Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 23 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Bezüglich dieses Zeitabschnittes heißt es: „Die abgclaufcne Berichtsperiodx kann für unsere Vereinigung im ganzen als ein Zeitabschnitt ruhiger Weitercntwicklung bezeichnet werden, der uns gestattet hat, die vorher errungenen Positionen für das gesetzestrcue Judentum in Deutschland zu erhalten und die Existenznotwendigkeit einer organisierten Vertretung der Orthodoxie innner wieder aufs neue zu erweisen. Die Fülle von Anfragen und Anregungen, die jahraus, jahrein an unsere Zentrale gelangen, und die sich auf die allerverschiedensten Gebiete des religiösen und sozialen Lebens der Gemeinden wie der Einzelnen beziehen, zeigen ebenso deutlich den Segen einer organisierten Arbeit, wie die wirksame Unterstützung, die unsere Vereinigung — ohne selbst in die Erscheinung zu treten — auch während der Berichtsperiode bei mannigsachen Anlässeir den Geinnnngsgenossen in den Kämpfen des ösjentlichen Lebens eisten durste." Das Frankfurter Büro hatte rund 4000 BriefmJciitgäiigc und 6000 Briefausgänge. Außerdem besicht ein besonderes Büro für Ostdeutschland. Bede zirkstage fanden in Posen, .Schlüchtern und Kitzingen statt. Diese Bezittstage habeit nicht nur promßHagandistisch, sondert! auch praktisch vorzüglich gewirkt. Eine recht erfreuliche Entlvicklung nahm auch die Berliner Frauengruppe; so verteilte sie im ersten Halbjahr 1913 650 Mittagsessen an Kranke, unterhielt eine Stellenvermittlung lind veranstaltete Vorträge und Kurse. Anläßlich des iegierungsjubiläums des Kaisers würde mit 40,000 JtarE ein „Kaiser Wilhelm-Jübiläums-Fonds" errichtet, dessen Zinsen zur Subventionierung von notleidenden Landgemeinden dienen sollen. Die Freie Vereinigung entfaltete eine ausgedehnte Tätigkeit' auf dein Gebiete unserer taatsbürgerlichen Interessen. DerSonngsruhe, dem Schutz der Schechitah, den rcligiöjcit Verhältnissen der jüdischen Soldaten, den dc Ztaatsznschüssen an leistungsschwache Synagogengcmeinden in Preußen, der Naturalisation ausändischer Kultusbeaniten, der jüdischen Volksschule und dem Wahlrecht ausländischer Glaubens- « genossen in den Gemeinden galt diese Tätigkeit. Die Kommission für l än dli ch e Wo Hill h r ts p f l e g e unterhielt rund 150 Schiurim, erteilte 500 Bücher (Raschi-Konimentar von Prof, 'allner, Kirschs Schriften rc.) und ließ zlvöls Nummern des Indischen Volksboten erscheinen. Für Zwecke der Landgemeinden (Religionsunterricht, iiikwaus usw.) wurden 15,000 Mk. verausgabt. Den Richtlinien der „Vereinigung für das iberale Judentum" wurde in einer Reihe Volks- >ersammlungen und durch Massenverbreitung gcigncter Literatur entgegengetreten. Der von 'der Freien Vereinigung unterhaltene üdische Volksschriftenverlag ließ einige 'tte, öändchen in deutscher und hebräischer Sprache ercheinen. Schließlich sorgt die Freie Vereinigung für geoisscnhast' angesertigte Defillin und Mesu- Ma« g. au s. Neben Deutschland hat die Freie Vereinigung a l ä ft i n a zu ihrem Felde erkoren. Der Initiator und der Mittelpunkt der Palästinaarbeit var Kommerzienrat Louis Feist s. A. 10 Schulen nit 40 Lehrkräften und 1000 Schülern unterstehen it Palästina der bewährten Leitung des Dr. Moses sser üierbach. Wie aus dieser gedrängten Uebersicht crichtlich, bietet der Bericht der Freien Vereinigung in augenscheinlich sonniges Bilds; _ bei näherem Zusehen freilich wird diese Kelle in einer Beiehung getrübt: die Freie Bereinigung hat für hre Zweche noch lange nicht die finanzielle Unter- Atzung, deren' sie bedarf und bei regem Interne in den .ihr nahestehenden Kreisen auch ge- ''cßen müßte. Verein jüdischer Lehrer in den Ostprovinze«. Posen, 5. Juni. Der Verein hielt hier seine 26. Jahresversammlung b. Be ck er- Wöllstein präsidierte. Aus dem Jahresenchte gehr hervor, daß düs verslossene Jahr viele Kämpfe brachte, zunächst den Konflikt des Verbandes mit dem Deutsch - Israelitischen Gcmeindcbunde, die Erhaltung bezw. Ncugründnng jüdischer Volksschulen betreffend. Leider standen die jüdischen Lehrer in diesem Kämpfe ganz allein, denn der Verband der Synagogen - Gemeinden des Regierungsbezirkes Bromberg schloß sich dem bekannten Votum des D.