Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1914-07-10 · Heft 27 (10.7.1914) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 27 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692872-2692899--08565-2703716
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Erscheint wöchentlich «n Freitag. Mepnwprri» pr» Mierteljrchr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— fett uiS Hau». Bei der Post abonniert SO Pfa., frei in» Hau» 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zuferwung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel-Nummern kostm 10 Pfg. ArLaKtion und GXprdition: Frankfurt ». M. rr Canseftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. ^erau-sever: Kaks cheis. Jufrrtimlonrri» für die fünfaefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Ber Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Besuche, Wohnung»inserate^ Heirm»-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespalteae Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz, und Datum-Borschrist ohne Berbindlichkeit. Annoncen-Annahmebei der Lxped. und ina,Annoncm-Burmu» Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. 12. Jahrgaug. Freitag, de« 16. Turnus 5674 (10. Jntt 1914) Rr. 27 , Genug der Politik! jur Klärung der Lage in der Agudas-Jisroel.) Ein ftltsam ungünstiger Stern waltet über der ^Entstehung der Agudas-Jisroel. Vom ersten Tage da der Gedanke der Agudas-Jisroel konkrete Form anzunehmen begann bis heute, war ihr Da-- bein ausgefüllt von inneren Kämpfen und Reibungen, von unerquicklichen Quertreibereien und aboßender Jntriguenpolitik. Vorkonferenzen und Bettungen, Entwürfe und Gegenentwürfe, Unterhandlungen und Rundschreiben, Preßpolemik und Belehdung, dies sind die Dinge, in denen bisher die KxisteW dieser Organisation allein zum Ausdruck gekommen ist, und von positiven Leistungen ist noch ht das geringste geschehen. Der Unkundige, der [itl die Ereignisse, die sich in den letzten zwei Fähren um die Agudas-Jisroel abgespielt haben, überschaut, wird glauben können, daßes sich hier pm die Gründung einer Aktiengesellschaft eines pitalistischen Kartells oder eine rein politische artet handelt, und wird gewiß, lebhaft erstaunt lein, zu erfahren, daß, ein Weltverband der Orthodoxie gegründet werden soll) ^der auf sein Banner lo stolze Worte wie das von der Verkörperung des jüdischen Klällgedankens, von der Vertretung des Thorajndentums geschrieben hat. In solcher Weise ntstehen große >Volksorganisationen gewöhnlich glicht. Man betrachte doch die Entstehungsgeschichte es Zionismus oder sogar einer heute. so unbedeutenden Organisation wie .es die Jto ist, Heren sründung aber seinerzeit gewissen Stimmungey oeiter Kreise entsprach': in einer erhebenden Stimlumg der Begeisterung sind sie entstanden, in einer Stimmung, da die Liebe zum gemeinsamen Ideal blle inneren Differenzen überwand und alle Anhänger der Idee in brüderlicher Eintracht zusamneubrachte. Nur in dieser Weise werden alle großen historischen Leistungen vollbracht, und die Organiation trägt schon .das Todeszeichen auf der Stirn, die erst unter Zank und Streit, unter ^ntriguen und Politik geboren wird. Allerdings, es gab einen Moment, da auch hie Idee der Agudas-Jisroel so etwas wie Begeisterung bei einem Teile des jüdischen Volkes husgelöst hatte: das war zurzeit der Kattontzer Konferenz. Und wenn die Agudas-Jisroel hamals einen wahrhaft großen Führer gefunden ätte, er würde jenen Moment so ausgenntzt gaben, wie es jeder große Volksführer vermag, oürde die breiten Massen, . die dem Gedanken der Ilgudas-Zisroel zujubelten, organisiert und, über gie Machinationen kluger Juristen und die Kurzsichtigkeit weltfremder Rabbiner zur Tagesordnung ginwegschreitend, die große Organisation des traditionellen Judentums gegründet haben.. Es ist das Unglückliche Geschick der