im Mai in Berlin stattfand, zu tell geworden ist, durste wohl auch im Hause Breuer nicht ganz unbekannt geblieben sein, da doch der „Emissär" der Rebbes Teilnehmer jener Sitzung war. Es kann demnach, ohne daß ein Dementi zu befürchten wäre, konstatiert werden, daß ein der Hauptversammlung vorzulegender Entwurf derzeit noch gar mcht existiert, dich! der polnische Entwurf" in wesentlichen Punkten abgeändert worden ist, daß vielmehr der eigenlliche Entwurf kurz vor der Hauptversammlung voM Rabb. Rat und dem Prov. Komitee festgestellt werden wird, und daß Endlich — wie aus der inzwischen bekanntgegebenen Tagesordnung hervorgeht — die Hauptversammlung den vorzulegender Entwurf nicht durchpeitschen, sondern ernstlich beraten wird. Es werden, wie sich aus der bisherigen Diskussion ergibt, vornehmlich zwei Kragen sein, die den Beratungen der Hauptversammlung Las Gepräge .geben werden: Die Zulassung gewisser Mitglieder-Kategorien zu den Aemtern der Agudoh und die Stellung des Rabb. Rats in der Verwaltung der Agu d o Hang el eg enh eiten. In diesem Blatte ist unlängst der Meinung Ausdruck gegeben worden, das Prov. Komitee habe sich durch seine Stellungnahme zu diesen Fragen zwischen zwei Stühle gesetzt; an anderen Orten wurde es gar so dargestellt, das Komitee habe, insbesondere in der Frage, welche Stellung dem Rabb. Rat einzuräumen sei, vollständig vor den Forderungen der Rebbes kapituliert. Dem ist mit Nichten so. In der Agudas Jisroel soll Geist und Vorschrift der Thora jederzeit und bei allen Unternehmungen dominieren. Etwas anderes haben die Initiatoren der Agudas Jisroek- *) Siehe „Aus den Ereignissen des Tages". D. Red.

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