Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1914-04-03 · Heft 13 (3.4.1914) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 13 (3.4.1914)
Date
1914-04-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692872-2692885--08351-2703488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Erscheint wöchentlich erm Freitag. -rnlarprei» pro Uirrtrljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— st» tnS HauS. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins touS. 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch treifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Ml. 1.50, für Rußland. 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion und Grprdition: Frankfurt a. M. rr Langestr. 7 Fernsprecher Amt I. 10507. -nsrrtisnsprr» für die sünfgefpaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Mederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme beider Exped. und ina.Annoncen-Bureaus Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M unter Nr. 4884. Freitag, de» 7. Nissan 5674 (8. April 1914) 18. Jahrgang. Das Rätsel Ruhlarrd. ^VonNachum Gold'maun. „Was denken Sie über Rußland?" wurde vor nigen 'Jahren in der Enquete einer bekannten anzösischen Zeitschrift Anatole France geftagt. über Rußland bin ich wütend", erwiderte der oße Spötter, „ich kann es nicht einmal mit item . Grunde hassen, denn ich verstehe es nicht." iefe Antwort eines der geistreichsten und gebiltsten Europäer unserer Tage spiegelt in der Tat >s Verhältnis wider, welches das intellektuelle uropa Rußland gegenüber .einnimmt. Wir hassen lid verabscheuen dieses Rußland recht gründlich, ir. empfinden seine Existenz oft als einen Schandeck unseres Jahrhunderts; es aber wirklich in iner. Eigenart, in seinem Wesen zu verstehen, äffen können sich nur sehr wenige in Europa rühlen. Dieses gewaltige Land mit seinen 150 Milliom Einwohnern, das von'Europa nach Asien hinberleitet, ist uns Europäern einfach ein Rätsel. >o sehr ejn Rätsel, daß wir nicht einmal bestimmt issen, wohin es eigentlich gehört; ist dieses Land gentlich noch Europa oder schon Asien? Wie viele iben nicht behauptet, bei Eydtkuhnen begänne Veits Asien; und wenn wir von den'Pogromen und litualmordmären, von den Kriegsgerichten und littelalterlichen Gefängnissen mit ihren Torturen sen, dann möchten wir in der Tat glauben, Mß- >nd sei bereits ein Teil von Asien. Dann aber inner».wir uns mancher seiner großen Männer: lostojewski, Tolstoi, Turgenjef, und müssen uns estehen, daß das Land, das solche Männer ervorgebracht, doch im Grunde seines Wesens zu uropa zählen muß. Und je mehr wir mit Rußland nd seiner Kultur vertraut wurden, umso seltsamer ich unlösbarer ward uns das Rätsel; je näher ber. unsere Beziehungen zu ihm wurden — und e find heute politisch, wirtschaftlich und kulturell :cht nahe —, desto quälender ward es uns. m letzten Jahrzehnte vollends, seit dem psisch-japanischen Kriege und der russischen Revoltion, begann das Rätsel Rußland zu einer ringenden, mit lauter Stimme eine Antwort kreischenden Frage zu werden. Masuryk, der bekannte Prager Politiker nd Gelehrte, hat deir. ersten Versuch gewagt, ieses Rätsel, wenn auch nicht ganz zu. lösen, so s doch aufzuweisen und klarzustellen; und wenn cst ein Rätsel klargestellt ist, ist es schon so gut >ie gelöst. In einem groß angelegten Werke: Rußland und Europa"*), von dem bereits ie ersten zwei umfangreichen. Bände vorliegen, icht er ein umfassendes Bild der russischen Geistesntwicklung und Kultur zu zeichnen, dargestellt an hren bedeutendsten Repräsentanten und den ihr igentümlichen Problemen. Das Werk, in dem ein mgeheüres Material gründlich und tief verarbeitet >t, bedeutet für einen Westeuropäer eine Art von Offenbarung; eine völlig neue Welt eröffnet sich hm da, eine Welt, die ihn ebenso interessiert wie rstaunt, deren Elemente er als sich wesensverwändt nd doch als von ihm grundverschieden empfindet, üoch hier an dieser Stelle soll nicht über den 8ert dieses Buches für den Westeuropäer im allemeinen gesprochen werden; was uns hier interesieren soll, ist die Bedeutung dieses Buches für m westeuropäischen Juden. Wir. Juden haben ja an Rußland ein ganz *). Th. G. Masaryk, Rußland und Europa. 