Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 24 (19.6.1914)
- Date
- 1914-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint wöchentlich am Freitag. -««gsprri» pro Virrtetjahr: In Frankfurt a» M. Mk. 1.— frei uiS HanS. Bei der Post abonniert SO Pfg-, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusemmng durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und GXpedition: Frankfurt a. m. rr Eangeftr. 7* Fernsprecher Amt I. 10507. Insrrtionsprri» für die fünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender I Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Pelirzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M unter Nr. 4364. 12. Jahrgang. Freitag, den SS. Siwan 5674 (19. Juni 1914) Rr. 24 cb Le tergehende und ausgehende Wetten. Die Studeutentaguuge« zu Bern und Heidelberg. Bern, die Hauptstadt der gastfreundlichen Schweizerrepublik, ist für die Geschichte der jüdichen Endemischen Zugend Rußlands von ganz beonderer Bedeutung geworden. Bon allen Univeritäten Westeuropas war die Berner stets die gastichste und die von den jüdischen Studenten Rußlands am meisten bevorzugte gewesen. Ao Manche iersönlichkeiten, die heute im öffentlichen Leben es Ostjudentums eine Rolle spielen, haben in Zern ihre akademische Bildung sich. angeeignet, und man kann .heute schon nahezu von einem Berner kreis innerhalb der jüdischen Akademiker Rußlands stechen. Zn den letzten Jahren jedoch ist die Beleutung der Berner Studenteukoloiiie zurückgelangen, ein Prozeß, der seine Ursachen teilweise in einer wachsenden. Erschwerung der Aufnahmebelingungen seitens der Universität, teilweise aber in inneren Zuständen der jüdischen Jugend Rußands. hat. In diesen Tagen nun war.Bern für einige Tage wieder das Zentrum, der im Auslande studierenden jüdisch-akademischen Jügend Russlands geworden. Es tagten dort nämlich zwei studentische Konferenzen, die von großer symptomatischer Bedeutung m für die innere Entwicklung des Ostjudentums sind. IlAltl der einen Seite hatte der „Karlsruher ■vlll verband" eine Tagung dort abgehalten, und auf der anderen hatten sich die nationalen ludentischen Gruppen zu einer Konferenz >ort eingefunden; und es war für jeden, der die Entwicklung der akademischen Jugend Rußlands, insbesondere der akademischen, verfolgt, von höchtem Interesse, den Charakter und den Verlauf der >eiden Konferenzen zu beobachten. Die. jüdisch-russischen Studenten scheiden sich wie die jüdische Jugend Rußlands überhaupt — in zwei, sich feindlich gegenüber stehende Gruppen: auf der einen Seite stehen die Anti- oder Anationalisten, die jüdischen Nationalismus wie jeden ’ Nationalismus als eine Ausgeburt der Reaktion eidenschastlich bekämpfen, und auf der anderen Seite die jüdisch-national Gesinnten. Die eine Gruppe setzt sich aus all jenen zusammen, die noch unter dem Einfluß der oberflächlichen, unreifen Ideen der russischen Revülutionsphilosophie tehen, für die alles, was Bourgeois ist, ein Obseli fanatischen Hasses ist, die sich noch in den kindischen Ideen von der Gleichheit aller Menschen, und den nnausgereisten Idealen von einer einheitichen, gleichförmigen, unterschiedslosen Menschheit wiegen. Richtiger gesagt,. sich zu wiegen glauben. Denn 'in Wahrheit. sind 'sie keine Kosmopoliten, andern .russische Nationalisten, ebenso wie es ja fast alle russischen Revolutionäre bewußt oder unrktl5 2029 iei't rein, igeln um mplior ’zel id 1 - iherstes lkäferetc 1.