Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1914-05-01 · Heft 17 (1.5.1914) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 17 (1.5.1914)
Date
1914-05-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692872-2692889--08421-2703558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Mage za fit. 17 Das jüdische Theater «ad Drama. i. Die Anfänge der jüdischen Literatur reichen zurück bis in das Mittelalter und haben ihre Wurzel in den „verteutschten" heiligen Büchern. Der Drang der Auserwählten („Jiches") und Gelehrten, dem Volk, das schon damals die heilige Sprache verlernte, die Bibel und andere religiöse Bücher zuzuführen, den Sinn derselben zu popularisieren, zwang, zur „Volkssprache" zu greifen, um die Bildung des Volkes zu vervollständigen. Damit tvnrde der Grundstein für die heutige jüdische Sprache gelegt, die doch am meisten von der deutschen Sprache beeinfluht ist. Später, im 18. und 19. Jahrhundert, versuchte man, in diesen: verdorbenen Deutsch eine spezielle Volksliteratur zu schaffen. Es erschienen damals einige Erzählungen und Märchen religiösen Inhalts, die sich einer großen Popularität erfreuten. * Die Keime eines jüdischen Theaters lassen sich gleichfalls auf das Mittelalter zurückführen. Angesteckt durch die' deuffchen Possenspieler und Fastnacht-Witzbolde haben sich die Deutschen Juden ein eigenes Spiel, ein lustiges, eigenartiges, aber spezifisch jüdisches geschaffen: das Purimspiel. Das sogenannte Purimspiel hat seit seiner Entstehung viele Variationen erlebt, ist aber bis zum heutigen Tage im Volke verblieben. 3m! Osten, wo die Inden noch faktisch j ü d i s ch sind, ist der Purim ein wirkliches Fest der „Freude" und „Tollheit", und der Ausdruck dieser Freude sind die .„Josefspiele" und „Estherspiele". Neben diesen Purimspielern und hauptsächlich aus deren Mitte hat sich im Laufe der Zeit der Sp.astmach er oder Hochzeitssänger („Macschalyk" genannt), entwickelt, der auch als Vorgänger des jüdischen Theaters gelten kann, und der bis heute sein Dasein fristet. Der eigentliche Begründer des jüd. Theaters ist Abraham Goldfaden. Es geschah im Jahre 1878 während des russischtürkischen Krieges. In Jassy (Rumänien) befand sich eine groste Anzahl reicher russischer Juden, Lieferanten fiir das russische Heer, die sich vor Langeweile totgrämten. Goldfaden machte den Versuch, die Leute zu unterhalten; er schrieb einige sehr lustige Farcen, komponierte selbst Melodien, fabrizierte Couplets,, sorgte fiir Witze, und so entstanden einige humoristische Einakter. Die „Künstler" aufzutceiben, war mit keinen Schwierigkeiten verbunden, denn Bewerber waren genug vorhanden. Einige gesunde Stimmen, einige Nichtstuer und Handwerker „spielten" bald Theater, und das Publikum war noch mehr als begeistert. Mit dem Erfolg kam auch der Mut zur weiteren Arbeit, und Goldfaden schrieb und komponierte nun einige 4—5 Akte haltende Operetten historischen und biblischen Inhalts. Der Beifall war noch größer. Als wieder Ruhe eintrat, fuhr Goldfaden nach Galizien und feierte hier die größten Triumphe. In kurzer Zeit wurde das jüdische Theater sehr populär, denn bald waren zahlreiche Konkurrenzunternehmungen entstanden. In Amerika erreichte das jüdische Theater seinen Höhepunkt. Dort entwickelte sich mancher jüdische Schauspieler zum wirklichen Künstler, dort wurden viele Unternehmer reich, dort wurden kolossale erstklassige Theatergebäude, echte Kunsttempel, erbaut. Die sehr zahlreichen Operetten von Goldfaden und seinen Nachahmern reichten lange nicht mehr zur Ausfüllung des Repertoirs, und es wurden Versuche angestellt, Klassiker zu übersetzen, — aber statt wahrhafter Uebersetzungen entstanden Karikaturen, den jüdisch-theatralischen Verhältnissen angepaßten Anhalts. So entstand eine Karikatur von Gutzkows Uriel Acosta, eine Nachahmung von Halevy-Scribes Jüdin, von Shakespheare, von Goethe, Grillparzer, und auch die neueren Schriftsteller und Dramaturgen