Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 18 (8.5.1914)
- Date
- 1914-05-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir wollen uns hier mit den neueren jüdichen Dramen beschäftigen. Der Westjude weiß etwas von der Existenz iner jüdischen Literatur, kennt Schalom Asch, reichen Max Reinhard eingeführt hat, kennt vieleicht auch David Pinski, der bei Reinhard üt seinem DraMa „Der Schatz" durchgefallen ist, >eiß tzon einem Morris Rosenfeld, Perez, schalom Al eich em etwas zu sagen, ist aber mm in der Lage, sich ein getreues Bild des iidischen Schaffens im allgemeinen und des jüdihcn Mnstlers im besonderen zu vergegenwärtigen, idem eine Uebersetzung selten die Seele des schaffenden wiederzugeben vermag und meistens ur Fragmente bringt. Der größte Teil der jüdischen Schriftsteller hat 5 auft dem Gebiete des Dramas versucht, sogar er alte Men de li Mo ich er Seforim (S. I". lbramovitz) hat s. Z. eine Satyre („Der Prisiv") x dramatischer Form geschrieben und die Berältnisse seiner Umgebung einer strengen Kritik itterzogen. Das Werk, wurde nach dem Rezepte von iogols „Revisor" geschaffen. Es fand großen Anlang, besitzt aber als Drama 'keinen Wert. „Schalom A l e i ch e m" (Rabinovitz) hat sich er jüdischen Komödie zugewendet und. einige Einkter: „A Doktor" (ein Doktor) „Agenten" rc. und ine. größere Komödie „Zysejet i zysprejt" in vielsten geschaffen. Alle tragen den Stempel eines eistreichen Humors, sind aber technisch verfehlt und uf der Bühne lächerlich. Dagegen ist er im Monolog unübertrefflich; auf diesem Gebiete elang es ihm, wirklich Großes zu schaffen. (Tuw- - der „Milchiger", Mnachem Mendel" rc.) Seine lomödien in Form einer Novelle oder eines Moologes, in seinem eigenartig humoristisch-srrkastihen Stil, wären gute Arbeiten. I'. L. Perez, der geistige Vater und Prototyp er jüdischen Literatur, hat es auf allen Gebieten er Literatur-Formen versucht und auch einige )ramen geschrieben. Sein erstes Drama war ein ealistischer Einakter, „Schwestern", der, dramatisch wirkend, in die Tiefen des Lebens führt und zum iewissen spricht. Seine späteren Einakter: „Es rennt", „Champagner" rc. sind Momentaufnahien und verkörpern in sich mehr Journalistik als Tragik. Perez blieb nicht dabei. Der ewig unruhige -ucher hat sich dem Mystizismus zugewandt und en „Chassidismus" in den herrlichsten Klängen esungen. Er versuchte auch, eine „Tragödie" aus em chässidischen Leben zu .schaffen („Die goldene ftt") „Die goldene Kette". Die goldene Kette soll ie Generationen dieses Rabbi-Adels verknüpfen nd im Glauben rein erhalten, aber die Kette ist a schwäch und reißt in Stücke, jeder geht seines -eges, obwohl sie (die Nachkommen) als Rabbis m Tron bleiben. Das' Drama ist in Versen eschrieben und sprachlich eines der besten 8erke der Mischen Literatur. Doch das Thema, ein und erhaben in der Konzeption, ist nicht geignet als großes Drama. Perez hätte nur Einster schaffen und die Tragödien der einzelnen Helen separat behandeln müssen. Mit . seinen weiteren dramatischen Versuchen Bei nacht of dem alten Mark", „In Polusch of er feit", „Musikanten" („klesmer") rc. geriet ierez auf Umwege, indem er aus unverständlichen ^hnftttornen lose Szenen aneinanderreihte und ein Wirrwarr schuf, das bis zum heutigen Tage trotz vieler Kommentare, besteht. „In Polusch of der kejt" und „Musikanten" (bearbeitet aus der Novelle Elfte Musikant) sind dramatisierte Novellen,. die für das zukünftige jüd. Theater keinen Wert haben, weil das Hauptmerkmal eines Dramas, die Handlung, fehlt. Schalom Asch ist in Westeuropa sehr populär. Man kennt sein Drama „G ott derRach e", weiß qber nicht, daß Asch außerdem noch mindestens ein halbes Dutzend Dramen geschrieben hat, und daß diese dramatisch verfehlt sind. Asch besitzt ein großes lyrisches Talent, ist originell und schön in seinen Novellen, und „Städtil" (das „Städtchen") ist die Verkörperung des naiven Optimismus und der ewigen Jugend. Asch empfindet nicht die S ch w e r e des Daseins, sieht selten Probleme im Leben, bei ihm ist immer der Himmel blau und die Welt in Rosen gebettet, und dadurch gelingt es ihm nie, etwas Problematisches zu schaffen, der Schöpfer des jüd. Dramas zu werden. Sein erstes Drama „Mit dem StroM" will ein Problem lösen: Duwid verläßt Frau und Kind und geht in die Welt, wo Bildung und Kultur gedeihen, um ein Mensch, ein idealer Mensch zu werden. Nach sieben Jahren kehrt er zurück, ein geistig Vernichteter und "Gebrochener. Eine schöne Novelle (eventl. zweiteilig), aber kein Drama. Es folgen dann einige wirkungsvolle Einakter: „Die Sünde", „Die ältere Schwester" rc. der vieraktige „Traum eines Volkes", „Die Zeiten Messias". In den „Zeiten Messias" versuchte Asch, die Tragödie des Golus der heutigen Zeit zu schaffen, und zu diesem Behufe benutzte er alle ihm zu Gebote stehenden Mittel. Das Drama hat viel von