Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 21 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Bald st. 1891 iä eines; Grund-!ähe des j ■' ' A 71 Ul Willi» MJL UUO V Ulklinil lAvivli WP tltHJUUlflJUHJi® (9 UlllllltVlIUlUllVvi Heinrich Heines Briefwechsel.*) „Der neue Aemesche Briefwechsel wird kein Neudruck sein, der am Bestehenden nichts ändert, sondern er wird sich als ein von Grund aus umgeformtes Werk darstellen, in deni der Leser auf Schritt und Tritt Neuland betreten kann. Er wird die wichtige Erkenntnis schaffen, daß der Briefschreiber Heine bis jetzt nur eine sehr schlecht bekannte Persönlichkeit war, an die sich Jrrtümer — unbeabsichtigte und böswillige — in Hülle und Fülle geheftet hatten, Hie das Bild, das sie darstellen sollten, oft sehr. arg verzerrten und viele falsche Vorstellungen weckten." „Darüber ist längst Gewißheit geschaffen, daß wir ln des Dichters Briefen nicht selten die aufschlußreichsten Kommentare zu markanten Ereigniffen seines Lebens- und Dichterkampfes besitzen, daß sie in ihrem wogenden Auf und W von Stimmungen und Verstimmungen manches tiefe Dunkel erhellen und den freilich nur notdürftigen, aber doch sehr wichtigen Ersatz für den ungeheuren Verlust seiner Memoiren bilden. Sie ergeben, fortlaufend gelesen, eine Autobiographie von prickelndem Reiz, der um so einschmeichelnder wirkt, je weniger sich in den einzelnen Briefen die Absicht kundgibt, jemals weitere Publizität zu erlangen." „Wir haben keinen.Anlaß uns jedes seiner Werke (Prosaschristen und Gedichte) ästhetisch upd ethisch vollends zu freuen, und fragen uns oft sehr verwundert, wie sich Heine zu. seinen .oft unbegreiflichen literarischen Exzessen verleiten lassen konnte. Auf diese unabweisbare Frage geben seine Bviefe, wenn sie in die richtige Relation mit seinen Auffätzen und Gedichten gebracht werden, die aufschlußreichsten AusNmfte. Eine Verstimmung, die in dem Dichter infolge eines persönlichen Zerwürfnisses, infolge kritischer oder politischer Bexationen aufftieg, und worüber uns die Briefe immer wieder mit vollster.Klarheit unterrichten, konnte dieses so unendlich leicht erregbare Temperament zu den blasphemischsten Gedichten reizen. Der Zusammenhang ist psychologisch durchaus ..begreiflich, wenn er auch nicht immer sehr erfreulich ist. Wer darüber besteht kein Zweifel, daß Heine eine leider oft sehr ungezügelte Natur war, der nur selten in seinem Leben ein guter weiblicher Genius Einhalt gebot. Die drei Perioden seines Lebens, in denen er die milde lenkende Hand einer ihm geistig ebenbürtigen Frau verspürte,— Verkehr mit Rahel Barnhagen, Her Prinzessin Belgigoso und der Mouche — verraten nur allzu genau die ausgezeichnete Beanlagung unseres Dichters . . Die nun. mit der er sich fürs Leben verband, hat ihn am wenigsten verstanden und seine Liebe geistig doch. nur sehr wenig erwidert', und ihr wird man — das soll die genaue Briespüblikation immer wieder lehren — ein vollgerüttelt Maß von Schuld aufbürden müssen, da sie Heine von Fehlgängen nicht nur nicht abhielt, sondern ihn zu solchen immer wieder veranlaßte. Aus der Art, wie Heines Briefe bisher bekannt waren, ist das nun so recht ersichtlich geworden. Seine Fämiliepbriese, diese tief ergreifenden Rechenschaftsberichte, sind in unerhörtester Verstümmelung der Deffentlichkeit übergeben '.worden. Was nur im mindesten irgend einem Mitglieds der Heineschen Familie geschadet hatte, tilgte der Herausgeber, Heines Neffe, Baron Ludwig Emüden. So wurden sorgsam alle Klagen Heines über Mathilde entfernt, die der Dichter Nie anders als seine „Verbrengerin" nannte . * . Auch darüber wird der Briefwechsel Heines