Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 19 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M Nr 19 ( iestr. 21 Schluß der Jnseraten-Anuahme für die uiichftiderei wöchentliche Nummer Mittwoch Vormittag. -rgeii, » um ihi so gut« ims Gc! Deutscher Wandervogel oder Jüdischer Wanderbuud. tussts auj denn all cs gerai >cn intmo cuhc uni r sich »geduldig, ch inge von el gegan »ts, aber cher, unt welle beich mußt, kann sein, soll seiiikMai 're gcqui } eiftlasse» ich kam illcs klm ns erreg! ie Ganz» »nlich cmtattc, abi s glaubt, lach fciim nilicnstrci Dutzend war a war söge ihni ins Der Mangel an Offenheit, der aus den antijemiischeu Frankfurter Beschlüssen des deutschen Wandervogels pricht, scheint gerade aus diejenigen jüdischen Kreise -cutschlands ansteckend gewirkt zn haben, die cs sich iur Zlnfgabe gemacht haben, den Antisemitismus zu beimpfen. Wenigstens besteht rein äußerlich eine gewisse 'lchiilichkeit zwischen den Beschlüssen des Wandervogels imb der in den verschiedenen Tageszeitungen erschienenen tzcrösfciitlichinig, in der der Zcntralverein deutscher Staatsbürger jüdische» Glaubens zn der Wandervogelfrage telliittg genommen hat. In beide» Erklärungen fehlt ne entschiedene klare Stellungnahme. Der Zentralvcrein cutschcr Staatsbürger jüdischen Glaubens hält einen Ausritt aller Inden ans den Wandervogelvereincn nicht ür geboten, ciiipsiehlt im allerhöchsten Notfälle die Laiiderriegcn der neutralen Jiigeiidvercinc und schließt ,,it einem in diesem Augenblick wirklich unangebrachten -eitenhicb gegen die national-jüdischen Wanderbünde, rincm jeden Einsichtigen, der zwischen den Zeilen zn csc» versteht, muß sich die Ueberzeugung ausdrängen: »er Zcntralverein empfiehlt das Bleiben der jüdischen jiigend im Wandervogel. Es mag fraglich sein, ob es Inkcnntnis der tatsächlichen Verhältnisse, traurige Rück- ,ratlosigkeit oder brutaler Egoismus ist, was diesen Bechluß veranlaßt hat. Ans jeden Fall kann man sich ingesichts dieser Haltung eines gewissen Gesühls der Beläiiiung nicht erwehren. Man hätte erwarten sollen, si die deutsche Judciihcit eininütig eine entschiedene llntwort auf die antisemitischen Auslassungen des Manderwgcls geben werde; und was ist erfolgt? Die deutsche zndcnheit bietet einmal wieder ein Schauspiel trauriger tzartcizerklüftuiig und innerer Halbheit und läßt es höchstens inmal zu einem lauen Protest koinmen. voi G Sm die fugend. 0 ii&eltc uni tc, platzt» der te i> sei niii it ihm in Dn öcrg.fiCii, hast i'cp - Du hoWii, d. -ssen, zesprochen, ck vcrgitztHr sei Dank, »was vcrnd Liiiwn uber fe i bald toiiren, njtii roch einig beruhige» gte er un! alage rankfnrt). i jährlich) rnrelnl* upf. | ir$afdu!i0pu aus JMßrC uuif föaCmuiL Bon M. Pulvermann. Kaiser u n d R a b b i. „Du wirst doch von alle» Menschen als Weiser >crühmt," sprach der römische Kaiser Trajan zu Rabbi zchuda, „aber was Du mir bisher von Eurer Relizion gesagt hast, das scheint mir nur Ammenmärchen u sein. Wie ist es möglich, daß Dein Gott noch nächtiger sein sollte als selbst Mars und Jupiter! ich will Dir glauben, wenn Du mich seine Geialt sehen lassen kannst. Ich traue nur meinen eigeicn Augen." Hohnlachend hatte der Gewaltige gesprochen, vor »essen Thron die halbe Welt in Anbetung lag und- >er keinen andern Gott kannte als — sich selbst. „Der Gott unserer Väter," erwiderte Rabbi Jehuda, „ist für das menschliche Auge unsichtbar, denn er ist» icht durch eine körperliche Hülle beschränkt. Aber er ist sichtbar in seiner Allmacht, wenn die Elemente auf fein Geheiß ihre Kräfte entfalten; er ist wahrnehmbar »t seiner Gerechtigkeit, wenn der Donner als Warnung, feines Strafgerichtes über die Erde grollt, und er ist kennbar in