Wyspicinskis „Wesele" (die Hochzeit*), und glauben wir nicht zu übertreiben, wenn wir behaupten, daß auch die Idee zum Drama von Wyspicinski entlehnt wurde. , In den „Zeiten Messias" überragt der dritte Akt an Schönheit und Poesie alles, was Asch bis nun geschaffen hat. Als Drama ist das Stück verfehlt, außer den einzelnen sog. „baalbatischen" (bürgerlichen) Juden sind alle Helden eher 'Karikaturen als verkörperte Ideen. Der Zionist, der Sozialist, der Ässimilator, der Mann am Scheidewege rc. werden mit einigen aus täglichen Gesprächen und Diskussionen genommenen Phrasen abgefertigt, um dann von der Bühne zu verschwinden. Es sind Schatten, aber keine Menschen! Am besten ist ihm Justine, die verkörperte Polin, gelungen. In diesem Mädel steckt so viel „polnische" Poesie, so viel Begeisterung für Polens Erde, daß selbst die polnischen Dichter von Asch lernen konnten. Dieses Drama wird auch von den Polen als Eigentum betrachtet und ist ein ständiger Bestandteil des polnischen Theater-Repertoirs. Aber auch diese Justine, diese verkörperte . Poesie, ist nicht gesundes Blut und Fleisch, sie ist hysterisch und mehr Phantasie des Dichters. Aschs unzweifelhaft bestes Drama ist „Gott der Rache". Dieses Drama hat ihn in Westeuropa eingeführt. Die Konzeption ist originell, die Technik theatralisch und "bühnenhaft, an Theatereffekten fehlt es auch nicht. Asch hat dann noch Dramen geschrieben, aber alle diese sind nur Nachklänge zu seinem früheren in Wucht und Begeisterung geschriebenen Werke. *) Stanislaus Wysp icinski ist ein polnischer Dichter und Maler, der mit seinem Drama , Wesele" eine Revolution in der polnischen Literatur hervorgerüsen hat. Sein „Sabatai Zwi" hat wunderschöne Bilder aus Jerusalem*), aber nur — Bilder. Die weiteren Bühnenstücke „I ich es" (als Familie Großglück in deutscher Uebersetzung bei S. Fischer, Berlin erschienen), „Der Landmann", „Der Bund der Schwachen" (aufgeführt vor kurzem in den KamMerspielen des Deutschen Theaters bei Max Reinhardt) beweisen noch deutlicher wie die vorherigen, daß er das Problematische, das Tragische nicht empfinden kann, daß er kein Dramatiker, aber ein meisterhafter N o v e l l i st ist. David Pinski ist nicht mehr jung, sein erstes Drama „E i sik S che fiel" (übersetzt ins Deutsche durch Dr. Martin Buber) war originell und geistreich. Pinski behandelte hier ein interessantes Problem von „Wollen und Nichtkönnen" in spezifisch Mischem Gewand. Der Weber Eisik Schestel wollte etwas Gewaltiges, Ewiges schaffen, aber der Weg ist mit Dornen verwachsen, und er kann nicht vorwärtskommen, er stirbt. Sein nächstes Drama war „Die Mutter", eine Durchschnittsarbeit. Hierauf folgte, mit großer Reklame angekündigt, das Pogrom-Drama „Die Familie Lwi", ein Bruder-Drama von Tschirkows „Juden". Das Drama ist tendenziös und daher sehr weit von Kunst, technisch schlecht, die Handlung kriechend und langweilig, und alle Personen machen den Eindruck von Marionetten. Bor Jahren ist in Wilna von David.Pinski der erste Teil einer dramatischen Tetralogie, „Der ewige Jude" betitelt, erschienen. Beim Lesen dieses Stückes gewann man den Eindruck, daß Pinski das erste Mftche Drama schaffen werde. Es spielt in Jerusalem während der Belagerung des Titus; es ist also Worisch, und man konnte glauben, daß hier der Pathos ausschlaggebend sein wird. Aber keine Spur von Pathos, kein Zeichen von Sentimentalität, alles ist. derartig ruhig und sachlich geschildert, daß man dieses eincckttge Spiel als ein klassisches Werk, bezeichnen kann. Wäre Pinski desselben Weges weiter gegangen, dann hätten wir ihn mit ruhigem Gewissen neben den deutsch-jüdischen Neo-Klaffiker Hugo v. Hoffmannsthal stellen können. Aber er geriet ins Unklare mit sich selbst und schrieb dann in sehr kurzer Zeit eine ganze Serie von Dramen: ,Jankel der Schmied", „Mit Siegerfahnen", „Der Schatz" (aufgeführt bei Reinhardt und durchgefällen) rc., die weder theatralftch noch künstlerisch irgendwelchen Wert darstellten. Perez Hirschbein besitzt eine talentierte Feder, ein fühlendes Herz und eine poetische Seele. Er begann mit realistftchen Durchschnittsdramen „Aus Nah und Weit" und zeigte sich als vollendet in dem ebenfalls realistftchen Drama „Die Nweijle" (Das Aas). Hirschbein hat dann viel von Maeterlink gelernt und auch Andrejew nicht vernachlässigt, er hatte sich dem Symbolismus zugewendet und eine ganze Reihe von symbolistischen Dramen geschrieben. Seine ersten symbolistischen Dramen „Of jener seit Teftch", „Einsame Welten" rc. waren fast Maeterlink ins Jüdische übersetzt, aber seine späteren, „Der Tkftas Häf", „Die Erd" rc. wurden origineller und basierten auf rein Mftchen Symbolen und Motiven. Es ist klar, daß Hirschbeins Dramen für die jüdische Bühne im.momentanen Zustande „wertlos" waren. *) Asch hat zum Zwecke des Studiums für „Sadatai Zwi" eine Reise nach Palästina gemacht.