erschöpfende Auskünfte geben, daß der Dichter von seinem Verleger Campe mit wahrhaft kläglichen SuMmen abgelohnt wurde. Auch diese Briefe an den Hamburger Buchhändler waren bisher meist nur in dem für Campe günstigen Sinne bekannt, und was auf seine Gebarungsweise ein schiefes Licht hätte werfen können, wurde in den Briefen an ihn sorgsam ausgemerzt." Diese Stellen aus Hirths Einleitung zeigen be- , reits, was in den bisherigen Briefwechsä-Ausgaben und Biographien Heines gesündigt worden *) Heinrich Hein es Briefwechsel. Reichvermehrte Gesamtausgaöe auf Grundlage der Handschriften gesammelt, .eingeleitet und erläutert von Friedrich H ir t h. 50 Bilder UIU> 5 Faksimiles. 1 Bd., 644 Seiten. Geheftet 7 SKt,: Halbleder 10 Mk. München, Georg Müller. M ist, welche Bedeutung also die vorliegende neue Ausgabe beanspruchen darf. Gerade uns Juden muß jedes Näherkommen zur Aufhellung der so schwer verständlichen seelischen Koüstruktur dieses Sohnes unseres Stammes angenehm sein, denn in Heine lebte zuviel Jüdisches und der Haß gegen ihn gilt zum guten Teil dem Juden. ' Deutscher Wandervogel oder Jüdischer Wauderbuud. Die Erwiderung des Herrn Felix Meyer auf meinen unter der obige» Üeberschrist erschienene» Artikel nötigt mich, noch einmal in der Wandervogelsrage das Wort zu ergreifen. Herr M. hätte sich einen großen Teil seiner Ausführungen ersparen können, wenn er »leinen Artikel mit etwas weniger Voreingenommenheit durchgelcscu hätte. Denn in dem Wesentlichen, in dem was mein Artikel einzig und allein im Auge hatte, sind wir uns einig: Jüdische Wandcrvereinc leisten sür die jüdische Erziehung wertvollere Arbeit als der Deutsche Wandervogel. Um, mir aber entgegnen zu können, hat Herr M. mir zum größten Teil Absichten und Behauptungen untergeschoben, die ich überhaupt nicht geäußert habe. Es ist mir garnicht eingefallen, für eine bestimmte Richtung innerhalb der jüdischen Wanderbewegnug einzutretcn, meine Ausführungen galten der jüdische» Wanderbewegung überhaupt. Die Frage, ob sich die jüdische Jugend in neutralen oder nationaljüdischen Wandervereinen organisiere» solle, habe ich überhaupt nicht zur Diskussion gestellt, ihr kommt auch im gegenwärtigen Augenblick keine besondere praktische Bedeutung zu, zumal da es meines Erachtens verfehlt ist, die jüdische Parteizersplitterung in die -jüdische Jugend hineinzutragen. Hütte Herr M. meinen Artikel genauer durchgelescn, so hätte ihm folgender ungefähr wörtlicher Passus nicht entgehen können: „Die einzige Konsequenz, die man ans der Frankfurter Resolution ziehen kann, ist die Ausgestaltung der jüdischen Wandervereine, mögen sie aus neutralem oder nationalem Boden stehen." „Daß ich von „einer einseitigen Stellungnahme zugunsten der national-jüdischen Wanderbüude" frei bin, habe ich durch die Tat am besten dadurch bewiese», daß ich, obwohl ich persönlich Nationaljude bin, mich in einem jüdischen Wanderbund betätige, der einen neutralen Standpunkt einäiinmt. Ich freue inich, wenn die jüdische Jugend in jüdischen Wandervereinen ivandert, gleichviel auf welchem Booen sic ausgebaut sind; dagegen halte ich es für ein Ucbetz lveun Juden weiter im Wandervogel wandern. Die Stellungnahme des Zentralvereins ist aber. eine ganz andere. Er empfiehlt das Wcitcrblcibcn im Wandervogel, hält es sür ein unvermeidliches Nebel, wenn Juden'in neutralen Wandervercinen wandern, und bezeichnet die nationale» Wanderbüude — als das größte Nebel. Man mag zu der Frage „neutral oder national-jüdisch" die Stellung cimichmen, die man will, auf jeden Fall ist cs verfehlt, in einem Zeitpunkte, wo alle Juden sich zusamiuentun sollten, wieder einmal innere jüdische Differenzen