Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 15 (20.4.1914)
- Date
- 1914-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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April 1914) «r. 15. nk UtZ lg:: rstvll ätt- Cll-;en. ert sse 4 »81. lischer ofife beituttff 886 19. soll sich die Iran mit Politik befassen r Won Dr. Carl Cohn-Altona. (Schluß,) Eine sehr große Anzahl von jüdischen Frauen ist heute beruflich außerhalb des Hauses tätig, im Handel, und Verkehr vor allem, aber auch auf dem Gebiet des Erziehungswesens und in anderen höherm Frauenberufen, wie Aerztiunen und dergleichen. Niemandem wird es einfallen, von diesen Frauen auf Grund des „Zniutz"-Begriffes das Aufgeben ihres Berufes und .die Rückkehr ins Haus zu verlangen. Die logische Folge aber der Beteiligung der jüdischen Frau am beruflichen Leben ist, daß die Frau auch auf die Grundlagen und Bedingungen des beruflichen Lebens einzuwirken sucht. Der wichtigste Faktor aber hierfür sind die Gesetzgebung und die gesetzgebenden Körperschaften. Die Frau sucht auf Gebieten, die auch über ihr eigenes Wohl und Wehe entscheiden, .das Mitbestimmungsrecht zu erlangen. And es wäre sklavisch von ihr, wollte sie sich ewig darauf beschränken, ihr Recht von. anderen erbetteln zu wollen. Diejenigen aberdie direkt am Berufsleben nicht beteiligt sind, sind verpflichtet, ihren Schwestern in ihrem schweren Kampfe zu Hilfe zu kommen. So ist auch die Beteiligung der jüdischen Frau am politischen Leben lediglich eine Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Erkenntnis der unausbleiblichen Politisierung der Jüdin muß die gesetzestreue Frau zu raschem Handeln nötigen. Es darf nicht noch einmal so kommen wie beim gesetzestreuen Manne, der Politik Politik sein..ließ und dadurch die Vorherrschaft der Neologen verschuldete. Wird dies jetzt anders, beginnt gleichzeitig die gesetzestreue Frau, ihren Einfluß in der Politik geltend zu machen,, so wird dies für die gesetzestreue Judenheit die günstigsten Erfolge zeitigen. Je mehr er er!g 66 ul 59. Träger ein Gedanke, eine Bestrebung austveist, desto aussichtsvoller ist die Erreichung des. gesteckten Zieles. Es wird uns viel leichter möglich sein,, infolge unserer politischen Schulung und unseres Gewichtes bei. den Wahlen, jüdische, insbesondere jüdisch-gesetzestreue Forderungen durchzusetzen. Ich glaube kaum, daß der offizielle Redner bei Fortschrittspartei im Reichstag es gewagt hätte, den 8 3. des Sonntagsruhegesetzes abzulehnen, wenn wir durch die Unterstützung der f^au bereits eine einheitliche politische/Masse gebildet hatten, die sich ihrer ■ Aufgabe bewußt wäre. ' Aus der bisherigen Erörterung ergibt sich, in welcher Form nun sich die Jüdin mit der Politik befassen soll..Zunächst Aneignung des erforderlichen Wissens, aus dem Wissen folgt Verständnis der politischen Vorgänge, und ' aus dem Verständnis wird die Art und ' Weise der Betätigung von .selbst hervorgehen. Was aber-soll.'