2 Bde. 913, Jena, Verlag Eugen Diederichs. besonderes Interesse. Denn wie wir Uns auch zu ihm stellen mögen, die Tatsache läßt sich doch nun einmal nicht aus der Welt schaffen, daß 6 Millionen Juden in Rußland wohnen, daß mit ihnen das eigentliche geistige Kraftzentrum des Judentums sich im Zarenreiche befindet, und daß gerade dieses Land dasjenige ist, in dem der Judenhaß seine brutalsten und leidenschaftlichsten Ausdrucksformen gefunden hat. Von diesem Gesichtspunkt aus muß es uns außerordentlich interessieren, das innere geistige Leben dieses Landes zu erkennen und zu verstehen. Denn — das läßt sich bei einigem Nachdenken von vornherein sagen — dieser Judenhaß in.Rußland muß wie alle anderen sozialen und kulturellen Erscheinungen seine tieferen Ursachen habest, muß in gewissen geistigen Strömungen der russischen Kultur begründet sein. Es ist ja letzten Endes eine seicht-oberflächliche Art der Geschichtserklärung, die solch' große Erscheinungen, wie es der Antisemitismus in Rußland ist, lediglich auf niedere Instinkte und brutale Ausbrüche roher, atavistischer Leidenschaften zurückführen will. Es ist ebenso naiv, im Menschen nur einen Teufel und eine Bestie zu erblicken, wie es kindisch ist, ihn als Engel und Heiligen anzusehen. Auch die unsympathischsten und niedrigsten Erscheinungen im Leben eines Volkes haben bis zu einem gewissen Grade edlere Ursachen und höhere Beweggründe, und erst dann hat man solche Phänomene wahrhaft verstanden, wenn man auch diese ihre Seite erfaßt hat. In dieser Hinsicht ist das Masaryk'sche Werk äußerst lehrreich. Die Kapitel über die Slawophilen und die Repräsentanten der kirchlich-orthodoxen, politischreaktionären Strömungen innerhalb der russischen Literatur bieten auf Schritt und Tritt reiches Material zu einem tieferen Verständnis des Judenhasses in Rußland; und man erkennt, daß Leute, wie beispielsweise die Slawophilest, die rvir in ihrer naiv-unverschämteu Art und Weise, alles nicht Echt-Russische in der europäischen Kultur zu Verachten und abzulehnen, manchmal als unreife, ungebildete Chauvinisten oder als arrogante, großmäulige' Schwindler anzusehen geneigt sind, doch eigentlich die Repräsentanten Und Produkte einer tiefgehenden, in der historischen Entstehung und Entwicklung des Russentums verankerten Geistesströmung sind, die man wohl verwerfen und kritisieren darf, die man aber doch in manchen ihrer originellen Ideen, in ihrer eigentümlichen Weltanschauung würdigen und teilweise respektieren muß. Oder man nehme ein noch drastischeres .Beispiel: Pobjedonoszew, diesen markantesten und bestgehaßten Vertreter russischen Absolutismus und finsterer Reaktion. Wer bei Masaryk das Kapp tel über die kirchlich-orthodoxe Richtung in der russischen Kulturentwicklung gelesen hat, wird in seinem Urteil über diesen Mann doch manches wesentlich korrigieren müssen. Ein solcher Pobjedonoszew, der dem Westeuropäer wohl als ein nur von egoistischen Machtgelüsten und politischen Höflingsinstinkten beherrschter Intrigant erscheinen möchte, im großen kulturhistorischen Zusammenhang gesehen und gewertet, in den ihn Masaryk hineinstellt, wird er zum mächtigen Repräsentanten einer der eigenartigsten und tiefgehendsten Strömungen der russischen Geistesgeschichte, erscheint er als der geschlossene, rücksichtslose Verteidiger