seiner Barmherzigkeit, wenn Tal und Hügel! wrch seinen Sonnenschein jauchzen, durch seinen Regen. fich erquicken." „Dn träumst wohl, Alter," sprach der Kaiser voller 2pott. „Welche Phantasien schwirren in Deinem Ge-- )irn herum? Wie soll ich einen Gott verehren, dem ich nicht fassen kann? Oder soll ich vor dem Donnen »ncderlnien, vor dcnr Winde mich beugen?" „Nun," erwiderte da der Rabbi, „kannst Du auch» >cn einzigen Gott nicht sehen, so will ich Dir wcnig-- stcns einen seiner Diener zeigen, der täglich von' den. öimmelshöhen zu den Menschen niedersteigt." Durch die rvciten, goldstrotzenden Gemächer des- Palastes fiihrte der Rabbi den Ungläubigen, bis sie ins Freie gelangten, wo des.Himmels blauer Saphir,- einer Kuppel gleich, über die Erde sich wölbte. Sie stiegen einen Turm empor, sodaß Wiesen, Felder und Weingärten, zn ihren Füßen ausgebreitet lagen, alles von dem gewaltigen Kapitol überragt. Im Westen hatte der Himmel eine PurpurhUle angelegt, von violetten Streifen um-- säumt und durchbrochen. Wie ein Monarch auf seiupm: Ruhebett lag der Sonnenball auf den Hügeln, während - silberweiße Wölkchen ein herrliches Baldachin bildeten/ mit Säulen aus Diamanten und Gehängen aus Gold. Mit einer stolzen .Handbewegung deutete der Rabbi »ach der Feuerkugel am Himmel und rief: „Siehe dort: einen der Myriaden Boten Gottes, der auf sein Geheiß - täglich am Morgen erscheint und am Abend wieder vergeht, ohne in all den Taufenden von Jahren von Die heutige Wanderbewegung ist in allererster Lime im Interesse der Jugend geschaffen worden. Gutorganisierte Jugendwanderungen sind nicht nur wertvoll für die körperliche Ertüchtigung der Jugend, sie haben auch einen ungemeinen erzieherischen und moralischen Wert. Sic bilden ein gesundes Gegengewicht gegen den uitgesundett Materialismus und gegen den unfruchtbaren Intellektualismus, in den gerade unsere jüdische Grotzstadtjugeiid so leicht zu versinken droht. Das, was neben der straffen Disziplinierung die Wanderbewegung so sympathisch macht, ist das Moment der Lebensbejahung, das ans ihr spricht, ist der ungetrübte Naturgenuß, die Freude am Einfachen und Ungelünstelten, die Begeisterungsfähigkeit, zn der sie führt. Für die Stellungnahme der deutschen Inden gegenüber den Beschlüssen des Wandervogels kann und darf daher nur das Interesse der jüdischen Jugend maßgebend sein. Ist der erzieherische Wert der Jugendwandcrungen durch ein Verbleiben der jüdischen Jugend im Wandervogel gefährdet, so ist die einzige Konsequenz der Austritt aus ihm; ist er es nicht, so ließe sich ei« Verbleiben der jüdischen Jugend im Wandervogel vielleicht rechtfertigen. Von diesen: Standpunkt ans betrachtet ist die Forderung, die jüdische Jugend solle im Wandervogel bleiben und in ihm den Kampf gegen den Antisemitismus sühren, ein Verbrechen an unserer jüdischen Jugend. Man will junge Leute im Alter von 16—18 Jahre» als Vorspann benutzen in einem Kampfe, der sogar auf robustere Naturen demoralisierend wirkt. Nach den Frankfurter Beschlüssen kann die jüdische Jugend, die noch im Wandervogel bleibt, das Gefühl nicht los werden, daß sie einem feindlichen Lager gegenüber steht und daß sie sich in einem Kampfe um eine erschütterte Stellung besindct. Dies Gefühl und das unatisbleiblichc Bewußtsein der Unsicherheit muß ihr die Freude an den gemeinsamen Fahrten mit Nichtjudcn innerhalb des Wandervogels vergiften. Man erkundige sich.nur bei jüdischen Wanderern im deutschen Wandervogel, und man wird von ihnen in den meisten Fällen die Antwort erhalten, daß sie sich schon seit einiger Zeit im Wandervogel nicht mehr wohl gefühlt haben. Raubt man aber der jüdischen Jugend der vorgeschriebenen Bahn auch nur um Haaresbreite