-J. G.-B. an,' während der Synagogcnverband Posen sich neutral verhielt. Demgegenüber war das dankenswerte Eintreten des Provinzial-Rabbinerverbandes für die jüdische Volksschule ohne den gewünschten Erfolg. Drei jüdische Volksschulen sind im Laufe des Berichtsjahres wieder cingegangen (die Schulen zu Gostyn, Samotschin und Rokowitz). Eine Folge der Trennung vom A.-J. G.-B. ist die Erhöhung der Verbandsbeiträge, die unseren Verein veranlagte, eine Erhöhung der Mitgliederbeiträge auf 5 JL jährlich zu beschließen. Der Wunsch, an den Sitzungen des Synagogenbezirksverbands mit Sitz und Stimme teilnehmen zu dürfen, ist den Vorständen schob seit Jahren unterbreitet worden, bisher jedoch vergeblich. Auf Vorstellungen des Berbandsvorstandes jedoch an den Verband Synagogengemeinden des Regierungsbezirks Posen hatte diese Bitte den Erfolg, dos; der Synagogenbezirksverband Posen versprach, bei der nächsten Vakanz im Ausschüsse der Wahl eines sachverständigen Mitgliedes für Schul- und Unterrichts-Angelegenheiten näher treten zu wollen» vom Synagogenverband Bromberg ist eine Antwort nicht eingegangen. Der Verein zählte zu Beginn des Berichtsjahres 55 Mitglieder, ausgeschieden sind im Laufe des Jahres 2. Die Gesamtcinahme des Vereins belief sich auf 206 JL Dieser Einnahme stand eine Allsgabe von 136 JL gegenüber. Der Vortrag des Vorsitzenden: „Der jüdische Lehrer im Kampfe gegen den Antisemitismus" fand allgemeinen Beifall. Einmütig gelangte eine Resolution nach reger Debatte zur Annahme, die die Abwehr des Antisemitismlls durch alle Bereinsmitglicder in ihrer amtlichen und außeramtlichen Tätigkeit für dringend geboten erklärt. (L.) Bedeutung und Ziele der Gesellschaft zur Förderung des Judentums. Da die hiesigen Zeitungen gerade die bedeutsame Rede nur sehr kurz gestreift haben, die der zweite Vorsitzende der Gesellschaft, Rabbiner Professor Dr. Güttin a n n - Breslau, einer der anerkanntesten zeitgenössischen Forscher auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums, gelegentlich der hiesigen Tagung der.Gesellschaft gehalten hat, geben wir im Folgenden einen ausführlicheren Auszug. Erwähnt sei nur noch, daß die Darlegungen des Gelehrten doppelt wirksam waren durch die ganze Persönlichkeit des Mannes, der, wie jeder Hörer fühlte, mit seiner ganzen Seele hinter ihnen stand und durch die lebendige, von innerer Begeisterung getragenen Art des Vortrags. Der Redner wies einleitend auf den hervorragenden Anteil hin, den Frankfurter Gelehrte in alter, neuerer und neuester Zeit an der Pflege und Entwickelung der jüdischen Wissenschaft genommen haben. Das Judentum hat stets den höchsten Wert auf die religiöse Aufklärung und Erkenntnis seiner Angehörigen gelegt und - es als seine wichtigste Aufgabe angesehen, die Ergebnisse der religiösen Forschung, der fortschreitenden Religionswissenschaft zum Gemeingut der Gesamtheit zu machen, sie bis in die tiefsten schichten des Volkes hineinzutragen. Die Pflege der Wissenschaft war im Judentum kein Vorrecht eines abgeschlossenen Gelehrtenstandes, sondern eine Angelegenheit der Gesamtheit, die „Krone der Lehre" sollte jedem zugänglich sein; wer den inneren Beruf in sich