Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 26 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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7! KMM M Ar. 26« Die katastrophale Lage -er Juden Galiziens.*) Die zur Besserung der Lage der Wischen Bevölkerung zu Beginn des Jahres 1911 von dem Landesallsschuß einberufene Enquete ist, wie eine ähnliche 2V Jahre vorher, ganz ohne Ergebnis für die Juden geblieben. Nur das furchtbarste, offen zutage liegende Elend der jüdischen Massen konnte bei der politischen Konstellation in Galizien zu einer staatlichen Untersuchung ihrer Lage führen. In der Enquete selbst wurde die Not der Juden in vollem Umfange anerkannt, und es wurden auch die Mittel zur Llbhilfe von den jüdischen Teilnehmern Uar Präzisiert, —' aber die Regierung und die herrschenden Parteien machten auch nicht den leisesten Anfang zu einer staatlichen Intervention zugunsten der Juden, während andererseits auf dem Gebiete der Gesetzgebung wie der Verwaltungspraxis ihre berechtigten Interessen verletzt oder ignoriert werden. Auch neue, von jüdischer Seite im Landtag unternommene Versuche, eine staatliche Intervention Krr Linderung der Notlage der Juden Krr Tat werden zu lassen, werden leider Kr einem! positiven Ergebnis nicht führen. Der jetzt zustande gekommene Ausgleich zwischen Polen und Ruthenen, der in der Landtagswahlreform seinen Ausbruch gefunden hat, erfolgt auch auf Kosten der Juden, die man, trotz ihrer Zahl und ihrer .Bedeutung für das Wirtschaftsleben, als politischen Faktor nach Möglichkeit aüszuschalten sucht. Dies ist von um so schwerwiegenderer. Bedeutung, als der Landtag einerseits die gesetzgeberische Tätigkeit in Händen hat, andererseits die von den maß- Lebenden Parteien im Lande ausgeübte Herrschaft die administrativen und finanziellen Machtmittel des Staates tendenziös und in schlimmster Weise gegen die Jüden. kehrt. Die schwerste Unbill und der schwerste Schaden wurde den Juden durch die Anwendung des, uationalpolnischem Fanatismus entsprungenen Boykottsystems nach russisch-polnischem Muster zugefügt. Der ökonomische Antisemitismus, der auch bisher schon dem wirtschaftlichen Kampf zugrunde gelegen hatte, hat damit seine schärfste und gehässigste Form gefunden. Dieser Boykott wird dadurch charakterisiert, daß chie niedrigsten und schändlichsten Mittel angewandt werden, die polnische Stadt- und Landbevölkerung gegen die Juden auszuhetzen, um diese gesellschaftlich zu boykottieren und wirtschaftlich zu ruinieren. Das Schlimmste und Gefährlichste ist, ..daß dieser Kampf überall hingetragen wird, in die Kirchen, die Schulen, die Privathäuser, an die Krankenbetten, daß auch die Mauen und sogar 'die Kinder fanattsiert werden. Das Land wird mit tendenziösen Schriften überschwemmt — als Titel einer solchen sei angeführt „Der Pogrom gegen das polnische Volk". Der niedere Klerus predigt den Boykott von der Kanzel herchb und belegt den privaten.und geschäftlichen.BerkehU mit Juden mit schweren Kirchenstrafen. Kein Wustder, daß. es dann dazu gekommen ist, daß Wische Kaufteute in erheblicher Anzahl nnt einem Schlage ruiniert werden, "daß christliche Angestellte ihren Dienst bei Jüden kündigen, Hebeammen sich weigern. Wische Wöchnerinnen Kl besuchen, .daß Heilmittel boykottiert werden, mtt denen Jüden handeln, und Kranken, die sich zunächst von einem jüdischen Arzte behandeln ließen, -später die ärztliche Hllfe eines christlich-polnischen Arztes versagt wird. Wr. den Schulen vergiftet man die Gemüter der Jugend, und dies geschieht nicht nur in kleinen Orten, sondern in den Hauptstädten, in Lemberg und Krakap; Lehrerinnen haben z. B. den Kindern während der . Unterrichtsstunde erzählt, daß W Juden zur Bereitung des Osterbrotes Christenblut verwenden, und sie aufgefordert, bei Irden nichts zu kaufen rmd auch von ihren Eltern das Gleiche W verlangen.' Diese MWide, die der.Barbarei in Küßland nahe kommett, bergen große.Gefahren in sich. ■r> *) Rach dem Bericht des HilfSvmeinL der Deutschen Juden. Welche Rückwirkungen zunächst auf das wirtschaftliche Leben die verschiedenen oben angeführten Faktoren ausüben, zeigt u. a. die Tatsache, daß nach österreichischen Angaben gegen Schluß des Jahres 1913 bei den jüdischen Genossenschaften ca. 90 Millionen Kronen zurückgezogen wurden, und daß von 800 jüdischen Genossenschaften ein sehr erheblicher Teil einging und eine große Anzahl der verbliebenen auch nur vegettert. Im verflossenen Jahre ist auch infolge der trostlosen Verhältnisse die Auswanderung eine gesteigerte gewesen. Die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika.— der Gradmesser für die Höhe der allgemeinen wie der Wischen Auswanderung — war im Fiskal- und im Kalenderjahr 1913 so hoch wie seit einer Reihe von Jahren nicht. Der neue Entwurf des österreichischen Auswanderungsgesetzes — zwei frühere aus den Jahren 1904 und 1908 gelangten nicht zur Verabschiedung — sieht eine Erschwerung der Auswanderung vor, was mit den Machenschaften der Agenturen der Canadian P. R.-Gesellschaft zu- "sammenhängt. Eine solche Erschwerung würde auch die Juden hart treffen, denn die Auswanderung ist der letzte und einzige Rettungsweg für viele aus dem hoffnungslosen Elend. Verband jüd. Frauen für Kulturarbeit in Palästina. Wie der soeben herausgegebene 6. Jahresbericht zeigt, htttten die Spitzen sch ulen des Verbandes im Fxühjahr 1913 eine Krise durchzumachen, die sw jedoch gut überstanden haben. Der Absatz der Spitzen hat sich gegen Schluß des Jahres dank der vom Verbände ergriffenen energischen Maßnahmen, sehr gehoben^ und die Aussichten für die Zukunft der Spitzenateliers scheinen somit günstige zu sein. Die Mädchenfarm in Kinereth ist im Laufe des vergangenen Jahres weiter ausgebaut worden. Eine zweite Lehrkraft. wurde engagiert, die Milchwirtschaft wurde durch die Ortsgruppe j Moskau erweitert, die Baumschule übernahm der Prager jüdische Frauenverein, der Haushaltungsunterricht würde gefördert,, eine Geflügelzucht angelegt. Zum ersten Male wurden Schülerinnen der Farm im Sontmer 1913 enttassen und erhielten 'sofort Anstellung in den Kolonien, teils in Arbeiterküchen, teils übernahmen sie pen Gemüsebau und die sonstigen weiblichen Arbeiten in-.der Landwirtschaft. Mir das Krankenhaus in Haifa, dessen finanzielle Lage eine ungünstige. gewordenwar, da der Verband seine Subvention leider nicht erhöhen konnte, war der Besuch der Mau-Baronin Rothschild in Palästina von großer Bedeutung. Frau Baronin Rothschild hat dem Spital eine jährliche Subvention von 6000 Ms. zugesichert, außerdem Terrain und Baukosten für ein eigenes Gebäude. Zwar ist das Budget des Krankenhauses dadurch noch nicht gesichert, immerhin ist' seine Lage bedeutend gebessert. Am 13. Mai fand die Generalversammlung des Verbandes im Muse der Jüdischen Gemeinde zu Berlin statt. Am besten scheu wir das Anwachsen des Verbandes, wenn wir die Zahlen aus dem Kassenbericht nnt den Zahlen aus dem Bericht für 1912 vergleichen. Danach wurden im Jahre 1912 für Spitzen in Berlin und in Jaffa 15,632 Mark eingenommen, rat Jahre 1913 19,673 Mark. An Mitgliederbeiträgen hatte der Verband im Jahre 1912 16,848 Mark, im Jahre 1913 22,672 Mark. Ebenso stiegen die einmaligen Beiträge von 3414 Mark auf.5616 Mark. Die Generalversammlung beschloß, die Tätigkeit des Verbandes noch auf einen weiteren Zweig kultureller Arbeit auszudehnen, indem sie für die seit dem August 1913 in Jaffa eröffnete Kinderbewahr anstrlt, die den hebräischen Namen „Haomen" führt und unter der üblichen Aufsicht von Prall Dr. Gutmann-Jaffa stchst,. eine Subvention Mmlligte. So geht der Verband auf feinem Wege Immer weiter, und jedes neue.Anwachsen seiner Mitglieder . gibt ihm die Möglichkeit, sein Arbeitsfeld auszubauen und zu erweitern.*) Religion und Nationalismus. Eine Entgegnung. Bon Dr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim Es liegt nicht in meiner Absicht, bas vielbesprochene Thema „Religion und Nationalität hier von neuem zur Erörterung zu stellen, ich möchte mir nur zu dem Artikel in der Nummer 23 des „Frankfurter Jsr. Famllienblattes" „Die Zukunft des Misrachi" einige Bemerkungen gestatten. Ich muß gestehen, als ich diese Ausführungen las, blickte ich unwillkürlich nach dem Titel des Blattes, ob mir nicht ein extrem-liberales Organ in die Hände gekommen sei. Denn hier wird ganz nach dem Muster der extremen Reform die ganze jüdische Orthodoxie, soweit sie nicht dem Misrachi angehört, als „kurzsichtig und weltfremd" hingestellt, als eine Partei, die „keinen Sinn mehr für den Zeitgeist (!)" hat, die „außerhalb des Lebens steht" und „nur noch an dem Buchstaben der Thora klebt usw. Dieser Orthodoxie wird der Misrachi entgegengestellt, der den Geist dm Thora durchschaut, „demokratisch