in die Ocffentlichkcit zu zerren, anscheinend um nach außen hin eine empfehlende Visitenkarte abzugcben. Mich wundert es, daß Herr M., der wie ich jüdische Wandervereine für wertvoller hält, einen Austritt der Juden aus dem Wandervogel nicht sür geboten hält. Die Frankfurter Resolution ist doch — darüber sind sich ihre Autoren ganz klar — eine in eine gewisse höfliche Form gekleidete Absage an die Juden. Der Bundestag des Wandervogels ist die Vertretung des Gesamtwandcrvogels, eine jede einzelne Ortsgruppe, die nicht nach der Frankfurter Resolution aus dem Wandervogel austritt, beweist durch ihr Verbleiben, daß sie sich diesem Beschluß fügt. Abgesehen von dem von Herrn M. erwähnten Elsaß - Lothring'schen Fall, der mir bei Abfassung meines Artikels nicht bekannt war, ist kein solcher Anstritt aus dem Wandervogel erfolgt, und ich glaube auch nicht, daß ein solcher noch erfolgen wird, da derartige tatkräftige Proteste im allgemeinen ganz spontan vor sich gehen. Der Frankfurter Beschluß war auch keine llcberrumpelung, wie man gerne glauben machen inöchte; man wußte ganz genau, daß. die Judensrage i» Frankfurt a. O. zur Diskussion gestellt werde, und man hat auch jndischerseits vor der Tagung innerhalb des Wandervogels gegen eine antisemitische Stellmignahine gearbeitet. Ich denke nicht daran, wie Herr M. annimmt, zu behaupten, daß jeder einzelne im Wandervogel tätige Nichtjude Antisemit sei. Aber auf die Gefahr hin, „Unkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse" vorgeworfen zu bekommen, „wage" ich die Bchanptnng, daß die Mehrzahl der im Wandervogel organisierten Führer und Wanderer die intimere Beziehung Inden ablehnt. Diesen Eindruck haben mir natürlich nicht die Worte des antisemitischen Führers in der hiesigen Protestversammlung verschafft. Wohl aber gab mir die Tatsache zu denken, daß die in großer Anzahl erschienenen Wandervögel diesen Worten mit kräftigen Heilrusen zustiiniuten, und daß auf dieser Protestvcrsammlung niemand, der im Wandervogel selbst tätig ist, sich gegen die Frankfurter Resolution wandte. Mein Eindruck, daß die größere Mehrzahl der im Wandervogel organisierten Nichtjnden „instinktiv antisemitisch" ist, beruht auf Erfahrungen, die mir von Juden, die bisher im Wandervogel tätig gewesen sind, mitgeteilt worden sind, und diesen Eindruck muß ich behalten» solange ich nicht aus den einzelnen. Ortsgruppen des Deutschen Wandervogels nicht nur nichtssagende Worte - höre, sondern eine Tat sehe. Wir deutsche Juden sollen keine Bogelsträußpolitik treiben, und nicht so Um, als ob im Wandervögel nichts geschehen wäre, sondern >vir sollen im Interesse unserer jüdischen Jugend die Niederlage eingestehen» und aus der Frankfurter Resolution unsere Konsequenzen.ziehen. Daß diese Forderung von jüdischen Kreisen Deutschlands erhoben wird, denen man gewiß nicht den Vorwurf des nationaljüdischen Raditalismus machen kann, beweist ja a»r besten die Tatsache, daß der neutrale jüdische Jugenbund gleichfalls' für einen unbedingten 'Austritt der Inden aus' dem Deutschen Wandervogel sich ausgesprochen hat. Davon, daß ich mich, wie Herr M. leise andeutet, von irgend einem .