Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 28 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Juli 1914) Ar. 28. i. ms\ Miete. | laut lt>! s taf 0871. »r 14 . billig, ts auf’ (Lobe.) u r urg, 1 (scheu shende l aus: latiku. u den i. ferenz . Yer- » von: inaner, Preis Hala- »r.); 3 langen [.1.70. >i«ir Solovjeff «nv das Judentum. Grätz sagt irgendwo : Die Geschichte des iüdi- Volkes zu schreiben, sei schwieriger, als die anderen Nation. Denn die Anormalität der jchen Geschichte bedingt es ja, daß, wer sie m will, die Historie aller anderen Völker stumftffe. Unsere Geschichte sei in gewissem eine Universalgeschichte der Kulturmenschheit. Satz gilt für die jüdische Kulturgeich te in vielleicht noch höherem Grade, als unsere politische Historie. Denn wenn die poli- |m Beziehungen zwischen dem jüdischen Volke den Wirtsvökkern, die seine zerstreuten Teile ien, oft nur lose, meist aber äußerlicher waren, so ist doch das Verhältnis der jüdi- Kulturentwicklung in der Diaspora zu den m europäischen Kulturen gewiß ein viel sicheres gewesen; bewußt oder unbewußt ließen uns stets von der kulturellen Atmosphäre der lcr, in deren Mitte wir lebten, beeinflussen, wenn es auch gewiß unendlich schwierig ist, Einflüsse festzustellen und zu bemessen, so doch die Notwendigkeit, dies zu tun, dänur erhöht, nicht beseitigt.?kün ist -ja dwfi'- Aufgabe für das westjopäische Judentum^ ziun Teile bereits sollst Seit der Emanzipation nehmen wir ja ißt und gewollt .vollsten Anteil an der westiischen Kultur und permögen so auch ihre mgen und Einflüsse auf uns festzustellen. aber beschränkt sich diese Feststellung nur seinen geringen Umfang, denn seit der Emanzigib.t es ja innerhalb des westeuropäischen itums nur noch Spuren und Reste von ur- :m, nationalem Kulturschaffen; was wir kulleisten, schaffen wir ja als Teile der ande-!Kulturen, und diese unsere Kulturleistungen iiifhin zu analysieren, wieviel an ihnen jüdisch, A fremder Einfluß ist, ist Wohl psychologisch interessant und trägt viel zur Erfassung der je des modernen Jndentbums bei; vom Geunkte der nationüen Kulturgeschichte aber ist lberflussig und bedeutungslos, denn, ob Heine Inner Lyrik mehr oder weniger ausgesprochen sch ist, für unsere nationale Kultur existiert nicht; sein Werk hleibt für ewig ein Teil ideutschen Kultur. ^Ganz anders liegen die Dinge im O stjuden- Dort haben wir ja unsere selbständige natio- Kultur bewahrt und nicht nur bewahrt, sonin den letzten Jahrzehnten zu neuer Blüte icht. Dort.wird daher die Feststellung .der »kulturellen Einflüsse zu einer bedeutsamen |a6e unserer Kulturgeschichte. Leider' ist jedoch [er Hinsicht bislang wenig, fast nichts getan Die Einflüsse zu untersuchen, die die siche Kultur auf das russische Judentum, vor auf die Intelligenz, gehabt hat, hat noch niemand unternomimen. 'Und doch sind Einflüsse vorhanden;, es kann kein Zweifel :n, daß.man solche Einwirkungen der tiefsten slvird feststellen können, wenn man erst die (e hebräische und jiddische Literatur darauf- |emmat analysieren wird. Wie stark und handgreiflich diese; Einflüsse wird jeder Kenner des Ostjudentums merken, Keinmal etwa Mas.ary'ks „Rußland und p" durchlieft, .die erste großzügige Darsteller russischen Existenzentwicklung in deutscher je; und es ist bei Besprechung dieses besunen Werkes an dieser Stelle darauf hingewvrden> Wiesomanche der eigenartigsten Züge des Ostjudentums aus der Einwirkung der russischen Kultur überhaupt erst begreiflich werden. Vor kurzer Zeit nun hat die deutsche Uebersetzung der ausgewählten Schriften eines russischen Denkers zu erscheinen begonnen, der von diesem Gesichtspunkt der Beziehungen zwischen der russischen 'und der ostjüdischen Kultur besonders interessant ist: Wladimir Solovjeff.