Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 23 (12.6.1914)
- Date
- 1914-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692872-2692895--08505-2703652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erscheint wöchentlich «an Freitag. Brnlsnprei» pro Kiertrtjahr: In Frankfurt a. M. ML 1 — frn ins Haus. Bei der Post abonniert SO Psg-, frei inS HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, für ^Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und Erpedition: Frankfurt a. M. rr Ean<jef tr. 7. Fernsprecher Amt L 10507. Sns-rti-nsprei» für die sünfgespaltene Petitzrile 2L Pfg-, für die Reklamezeile ML 1.—. Bei Mrderholungtn entsprechender Rabatt. Stellen-LngeLote und -Gesuche, Wohnungsinserate^ Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahuie beider Lxped.und ina.Annoncen-Bureaus, Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864) 12. Jahrgang. Freitag, de» 18. Siwan 5674 (12. Jrmi 1914) Nr. 23. Die Zukunft des Misrachi. Gar mancher wird beim Lesen dieser Ueberschrift fragen: Ist nicht der Misrachi mit der Orthodoxie identisch, wo also bleiben die vielen anderen Orthodoxen? Gewißsind die Misrachisten gute Orthodoxe, und doch ist es nicht angängig, die beiden! in einen Topf zu werfen!; ^ebenso wie es unan-i gebracht wäre, die Pharisäer mit den Essäern -zu? identifizieren. Wahrend .die Orthodoxie..von heute; — im Gegensatz zu den einstigen Trägern des Judentums — meist kurzsichtig und weltfremd; keinen Sinn mehr für den'Zeitgeist hat,; während sie kein Verständnis mehr für .die rBreiten indischen Massen, auch kein Verständnis für ’ die Ideale der "Jugend und deren Gemütsverfassung besitzt, während die heutige Orthodoxie nur eine geringe Vorstellung von den großen Gefahren, die sie umgeben, sich macht und' nur auf Wunder spekuliert, während endlich die heutige Orthodoxie außerhalb des Lebens steht, das Volk mißachtet und nur noch an dem Buchstaben der Thora klebt und nur noch eine Partei innerhalb der Jüdenheit ausmacht, —; ist der Misrachi einsichtig, weitschauend, weltgewandt, den Geist der Thora durchschauend, demokratisch und volkstümlich. - Es ist kein''Zufall, daß der Misrachi-Ku-s gleich national und religiös, aber die : übrige Orthodoxie, — in: Gegensatz zu den Tanaim und Amoranü, den Koryphäen des Talmuds, sowie zu den Gaonim und den großen Rabbincn der späteren Jahrhunderte — nur noch religiös ist. Männer, die außerhalb des Lebens stehen, sind taub für Impulse einer lebenden Mation; nnd nach und nach verlieren sie den Kontakt mit ihrem Volke und werden unvölkisch, antina- . tionäl. Braucht aber erst gesagt zu werden, haß v eine stärrgewordcne, abscitsstehende Orthodoxie keiner großen Zukunft entgegengchen kann? Dies erkannte selbst aus der 'Mitte der abseits stehenden Orthodoxie eine kleine Schar moderner und daher einsichtiger Männer, — und was taten sie? Anstatt:. Leben in die erstarrten Glieder der Orthodoxie cinzühauchen, anstatt den verlorenen Faden 'mit den breiten Massen hes Volkes - wieder auszusnchcn. begnügten sic sich, die starr ge wordenen Glieder untereinander zü verbinden und zu ordnen. Sie vergaßen, daß die Organisation allein nicht '' Großes z'ntagc zu fördern vermag, sondern dies nur r bie leb elt bi g en Kräfte, die ihr innewohnen, ' zu tun vermögen. llnd der Misrachi? Hi' ihm, der eine lebenjbige, demokratische Organisation bildet, haben sich alle Orthodoxe, die den Zusammenhang Mit der breiten 'Masse des jüdischen Volkes äusrecht zu halten vermocht batten,' zNlammengefunden, und als Männer des Lehens haben sie sich bald' in