Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 19 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692872-2692891--08443-2703586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erscheint wöchentlich «n Freitag. -r»g»prri» pr» Virrtrijahr: In Frankfurt a. M. Ml. 1.— frn mS HauS. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch -Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Ml. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Ml. 2.— Einzel-Nummer» losten 10 Pfg. Redaktion und Erpedition: Frankfurt a. m. :: Cangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. -nferti-n-prei» für die fünsgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für dieRellamezeile Ml. 1.—. Brr Mederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohmmgsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohnejeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureausi Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. >12. Jahrgang. Freitag, den 19 Ijar 5674 (15. Mai 1914) «r. 19 Mathias Acher. (Zu seinem 50. Geburtstage.) Bon N ä ch u m G o l d m a tut. Mathias Acher begeht in diesen Tagen neu 50. Geburtstag. *) Da ist es wohl nötig;b angebracht, wieder einmal zn Acher Stellung nehmen und sich mit dem Phänomene, das er rstellt, wieder auseinanderzusetzen. Denn dies ist ine Frage: Man darf-zu diesem Manne stehen, e man will, ablehnend oder zustimmend, begeistert ldigend oder fanatisch hassend, seine phänomcle, exzeptionelle Stellung innerhalb des heutin Judentums und seine außerordentliche Bedeung für' dasselbe wird man nicht leugnen können. » Mann wie Mathias Acher darf in den Tagen, er die Schwelle der.Fünfzig überschreitet, .es Langen, nicht daß man ihm unbedingt huldigt b zujubelt, wohl aber, daß man ihn würdigt b zu begreifen sucht. Es fällt recht schwer, Mathias Acher zu würjgcit und zu verstehen. Es ist schon ein rechtes aß von Selbstdisziplin nötig, um bei der Lek- |rc seiner Schriften, vor allem beim Verfolgen ncr Tätigkeit in den letzten Jahren ihm gegenicr Ruhe und Objektivität zu bewahren. Denn tcn ist ein Schriftsteller maßloser und fanatier in. der Bekämpfung seiner Gegner gewesen e Acher in den letzten Jahren. Es gibt wenig cnker von seinem Range, bei denen die Höhe |rcr Gedanken so eng gemengt ist mit der Niedjfett persönlicher Bitternis und leidenschaftlichen larteihasses wie Acher. Man muß sich hoch über die Atmosphäre und die Stimmung erheben, in die Ine schriftstellerischen Arbeiten hineinversetzen, will an ihm und seinem ,Werke gerecht werden. Doch selbst wenn man bereits die nötige Ruhe b Objektivität Mathias Acher gegenüber gefunhat, auch dann ist es noch außerordentlich wierig, ihn zu würdigen und seine Bedeutung präzisieren. Denn es gibt nichts Schwierigeres, >s sein Wesen zu fassen Md zu bestimmen. Wer ne Schriften durchlieft, wird als den gemein- Zug ihrer aller nur eins finden: däis ig Fließende und Wandelbare in den Mangel jeglichen festen, unveränderen Standpunktes. Wer das Leben und Tun athias Achers verfolgt, dem wird sich dieser Andruck noch bedeutsam verstärkt wieder aufängen; eine ewige Rastlosigkeit, ein stetes Suchen,!n ununterbrochenes Sichwandeln, dies wird er f allen Lebensstadien dieses Mannes wiederfinn. Und je mehr man sich in das Werk und in s Leben Achers hineinversenkt — und es gibt ine reizvollere psychologische Aufgabe als diese , umso mehr wird man erkennen, daß nichts sein esen präziser bestimmt als sein selbstgewähltes seudonym: Acher. Der ewig Andere, dies ist cher immer gewesen, vom ersten Tage seines irkens an bis heute. Wer bei ihm nach einer liieit Grundformel sucht, wird vergebens suchen; d das Schema, in das sich sein Denken und isten Hineinpressen ließe, ist nicht zu konstruien. Sein Wesen ist eben sein Achertum, sein jeteä Achersein. Er gehört zu jener Kategorie von enschen, deren Bestimmung es ist, sich stets zu andeln, deren Beruf es ist, lebenslang Sucher zu eiben, und denen ein tragisches Geschick es.nicht *) Durch einen unverschuldeten Zufall hat sich das Irscheinen des Artikels um eine Woche verspätet.. .