*) Wladimir Solovjeff, sage ich, ist für unsere Betrachtung besonders interessant. Und dies aus zwei Gründen: Zunächst auf Grund seiner Stellung innerhalb der russischen Kultur. Solovjeff zählt zu den größten und tiefsten ruffischen Philosophen, und unter den Religionsphilosophen Rußlands ist er gewiß der bedeutendste. Er gilt geradezu als der russische Prophet, und sein Einfluß gus seine Zeit und die russische Kultur überhaupt ist der denkbar stärkste. Das ganze moderne intellektuelle Rußland ist unter dem mächtigen Eindruck seiner Schriften herangewachsen, und bei so manchem der größten Repräsentanten des russischen Geistes der letzten Jahrzehnte ist der Stempel seiner Philosophie erkennbar. Für das osteuropäische Judentum besonders, bedeutsam ist Solovjeff aber noch aus einem , anderen Grunde: Solovjeff ist einer der seltenen großen Judenfreunde der russischen Kultur gewesen, und seine Bewunderung vor dem Judentum, seine Liebe zum jüdischen Volke hat er bis zu seinem letzten Atemzuge bewahrt und bekundet. So ist seine Bedeutung für das russische Judentum eine zweifache : als einer der führenden Geister der russischen Kultur in den letzten Jahrzehnten hat er Einfluß ausgeübt auf das intellektuelle Judentum Rußlands, und als warwer, aufrichtiger Judophile hat er die Stellungnahme der fortschrittlichen und aufgeklärten russischen Intelligenz zu den Juden zum großen Teil mitbestimmt. Solovjeff ist Religionsphil'osoph, der größte Religionsphilosoph Rußlands und einer der eigenartigsten und interessantesten in Europa überhaupt. Er ist eigentlich mehr als Religionsphilosoph: er ist — wenn man das große Wort auch für andere gebrauchen darf — religiöser Prophet. Was aus ihm spricht, ist vor allem! höchste religiöse Begeisterung. Nicht in der logischen Schärfe und methodischen Kraft seines religionsphilosophischen Systems beruht seine eigentliche Stärke, sondern in seiner religiösen Glut, in seiner tiefreligiösen Seele. Der religiös-mystische Zug, der im russischen Wesen unleugbar vorhanden ist, hat in Solovjeff seinen größten Repräsentanten erhalten. Denn bei all seiner umfassenden westeuropäischen Bildung, die ihn weit über die Beschränktheit und den chauvinistischen Dünkel manch anderer Vertreter der russischen Religion hinaushebt, ist er in. seinem tiefsten Wesen doch Russe, ist er vor allem in seiner Religion Russe. Die charakteristischen Züge der russischen Religion finden sich in seiner Philosophie. Dies bedeutet: Solovjeff ist in hohem. Grade 'Mystiker. Das UnbewuKe, Geheimnisvolle, das uns' durch feine Rätselhaftigkeit erbeben und niederfinken läßt, ist ja das eigentliche Reich des russischen religiösen Empfindens. Sich deniütigen, sich beugen und inbrünstig glauben an Dinge, die unbegreiflich sind,, darin besteht die Religion der Russen. Nimmt sie grobe, äußerliche Formen an, so führt sie zur starrsten Orthodoxie, zum finstersten Wunderglau¬ *) Wladimir Solovjeff: Ausgewählte Werke. Aus dem Russischen vontzenry Köhler, 1. Band: Das Geheimnis der Fortschritts, Sonntags- und Qsterbriefe, Drei Gespräche, Verlag Diederichs, Jena, 1914. 