die nationale zionistische Organisation eingereiht. Anfangs stieß der Misrachi auf kleine Hemmungen,'d'a starre Elemente seine normale Entwicklung störten; allein seit der Ausscheidung jener Männer entwickelt sich der Misrachi normal und erfährt trok der Anfeindungen seitens der weltfremden Orthodoxen — eine immerwährende Ausdehnung. Wie man uns aus Amerika berichtet, ninftnt die Ausbreitung des Misrachi Amerikas große Dimensionen an. In allen größeren jüdischen Zentren haben sich stärke,'. kapitalkräftige Misrächigruppep gebildet, welche eine tatkräftige Unterstützung seitens der dortigen orthodoxen Rabbonim erfahren.: Die Orthodoxie Amerikas, die weltgewandter als die Europas ist, kam zu der Einsicht, daß dem anterikanischen traditionellen Judentum Nur durch eine national-traditionelle 'Institution wie der Misrachi geholfen werden kann— jst doch den nationalistischen, Praktischen Amerikanern anders als durch nationale Motive die Tradition nicht beizubringen! Allerdings müssen die großen Erfolge des Misrachi in Amerika viel auf das Konto des tüchtigen Generalsekretärs M. Berlin, der 5 Monate in Amerika znbrachte und nicht nur .alle jüd. Zentren aufsuchte, .sondern auch einen imposanten Misrachi-Kongreß 'arrangierte,' gebücht werden; — doch wäre nicht der Boden für die Entfaltung des Misrachi gegeben, der kluge Parteisekretär.allein würde das Werk bei all seiner großen Gewandtheit nicht bewirkt haben können. . Ist nun Amerika das einzige Land, wo der '• Misrachi weite Wurzel schlagen kann? Bei weitem nicht! Jeder Boden, jedes Land ist für die Ausdehnung des Misrachi günstig. Es ist nur eine Frage, der Zeit: früher oder später— ohne zu prophezeien — wird überall' ein starker Misrachi kommen! Amerika hat vor den übrigen Ländern einen Vorsprung, sofern jene Orthodoxie durch die " dortigen Verhältnisse reicher an Erfahrung als die Orthodoxie anderer Länder ist, allein diese Erfahrung wird sich nach und nach auch bei den anderen Orthodoxen einstellen,'und' dann werden auch die anderen, jetzt ’ antinationälen Orthodoxen, selbst gemäßigte Mchtorthvdoxe, ' sich dem Misrachi zuwenden. Uns dünkt: der Misrachi geht einer großen Zukunft entgegen! Aus de« Ereignisse« des Tages. 1. Zum Leipziger Delegiertet«»« der deutschen Zionisten. Am 22. JuNi findet in Leipzig der Delegicrtentaq der Zionistischen Vereinig n n g f ü r Deutschland statt. Die zwei Jahre, die seit dem letzten Posener Delegiertentäg verstrichen sind, waren für die Entwicklung des Zionismus in Deutschland sehr bedeutsam und ereignisreich gewesen. Die zwei Jahre Waren fast ganzvon heftigem Kampf aüsgefüllt gewesen: Erst die bekannte Resolution des Zentralvereins und der sich daraus ergebende' Kampf gegen diese große Organisation, die hieran sich anschließende Gründung des Antizionistischen Komitees, dann der Sprachenstreit mit dem Kämpfgegen den „Hilfsverein .der deutschen Juden" und endlich als Folge des letzteren und als Abschluß des Ganzen die bekannte antizionistische Erklärung in den deutschen -Tageszeitungen. Wenn der Delegiertentag auf diese Kämpfe und ihr Ergebnis zurückblicken wird, so wird er gewiß alte Ärsache haben, mit dem Fazit zufrieden zu sein. Diese ununterbrochene Reihe heftigster Kämpfe gegen die zwei größten, bedeütsämsten und mächtigsten jüdischen "Organisationen Deutschlands bedeutete für den deutschen Zionismus eine Feuerprobe; und er kann beute) ohne Selbstlob und' Uebertteibung, ruhig' konstatieren, daß er diefe Feuerprobe glänzend' bestanden' bat. Nicht nur haben alle Angriffe seitens der führenden Kreise der