„Parteiinteresse" leiten lasse — ich verstehe nicht, mit welchem Recht Herr M. diese Behauptung wagt — .kann daher keine Rede sein. . Hugo Wohlfarth. Aus aller Welt. Griechenland. Saloniki. Die Juden in den neugriechischen Gebiete» können ihres Lebens nicht froh werden. Tag um Tag müssen sie neue Beweise dafür erfahren, daß die Griechen entschlossen sind, die Juden aus ihren durch Jahrhunderte langer 'Arbeit erworbenen Positionen zu verdrängen. Das neueste Mittel hierzu ist, daß in allen Städten, wo der Handel zum großen Teile in jüdischen Händen liegt, die Wochenmürkte aus den Sabbat verlegt werden, in der sicheren Annahme, daß die Juden, welche hier noch sehr religiös sind, um Samstag keinen Handel treiben und dadurch ihre Kundschaft verlieren werden. Auf diese Weise sind die Juden von Floriana bereits vollständig ruiniert worden, da trotz aller möglichen Börstel-- langen und Interventionen der Wochenmarkt auf den Sabbat verlegt bleibt. Die griechische Regierung 'läßt auch darüber keinen Zweifel aufkommen, daß sie die Auswanderung der Juden aus diesen Gebieten gerne .sieht und hat denselben auch für den Fall der Answairderung die weitestgehenden Erleichterungen bei Beschaffung öer Pässe usw. zugesichert. Palästina. Jaffa. Hier besteht bekanntlich seit vielen Jahren eine vom Odessaer Palästinakomitee unterhaltene hebräische Mädchenbürgerschule. Nunmehr hat der Hilfsverein der deutschen Juden ebenfalls eine Mädchenschule eröffnet und, um für diese neue Anstalt Schülerinnen zu gewinnen, die oberen Klassen seiner Kindergärten geschlossen. Damit nun den Schülerinnen der Kindergärten, die die hebräische Mädchenschule besuchen wollen, die Möglichkeit hierzu geboten sei, hat der hebräische Lehrerverband der hebräischen Mädchenbürgerschule einen Borkurfus angegliedert. Uobnüngs-Einrieblungen ln kQnstlerlseft. laflassangE Verkauf von kunstgewerblichen Erzeugnissen. Antiquitäten. Friedrich Bernhard, Frankfurt 8. tt. _Tel. Hansa 5574. Böraanetraaaa 11._- Perronaue» u. Kleine Mitteilungen. Berlin. Oberbürgermeister Wermuth überreichte Geheimrat Cassel den Ehrenbürgerbrief. — Stadtrat Hermann Jacoby, Mitglied des Kollegiums der Aeltesten der Kaufmannschaft, ist verschieden. Belgard. Isidor Ledinstein, langjähriger 1. Borsteher der jüd. Gemeinde und der Chewra Kadischa, ist im 67. Lebensjahre verschieden. Heidelberg. Dr Emannel Leser, außerordeml. Professor der Nationalökonomie, verschied im 65. Lebenslahre. Mannheim. Kommerzienrat Lonis Hirsch, der frühere Seniorchef Und jetziger Vorsitzende des Anfsichtsrats der weltbekannten Großgetreidefirma Jacob Hirsch u. Söhne, verschied im Alter von 75 Jahren. 1860 ging er nach Oesterreich-Ungarn, von wo aus er die Getreideausfuhr nach Süddentschland, der Schweiz, und nach Frankreich leitete. 1867 siedelte er dauernd nach Mannheim über. Seit 1878 war er Mitglied der' Handelskammer, seit 1888 Mitglied und handelsstatistischer Berater des kaiserlichen statistischen Amtes in Berlin. Seit 1889 bekleidete er das Amt eines Handelsrichters. Hannover. Kommerzienrat Seligmann, Direktor der Continental - Caoutchouc-Gesellschaft, wurde zum Ge- Heimen Kommerzienrat ernannt. Hallstatt. Baruch Heymann Dukas feierte das 50jährige Jubiläum als Mitglied des Gemeinderats. Lauterbach i. LÄeuwalS. Isaak Schloß feierte in Gesundheit den 96. Geburtstag. ’ (L.) Posen. Gustav und Nosalie Goldschmidt erhielten anläßlich ihrer goldenen Hochzeit die Jubiläumsmedaille. — Bei der Automobil-Fernfahrt des Kaiserl. Automobil- Klubs errang Kaufmann I. P r i w i w den e r st e n P r e i.s. Zum Amtsrichter in Schrimm wurde Gerichtsassessor Dr. Marcus ernannt. (L.) Posen. Das A x t'sche Ehepaar feierte die goldene Hochzeit und Samuel Abraham den 80. Ge-, bnrtstag. — Die hiesige jüdische Gemeinde erlitt durch den Tod des Herrn Josef Pickavczyk einen schweren.Verlust. Sein hervorragendes jüdisches Wissen hat er stets bereitwilligst in den Dienst des Talmndvereins usw. - gestellt und sein gutes Herz hat sich häufig in der Linderung der Not betätigt. Langsdorf Mberhessen). Einen großen Verlast hat unsere Gemeinde zu beklagen- Starb doch am vergangenen BOasasmRKCSänK 48