386 S. Preis 7 M. ben, zur Autokratie in ihrer abstoßendsten Form: in Leontjeff und Pobjedonoszew hat ja diese Form ihre konsequenten und imponierenden Vertreter gefunden. In Solovjeff offenbart sich die russische Religion in ihrer reinsten, anziehendsten Seite: geklärt und gereinigt von allen politisch-klerikalen Tendenzen, die sich ihr durch ihre enge Bereiingung mit dem' Zarismus angehestet haben,. geläutert von allem Fanatismus und aller Intoleranz, die sie so vielfach charakterisiert, und herorifgehoben in die Sphäre reinsten religiösen Empfindens und edelster Menschlichkeit. Aber das Wesen bleibt, ja, kommt in dieser geläuterten Form nur umso stärker zum..Ausdruck: das <Ähnen .nach der Demütigung vor Gott, das tiefe Gefühl . für die Sündhaftigkeit der menschlichen Natur, das Postulat allumfassender Liebe, kurzum!: das Weibliche, Weiche, Lyrische, Mystische dieses religiösen Fühlens. Es ist klar, daß Solovjeff als Vertreter dieser Art religiösen Empfindens in vielen Beziehungen weit von jener Art von Religion entfernt ist, die wir Juden verkünden und leben. Das Klare, Lebensfrohe, Diesseitliche, Männliche des Judentums war seinem Wesen fremd. Und dennoch besaß ßt einen genügend weiten, umfassenden Geist, eine genügend vorurteilsfieie Seele, um das Judentum zu verstehen und zu würdigen. (Schluß folgt.) Aus de» Ereigniffen des Tages. Zur wirtschaftliche» Lage der russischen Iutzeuheit. Die Lage der russischen Juden weist bereits seit einigen Jahren in ihrer Entwicklung eine dauernd ungünstige Tendenz auf. In dem Grade, in dem die innere Politik der russischen Regierung reaktionärer und chauvinistischer wird, wird die Judengesetzgebung um neue Schikanen und Verfolgungsmaßregeln reicher. Die Ausweisungen der Juden aus allen nicht im Ansiedlungsrayon gelegenen Städten und Dörfern ist ja bereits zu einer ständigen Rubrik der jüdische» Presse in Rußland geworden, die Schulpolitik nimmt immer brutalere und willkürlichere Formen an, und der Senat wie die einzelnen Gouverneure sehen ihre» Ehrgeiz darin, täglich neue Schikanen und Drangsalierungen der jüdischen Bevölkerung zu ersinnen. In der letzten Zeit nun beginnt die Regierung^ ihre antisemitische Politik auch auf wirtschaftliche Gebiete zu übertragen und versucht, den Juden nicht nur Luft und Licht, nicht nur Bildung und Schule, sondern auch ihre ökonomischen Existenzbedingungen zu rauben. Tiefe brutalste Form der Judenverfolgung hat schon Swlypin anwenden wollen, und dieser geschickte, rücksichtslose Jntriguant erfand dafür das Schlagwort der Nationalisierung des KrckitS. Sie sollte in nichts geringerem bestehen, als daß die staatlichen und kommunalen Banken den Mische» Kaufleuten enttoeber allen Kredit entziehen oder ihn doch bis auf ein Minimum beschränken sollten. Welche verheerende, in all ihren Folgen unabsehbare Wirkung diese Maßnahme gehabt hätte, ist klar, und es war mir ein Gllick, daß durch das plötzliche Ende Stölypins dieses Gesetz vereitell wurde. Sein Nachfolger Kokowzew, der bei aller reaktionären Gesinnung doch so viel gesunden Menschenverstand besaß, daß er sich nicht durch den Judenhaß zn Schritten verleiten lassen wollte, die dem ruffischen Volke selbst den größten Schaden zugefügt hätten, verwarf de» Gedanken. Nachdem jedoch Kokowzew gegangen P, lebt:- diese Stollypknsche Idee wicker auf, und die Regierung^ beginw mit ihrer Verwirklichung Ernst zu machen.) Zwar ist die Form eine andere gewogen.' ZünächH