Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 22 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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(Bon.unserem Berichterstatter.) Konstantinopel, Ende Mai. . Der amerikanische Botschafter Henri Morgenthau, der schon während der verhältnismäßig kurzen Zeit seines bisherigen Aufenthaltes in unserer Stadt so viel warmes Interesse für alles Jüdische bekundet 'hat, ist dieser Tage von seiner Reise in Aegypten und Palästina zurückgekehrt, und ich nahm die Gelegenheit wahr, ihn zu interviewen. „Ich wollte aus eigener'Anschauung" — begann, der. Botschafter — „den wahren Stand der anierikänischen Institutionen in Shrien rmd Palästina, ihre Vorsteher und Verwalter kennen lernen. Alsdann hegte, ich noch in Amerika den Wunsch, das heilige Land zu besuchen) unsere alten historischen Denkwürdigkeiten zu besichtigen und mich auch mit der neuen jüdischen Siedelung in Palästina vertraut zu machen." — „Und welchen Eindruck hak' nun auf Ihre Exzellenz dieser sogenannte Reue Jischuw gemacht?" — „Den tiefsten Eindruck haben dort auf mich jene umgewandelten JMen, wenn ich mich so ausdrücken darf,- gemacht. Ich war in Tel- Awiw, Petach-Tikwah, Kinnereth, Sichron-Jäkob, in der jüdisch-amerikanischen.Kolonie „Poriah" usw., und überall sah ich stolze, freie, zufriedene Gesichter. Nichts von jener Unterwürfigkeit und Gedrücktheit, .'keine Spur von jenem gebeugten Rucken, von jenem unsicheren Blick, nichts Kriecherisches, Knechtisches, aber auch nichts von jenem Protzigen, Aufdringlichen, Vorlauten und dadurch auch Abstoßenden. Diese sind ja auch 'die zur Genüge bekannten Eigenschaften,, welche .die beiden hauptsächlichsten.Golus-Typen so kennzeichnen, und die -das traurige Produkt eines-jahrhundertelangen Ghettolebens sind. Hier stäupen schon vor mir Männer, denen man es leicht an sehen konnte, daß es U^rten an Selbstbewußtsein und Selbstachtung, was 'schließlich auch bei dem/Nachbar Respekt und vielleicht auch Liebe Hervorrufen muß, nicht fehlt: Männer, die an sich selbst) und an die Zukunft glauben. ' ' | Ich sah dort. Frauen und Mädchen bei der Arbeit im Felde und. .im Garten wie auch beim . ..... Tanz. Man wird kaum glauben; wollen, daß. es dieselben 'Frauen und Mädchen sind, die noch vor ^garkurzer Zeit dort „in der Heimat" gebeugt vor/der Nähmaschine hockten, oder daß es Studentinnen, Kurfürstinnen sind, die dort säßen und fleißig in Büchern grübelten. Ganz andere Gesichtszuge, eine ganz andere Figur, und auch" ein ' ganz, anderes Benehmen! . Unwillkürlich denkt man /da an; jenen befreiten Vogel, der, sobald er.aus.' seinem engen Käfig hinaus ist, empor in die reine Luft von Wald und Feld, sich schwingt,- . wo,? er seine munteren, fröhlichen Lieder anstimmt. .; , Die Regierungsvertreter, wie „Balis", „Mütessarifs", Richter) nsw.. haben, mir auch einstimmig erklärt, sie hätten an den jüdischen Kolonisten Nichts, auszusetzen, da diese fast, niemals zu irgend einer Klage Anlaß geben. Das ganze Kolonisationswerk hat nach meiner Meinung zweierlei Bedeutung. Vor allem wird es ja/ einem ganz großen Teile des jüdischen Volkes-, eine ruhige, sichere Heimat bieten, wo hunderttausende Juden hauptsächlich als Landwirte ein ruhiges, glückliches Leben werden führen können,. Zweitens /aber wird