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Neue jüdische Presse · 1914-05-22 · Heft 20 (22.5.1914) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 20 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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ieitftfle p ilt.%0 des fcimlifarfec lfmeCififdiea Jami[imi6 [attes. Zur Jndensrage. Petersburg. Die Züdenfrage wird von Tag zu Tag akuter. Jeder Tag bringt neue Beschränkungen und Maß--. regeln, die den einzigen. Zweck haben, den Juden das Leben unerträglich zu machen. Es ist das .beliebteste, einfachste Mittel,, sich lieb Kind bei der Regierung zu machen. Will ein Beamter Karriere machen, so mutz er bloß sich „an die Inden machen", lmc der klassische Ausdruck lautet. Und die Verwaltungsbeamten aller Kategorien zeigen eine loahrhafte Virtuosität auf diesem Gebiete. Nun hat die Regierung selbst einen neuen Feldzug gegen die Inden eröffnet, Und zwar auf dem wirtschaftlichen Gebiet. Das ist das „Programm" des neuen Ministers Bark. Wenn sonst alle" neuen Besen gut lehren, so bildet Bark eine Ausnahme. Seine Ministertätigkeit hat recht unglücklich begonnen. Er hat in der Duma ein Programm entwickelt, das alle verständigen.Menschen in RuUand stutzig machte. Leere Phraseologie, nichtssagende Floskeln, aufs Geradewohl zusammengeflickte Ziffern und — Potemkinsche Dörfer. Nun heißt es in seiner Rede, bas Ziel der Regierung bestehe darin, hie Genossenschaften auf dem Lande zu .fördern, die Schnapsbuden aber zu bekämpfen. Das klingt sehr schön, aber tver die Regierung am Werke sieht, wer da sieht, wie die.Genosfenschaftsbewegung unterdrückt, gedämpft, verfolgt wird, dein klingen die Worte des neuen Ministers wie ein schlechter Scherz. Aber — einen Clou hat Bark doch auf Lager — die Nationalisierung des Kandels, das heitzt - die Verdrängung der Juden aus dem Geschästsleben. Und wie soll dies zu erreichen sein? Auf eine ganz einfache Weise. Es sollen die anonymen Aktiengesellschaften verboten werden. Jede Llktie mutz eben den Namen des Inhabers tragen. Und damit die Juden nicht in den Besitz dieser Wien gelangen, so soll die Verfügung in Kraft treten, wonach Juden nur an solchen Aktiengesellschaften sich beteiligen dürfen, die über nicht mehr als 200 Detzjatinen Grund oder JNrmobilien verfügen. Mit anderen Worten: die JNdeN werden von sämtlichen grotzen GeschäftsunternehmiMgen ausgeschlossen. Diese Matzregel bedeutet natürlich einen Ruin der russischen Volkswirtschaft und des russischen Handels. Prof. Bernatzki hat im „Rutzkoje Slowo" sich dahin geäußert, daß in dem Augenblicke, wo dieses Regierungsprojekt Gesetz ivird, Rutzland in wirtschaftlicher Hinsicht auf viele Jahre hinaus zürückgeworfen wird. Aber was Mmmert die Regierung der. Volkswohlstand? Die Hauptsache ist, dem Juden am. Zeug zu flicken. ' In den fortschrittlichen russischen Kreisen ist man zur Erkenntnis gekommen, datz die russische Gesellschaft sich endlich einmal mit größerem Nachdruck der Judenfrage annehmen mutz. Dies war auch der Grund der .ungewöhnlichen, autzerordentlich packenden Rede, die der Abg. Nekrassow vor einigen Tagen über die JUdenfrage hielt. Besonders hinreißend war der Schluß der Rede, als er die JUden apostrophierte und ihnen die Sympathie und die Achtung des progressiven.russischen Volkes aussprach. Es war eine erschütternde Rede. Der Redner selbst war so stark ergriffen, daß er nach der Rede in 'Ohnmacht gefallen ist. Gewiß, tief empfundene Worte sind" doch!nur Worte, und den JUden wird wenig geholfen, aber diese Rede hat eine enorme Wichtigkeit für die russische Gesellschaft. Denn in den russischen Kreisen — sogar in den liberalen — hat sich allmählich die Ansicht festgesetzt, datz die JUden recht- und schutzlos sind und sein sollen, datz eine Verfassung sich ganz gut mit der Rechtlosigkeit der Juden verträgt. Mutz doch jede-Regel eine Ausnahme haben! Bei der Passivität des russischen Charakters ist eine solche Stimmung sehr gefährlich. Es war also ein Verdienst Nekrassows, die Jndensrage wieder ausgerollt .und in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt zu haben. NeuejudenseindttcheGesetzeiuRnmäuie«. Bukarest. Die Nationalliberalen in. Rumänien haben einen Gesetzentwurf vorbereitet,' demzufolge die Inden, künftig in Regiecnngs- und öffentlichen Schuten überhaupt nicht mehr ausgenommen werden sollen. Die Negierung ihrerseits steht im Begriff, in den Elementarschulen Lesebücher mit antisemitischem Inhalt einzuführen sowie das Schulgeld für jüdische Schüler zu erhöhen. Sogar die antisemitische,i Studenten.an der Universität Jassy haben ihre Mißbilligung über diese neuen judenfeindlichen Maßnahmen zum Ausdruck gebracht, die den Juden iur Auslände Anlaß böten, Rumänien in der Presse anzugreifcn. Amerika, das Laad der Berheitzaug. Wenn der Leser glauben sollte, das Frankfurter Israelitische Familienblatt sei über Nachts seiner Palästinaliebe untreu geworden, so irrt er. Daß,vir die Ueberschrift „Amerika, das Land der Verheißung" über diese Zeilen setzen, daran ist nur das Buch*) einer jungen russischen Jüdin schuld, der Amerika das Land .der Verheißung geworden ist. Mit dieser Tatsache hätten.wir schon die Tendenz des Buches festgestellt ,md seiner jüdischen Bewertung das Urteil gesprochen. Die Autorin meint zwar: „Mein Boot ist Wahrheit, und Tatsachen sind mein Leuchtfeuer mif hoher See". Doch der Jude, der in Palästina nicht mehr das Ideal des jüdischen ^Volkes fiehk, der hat das Band, das ihn mit den Generationen seiner Sippe bis in die Vergangenheit verbindet, brutal zerschnitten, — und der Bruch mit seiner angestammten Blutsgemeinschaft kann nie Wahrheit sein. N Eine subjektive Wahrheit freilich ist der Autorin zuzugestehen.. Sie sagt, was sie denkt. Und was sie denkt, verkündet sie recht offen bereits im Vorworte. Sie denkt: „Ich möchte vergessen, oftmals sehne ich mich danach. Ich glaube das Gestern völlig überwunden zu haben, ich habe alle seine Forderungen erfüllt, nun möchte ich endlich nur noch dem Heute angehören. Es schmerzt, sich immer zweier Welten bewußt sein zu müssen. Der Ahasver in mir sucht nach Vergessenkönnen. Ich fürchte nrich nicht davor, in alle Ewigkeit weiter leben zu müssen, wenn ich nur nicht zu viele Erinnerungen in mir trägen muß. Eine lange, allzu lebendige Vergangenheit gleicht dem schweren Gewand, das sich hindernd um die Glieder legt, wenn man laufen möchte. Ich habe Mich eines Zaubermittels entsonnen, das von dem' schweren Gewicht meiner hemmenden Vergangenheit zu befreien vermag. Ich folge dem Beispiele des „Ancient Mariner" in Coleridges Dichtung, der seine Geschichte erzählte, um ihrer ledig zu werden. Auch ich will meine Geschichte erzählen, ein für allemal, um ihr nie wieder lauschen zu müssen. Ich will. ein Mhnes „Ende" dahintersetzen, und das Buch nrit einem entschlossenen Ruck zuklappen." Und deshalb müssen wir das Buch lesen? — Ja, wir müssen es lesen, um ernst nachzudenken, wenn wir auch alts den Tatsachen, die die Autorin sprechen läßt) gerade zu bcu entgegengesetzten Schlußfolgerungen wie sie kommen. Wir müssen es lesen, denn es zeichnet mit meisterhafter Treue das jüdische Leben in der russischen Sklaverei und dann in der amerikanischen Freiheit. Dieses Leben ist der Uebergang von dem einen Extrem in das andere, von der einen Tragödie in die andere, nur daß eben die Tragödien ganz verschieden in ihrem Wesen .sind: im Lande, der Knechtschaft ist der Jirde ein geschlossener Mensch, der feine seelische Freiheit hat, die ihm angeborene Eigenart nach der Art der Vorfahren treu weitervererbt; im Lande der Freiheit vollzieht sich ein Bruch ‘mit seinem Wesen, das Suchen nach einer reinen seelischen Einheit, die.pie Verachtung des von den Vätern Vererbten zur Voraussetzung hat. Dort erleidet der äußere Mensch das herbste Geschick, hier der innere. *J Vom Ghetto ins Land derVerheißung, von Mary Antin. Autorisierte Uebersetzung von M. and W. Steindorff. 388 Seiten. 