— ertilguogs .rken. Ml iacheri arbeite llgenstr.7 ledienuog " igenstr. §!!S gs-flnsü en 2. Spr bst za labt Uhren ob «““».Mas bewußt sind. „Mutter Rußland" und der „russische u zasicberoi Muschik", das sind ihre wahren Ideale, und den unausgesetzten. Fußtritten, hie ihnen diese Mutter versetzt, den ununterbrochenen Verfolgungen und Beleidigungen, die ihnen yon Seiten des russischen Muschik zugefügt werden, entgegnen sie mit immer erneuter Beteuerung ihrer Liebe zu Rußland und. dem großen, treuen, reinen russischen Volke, das au allen Verbrechen und Schandtaten der russischen Regierung ihrer-Meinung nach ganz schuldlos sei. So sind sie eigentlich waschechte Assimilationsjuden und von allen Typen des russischen Assimilanten phon HA gewiß der abstoßendste Typus. .Denn wenn noch das Assimilationsjudentum in Westeuropa zu verstehen ist, ,so ist diese Erscheinung in Rußland für jeden, der noch einen Funken von Ehrgefühl im Leibe hat, einfach undenkbar; diese Gruppe der russischen Patrioten unter den jüdischen Studenten Rußlands bildet eine der traurigsten und beschämendsten Erscheinungen der jüdischen Gegenwart. Diese Richtung ist im „Karlsruher Verband" organisiert, der fast ganz gus jüdischen Studenten besteht und nur eine kleine Zahl mehr der Repräsentation als der positiven Arbeit dienende echte Russen in seinen Reihen zählt. Glücklicherweise hat diese Organisation keine allzugroße Bedeutung. Die Majorität der russisch-jüdischen Studenten hat sich doch schon von den unseligen. Wirkungen der russischen Revolution emanzipiert und ist ' wieder zum jüdisch-nationalen Standpunkt zurückgekehrt. Leider ist diese Entwicklung noch nicht so weit gelangt, daß die jüdisch-nationale Studentenschaft sich in einem einzigen Verbände organisiert hätte; noch hindern innere ideologische Differenzen diese Einigung, und so ist die nationale Studentenschaft in einigen Verbänden zersplittert. Wer so viel jst jedenfalls bereits heute erreicht, daß in großen nationalen Angelegenheiten, besonders aber, wo es gilt, den nationalen Standpunkt gegenüber der assimilatorisch gesinnten Gruppe zu vertreten, die jüdisch-nationale Studentenschaft einig und geschlossen auftritt. Zu einer solchen Gegendemonstration und der Abwehr eines Vorstoßes der.Assimilatorischen Richtung ist es auch jetzt gekommen. Der „Karlsruher Verband" hatte nach Bern eine Konferenz einberufen, die sich hauptsächlich mit der jetzt aktuell gewordenen Frage der Gründung einer russischen Universität in Westeuropa beschäftigen sollte. Dieses Projekt ist in letzter Zeit als Gegenstück zur Idee einer Universität in Jerusalem aufgetaucht und von der assimilatorisch gesinnten russisch-jüdischen Studentenschaft mit Eifer aufgegriffen worden. Wie aussichtslos und utopisch das Projekt ist, wird jedem, der die europäische Politik, ihre Grundsätze und ihre Moral kennt, einleuchten; einmal wird sich kein Staat finden,-der diese gegen die russische Regierung gerichtete Universität in seinen Grenzen dulden würde, und außerdem würde der russische Staat die Diplome dieser Universität natürlich nicht anerkennen, sodaß ihr praktischer Wert gleich Null sein wird. So kann der einzige Erfolg, der bei der Propagierung dieses Projektes herauskommen kann, nur der sein, daß damit die Idee der Jerüsälemer Universität geschädigt wird. Die Berner Konferenz sollte nun diesen Gedanken in die weite Oeffentlichkeit bringen. Schon bei der Vorbereitung der Tagung zeigte sich der allen nationalen Verbänden ausgesprochen feindliche Charakter des „Karlsruher Verbandes" und der Berner Konferenz in deutlichster Weise, und auf der Tagung selbst ist er in noch stärkerem Grade zum Ausdruck gekommen. Es wirkt geradezu abstoßend, die Berichte über die Reden, die auf der Konferenz gehalten wurden, - zu lesen, und man möchte sich als Jude schämen, wenn Man vernehmen muß wie junge jüdische Studenten, von einer verblendeten, unreifen