es>' . weNw nun einmal der große, vollständige Erfolg des Kolonisationswerkes kommt, viel leichter sein, auch in anderen Ländern, so z. B. iijt Mord- und Südamerika, wo die wirtschaftlichen 'Bedingungen bedeutend günstiger sind als in Palästina mit seinem flauen Absatzmarkt, wie es die in jeder Hinsicht zurückgebliebenen oder sehr wenig entwickelten Nachbarländer sind, groß angelegte jüdische Siedlungen zu gründen und auszubauen. Ueberhanpt wird dann der Jude im allgemeinen mehr Achtung und Vertrauen gewonnen Haben und wird der jüdische Einwanderer überall eine viel bessere Aufnahme finden. Gewiß, das ist nicht eine Sache, die über Nacht entsteht; aber", ineinte Herr Morgenthan in einem festen, hoffnungsvollen Ton, „wir warten ja schon seit zwei Jahrtausenden, da. werden wir schon sicherlich noch einige Jahrzehnte ausharrcn können." . „Und welchen Eindruck hat auf Ihre Exzellenz das alte Jerusalem gemacht?" — „Jerusalem fehlt es an einem Führer, an einer zentralen Autorität, die.auf alle die zersplitterten großen ünd kleinen Gemeinden, auf all die verschiedenartigen Teile der dortigen jüdischen Bevölkerung Einfluß haben soll, sie zu einer einzigen, großen, einheitlich organisierten Gemeinde vereinigen und nach außen hin der allgemein bevollmächtigte Vertreter und Wahrer ihrer Interessensein soll." — „Wie fanden Sie, Herr Botschafter, das geistig-kulturelle- Leben in Palästina? — Haben Sie die hebräischen Schulen besichtigt?" — „Ja, alle. Und was nrich da am meisten ergriffen hat, das ist die mächtige Begeisterung für die hebräische Sprache, für die hebräische Kultur, für das Judentum im allgemeinen. Da war ich z. B. in Beyruth, wo ich einige Stunden im Kreise des jüdischen Studentenvereins „Kadimah" verbrachte. Was für ein Feuer, welch glühende Liebe 'zum Volk und zum Lande, ujnd welch fester, entschlossener Wille, dem Judentum zu dienen und für dessen Hebung und Fortschritt zu arbeiten! O, diese Jugend wird schon etwas Positives schaffen. Solch eine Begeisterung muß zu positiven Resultaten führen. Ja, ich habe über diese Sachen nachgedacht. Die Reformjuden bei uns in Amerika sind leider sehr schlecht unterrichtet. Sie wissen nicht, daß es schon heutzutage eine junge Generation gibt, welche bereit ist, sich von allen möglichen persönlichen Vorteilen in den Diaspora-Ländern loszusagen. und, ihrem Idealismus folgend, nach Palästina zu gehen, um dort an der' Befreiung des Volkes mitzu- . arbeiten." . „Gestatten Sie, Exzellenz) nur noch eine Frage. Weine Leser wird es zweifellos aufs höchste interessieren, zu erfahren, was Sie jetzt zu Gunsten Palästinas zu unternehmen gedenken. Würde ich die Ehre haben, daß Sie mir einiges darüber Mitteilen?" — „Ich will für Palästina tun, was sich nur tun läßt. Meine Arbeit wird jedoch mehr auf diplomatischem Gebiete liegen. Dieser Umstand aber schließt ' schon schlechterdings einen von vornherein festgelegten, unverrückbaren Arbeitsplan aus, ltod) weniger aber könnte ich mit meinem Plan die Oeffentlichkeit bekannt machen. . . . Ich kann Ihnen nur so viel sagen, daß ich es nie versäumen werde, meinen. Einfluß,- wann und wo es immer erforderlich sein sollte, geltend zu . machen. Einstweilen will. ich die Sachen ganz gründlich studieren.Jch laffe' mir auch daher von Seiten - "■■■ ~. ' 1 ' ' . " / der Regierungsautoritäten in Palästina sowohl als J auch von Seiten jüdWer kompetenter Kreise viel statistisches Material über alle Zweige, der jüdischen Siedelung im heiligen Lande wie. auch ausführliche / Berichte über das gegenseitige Berhäftnis zwischen! Juden und Araber zukommen. Diese meine Reise /< war der erste Schritt, um die Sachen näher kennen b zu lernen. K Sie können noch Ihren Lesern mitteilen, daß - ans das Verwenden von Herrn Oberrabbiner Stephan -/ Wise (der vor ungefähr einem halben Jahre Palästrna besucht hat und voll Begeisterung für Erez- Israel zurückgekommen ist. M. L.) in etwa ein - [. bis zwei Monaten sich eine Kommission, bestehend / aus drei bis fünf Mitgliedern,.nach Palästina bei geben wird, die an Ort und Stelle die ältere und | jüngere Siedelung studieren soll, und deren Bericht | dann als Richtschnur für Unternehmungen zugunsten ü des Heiligen Landes dienen wird." . | M. Lewanon- I Aus de« Ereignisse« des Tages- | Zur Tagung der „Gesellschaft zur Fördern»» der Wißen» f schaft de- Judentums., | In diesen Tagen hat die „Gesellschaft f znr .Förderung. der Wissenschaft des | Judentums" in unserer Heimatstadt eine I Tagung abgehalten. Sie hat dabei die Gelegenheit I ergriffen, in einer öffentlichen Versammlung durch J emen Mann von der Bedeutung Profeffor Gntt- I manns die Ziele und Aufgaben der Gesellschaft « darlegen zu laufen, rmd hat so der Frankfurter Juden-» | heit die. Gelegenheit gegeben, sich über das Pro- | gramm und die Bedeutung dieser Organisation zu orientieren. § Mam imiß, will Man sich über die umsaffenden | Aufgaben der „Gesellschaft zur Förderung der | Wissenschaft des Judentums" klar werden, sich zu- § nächst einmal die historische Bedeutung vor klugen j führen, die die Wissenschaft des Juden-; t u m s für die moderne Jüdenheit besitzt. Wer die j Geschichte des deutschen Judentums im 18. Jahr- . hundert kennt, weiß, daß die Begründung der Wissen- . J schaft des Judentums durch Zunz, Sachs, Grätz u. a. j eine — in .jener Zeit gewiß die stärkste — Reakk tion darstellte gegen den immer verheerender um ] sich greifenden Abfall vom Judentum. Mit Hilfe / der neuen Wissenschaft des Judentums wollten ihre Begründer den Sinn der Inden für . ihre I große geschichtliche Vergangenheit erwecken, ihnen s durch die Darstellung der ruhmvollen jüdischen j Geschichte den Stolz auf ihr Judentum stärken, zu-? gleich aber auch das innerjüdische geistige Leben 1 neu anregen rmd 'beleben. j Diese inneren Entstehungsgründe der „Wissen-- i schaft des Judentums" bedingten es, daß ihr von - vornherein ein unwissenschaftlicher Zug anhastete, ] der noch besonders durch die apologetischen Absichten, die von ihren meisten Trägern verfolgt wurden, verstärkt wurde. Dieser Charakterzug - jedoch gereichte ihr keinesfalls zum Nachteil. / In wissenschaftlicher Hinsicht, in der allein er von einiger Gefahr war, hat er nicht geschadet; - dies beweisen die vielen großen wissenschaftlichen - Leistungen, auf die die Wissenschaft des Inden» s tums heute bereits znrückschauen kann. In jüdi-! scher Hinsicht aber beruhte in dieser ihrer ) Eigenart gerade ihre Besonderheit. Denn nur, weil dje Männer der „Wissenschaft des Judentums" nicht nur rückwärtsgewandte, der Gegenwart und ihren Nöten entrückte Gelehrte, sondern ta m