(Anm. Redakt.) Inte» |nen. vergönnt hat, je das Glück des Findenden, des Besitzenden, des Rastenden zu kosten. Strindberg ist wohl der gewaltigste Repräsentant dieser Kategorie in der zeitgenössischen europäischen Literatur gewesen; Acher ist gewiß der bedeutendste Typus dieser Art im gegenwärtigen Judentum. Versenkt man sich in das Wesensgeheimnis dieser Gestalten und sucht man ihren Wert zu bestimmen, so erkennt man, daß in dieser ihrer Wesensart ihre eigentliche Bedeutung ruht. Ihr scheinbar größter Mangel macht, tiefer gesehen, ihre wahre Größe aus; , in ihrem Schwanken und Suchen , ruht ihr Beruf und ihre Mission; und oft sind ihre Jrrtümer ihre größten Leistungen. Denn die Kultur bedarf ihrer. Sollen ErkeMtnisse gefunden und Werte erkannt werdenso muß es solche Suchende geben; per Weg zur Wahrheit hat noch stets durch tausend Jrrtümer geführt. Nur weil diese Männer ihr Lebenlang suchten und irrten und tasteten, dürfen sich die anderen ihrer gesicherten Wahrheiten fteuen; nur weil Faust immer Suchender blieb, ist Michel so weise; ohne ,die Tragik der ewig Irrenden wäre die banÄe, gesicherte Zufriedenheit des Philisters unmöglich. Solche Naturen wie Strindberg im europäischen, Acher im jüdischen Geistesleben sind Vorboten kommender Wahrheiten, die Herolde der Ideale von morgen, die Posaunenbläser zukünftiger Ideen. Sie sind stets um eine Spanne ihrer Zeit voraus. Bor Herzl war Acher Zionist, vor dem VII. Kongreß Propagator der Praktischen Palästinaarbeit, vor der Czernowitzer Konferenz — die ja sein Merk ist, — Jidischist, vor der „Freistatt" Alljude, und wer weiß, was er morgen sein wird. Wie viele Ideen und Wahrheiten, die Ms heute schon beinahe wie Banalitäten klingen, hat er durch sein Suchen mit finden helfen; er allerdings hat sie bald wieder aufgegeben und verlassen; aber wir fteuen uns doch des Gefundenen; und darunr .sollten wir auch seine Irrungen nicht verurteilen. Sollten es auch aus einem anderen Gründe nicht: weil man über tragische'Helden keinen Stab bricht; nur Pedanten der Moral und Unteroffiziere der Sittlichkeit messen tragische Gestalten mit den Wertmessern banaler Moralität. Und Acher ist eine tragische Gestalt. Tragik war das Schicksal seines Lebens von seinem Anbeginn bis heute; die Tragik in all ihren Abstufungen hat er gekostet, von ihren banalsten, materiellen Verkleidungen bis ztl ihren höchsten geistigen und seelischen Erscheinungsfornten. Diese Tragik des Schicksals, die Acher mit allen großen Suchern teilt, verleiht seinem Leben eine Art Weihe;, sie ist es, die die vielen Schattenseiten und Disharmonien des Charakters, die sich regelmäßig bei diesen Gestalten finden, vergessen und über all das Unschöne, das ihre Physiognomie bietet, den Schleier des Berzeihens breiten läßt. Wessen Mission es ist, 'Suchender zü sein, den darf man nicht seiner Jrrtümer zeihen. Wer stets tastet, hat - das Recht, zu straucheln. Dies gilt sowohl moralisch, wie auch h bei Acher — geistig, ideell. Solchen Menschen gegenüber ist das Verurteilen höchste Sünde; was allein Mt tut, ist, sie verstehen suchen. Niemand macht es schwerer, in dieser ehrerbietigen Haltung zn verharren wie Acher, der