Ideologie und hohlen Phraseologie befangen, in pathetischen Worten ihrer „Mütter Rußland" Treue schwören, ohne jedes Geftihl für die Selbstentwürdigung und Ehrlosigkeit, die darin liegt. So war es denn sehr lobenswert und tröstlich, daß zur selben Zeit die nattonalen 'Studentenverbände gleichfalls eine Tagung in Bern abhielten, weniger positiver Zwecke, und eines konkreten Bedürfnisses wegen. Äs vielmehr, um gegen diese unwürdige und beschämende Konferenz des „Karlsruher Verbandes" zu protestieren und der Oeffentlichkeit zu demonstrieren, 'daß es von. Seiten des „Karlsruher Verbandes" eine durchaus unberechttgte Anmaßung und Irreführung ist, wenn er sich str die Vertretung sämtlicher im Auslande befindlicher Studenten aus Rußland, also auch der jüdischen, ausgibt. Und diese Gegendemonstratton hat ihren Zweck in t>er denWar besten Weise erfüllt. Während zur Konferenz der Karlsruher im ganzen etwa .50 Delegierte erschienen waren, und viele von diesen klagend gestehen mutzten, daß die Wahlen zur Konferenz ohne jedes Interesse verliefen und man vielfach kaum das nöttge Minimum von Wählern hat auftreiben können, so indifferent stehe der größte Teil der russischen Studenten dem Verband gegenüber, zählte die Tagung der nationalen Vereine dörei 300 Teilnehmer. Auch die SttmMungen, die die beiden Tagungen beherrschten, zeigten in ihrem Gegensatz den Unterschied der zwei Richtungen und die Ueberlegenheit der nationalen. Während auf der Karlsruher im allgemeinen eine gedrückte, unzufriedene Sttmmung herrschte und man mit hohlen Phrasen und tönender Pathetik umsonst künstliche Begeisterung zu entfachen suchte, war die 'Tagung der nationalen Studentenvereine getragen von einer begeisterten Stimmung der Siegeszuversicht und des Stärkebewutztseins. Und so haben die zwei Berner Konferenzen aller Welt g^eigt, daß die Zeit vorbei ist, da die Ideen der russischen Revolution den größten Teil der jüdisch-akademischen Jugend Rußlands ihrem jüdischen Volke abspenstig machte, daß vielmehr die jüdische Studentenschaft Rußlands sich auf dem Wege der Rückkehr zu ihrem Volke befindet und die Majorität heute auf nationalem Boden steht. Von dieser erfreulichen Entwicklung, diegerade in den allerletzten Jahren sehr stark um sich gegriffen hat, hat ebenfalls in den letzten Tagen noch eine andere Tagung eines großen Verbandes jüdischer Studenten aus Rußland ein imposantes Zeugnis abgelegt: der Kongreßdes „Hachower" zu Heidelberg. Der „Hachower" ist eine erst vor wenigen Jahren gegründete Vereinigung zionistischer Studenten aus Rußland; in per kurzen Zeit seines Bestehens hat er bereits die stolze Zahl von 800 Mftgliedern erreicht und hat in fast allen größeren Universitäten Westeuropas Ortsgruppen. Die Tagung, die er unter starker Beteiligung in Heidelberg abgehalten hock, zeugte nicht nur von dem starken äußeren Wachstum des Verbandes, sondern von einer äußerst erfteulichen inneren Entwicklung und Vertiefung. Aus all den Meden. und Resoluttonen dieser Tagung erkannte man, wie hier eine Generation junger russischer Juden heranwächst, die mit dem starken, elementaren Mischen Gefühle, das sie aus Rußland nntbringen, in Westeuropa sich die Tugenden europäischer Ordnung und Disziplin aneignen, .sodaß sie später eine gediegene Schar von Führern und Pionieren der nattonalen Arbeit im Osten bilden werden. Gerade das rapide Wachstum des „Hachower" zeigt, daß der nationale Rückkehrprozeß innerhalb der Mischen Studentenschaft Rußlands auch bis zu seiner letzten logischen Konsequenz: dem Zionismus und Hebraismus, 'führen wird und einen großen Teil von Studenten bereits gefiihrt hat. Dies aber berechttgt zu der Erwar-