abwcichen zu dürfen. Sieh Dir ihn genau an." „Die Sonne genau ansehen, um nach wenigen Sekunden geblendet das Auge schließen zu müssen!" rief der Kaiser. „Wohlan," sagte der Rabbi lächelnd, „Deine Augen vermögen nicht einmal diese himmlische Erscheinung zu schauen, wie willst Dn Dich erkühnen, das Wesen zu sehen, das noch unzählige andere solcher Geschöpfe ins Dasein rief!" Trajan ließ den Kopf sinken und kehrte schweigend in seine Gemächer zurück. Gottes Fügungen sind zum Guten. Rabbi Nahum wurde seiner Frömmigkeit und seiner Tugend wegen gehaßt und verfolgt, sodaß er Haus und Heimat verlassen mußte. Still und ergeben ergriff er den Wanderstab, um sich eine neue Heimat zu suchen. Doch kein böser Gedanke üher die Hartherzigkeit seiner Feinde beschwerte seine Seele, und so groß sein Leid auch mar, er sprach dennoch voller Demut: „Alles. >vas der Herr tut, ist zum Guten". Von seinen Besitztümern konnte er nichts ^nit sich nehmen, nur einen Esel, der seine wenige Habe trug, einen treuen Hund, der ihm nachgetaufen war, und eine > kleine Oellampc, um auch zur Nachtzeit im heiligen I Büche lesen zu können. Das war sein Reichtum, sein ganzer Besitzstand. Nach einer langen und mühseligen Wanderung gelangte er eines Abends in eine Stadt, wo er. ein bescheidenes Lager und ein spärliches Nachtmahl zu finden hoffte. Aber er wurde in seiner Hoffnung arg getäuscht. Ueberall ivurde er schnöde abgewiesen und mit kaltherzigen Worten vertrieben, sodaß ihm nichts weiter übrig blieb, als im Walde sein Nachtlager auszuschlagen. Das Herz war ihm sehr schwer, aber er sprach: „Gottes Fügungen, sind voller Weisheit und gewiß auch zu meinem Guten!" Er scharrte ein Häuflein dürres Laub zusammen, zündete die Lampe an und schickte sich gerade an, das Gotteswort zu lesen, als plötzlich ein Wnd sich erhob, der das schwache Licht ausblies, sodaß undurchdringliche Finsternis den Rabbi nnrgab. „Das ist sehr betrübend," murmelte er, „ich kann es kaum über mich -gewinnen, mich zur Ruhe zn belgeben, ohne mich vorher durch das Gotteswort erquickt zu haben. Doch Gott ist gut, und es ist gewiß zn meinem Heile!" Er versuchte nun einzuschlasen, gleich unserem Erzwater Jakob das Haupt auf einen Stein gebettet, den treuen Hund an seiner Seite, um wenigstens einen schwachen Schutz gegen einen nächtlichen Ueberfall zu haben. Kaum aber hatte er diesen Gedanken ausgedacht, -als ein Tiger sich heranschlich, dem das treue Tier! bald zum Opfer fiel. das Gefühl des Wohlbefindens und der Freude auf den Wanderungen, dann ist der ganze erzieherische Wert der Wanderbewegung in Frage gestellt. Das Verbleiben im deutschen Wandervogel kann unsere jüdische Jugend nur demoralisieren. Sie wird fühlen, daß sie nur geduldet ist. Dies- Gefühl ivird sie, ivenn sie noch im Wandervogel verbleibt, dazu bringen, jcglicheit Stolz zn verlieren und den Wert ihrer eigenen Persönlichkeit zn vergessen. In dem Verbleiben der Juden im Wandervogel liegt weder ein Gewinn für die jüdisch- Jugend noch für die jüdische Allgemeinheit. Dringende erzieherische und moralische Gründe spreche» für den Austritt der jüdischen Jugend aus dent deutschen Wandervogel. Andererseits ist eine organisierte Wandcrbewegung für unsere Jugend wünschenswert. Die einzige richtige Konsequenz, die man mithin aus der Wandervogelangelegenhcit ziehen kann, ist und bleibt Ausgestaltung der jüdischen Wanderbünde und Wandervereine, mögen sie nun aus neutralem oder nationalem Boden stehen. Man komme mir nicht mit dem Eimvand, daß wir unseren antisemitischen Gegnern einen Gefallen erweisett, wenn wir dem deutschen Wandervogel den Rücken kehren. Wann wird die deutsche I n de n h e i t endlich einmal l e r n e n, i n j ü d