Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 16 (24.4.1914)
- Date
- 1914-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2692297-2692872-2692888--08400-2703540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
b Erscheint wöchentlich am Freitag. -rMSprri» pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Ml. 1.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert 30 Pfg., frei ins HarB 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zuserümng durch Streifband für Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. KedaKtion und Grpedition: Frankfurt a. M. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. (Snsrrtionspre» für die sünfgespaltrne Petitzeile 25 Psg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und »Gesuche, WohnungSinserate^ Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoncen-Bureaust Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 12. Jahrgang. Freitag, den 28. Nissan 5674 (24. April 1914) «r. 16. mtz J§ ärsten tpähne lettich-;ten.!981. er, aase 19 b sse 8 26 .7. =| SU» und a . B. P, ip«n am gen. hren. ter rei ireg 86 IUI Spanien und die Inden. Bon Manuel Gonzales Hontoria. (Unterstaatssekretär a. D.) Seit langer Zeit schon und hauptsächlich seit er Veröffentlichung des Pulido'schen Buches weiß amten, daß im europäischen Orient und in der atischen Türkei eine beträchtliche Anzahl von juden spanischen Ursprungs — die sogenannten Seirdim — leben. Diese bewahren noch die Sprache hier Vorfahren sowie die Erinnerungen an das!and, in dem jene gelebt haben und würden -- bst vom Gesichtspunkte nationalökonomischer Jnresscn aus — einen äußerst wertvollen Faktor erstellen, sobald der Kontakt zwischen unserem!and und ihnen hergestellt und ihre Sympathien » 4. ir uns wieder belebt werden würden. LGbI Zur Verwirklichung dieser Idee wurden ver- >8 88 4 hiedene Wege vorgeschlagen: 1. Die Gründung von chulen, um die kastilische Sprache von den Verübungen zu reinigen, welche sie. bei den Sefarint durch jahrhundertelanges Zusammenleben mit!mden Völkern erlitten hat. 2. Das Anwerben er Nachkommen derjenigen für unser Land, die xlisolieiDor vier Jahrhunderten von hier vertrieben wurden. Itoffe Mittel, die es den Sefardim ermöglichten, sich olz zu unserer Nationalität zu bekennen, bezw. irbeituni unter spanische Protektion zu stellen. Was den dritten Vorschlag betrifft,, sa wurde >t verflossenen Jahre, wenn auch in bescheidenem Kaie, etwas erreicht. So haben z. B. Inden lanischen Ursprungs, die nach Beendigung der türschen Herrschaft ffn Saloniki unter unserer natioalen Flagge zu bleiben wünschten, auf unserem onsulat —. .gemäß, den seitens unserer Regierung teilten Instruktionen — das nötige Entgegenkomicn gefunden. Die Ausführung der beiden ersten Vorschläge — Schulen und Immigration — sind, m die Wahrheit zu sagen, nicht versucht worden, usterem Vorschlag standen trotz wiederholter Erlägüngen dieselben Hindernisse im Wege, die es »möglich machen, für das Unterrichtswesen unserer igenen Landsleute im Auslande zu sorgen, denn ie Mittel, die offiziell für solche Zwecke genehmigt icrden, sind äußerst spärliche. Was den zweiten Vorschlag betrifft, so war zu bedenken, daß Spalien, das ein Land der Auswanderung geworden it, sich nicht leicht durch eine Einwanderung beicdeln und kolonisieren ließe, ferner, daß der sube, der wohl ein hervorragender Kaufmann ist, nt Recht oder mit Unrecht als ntittelmäßiger Koonist gilt, und endlich, daß auch sonst die Meiungen über diesen Punkt weit auseinandergingen. Venn nun die „Köln. Ztg." in einer.Korrefponaus Madrid vom Anfang November bemerkte, aß „die Sefardim politisch dem Mutterland am ützlichsten sein können, wenn sie von. den Lünern aus Mitwirken, in welchen sie sich seit Jähunderten niedergelassen haben", so hat sie gewiß as Richtige erkannt. Abseits von allem dies drang nmer Mehr die Erkenntnis