.die jüdische Frau durch ihre politische Arbeit vor allen Dingen zu beflern suchen? „Die Weisheit - der Frau ist die Baumeisterin des Hauses, der Familie", lehrt uns das Judentum. So muß sie für die Schaffung und den Ausbau geeigneter Berufe für die erwerbsfähigen unverheirateten Mädchen Sorge tragen. Diese ermöglichen durch . ihre wirtschaftliche Hilfe im Elternhaus oft' geradezu größeren Kinderreichtum, sie helfen jüngeren Geschwistern die -.gleichen Ansbildungsmöglichkeiten sichern, sie befreien die eigene Mutter von. der Erwerbsarbeit — einer der wichtigsten Faktoren für. ein jüdisches Familienleben—, sie entlasten die BWer oft genug von der Sorge für die Eltern und machen sie für eigene Familiengründung frei. Sie Muß ferner bessere Heiratsmöglichkeiten auch für die Angehörigen der oberen und mittleren Schichten schaffen. An sich sind die Angehörigen dieser Schichten, aus denen die deutsche Jüdenheit hauptsächlich besteht, rein wirtschaftlich betrachtet, fast sämtlich zür Heirat imstande; auch ist der Glaube in Deutschland, smß die Zahl der Frauen die der Männer überwiegt, statistisch als unrichtig nachgewiesen — im Mer von 16—40 Jahren ist die Zahl der Männer größer —; was sehr viele Bkänner aus den mittleren und oberen Schichten von der Heirat zurückhält, und auf der anderen Seite die Eheschließung der Juden immer mehr zu einem formellen Geschäft degradiert, sind die Wünsche nach größerer Bequemlichkeit, der individuellere Geschmack, die komplizierteren Lebensumstande. Das beruht aber wiederum auf unserer heutigen Gesellschaftsordnung, die zum Teil gerade durch die Sucht nach immer größerer Bequemlichkeit und immer ausgedehnterem. Luxus charakterisiert wird. Um also die Heiratsmöglichkeiten zu bessern, ist die Beteiligung 'der jüdischen Frau, an den Bestrebungen auf Aenderun^ der heutigen Gesellschaftsordnung nottvendig, wenigstens soweit sie die gezeichneten Mangel aufweist. Auf dem Gebiet der Gesetzgebung zeigt z. B. die Reichsfinanzreform von '1010 den Zusammenhang zwischen Haushalt und Gesetzgebung; "denn durch sie sind zum Teil die unteren Schichten der Bevölkerung gezwungen worden, /ihre Lebenshaltung herabzusetzen. Die neue Reichsversicherungsordnung, die Schutzvorschristen der Arbeitergesetzgebung, der Gewerbeordnung für die beruflich tätigen Frauen, die Forderimg auf allgemeine Einführung des Achtstundentages sollen hier nur an- . gedeutet werden, um zu zeigen, wie derartige Vorschriften, die die Frau, in ihrem bedrohten Familienleben schützen sollen, aus diesem Grunde gerade der Wischen Frau ein reiches Feld der Betätigung gewähren. Daß die politische Jüdin auch gegen den Antisemitismus kämpfen wird, bedarf wohl kaum der ' Erwähnung. Durch die Erziehung der Jugend zu aufrechten Juden, durch die Gewöhnung unserer zugewanderten Brüder aus dem Osten an unsere westliche Anschauungsweise, durch die Bekämpfung antisemitischer Bestrebungen in. Frauenorganisationen, in denen sie sich in jüngster Zeit ebenfalls zu . regen beginnen, wird der Frau auch auf diesem Gebiete eine erfolgversprechende Tätigkeit zufallen. Ganz abgesehen von diesen Zielen, denen die Jüdin aus spezifisch Wischein Interesse nachstreben soll, mutz sie sich auch allgemein an dem Kampf der Frau um Gleichberechtigung im öffentlichen Leben, um eigene politische Rechte beteiligen. „Gleiches Recht auf geistiges und materielles Leben allen, die ein Menschenentlitz tragen", diese Devise der Frauen im Kampfe um ihre Gleichbe- : rechtigung ist auch eine der wichtigsten Forderungen Wischer Ethik. Wünschen und sehnen wir die Zeit herbei, in der .jeder Vernichtungskampf auf Erden geschwunden, jede Unterdrückung beseitigt, jeder Tränenquell versiegt sein wird, so müssen wir unser ganzes Können dafür einsetzen, die Menschheit zu solch' hoher Gesittung hinanzuführen. Es