3. Auflage. Stuttgart, Rodert Lutz. Die Uebersetzung enthielt einen schwerwiegenden Fehler, indem die Mchtjuden (wahrscheinlich im Original „Gojim", zu Deutsch Mchtjuden) ständig „Ungläubige" genannt urerden. Wir Juden kennen die Ausdrücke „Gläubige" Mid „Ungläubige" überhaupt nicht. Auch heißt es nicht „die Cheder", sondern der oder das Cheder. Hören wir die ehemalige russische 'Jüdin stnd fetzige Amerikanerin Mary'Antin: „In Polotzk hatte man uns ändauernd erzogen, beaufsichtigt irnd unseren Tageslauf genau geregelt. In Amerika ließ mcnr uns plötzlich ungebunden auf die 'Straße. Warum? Die Eltern .besaßen keinen Glauben mehr, nach dem sie uns hätten eiziehen sollen; Vater hatte den seinen aufgegeben und Mutter war in denr ihrigen nicht mehr fest. So rasch läßt sich aber ein ethisches, von Religion rmabhäugiges- System nicht an seine Stelle setzen. Sie konnten uns Kindern nicht mehr den Grund daftir angeben, tvarlmr wir nicht lügen oder nicht schlecht sein sollten. Auf den anderen Gebieten der Erziehung tvar cs nicht anders: ein Chaos trat an die Stelle der strengen Ordnung; Unsicherheit und Inkonsequenz untergruben den früher starren Gehorsam. Meine Eltern wußten und tvünschten nur das eine, daß wir werden sollten wie die anderen amerikanischen Kinder. Da sie sahen, daß die Nachbarkinder schrankenlose Zweiheit hatten, gaben sie sie uns auch, ohne im mindesten daran zu zweifeln, daß die amerikanische Erziehungsmethode auch die beste sei. In allen Fragen der häuslichen, öffentlichen und gesellschaftlichen Etikette fehlte ihnen'der Matzstab, nach dem sie sich richten konnten. Amerika war ja nicht Polotzk. In ihrer Verwirrung und Unsicherheit mußten sie es uns Kindern überlassen, den Vorbildern zu folgen, die uns .ine Umgebung vor Augen stellte. Ja, mehr noch, sie mußten sogar von ihrer elterlichen Autorität herabsteigen und Lehren aus dem Munde der Kinder annehmen. Schließlich war dies doch für sie das einzige Mittel .zu erfahren, was in Amerika schicklich war und was nicht. Die Folge davon war eine Lockerung des Familienlebens, eine Umkehrung der normalen Verhältnisse, die zu: Spaltungen und nicht selten zu einer völligen Auflösung einer vorher glücklichen rmd harmonischen Gemeinschaft Uhren rann. Dieser traurige Zersetzungspr^eß läßt sich in den meisten Einwandererfamilien unseres Standes und unserer Traditionen und Ambitionen Nachweisen. Er ist ein Bestandteil des großen Amerikanisierungsprozesses, ein Sturm, der die Ruhe notwendig voraussetzen muß. Er ist das Kreuz, das die erste und auch noch die zweite Genera-- tion tragen muß, ihr unbewußtes Opfer an die kommenden Geschlechter. Die Schmerzen bei der Geburt sind nicht größer als diese Schmerzen. Wer ebenso wie eine Mutter die Qual der Wehen vergißt, wenn sie das Neugeborene an die.Brust drückt, vergißt auch der von Sorgen und Kummer gebeugte Einwanderer das Leid der Verbannung, das Heimweh, den Spott, den Verlust und die Entfremdung, wenn er seine Töchter und Söhne als Amerikaner unter Amerikanern wandeln sieht." Hnnderttarrsende jüdische Auswanderer des Ostens nach dem Lande der Freiheit haben.bei dem Betreten des Bodens Amerikas, als sei es das Natürlichste und Selbstverständlichste, die gleiche Umwandlung ihres Fchs vollzogen wie Mary Antin und ihre Eltern mid Geschwister. Da essich nicht um einzelne, vielmehr' um. Massen handeltso kann man nicht von Entartung sprechen, sondern es müssen zwingende, tiefere Ursachen vorhanden sein. Die Erklärung dieser Ursachen ist nicht schwer zu finden.. Die geregelte Gesetzmäßigkeit des Judentums, die die Menschlichkeit der Ostjuden .hochgehalten hat 'und sie nicht gleich den russischem Bauern zu vertierten Parias werden ließ, wird bei . dem Abwerfen der Fesseln des russischen Gefängnisses mitgerissen. Und daß dieses Mitreißen so gründlich, so radikal ist,. ist im Charakter des jüdischen Volkes .begründet. Wir Juden sind das Volk des Buches, und indem wir unsere Bücher aufgeben, müssen wir zur gleichen Zeit mit öerselben Inbrunst, die wir msseren Büchern widmeten, zu anderen Büchern greif en. So bleiben wir nicht auf halbem Wege steheM, schauen zurück — und kommen zur Selbstbesinnung. Denn nur etwas Selbstbesinnung,— und wir würden das Lächerliche eines Sprunges? einsehen, der unsere Werte, die unser Glück und -

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