durch, daß es gut sein Ärde, einen Boden vorzubereiten, auf dem ,Seirdim und Spanier unter dem Gesichtspunkt eines emeinsamen Interesses zusammentreffen würden, länilich auf dem Boden der historischen 'Bergangenest. der Juden in unserem Lande. Wohl ließen sich hier Namen von einigen zeitenössischen Landsleuten — unter ihnen manche.herorragende — nennen, die diesen Zweig der Gehichte, der Literatur, der Philosophie und selbst er Politik gepflegt haben. Doch diese sind Ausahmen, und der eigentliche innere Wert ihrer Arbeit hebt sich gerade dadurch ab, daß sie ausschließlich die Frucht eines Berufes sind und nicht der Hofftmng entsprungen waren, auf die öffentliche Meinung Eindruck zu machen; für die schließlich das Interesse fiir diesen 'Studienzweig bis vor ganz kurzer Zeit auf dem toten Punkt stand. Dieser unvorteilhafte Zustand trat durch neue Umstände noch klarer zu Tage, als Anfang des Jahre 1913 das spanische Volk, wie es in den einleitenden Worten des königlichen Dekrets vom 3. April heißt, „die Aufgabe übernahm, neue Territorien unter seinen zivilisatorischen Einfluß zu stellen, die von Bekennern des Islams und Israeliten bevölkert sind, die als solche unter Achtung ihrer Institutionen und Glaubensbekenntnisse anerkannt und regiert werden sollen." 'Die durch das königliche Dekret geschaffene und dem Ministerium unterstellte (Junta de Ensenanza en Marruecos) „Gesellschaft für das llnterrichtswesen in Marokko" wurde u. a. beauftragt, die Lücke auszufüllen, die sich hinsichtlich der Spezialstudien über das jüdische Volk in unserem offiziellen Unterrichtsprogramm bemerkbar macht, da die Literatur des Judentums in Spanien so überaus reich ist. Es ist logisch, fügt das Dekret hinzu, daß dieses Ministerium (das heißt des Aeußern), das gegenwärtig das größte Interesse an der Einsnhrung der rabbinisch-wissenschastlichen Disziplinen habe, sich damit befaßt, diesem Mangel provisorisch abzu helfen, ohne der eventuellen Weiterentwicklung, die dieser Gegenstand später durch den Unterrichtsminister erfahren kämtte, zu beeinflussen. Und so wurde angeordnet, daß die „Gesellschaft fiir das Unterrichtswesen in Marokko"' in Uebereinstimmung mit der „Real Academia de Jurisprudencia" (der königlichen Akademie fiir Rechtswissenschaft) mit Unterstützung des Ministeriums des Aeußern in dem „Instituts Libre de Cärreras diplomäticas y consular y Centro de Estudios Marroquies" (Institut für Diplomatie, Konsulardienst und marokkanische Studien) eine Reihe von Konferenzen über spanischjüdische Geschichte und Literatur veranstalten soll, die als Voraussetzung eines ordentlichen Lehrstuhles fiir diese Materien angesehen werden .soll, und zwar in einer Form und unter Umständen, die das Ministerium fiir richtig erachten wird. Heute existiert, wie bekannt, nur ein Lehrstuhl für hebräische Literatur in der philosophischen Fakultät, ber von dem ausgezeichneten Professor der hebräischen Sprache Gas par Remiro .besetzt ist. In einer Sitzung der erwähnten Gesellschaft, der unter anderem unsere ausgezeichneten Orientalisten Ribera und As in sowie der Direktor des Instituts Fernandez Hrida beiwohnten, wurde nach Beftagen auswärtiger hervorragender Gelehrter beschlossen, den Orientalisten Dr. A. S. Pa hu da von der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, der u. a. auch durch die Veröffentlichungen des Kitab-al-Hidaya des Philosophen Bachia-ibn-Josef-ibn-Balsuda. bekannt ist, zu berufen; dieser wird ntmmehr in einigen Tagen seine Konferenzen in dem Institut für Diplomatie und Konsulardienst in der Akademie für Rechtswissenschaften beginnen, nachdem er bereits seit meyreren Wochen eineit Kursus für Studierende im .Seminar der Universität leitet.. Verschiedene Zeitungen haben anläßlich der erwähnten Berufung tmd anderer Vorfälle, wie zum Beispiel der Ankunft der Deputation der Hispano- Hebrea zU Tanger in