Assimilation es nicht vermocht, ihm! irgendwelchen Schaden züzufügen, er-ist'aus ihnen sogar verstärkt hervorgegangeN; ja, hat in den letzten Kämpfen zweifellos den Sieg errungen, und steht heute mächtigergeschloffener und imponierender da als je. Zwar ist rein numerisch kein bedeutsamer Zuwachs eingetreteü; aber schon allein die Tatsache, daß alle Angriffe ihm keine Anhänger entführen konnten, bedeutet einen großen Erfolg; und außerdem: in diesen zwei Jahren hat der deutsche Zionismus, bewiesen, daß er keine Organisation wie andere jüdische Organisationen ist, deren Mitglieder lediglich ihren Beitrag b^ahlen und sonst alles andere der kleinen Schar von Leuten überlassen, die an der Spitze stehen, sondern daß seine Anhänger begeisterte Mitkämpfer sind, daß er, was die Begeisterung rmd die Aufopferungsfähigkeit seiner Mitglieder betrifft, zweifelsohne die stärkste aller jüdischen Organisationen Deutschlands ist. Wie stark der Zionismus in Deutschland ist, ersieht man besser als aus allem anderen aus dem Verhalten der Gegner. 'Niemals' noch haben sich die Führer der' Assimilation aufgeregter, wütender und damit unvernünftiger geriert als in diesen letzten zwei Jahren. Niemals wurde gegen den Zionismus mit solchem Fanatismus, mit solch mlfairen Mitteln, mit solch innerer Wut gekämpft als in den letzten Fehden. Und gerade dasbeweist, wie stark der Zionismus in Deutschland-bereits ist.' Denn — es ist eine alte Regel — man schimpft nur ans etwas, das Man fürchtet; Zorn und Wut sind stets Symptome eines inneren Schwächebewußtseins. Es gab eine Zeit, wo man dem "Zionismus, unfaire Agitation vorwars. Heute wird man kaum bestreiten können, daß in den letzten Kämpfen die Kampfmittel des Zionismus ungleich lauterer und vornehmer waren als die ihrer Gegner. Ans nichts kann der deutsche Zionismus - -stolzer sein als auf das berühmte antizionistische Inserat. Wenn der Gegner bereits zü solchen Mitteln seine Zuflucht nehmen muß, , dann ist der Anfang vom Ende wirklich schon da. Mer neben dem mlßeren Wachstum durch die Steigerung der Disziplin und Organisation ist auch der. deutsche Zionismus, seit dem letzten Posener Delegiertentag innerlich weitergekommen, Schon vor .dem Posener Delegiertentag hatte - die. Vertiefung innerhalb des Zionismus in Deutschland nach der einen Richtung hin eingesetzt:. nach derjenigen des nationalen Bewußt s e i n s. Dieser Vertiefungsprozeß hat in den letzten zwei Jahren starke Fortschritte, gemacht. Der nationale Gedanke in all .seinen Konsecinenzen und Postulaten ist seitdem im deutschen/Zionismus zur -unbedingten Herrschaft gelängt, und . sowohl die -innere Arbeit wie die äußere Propaganda stehen ganz unter dem. Zeichen der nationalen Idee. .Wer lauf dem Posener Delegiertentäg machten sich auch schon die ersten Anzeichen einer Vertiefung und Höherentwicklung des Zionismus nach , einer anderen Richtung hin bemerkbar. Der palästinensische Gedanke, der bisher innerhalb der . zionistischen Rechten in Deutschland wenig Geltung besessen hatte, beaann. Wurzel zu schlagen, und die. Annahme der , bekannten. Resolution. die. jeden deutschen Zionisten verpflichtet. sich reale Lebensinteressen in Palästina zu schaffen, bat den Beginn dieser Entwicklung deutlich zum Ausdruck gebracht. Auch, dieser Prozeß' bat seitdem stark Um sich gegriffen. Die Einrichtung der alljährlichen Wanderfabrten junger jüdischer Turner und Studenten nach Palästina, der immer stärker aukkonttnende Wimsch vieler Zionisten, selbst nach Palästina hinüberzusabren und die Beginne des Neujüdischen Lebens dort mit eigenen