sühlte, sollte sie sich auf das Haupt setzen können. So ist es bis vor nicht gar zu langer Zeit auch noch bei uns, den deutschen Juden, gewesen; und so ist es heute noch bei unseren Glaubensbrüdern in den Ländern des Ostens. Da gibt es manchen im Schweiße seines Angesichts arbeitenden Taglöhner, der, keuchend unter seiner Last, schwere talmudische Probleme in seinem Kopfe wälzt, manchen um das tägliche Brot ringenden Trödler, der mitunter an Tiefe der Gelehrsamkeit den osfiziellen Vertreter des Lehramts übertrisst. Das ist eine Erscheinung, wie sic keine andere religiöse Gemeinschaft aufzuweisen hat. In der Beschäftigung mit der Wissenschaft fanden die Juden in der Zeit der bittersten Leiden 'Aufrichtung, Trost und Erhebung, atmeten sie auf von dem schwere» Druck, der auf ihnen lastete; in der Freiheit der Forschung fühlten sich die Entrechteten und in entwürdigender Kiicchtsgestalt Einherwandernden als freie Menschen. Der Vortragende geht dann auf den Einfluß ein, den die Missenschaf t des Judentums ans das allgemeine Kulturleben ausgeübt hat. Die aus der Bereinigung des Judentums mit dem Hellenismus entstandene jüdisch - alexandrinische Philosophie ist, als ein Kind der Fremde ans dem Geistesleben des Judentums bald zurückgedrängt, durch den Einfluß, den sie auf die Literatur des Urchristentunis und auf die Kirchenväter ausübte, zu einem bedeutsamen Faktor in der Entwicklung der christlichen Kirchenlehre geworden. Die zweite große Weltreligion, der Islam, hat die bedeutsamsten Elemente nicht nur aus der Bibel, sondern auch aus der späteren Traditionsliteratur des Judentums in sich ausgenommen. Jüdische Gelehrte waren es, die durch ihre Uebersetzertätigkeit dem christlichen Abendland die Kenntnis der Literatur der Griechen und 'Araber vermittelten. Ihnen verdanken die Gelehrten der europäischen Christenheit im Mittelalter zum großen Teil ihre Kenntnisse auf den Gebieten der Philosophie, der Biathematik, der Astronomie, der Medizin, der Geschichte und der Sprachwissenschaft. Die großen Theologen des 13. Jahrhunderts, in denen die christliche Scholastik des Mittelalters den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht, stehen unter dem Einfluß jüdischer Denker. Von den beiden Orden, in denen sich das wissenschaftliche Leben jener Zeit konzentrierte, folgen die Theologen, des FranziskancrordenS, was die philosophischen Griiiidauschauungen anbetrisft, vielfach den Spuren des Avicebrol, d. i. des Salomon, ibn Gabirol, und die Theologen des Dominikanerordens de» Spuren des Rabbi Moyses Aegyptius, d. i. Moses Maimonides, Männer wie Alexander von Hales, Wilhelm von 'Auvergne, Albertus Magnus und Thomas von Aquino sind in der spekulativen Auffassung der biblischen Glaubenslehre die gelehrigen Schüler des Maimonides geworden, dessen Einfluß sich noch bei Leibniz Nachweisen läßt. In der Periode der Renaissance beginnt die Kabbala auch auf nichtjüdische Kreise, wie z. B. auf die beiden Pico von Mirandola, auf Reuchlin und andere eine mächtige Anziehungskraft auszuüben und hat für das Geistesleben jener Zeit eine noch immer nicht genügend gewürdigte Bedeutung gewonnen. Durch die Bekanntschaft mit den Werken der jüdischen Exegeten des Mittelalters, eines Raschi und Abraham ibn Esra, die jenen durch Nikolaus von Lyra und anderen vermittelt wurde, — ist den christlichen Theologen des Mittelalters erst das rechte Verständnis der Bibel wieder erschlossen worden. Auch in unseren Tagen wird man sich in den Kreisen der christlichen Theologen mehr und mehr bewußt, wie unentbehrlich eine Erforschung des altjüdischen Schrifttums für eine tiefere Erkenntnis des Urchristentums und seiner Literatur sei. Die jüdische Wissenschaft