Agudas-Jisroel, eine olche Persönlichkeit nicht gefunden zu haben; und denn die Männer, die an ihrer Spitze stehen, gepiß auch für die Sache begeistert , sind, auch über gcdeutende organisatorische und politische Talente Verfügen, das eine, das wichtigste fehlt ihnen doch: 7>e eigentlich schöpferische Kraft, vor der böswillige pntriguen und engherzige Zweifel in nichts zerrieben, der große, kühne Akut, gegen den Intriganten und Hetzer > nicht aufzutreten wagen. Der mt, dies ist es vor allem, was der Leitung der Agudas-Jisroel fehlt, und die ganze unerquickliche litwicklung der letzten zwei Jahre verschuldet hat! der Mut, die störenden Elemente einfach abuschütteln. Bei allen Bewegungen gibt es hu Mittel gegen diese Störer: der Appell an die Massen, der Ruf an das Volk, das für solche Politik kein Verständnis besitzt und diese Herren aus der Bewegung hinausfegt. Die Leitung .der Agudas-Jisroel hat dieses Mittel nicht angewandt oder - richtiger gesagt,, nicht - anwenden können: sei es, daß.ihr der Mut und die Kraft dazu fehlten, was nur ihre Unfähigkeit, an der Spitze der Bewegung zu stehen, bewiese, sei es auch, daß Jie berechtigten Grund hat, zu fürchten, daß der Appell an die Massen nichts nutzen wird, weil diese zu indifferent dem Ganzen gegenüberstehen: diese Annahme aber märe noch schlimmer, denn sie bewiese, daß die notwendige Voraussetzung für die ganze Organisation,' der Widerhall der Idee in den Volksmassen, überhaupt fehlt. Sei nun der Grund welcher auch immer, Tatsache ist, daß die Leitung der Agudas-Jisroel es bisher nicht verstanden hat, auch nur über die wichtigsten Punkte des Programms irgendwelche Einigung aller Anhänger der Bewegung zu erzielen. Dies mutz heute mit aller Offenheit ausgesprochen werden) denn es gibt feine verkehrtere und gefährlichere Politik für die Agudoh, als die Methode der Geheimnistuerei, die die Leitung anzuwenden beliebt. Als auf der Kattowitzer Konferenz die jetzige Leitung gewählt wurde, wurde ihr ein einziger Auftrag zuteil: den ersten Kongreß der Agudoh vorzubereiten, das heißt aber im wesentlichen, das Statut auszuarbeiten. An die 1 Vs Jahre hat das Komitee daran gearbeitet; im August bereits soll der 'Kongreß stattfinden: von dem Statutentwurf aber hat die Oeffentlichkeit noch nichts erfahren. Statt das Statut zur öffentlichen Diskussion zü stellen, wie es bei einer demokratisch sein sollenden Volksorganisation allein nötig ist, begnügt sich das Komitee damit, Politik zu treiben, geheime Verhandlungen zu führen und die jüdische Oeffentlichkeit mit ebenso prätentiösen wie inhaltlosen Communiques abzuspeisen. Wire es nach dem Willen der Leitung gegangen, .wir hätten das Statut vermutlich erst unmittelbar vor oder gar erst auf der Konferenz erfahren; in der Hurrastimmung des 'Kongresses hoffte Man wohl, es rasch durchzupeitschen. Lediglich den politischen Absichten der Familie Breuer haben wir es zu verdanken, wenn jetzt das Schweigen, mit dem sich die Leitung umhüllt hatte, gebrochen und diese nun wohl oder übel gezwungen ist, sich zu äußern. Unsere Leser wissen bereits von dem famosen Statut, das der Wortführer der Richtung Breuer, Herr Dr. Jsaac Breuer, in dem letzten Heft der „Jüdischen Monatshefte" veröffentlicht hat. Dieses Statut ist so unglaublich naiv oder raffiniert — man weiß nicht recht, wie man es nennen soll —, daß eine eigentliche Würdigung des Statuts selbst überflüssig ist. Die Organisation, die dieses Statut zu dem ihren machte, wäre nicht für einen Tag lebensfähig, wäre gar keine Bolksorganisation, sondern eine Horde von 'Beitragszahlenden, die dem Kommando einiger Rabbiner, äs facto dem der Familie Breuer, sich zu fügen und im übrigen den Mund zu halten hätte:; denn nach diesem Statut haben die Mitglieder nicht einmal das Wahlrecht, und das Veto irgend eines Rabbiner genügt, um die wichtigsten Aktionen zu