ist verkehrt, .zu glauben, daß in der Politik die Moral dem nackten Interesse weichen mutz .und , auch in Zukunst immer weichen wird. Der frühere dänische Ministerpräsident Christensen hat in einem ausgezeichneten, „Politik und Masienmoral" betitelten Buch nachgewiesen, wie im Laufe der mehrtausendjährigen Weltgeschichte allmählich der nackte Jntereffenstandpunkt immer mehr zu Gunsten verschiedener 'Grundsätze zurücktritt, und daß die Moral der großen Masse es ist, die diesen Fortschritt bewirkt. Und wenn auch heute die Massemnoral noch auf dem Standpunkt steht, auf dem im MittelaÜer die für den einzelnen geltende Moral sich befunden hat, so ist doch zu erwarten, daß die Massenmoral einst sich zu dem von uns Juden erhofften Zustand entwickeln wird. Diese Entwicklung aber wird bewirkt durch die Arbeit von Tausenden und Abertausenden zielbewußter Menschen, die im 'Sinne der moralischen Menschheitserziehung tätig sind und die z. B. die sogenannte .öffentliche Meinung" — ein wichtiger Faktor für die Erziehung der Massenmoral — bilden helfen. Hier ebenfalls mitzuwirken und zu taten, und zwar .auf dem ihr ureigensten Gebiete des Kampfes um Frauenrechte, mutz eine der edelsten Aufgaben der jüdischen, der Wisch-gesetzestreuen Frau sein. Ich resümiere: Die wirtschaftliche Lage, die das gesetzestreue Judentum der' Gegenwart vor die Frage von Sein oder Nichtsein stellt, zwingt, gerade die jüdischen Frauen zur Beschäftigung mit der Politik. Aus feen Ereignisse« des Tages. Der AntisemttiSmus tzeS Wandervogel. Ter Antisemitismus in Deutschland ist im Wachsen begriffen. Diese Tatsache wird sich niemand, der offen und ehrlich die Entwicklung des öffentlichen Lebens 'in Deutschland beobachtet, verbergen köimen. Merdings hat er die Formen und Manieren seines Auftretens gewechsell. Der Radauarttisemittsmus der Gaffe ist geschwunden: Der Antisemitismus hat feinere,. vornehmere.Manieren a^eptiert, er ist salonfähiger geworden; er hat .sich das Mäntelchen wissenschaftlicher Objektivität umgehängt; und in dieser Verkleidung hat er in der letzten Zeit da um sich gegriffen, wo er am gefährlichsten ist: in der Jugend. Die Wischen SWenten wissen von .diesem steigenden Antisemitismus zu erzählen, die jüdische Schuljugend selbst muß ihn häufig wahrnehmen, und iM letzten Jahre ist er ja offenkundig geworden in jenem Jugendverbande, der, bereits jetzt, kurze Zeit nach seiner Gründung mächttg dastehend, gewiß noch sehr wachsen wird: im Wandervogel. Als vor einiger Zeit sich die ersten Anzeichen /des Antisemitismus im Wandervogel bemerkbar machten, als manche Vereine den Beschlutz faßten, keine Juden mehr auszunehmen, und jenes schmutzige antisemitische Pamphlet erschien,', daß die Führerzeitung des Wandervogels herausgegeben hockte, du wollten es viele nicht zugeben. Vor allem nicht jene liberalen Juden, die es noch immer nicht verlernt haben, den Nichtjuden nachzulaufen, selbst wenn man ihnen offenkundig zeigt, datz man sie nicht haben null. Es seien nur vereinzelte 'Erscheinungen, hieß es immer wieder, der Wandervogel als. solcher sei jedoch keineswegs antisemitisch. Vor wenigen Tagen hat nun der Wunder-- Vogel seine Hauptversammlung abgehalten und Stellung genommen zu der .Judenfrage". Und der Standpunkt, den er - eingenommen, ist so deutlich, datz nun tvohl auch dem liberalsten Juden ein Licht aufgehen wird. Die Resolntton, die gell ll