und volkstümlich" ist Ich hätte mich nicht gewundert, wenn der erwähnte Artikel in einem rein national-jüdischen Organ gestanden hätte; aber das „Frkf. Jsr. Fam." will doch die Interessen des gesetzestreuen Judentums vertreten und da muß es seltsam berühren, daß es einer solchen Charakterisierung der orthodoxen Judenheit seine Spalten öffnet. Nach dem Urteil dieses Artikels sind die Lebendigen Kräfte" offenbar nur die nationalen; denn die Misrachisten werden gelobt, weil sie als „Männer des Lebens" sich in die nationale zionistische Organisation ekngereiht haben. National gesinnte Juden, sim» <up> Männer des. Lebens, auch wenn sie weder den Sabbat noch die Festtage beachten; auch wenn sie Atheisten sind, sind kurzsichtig und weltfremd, sind „starrgewordene Gliedes dm Gesamtheit. Einer solchen Auffassung dürfte wohl kam« jemand zustimmen, der mit der Thora in einem wenn auch noch so losen Zusammenhang steht. Die heutigen Orthodoxen werden in einen Gegensatz gestellt zu den Tanaim und Amoraim, den Mrhphäen des Talmud und den großen Rabbinen der spätere» Jahrhunderte. Ob diese aber den nationalen GÄanken im Sinne des Zionismus akzeptiert hätten» ob sie emenr Wiederaufbau des Judentums ihre Mitarbeit gewährt hätten, wenn die Thora nicht die Grundlage und Lew Mittelpunkt dieses Judentums gebildet hätte, das mögen die ehrlichen geschichtskundigen Zionisten selbst entscheiden. Hier liegt aber das Falsche der gmqen zionistischen Argumentation. Wer die zionistische Auffassung nicht teilt, der ist ontinational, unmodern, er steht außerhalb des Lebens. Die nationalen Elemente, die in dm Religion liegen und die ganz von selbst wirken, werden ignoriert. In diesem Sinne abm ist jeder religiöse Jude national: er fühlt für seine leidenden Brüder aus dem weiten Erdenrund und 'ist jedmzeit bereit, ihnen zu helfen, m erwartet eine Zukunft auch für das jüdische Volk» auch wenn er sie nicht durch diplomatische Mittel von zweifelhaftem Werte herbeiznführen sucht, und m tritt auch für praktische Arbeit iu Palästina ein. Mit dm kategorischen Behauptung, daß nur die Attbeit in zionistischem Sinne zum Heile des Judentums führen könne, sollte man doch auch auf jenm Seite etwas vorsichtiger sein. Es sind seit der Entstehung des heutigen Zionismus noch reine zwanzig Jahre verflossen, da ist es etwas verfrüht, ein dmartiges historisches Urteil zn fällen und mit soviel Selbstgefühl die eigene Arbeit als die alleinseligmachende zn bezeichnen. Winten wtt doch wenigstens, bis das mste halbe Jahrhundmt vorüber ist« das ist für eine Bewegung, die welthistorische Bedeutung, beansprucht, noch wenig genug, um zn beurtellen, od sie dauernde Werte zn schaffen vermag. Bis dieser Beweis aber erbracht ist, wage ich, selbst ans die Erfahr hin, von dm gesamten zionistischen Presse — falls sie meinen Ausführungen überhaupt Beachtung schenkt — gesteinigt oder in den großen Bann getan zu werben, die Behauptung: Jeder Inhaber eines großen Geschäftshauses, dm unter den heutigen Verhältnissen am Sabbat sein Geschäft schließt und dadurch einer Reihe von jungen - Leuten die Möglichkeit gibt, den Sabbat zn halten, tut mehr für die Erhaltung des Judentums als alle zionistischen Artikel- und Broschürenschreiber zusammengenommen.. Dm Misrachi ist nach dm Auffassung unsmes Artikels „einsichtig, weitschauend, weltgewandt, well m sich dm zionistischen Organisation angeschlossen hat. Ueb« die Ein- ° sicht und den Weitblick dm Misrachisten kann abm erst die Zukunft entscheiden. Ich wünsche dem Misrachi von Heiden, daß er sein Ziel, den Zionismus in religiösem Sinne zu beeinflussen, erreicht, abm die Erfolge sind vorerst nicht sehr ermutigend. Man hat den Misrachisten wohl gestattet, für das Schulwerk des Zionismus zw spenden — daß man ihnen einen maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung dieses SchulwerV eingeräumt hätte« - ist bis jetzt nicht bekannt geworden. Es ist deshalb zmn mindesten sehr begreiflich, wenn auch solche Männer, die. mit dem Misrachi sympathisieren, dennoch Bedenken tragen, sich ihm anznschlietzen. ' Man ist auf zionistischm Sette gegen Angriffe und Verunglimpfungen sehr empfindlich. Aber wm WUfficht vmlangt, sollte sie auch üben. Es besteht in Deutschland *) In Frankfurta. M. sind Frau Jda Wolf, Hern«- ' - straße 12, und Fräulein Sophie Lorovitz Berttauensdamen - des Verbandes. ,' . . . -