leidenschaftlich Hassende, der verbittert Mißgünstige, der verzweifelt Anklagende,, der maßlos Beleidigende. Nichtsdestoweniger wäre es SMde, ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Wer so viel für uns gesucht, geirrt, gelitten hat, dem wollen wir das Recht zuerkennen, uns zu schimpfen und zu kränken. Es ist die einzige Art und Weise, ihm unsere Dankbarkeit zu bekunden. Mathias Acher ist gewiß der b e d e u t e n d - st e Sucher im gegenwärtigen Judentum. Und das will viel sagen. Denn wer wäre reicher an diesen Gestalten als wir? Wo fände man mehr Vertreter dieser Kategorie als'bei uns? Problematik ist das Charakteristikum unseres Judeseins; und Achertum die Gefahr, die auf jeden von uns lauert. Wo das Leben aller natürlichen, gesunden Grundlagen so entbehrt wie das unsere, wo 'Zwiespalt und Dissonanz so sehr Grundbedingung des Daseins ist wie bei uns, da wird schließlich das ewige Suchen zum Normalfall, wird das Schwanken zur Regel, das Irren zur Selbstverständlichkeit, das Achertum zur Notwendigkeit, und der Acher zum Typus. So erhebt sich Mathias Acher über den Rahmen und die Bedeutung seiner Individualität hinaus und wird zum Typus unseres Geschlechts, zum Symbol unserer Gegenwart. Wieviele Achers laufen unter uns herum, wieviele — so manche unserer- Besten — sind bereits am Achertum zugrunde gegangen, und wieviele werden ihm Mch zum Opfer fallen. Schon darin beweist Mathias Acher seine Größe, daß er nicht untergegangen ist. Er erhielt sich Md blieb Acher. Auf den gefährlich verschlungenen Pfaden, die er gewandelt, rettete er sich doch vor allen Fehltritten, die ihn hätten vernichten können. Wer weiß: vielleicht ist einer, der als Acher sich erhalten kann, in gewissem Sinne größer Mch als derjenige, der das Achertum zu überwinden vermag. In einem jedoch ragt Acher noch über seine Bedeutung als Typus unb Symbol unserer Gegenwart hinaus und enthält er in sich bereits die Keime unserer Erlösung von dieser Gegenwart, zeigt er die Wege zu Mserer Zukunft: in seiner glühenden, grenzenlose Liebe zum jüdischen Volke. In diesem Manne, der. alle Ideen, die er je verfteten, gewechselt, alle Ideale, die! er propagiert, dauernd geändert hat, war doch dieses eine stets vorhanden: unermeßliche Liebe zum jüd. Volke und kiefste Sehnsucht nach Judentum. In allen Wandlungen, die er durchgemacht, suchte er letzten Endes doch immer dasselbe: Judentum, volles, ganzes Judentum. Ja, zum Teil ist diese Liebe und Sehnsucht nach Judentum mit die Ursache all seiner Wandlungen gewesen; nirgends fand er genügend Judentum, immer suchte er nach mehr, und so verließ er bald das, was er gefunden, und suchte weiter. Und jetzt ist er zum Ostjudentum gelangt, zum Jiddischismus, Md glaubt hier das volle Judentum gefunden zu haben. Ich zweifle nicht daran, daß er auch dieses Stadium bald beendet haben und wieder auf die Suche ausziehen wird. Denn darin ruht ein gut Teil seiner Tragik: er kann nicht einsehen, daß in unserer Gegenwart, im Galuth, volles, gMzes Judentum unmöglich ist; oder richtiger gesagt, er vermag nicht genug Selbstdisziplin zu üben, um sich auf eine bessere Zukunft vertrösten zu lassen. Zu sehr gegenwartsdurstig und leidenschaftlich, will er sich nicht an^ dem Ideale, am Bild der Zukunft genügen lasten. Und so Bfaut er sich überall in der Gegenwart Luftschlösser, schafft sich Illusionen, konstruiert Seifenblasen, um bald M erkennen, daß es eben doch nur Seifenblasen sind. Er gleicht in gewissem SiMe dem ewigen Typus des Don Juan, der das Ideal des Weibes, das in ihm lebt, ewig sucht und deswegen hundert Frauen liebt, weil er die eine Frau nicht findet.