i s ch c n D i n g e n u n a b h ä n g i g v o n dem Beifall oder Mißfallen unserer ansges p r o ch e n e n G e g n e r z u e n t s ch e i d c n! Das Judentum hat immer gewonnen, wenn es sich auf eigene Füße gestellt hat. Man vergleiche die antisemitische Strömung im deutschen Studentenleben, die mit der im Wandervogel viele Aehnlichkeiten anfweist. Der Antisemitismus an den Universitäten hat bedeutend nachgelassen, seitdem jüdische Studentenverbindungen gegründet worden sind, die bewiesen, daß auch jüdische Studenten in studentischer Hinsicht» Tüchtiges leisten lönncn. Ein weiteres Verbleiben der jüdischen Jugend im Wandervogel kann nur den dort herrschenden Antisemitismus stärken. Muß nicht jeder ehrlich denkende deutsche Wandervogel gegen seinen jüdischen Mitwanderer das Gefühl der Verachtung hegen, wenn er sieht, daß jener sich ausdrängt, obgleich man ihm deutlich genug die Türe gewiesen hat! Die nichtjüdische Jugend „Welches neue Ungemach ist wieder über mich herringebrochen!" jammerte der Fromme, durch das Heulen des Hundes aus seinenr Halbschlummer erwacht und erschreckt zusammenfahrend. „Mein treuer Gefährte, der mich nicht verlassen, als die Menschen mir so viel Böses zugefligt, er ist nicht mehr! Doch Gott ist weise, ' und sicherlich ist auch dieses Unglück zum Guten!" Mer das Maß seiner Leiden war noch nicht voll. Sein Gemüt hatte sich kaum über das letzte Ungemach zu beruhigen begonnen, als neues Unheil ihn traf, das allem die Krone aufsetzte. Andere wilde Tiere, sicherlich durch das Blut des getöteten Hundes angelockt, schlichen herbei, und bald war auch der Esel dem gleichen Schicksal wie sein vierfüßiger Gefährte anhcimgesallen. Bei diesem gräßlichen Anblick konnte der Rabbi seine Tränen nicht zurückhalten, und er war der Berziveislung nahe. „Das Unglück scheint mich auf Schritt und Tritt zu verfolgen! Die Mcnscheir haben mich aus ihrer Mitte vertrieben, und die einzigen Anhänglichen. die mir geblieben waren, haben jetzt die wilden Tiere mir entrissen! Gottes strafende Hand hat mich schwer gettoffen, aber ich beuge mich seiner Mlweisheit, lveil alle seine Fügungen nur zum Guten sind!" Als endlich die Morgendämmerung anbrach, erhob er sich von seinem Lager und ging wieder nach der Stadt zurück, wo er gestern so viel Unbill erfahren hatte, da er keinen anderen Ausweg fand, um seinen Hunger und seinen Durst zu stiUen. Er betrat das erste Haus, aber er suchte vergebens nach einem lebenden Wesen: er ging in das zweite mit demselben Erfolg oder Mißerfolg, und so wiederholte es sich in fast allen Häusern der ganzen Stadt, bis er zu seinem 'Schrecken erkannte, daß eine Räuberbande die Bewohner in der Nacht überfallen, viele von ihnen getötet und die übrigen sicherlich als Sklaven fortgeführt hatte. Da sank der Rabbi aus sein Angesicht nieder und betete: „Gepriesen sei Dein heiliger Name, Du großer, crbarmungsvoller Gott! Wäre ich in der Stadt geblieben, ich hätte das traurige Los aller anderen Bewohner teilen müssen! Ich erkenne es wieder, daß alles, was Du tust, nur zum Guten ist! Jetzt weiß ich auch, daß das vermeintliche Unglück, das mich in der Nacht im Walde getroffen, nur zu meinem Heile war. Hätte der Wind nichts das Licht verlöscht, der Schein hätte den Räubern mänen AufenLhalt verraten, imd hätten die wilden Bestien nicht meine treuen Tiere getötet, - ihr Bellen und Schreien hatte ebenfalls den Räubern den Weg zn mir gezeigt. Es war daher alles nur emc Prüfung des Herrn, vor dem ich mich in Demut und Verehrung beuge, weil ich cs weih, daß alle seine Zufchickungen nur zu unserem Guten sind, wenn auch wir kurzsichtige Menschen diese nicht sogleich als seine Wohltaten erkennen und begreifen!" Ende.