Madrid, die jüdisch-spanische Frage besprochen. Die Franks. Zeitung, die Köln. Zeitung heben hervor, daß die so gearteten Beziehungen, die wir im Begriff sind, zu diesem Volke anzukuüpfen, das ohne Land ist, dessen Einheit aber durch vorherrschend geistige Faktoren in der Geschichte dauernd besteht, viel wirksamer sein können als andere überhaupt. Das Bestreben, dem Studium der jüdischen Geschichte in Spanien seinen gebührenden Platz anzuweisen sowie der Wunsch, dieses eben durch jüdische Elemente besorgen zu. lassen, die mit der einzigen Absicht und zu dem einzigen Zweck berufen werden, der Wissenschaft zu dienen, bekunden .schon eine aufrichtige Wertschätzung dieser Studien und den guten Willen zu einer gemeinsamen geistigen Arbeit. Ohne die Notwendigkeit, direkte oder indirekte Politik „zu machen", wird dieses Unternehmen, wenn es ausschließlich und uneigennützig in per Suche nach der Wahrheit allein geschieht, Sefardim und Spanier in gemeinsamer Arbeit vereinigen können. Für die marokkanischen Juden aber wird es eine sichere Gewähr dafitr sein, daß Spanien zu ihnen kommt, indem es von freundschaftlichen Gefühlen durchdrungen ist und vom Wunsche getragen, Sitten und Gebräuche, die in einer Religion begründet sind, die verschieden ist vom Bekenntnis der Mehrzahl der Spanier, zu respektieren. Außerdem werden sich die Juden aller Länder, wenn es ihnen auch bekannt ist, haß der Geist des famosen Archidiakonos von Ecija, Don Ferrün .Martinez aus den Zeiten Don Jüan I. bald in .uns mit großer Gewalt erwachen wird, von ihrem Irrtum überzeugen. Endlich würden die Studienbeflissenen, von 8er magnetischen Kraft der großen Namen ihrer Vergangenheit angezogen und von der Sehnsucht nach den reichen Judengassen und den Orten, wo ihre Vorfahren litten, ergriffen, ihre Schritte wieder nach Spanien, ms dem Zentrum ihrer Kultur, wenden, wenn die erwähnten Unterschiedsdisziplinen bei uns wirklich erneuert, entwickelt und richtig organisiert sein werden. Es ist selbstverständlich, daß das nicht alles ist, und daß auch nicht eine Reihe von Konferenzen ausreicht, selbst wenn sie von einem Dr. V ah uda gehalten und von der Gesellschaft für p-ä Ünterrichtswesen in Marokko gefördert werden. Doch der Anfang ist gemacht; der Zweck dieser Zeilen ist, eben die Aufmerksamkeit auf diesen Anfang hinzulenken. Anmerkung der Redaktion. Die Frage» die der gesch. Autor anschneidet, ist vom jüdischen Gesichtspunkte gesehen, eine überaus ernste und schwerwiegende: denn sie berührt düs heiligste Gut unseres Volk»: unsere nationale Ehre! Als wir Jichen vor Jahrhunderten Spanien den Rücken kehrten, da taten wir es mit dem Eide, Niemals wieder in dieses Land, das uns so verfolgt und entwürdigt hat, zurückzukehren. Wir wollen nun nicht geradezu behaupten, daß dieses nationale Gelübde für ewige Zeiten seine Gültigkeit bewahren müßte: wohl aber glauben wir, daß es nicht von einzelnen Juden oder Einzelgruppen unseres Volkes ohne weiteres gebrochen werden darf; vielmehr darf diese Frage, die die Ehre des gesamten jüdischen Volkes berührt, auch nur vom gesamten Volke entschieden werden. Nun ist ja zunächst, wie auch aus dem Artikel hervorgeht, an eine jüdische Einwanderung nach Spanien nicht zu denken: aber auch das andere, daß Spanien beabsichtigt, die Sephardim in Saloniki unter 'seinen Schutz zu nehmen, kann nicht ohne weiteres unsere Sympathie erwecken, zumal hierzu keine politische Notwendigkeit für die Sephardim besteht. Was jedoch alle Juden begrüßen dürfen, dies ist die Absicht der spanischen Regierung, sich ihrer marokkanischen jüdischen Untertanen anzunehmen, sie in der Ausübungihrer Traditionen und ihrer Religion zu schützen und durch eine Pflege der jüdischen Wissenschaft an der Madrider Universität die jüdischen Bürger auch geistig an sich zu fesseln. In diesem Sinne begrüßen wir die Berusiing Dr. Ia^udas und freuen