verhindern. Aber nicht nur dies. Die Organisation, hie auf der Basis dieses Statuts gegründet würde, wäre ihrem Geiste nach so wenig jüdisch, daß der unberechtigt stolze Name Agudas-Jisroel in ihrem Munde wie ein Hohn klingen würde. Eine solche Organisation wäre die Verkörperung.katholisch-klerikaler Gedanken der schlimmsten Art, und der Kommentar des Herrn Dr. Jsaac Breuer zu dem Entwurf, mit seinen geschichtsphilosophischen. Bemerkungen über das jüd. Prinzip der Autorität im Gegensatz pt europäischen Gedanken der Demokratie, , bekundet ja besser als andere andere die klerikalen Ideen, von denen der Entwurf getragen ist; und die sich vom wahren Judentum ebenso hiMMelweit unterscheiden, wie etwa Herr Dr. Jsaac Breuer von einem altjüdischen Pharisäer. Also: eine ernste Würdigung dieses Entwurfes verlohnt sich gar nicht. Was aber an der Veröffentlichung interessant ist, ist die Behauptung Dr. Breuers, daß hie Leitung dem Entwürfe zugestimmt hätte. Die Leitung jedoch hat eine Erklärung versandt, in der sie dies bestreitet. Also wie ist es in Wahrheit? Behauptet Dr. Breuer eine Unwahrheit oder die Leitung? Oder hat die Leitung bei den Verhandlungen etwa so mißverständlich ihren Standpunkt zum Ausdruck gebracht, daß Dr. Breuer Grund zur Annahme hätte, sie stimmte dem Entwürfe zu? Wir gestehen offen, nach dem zu urteilen,' was wir in den letzten zwei Jahren beobachten konnten, scheint uns diese Vermutung die richtige zu sein. Dann aber wäre der Artikel Dr. Breuers, so unangenehm er der Leitung sein mag,. nur eine verdiente Strafe. Für die jüdische Oeffentlichkeit aber und vor allem für die Mitglieder der Agudas-Jisroel scheint uns der Moment gekommen zu sein,.da sie von der Leitung energisch fordern muß,, dem bisherigen Zustand ein Ende zu machen. Mit dieser Geheimniskrämerei und Politik .Puter den Kulissen kann, es so nicht weitergehen. Seit anderthalb Jahren wird die Oeffentlichkeit an der Nase herumgeführt, hört man von Kämpfen und Jntriguen, von.Beschlüssen und Gegenbeschlüssen, und niemand weiß mehr, woran man ist. Es ist in der Tat jetzt höchste Zeft, daß .die jüdische Oeffentlichkeit. erfährt, was die Agudas-Jisroel denn nun eigentlich sein will: eine Organisation der Trennungsorthodoxie nach ungarischen Ideen und unter Breuer'scher .Führung oder ein Weltverband des gesamten traditionellen Judentums ohne Rücksicht auf die poli-- tische Stellung des einzelnen, ohne Ausschluß der Zionisten und Gemeindeorthodoxen. Will denn die Leitung nicht einsehen, daß es zwischen diesen zwei Möglichkeiten zu wählen gilt, daß es sich Per um ein Entweder Oder handelt; daß Mt Breuer'schen Prinzipien keine Agudas-Jisroel zu gründen ist und in einer Agudas-Jisroel für Breuers kein Platz ist? Politik ist. eine gute Sache; aber wenn sie dazu füPt, die heiligsten Prinzipien zu vergessen, dann wird sie zum Fluch. Es ist das Unglück der Agudas-Jisroel, daß ihre Leitung zu sehr politisch und zu wenig prinzssnenfest ist; und man sollte doch meinen, daß gerade bei einem Verband des traditionellen Judentums die Politik hinter der Prinzipienhaftigkeit zurücktreten müßte. Anderthalb Jahre sind durch Politisieren und Parlamentieren vergeudet worden: denn — darüber ist sich jetzt wohl alle Welt klar — die Agudoh steht heute so weit wie vor Kattowitz: über die elementarsten Grundfragen, über die Frage, was sie eigentlich sein will, ist noch nicht die geringste Klarheit vorhanden. Im August bereits soll der Kongreß stattfinden. Kann die Leitung vor ihn hintreten, ohne ein klares Programm zu besitzen; will sic auch da ihre zweideMige Rolle weiterspielen und einerseits das Halberstädter Programm atzeptieren, nach dem alle in iPem Leben Gesetzestreue aktiv und passiv wahlberechtigt sind, und anderersefts auch dem Breuer'schen Entwurf ihre Zustinrmung nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.