Alt-Rußlands, als der in seinem Fanatismus imponierende Herold einer spezifisch russischen, unheimlich finsteren Weltanschauung, die man als Europäer des 20. Jahrhunderts gewiß mit Schaudern ablehnen muß. Rr. 13 der man aber doch sein Interesse und zum Teil auch seinen Respekt nicht versagen kann. Erst wenn man von der sicheren Führerhand Masaryks geleitet, Einzug gehalten hat in die Welt des russischen Geistes, versteht man die ganze Tiefe und den historischen Sinn der russischen Orthodoxie und der russischen Reaktion, versteht man, wie tief verwurzelt dieselbe im russischen Charakter und in der russischen Kulturentwicklung ist,. wie aussichtslos und naiv, daher die Hoffnung auf eine baldige radikale Wandlung der politischen und kulturellen Zustände in Rußland erscheinen muß. In. keinem Kulturlande der Welt ist die Reaktion historisch so fest verankert wie in Rußland, weil sie nirgends so eng verschmolzen ist mit der kirchlichen Orthodoxie; bis diese Koalition von Reaktion und Orthodoxie, bis dieser Bruderbund des russischen Mönches mit dem russischen Zaren besiegt und überwunden sein wird, wer weiß, wie viele Jahrzehnte noch darüber vergehen mögen. ... Noch in einer anderen, vielleicht noch bedeutsameren Richtung ist das Masaryk'sche Werk für den westeuropäischen Juden von höchstem Jnterefie. Es stellt einen grundlegenden Beitrag dar zum Verständnis des russischen Juden. Der russische Jude hat für seinen westeuropäischen Volksgenossen ja so manches von der Rätselhaftigkeit Rußlands an sich, und jeder, der das innere Leben des russischen Judentums verfolgt, der das Verhalten der russischen Juden in der jüdischen Oeffentlichkeit, vor allem im Zionismus, beobachtet, wird oft erstaunt den Kopf schütteln müssen. Nun, ein gut Teil des für den westeuropäischen Juden Rätselhaften, Unbegreiflichen am russischen Juden wird natürlich und verständlich, wenn man die ersten zwei Bände des Masaryksschen Werkes durchgelesen hat. Wie oft, wenn sich mir aus der Lektüre eines Kapitels über irgend eine Strömung innerhalb der russischen Kultur Vas Bild der Lurch sie bedingten russischen Eigenarten herauskristallisiert hat und dieses Bild plastische, persönlichere Züge anzunehmen begann, merkte ich auf einmal, daß all dies ja Eigenarten des russischen Juden sind. Und ich mutz gestehen: mit Erschrecken mußte ich während der Lektüre dieses Buches wahrnehmen, wie weit und wie gründlich bereits die Assimilation eines großen Teiles der russischen Judenheit fortgeschritten ist. Gar manche, ich darf ruhig sagen der größte Teil der unsympathischen, unkulturellen Eigenschaften, die der jüdischrussische Intelligenzler besitzt: jener totale Mangel an Ordnungssinn, an ausdauerndem Pflichtgefühl an innerlicher Diszipliniertheit, jene Vorliehe fiir das Theoretisieren, für das Abstrakte und die völlige Verständnislosigkeit für das Aeußere, für das Konkrete, für das Praktische, jene Neigung zum Extremen, Radikalen, Uebertriebenen und die Verachtung des Maßvollen, langsam und nüchtern Abgewogenen, jener erschreckend rücksichtslose, unreife Individualismus, jene Kühnheit, gleich mit denk Höchsten zu beginnen, bevor man .die Basis noch erworben hat, jenes Luftmenschentum auch in geistigkultureller Hinsicht, kurzum: all jene Eigenschaften und Züge, die den jüdisch-russischen Intelligenzler bei all seiner Bildung und seinem- Wissen, bei all seinem Idealismus und seiner Opferfähigkeit, bei all seiner Intelligenz und Begabung doch als einen Menschen erscheinen lassen, dem es in vielfacher Hinsicht noch an wahrer Kultur mangell, all diese Züge sind größtenteils Produkte des. russischen Einflusses, dem er unterlegen, Resultate seiner Assimilation an das Russentum. Weil die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.