wurden bearbeitet. Die selbständigen Spiele bestanden aus Räubergeschichten, Posten allernaivsten und raffiniertesten Inhalts. Tote und längst Verschollene wurden auf der jüdischen Bühne wieder lebendig; selbst auf der Bühne Getötete wurden in den späteren Akten wieder Fleisch und Blut, zur großen Freude des Publikums. Die Theaterdirektoren, Leute ohne Bildung, nahmen auf ihre Bühne alles, was Geld einbringen konnte. Das Publikum — „Mojsche" — gab sein Geld, ohne Kritik zu üben. Von Kunst oder sonstigen erzieherischen Tendenzen des Theaters Ürnnte selbstverständlich keine Rede sein, die ausschlaggebende Tendenz war Verdienen. Die Epigonen von .Goldfaden, die L a t e i n e r s, Mogulescus,'.Richters, Schorrs, Prof. Jacobers, Prof. Horovitz*) leisteten Hervor- *) Natürlich „amerikanische" Professoren. D. Redakt. @ p» ff ftf r #ar „ . © 8rzäk MM aus Met uutf Tatnmck. Von M, Pulvermann. Rabbi Chonis Schlaf. „Was machst Du da?" fragte Rabbi Choni einen Greis, der mit Spaten und Schaufel beschäftigt war. „Ich Pflanze einen Johannisbeerbaum," gab dieser zur Antwort. „Einen Johannisbeerbaum?" wiederholte der Rabbi verwundert. „Wie töricht ist dieses doch bei Deinem Alter, da es doch länger als ein Menschenalter dauert, bis ein solcher Früchte trägt! Weder Du noch Dein Sohn werden sich daran laben können." „Das ist freilich wahr," sprach der Alte. „Allein wenn ich an die Freude zurückdenke, die ich bei dem Genuß der Früchte des Baumes hatte, den mein Großvater pflanzte, so kann ich es nrir nicht versagen, meinem Enkelsvhne die gleiche Freude zu bereiten." . Der Rabbi lächelte überlegen und setzte seine Wanderung fort, innerlich.über das Törichte der Menschen grollend, die, anstatt fiir die Gegenwart zu schaffen, für so viele Jahre hinaus Vorsorge treffen wollen. .In Gedanken versunken erreichte er bald den nahen Wald, das Ziel seines 'Spazierganges. Me Sonne war bereits dem Untergange nahe; er war aber so müde, daß er ein wenig ausruhen wollte. Er schlief bald ein, und als er erwachte) stieg die Sonne wieder hoch empör, um einen neuen Tag zu verkünden. Aergerlich über seine Trägheit, lenkte er seine Schritte heimwärts. Doch seine Füße wollten nicht mit seiner Eile Schritt halten, und er kam nur langsam vorwärts. Als er wieder die Stelle erreichte, wo der Greis den Baum gepflanzt hatte, siehe — da stand ein vollgewachsener Baum mit völlgereiften Früchten, an denen ein kleiner Knabe sich gütlich tat. „Wessen Hand hat diesen Baum gepflanzt?" fragte der Rabbi. „Mein Großvater, gerade einen Tag vor seinem Tode." Ganz verwirrt setzte Rabbi Choni den Weg fort. Träumte er denn mit offenen Augen? Um sich von seinem wachen Zustande zu überzeugen, griff er nach dem Bart, war aber noch mehr erstaunt, daß dieser in einer einzigen Nacht zu einer solchen Länge gewachsen ' sein sollte. Seine Verwirrung nahm zu, und ec schritt zaghaft, gleichsam tastend, in Straßen, die ihm unbekannt schienen, an Menschen vorbei, die ihm gänzlich fremd waren. Plötzlich blieb er stehen. Das ist doch das Haus, wo er mit seiner Familie wohnt, — wessen Kinder aber sind es, die hier herumläusen und so heimisch sich gebärden? Er betrat das Haus und erblickte einen jungen Mann, der mit einem Säugling spielte, während die junge Mutter lächelnd daneben stand. Beide waren chm fremd. Stumm vor Staunen blieb er auf der Schwelle stehen, bis er sich wieder so weit gefaßt hatte, um seine Sprache gebrauchen zu können. ,/Verzeiht mir, Ihr lieben Menschen," bat er, „daß ich in ein fremdes Haus eingedrungen bin. Ich will zu Chonis Sohn gehen." „Chonis Sohn?" rief der Mann verwundert. „Meinst Du meinen Vater, der schon seit, zehn Jahren tot ist?" „Chottis Sohn seit zehn Jahren tot?" Der junge Mann sah den Greis erbleichen, darum sprach er teilnehmend:;; ragendes auf dem Gebiete der Verduinumng dev Massen. Ihre „Piecen" oder Schauspiele waren die wirkliche Verkörperung der Schmiererei. Goldfaden dagegen ging, abgesehen