hat bisher auf jede Unterstützung durch den Staat verzichten müssen. Für ihre Literatur gibt es keine Lehrstühle auf den Universitäten, keine Akademie oder gelehrte Gesellschaft hat sich bisher verpflichtet gefühlt, ihr irgendwelche Unterstützung angedeihen zu lassen. Es ist ein Zeugnis für den hohen Idealismus, der im Judentum lebt, daß die moderne Wissenschaft des Judentums trotzdem so Hervorragendes geleistet hat. -'Mer noch große und umfassende Aufgaben harren ihrer Erfüllung. Unsere Gessellschaft, die seit 12 Jahren besteht, hat sich die Unterstützung der jüdischen Wissenschaft zur Pflicht gemacht und darf auf ihre Erfolge mit Befriedigung znrückblicken. Zum Schluß weist der Vortragende auf die großen Unternehmungen hin, die die Gesellschaft plant und zum Teil bereits anszuführen begonnen hat, und spricht die Hossnung ans, daß die diesmalige Tagung in Frankfurt dazu beitragen werde, die Teilnahme für sie in dieser für alle Interessen des Judentums so opferfreudigen Geineinde noch zu erhöhen. Aus -er „Agndas Jisroel"-Bewegnug. Halberftadt- Die Leitung des Gruppenverbandes der Agndas Jisroel in Deutschland hat eine von tüchtigen Juristen bediente Anskunftsstelle eingerichtet, die sich mit der Erteilung von allen ans die Einbürgerung von ausländischen Glaubensgenossen bezüglichen Auskünften befaßt und bereit ist, in Ausw eisun g san g ele g enheiten beratend zur Seite zu stehen. Hanau. Gestern hat die Agndas Jisroel-Organisation bei uns ihren Einzug gehalten. Vor einer zahlreichen Zuhörerschaft sprach Provinzialrabb. Dr. Bainberger über die 'Aufgaben der Agndas Jisroel und regte die Gründung einer Jugend- und Mädchengrrtppe an. Vertreter der Frankfurter Zentrale der Jugendorganisation erläuterten die Ziele der Jugendgruppen und ebenso Frl. sind. med. Frieda Prager die der Mädchcngruppen. An die Vorträge knüpfte sich eine anregende Diskussion, die zur Gründung einer Jugend- und Mädchengruppe führte, der sofort alle Anwesenden beitraten. Nidda. Nach einer Drovagandaversannnlung hat sich eine Ortsgruppe gebildet, der die Orte Nidda, Hungen und Niedermockstadt angehören. Leipzig. Mit 100 Mitgliedern hat sich hier eine Ortsgruppe gebildet. Vorstand: Rabb. Dr. Carlebach, Dr. M. Elias, Rabb. Feldmann, S. B. Goldreich, G a b r. N a t h a n j e n, H. Neubauer, Dr. G. Nobel, A. S ch u s n e r, M. Straus und Rabbiner W al tu ch. Heilst, Cafe Kaiserplatz Bethmannstrasse 56 vis-a-vis Frankfurter Huf. Nach vollsfc. Benoviernng d. Titl. Pnblikum bestens empfohlen. TSglieh grosses KSnstler-Konzert der nngar. Hausbapelle Besitzer: H. Hainemann. Telephon Hansa 5858 Frankfurter Berichte. Ausstellung jüdischer Münzen. Aus Anlaß der Tagung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, veranstaltete die Frankfurter Numismatische Gesellschaft eine Ausstellung in der Frankfurt-Loge, die allgemeinen Beifall fand. Die Ausstellung umfaßte: In der 1. Abteilung: Die Münzen der Juden während ihrer Selbständigkeit bis zum vollständigen Unter- Untergang des jüdischen Staates. Man sah dort eine schöne Serie der Münzen der Makkabäer- und Jdumäer- Fürsten. Sodann eine vollständige Serie aller bis jetzt bekannten Schekel und Halbschekel, eine Auswahl der römischen Siegesmünzen auf den Fall Jerusalems und schließlich eine ungewöhnlich reichhaltige Serie der Münzen des 2. Aufstandes, sogenannte „Barkochba-Müttzen". Unter letzteren hochseltene Groß-Bronzen und Silberschekel (Tetradrachmen) mit der Ausschrist „Jerusalem", kleine ^ilbermünzen (>/t Schekel) und Bronzemünzen mit dem Namen Eleazars und dem Simeons mit und ohne Nasi-Titel. Die 2. Abteilung, die Münzen des Talmuds, umfaßte eine Serie Griechischer, Römischer und Mittelalter-