von seinem Talente und seiner Intelligenz, pietätvoll und ideell zu Werke. (Goldfaden ist auch arm gestorben.) Er vermochte, kraft seines Talentes, ohne Bildung, ohne Noten zu schreiben und zu lesen, für alle seine Operetten die Musik selbst zlt komponieren. Die Gesänge von Goldfaden sind Eigentum des jüdischen Volkes geworden und werden .jetzt überall unter dem Volk gesungen. Goldfaden war eine musikalisch empfindsame Seele imd kannte die Psyche der jüdischen Masse, aus ihrer Tiefe. Goldfaden .schrieb und koinponierte, ohne es zu ivollen, ohne ein Ziel vor Augen zu haben, es kam aus seinem Inneren. Er legte den Grundstein für das zukünftige jüdische Theater, ohne es zu wissen, und in diesem bewußtlosen Schaffen besteht seine Größe. Seine Epigonen besitzen nur — Einbildung. Es ist nutzlos, alle Arbeiten dieser Macher zu erwähnen. Sie sind übrigens so zahlreich, daß die bloßen Titel einige Druckseiten in Anspruch nehmen würden; ich glaube genug gesagt Kr haben, wennn ich auf die Hauptleistrmgen dieser „Dichter" Hinweise. Die Konzeption 'und das Thema der Spiele sind fast bei allen gleich. Ein grausamer Vater (die Verkörperung des Satans oder Teufels) erlaubt nicht, daß sein Sohn ein armes Ärbeitermädchen, welches er liebt, heirate, da xr — als Sohn des reichen „Schloß"besitzers oder Fabrikanten — reich heiraten kann. Daraus enffpinnt sich die ganze Handlung, die mit Tanz und Gesang durchflochten ist und gewöhnlich zu einem versöhnenden Ende führt. Der Vater, Sohn und die Geliebte sind gewöhnlich die Grundlage für die „Piece", — das Hauptobjekt ist aber der „Komik e r". Ohne diesen konnte überhaupt keine Rede sein von einem jüdischen Theater, die jüd. Massen sind derartig eingelebt mit den „Tricks", akrobatischen Bewegungen, schlechten Witzen, Tänzen und Houplets des Komikers, daß er, auch wenn er eine unbedeutende Rolle im Text vorgeschrieben hat, die Hauptrolle auf der Bühne übernimmt und mit gesalzenen Witzen' das, Publikum unterhält und zum Lachen bringt. Der Komiker ist also ausschlaggebend für den Erfolg des Stückes, und die Herren „Direktoren" versäumen auch nicht, diesem Umstande vollauf Rechnung zu tragen, indemsie sich , „Mein Vater ist wohl Dein Freund gewesen?" Der Rabbi fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und flüsterte leise: „Ich — ich — bin — Choni!" „Meinst Du Rabbi Choni, über dessen Grabstätte schon volle siebzig Jahre dahingefloffen sind?" „Ueber seine Grabstätte? Wo ist denn diese?" Der junge Mann sprach traurig: „Gerade heute find es siebzig Jahre, daß mein ehrwürdiger Großvater seinen üblichen Spaziergang nach dem nahen Walde unternahm. Sein längeres Ausbleiben siel anfänglich nicht aus, weil er immer in heiligen Betrachtungen so vertieft war, daß er bei der Heimkehr sich häufig versäumte. Ms aber ein ganzer Tag verstrichen war, wurde man besorgt und sein Sohn und alle Schüler des Großvaters begaben sich auf die Suche nach ihm. Aber man fand keine Spur von ihm, sodaß sich allen der Gedanke aufdrängte, daß er ein Raub der wilden Tiere geworden war. Man hat nie wieder etwas von chm gehört." „Choni ist aber nicht tot," sprach der Greis. „Dw siehst doch, daß ich lebe." Er wankte und wäre zu Boden gestürzt, wenn der junge Mann ihn nicht aufgefangen hätte. Er legte ihn aufs Bett, überzeugt, daß irgend ein seelisches Lew den Geist des Greises zerrüttet hatte, daß er sich für Choni ausgab; da er aber anscheinend keine Angehörigen besaß, erachtete der Mann es als seine Pflicht, den Greis bei sich zu behalten. So lebte Choni im Hause seines Enkelsohnes als ein völlig Fremder, und jetzt mußte er eingestehen, wieviel weiser jener Pflanzer gehandelt hatte, dessen Andenken bei den Seinen sich bis heute segensreich erhielt. Gott erhörte bald seine Bitte um Erlösung von dieser Erdenqual, und er wurde nach wenigen Wochen als ein völlig Unbekannter zur -ewigen Ruhe bestattet. A-B

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.