Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 12 (27.3.1914)
- Date
- 1914-03-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Erzählungen, die wohl das erste religiöse Empfinden wecken mögen, mit denen aber der das Judentum! Studierende sich anscheinend nicht mehr zu befassen braucht. Diese Zurücksetzung sollte verhängnisvoll werden! Gerade dieses erste Buch bekam mit dem Entstehen der rckodernen Bibelkritik im" vorigen Jahrhundert eine schwerwiegende Bedeutung, da in ihm eine zersetzende Bibelkritik für ihre Arbeit des Niederreißens den weitesten Spielraum fand. Diesem Ansturm - hätte von jüdischer Seite begegnet werden müssen. Aber bei uns hatte man das Verständiris dieses Buches vernachlässigt, und so mußte man dem! Ansturm untätig gegenüberstehen. Was konnte man z. B. erwidern, flenn die Wissenschaft die Assyrer als Jndogermanen erklärte, die doch nach der Bibel Semiten sind!? Oder wenn z. B. gesagt wurde, die fünf Bücher Moses müßten ganz bedeutend jüngeren Datums sein, denn ein Volk in seinen Anfängen sei selbstredend ohne jede Kultur und könne daher unmöglich ein solches Buch besitzen, so mußte die Antwort auf die Offenbarung. Hinweisen und damit das gesamte erste Buch degradieren, das unsere vorsinaitischen Vorfahren als kulturell hochstehende Menschen schildert; ja. nicht nur das: ein Noah kannte sogar bereits den Unterschied zwischen reinen und unreinen Tieren. Man mußte sich mit dem klaren Verständnis des ersten Buches in Widerspruch setzen, mußte die Aussprüche unserer alten Weisen, die da sagten, daß die Erzväter bereits die Thora beobachteten, bereits Ueberlieferungen in den Lehrhäusern von Schem und 'Ewer empfingen, in Stillen belächeln, — nur um die Situation fiir sich zu retten. Ja, man glaubte sogar, mit diesem! Standpunkt für die Wahrheit unserer 'Religion ein gewaltiges Bollwerk geschaffen zu haben, denn waren unsere aus der ägyptischen Knechtschaft geführten Väter eine Herde von rohen Sklaven, dann konnte ihnen das Gesetz ja nur durch Gottes Offenbarung gegeben sein. Doch hatten nicht unsere alten Weisen schon gesagt, daß Gott gerade deshalb unserem Volke und keinem anderen seine Lehre offenbarte, weil unser Volk die Voraussetzungen für die Annahme der Lehre erfüllte, also gerade deshalb, weil es am höchsten von allen Völkern stand, — und ist es nicht eine viel größere Stütze für den Offenbarungscharakter unserer Lehre, wenn unsere Väter ein hochstehendes', denkendes und sehendes Volk und nicht ein wildes Volk waren? Eine wilde Horde hätte eine Offenbarung angenommen und wäre ihr stets treu geblieben, und gerade die fortgesetzten Rückfälle sind .es, die das kritische Urteil eines Kulturvolkes zeigen. Sehr richtig schreibt Rabb. Dr. Sigmund J'mnpel*) „. . . Trotzalledem sieht die altjüdische Literatur 'stets in der vormofaischen Religion und Ethik den Untergrund, auf dem die biblische^ Gesetzgebung später aufgebaüt wurde, ohne im geringsten darin eine Mschwächung.'des biblischen Offenbarungscharakters zu erblicken. Heute dagegen findet man darin ein „empörendes Attentat" auf die Religion, wenn die altsemitischen Urkunden uns die Ueberzeugung aufzwingen, daß vieles von der biblischen Religions- und Gesetzeslehre auch dem vorbiblischen Semitismus bereits bekannt gewesen sei. Dieses „Attentat hat nicht die Ussyriologie, sondern der die altjüdische Tradition nicht genügend beachtende Religionsunterricht indirekt verschuldet, und deshalb nmß es die Aufgabe des künftigen Religionsunterrichtes sein, solche „Mentale" fernerhin unmöglich zu machen." Vorgeschichte Israels und seiner Stell gron, verlegt bei I. Kaufsmann, Frankfurt a, M. Und weiter: „Die mangelhafte Berücksichtigung, der Vorgeschichte Israels seitens des heutigen Religionsunterrichtes fördert entweder die falsche Vorstellung, daß die vormosaischen Israeliten weder eine Gesetzesordnung noch irgend welche Rechtsnormen besessen hätten, oder sie fiihrt zu der kindlichen Anschauung, daß die Israeliten gleich nach Empfang des biblischen Gesetzes ihr ganzes bisheriges Leben und Denken mit einem Schlage geändert hätten. . ." Man begreift, daß bei derartigem Denken eine gewisse Unsicherheit und Oberflächlichkeit beim Betrachten des Judentums haben Platz greifen müssen. * Aber noch nach einer anderen Richtung sollte die Zurücksetzung, des ersten Buches uns starke Einbuße bringen. Die Unterweisung in den Lehren des Judentums kann schon längst nicht mehr in ihren Erfolgen beftiedigen, im Gegenteil: die Jugend nimmt das im Unterricht Gehörte ohne innere Anteilnahme auf. Und da ist .es gerade das erste Buch, das das wichtigste Element für die innere Anteilnahme, die Begeisterung nämlich, gibt. Raschi scheint das auch schon empfunden zu haben, wenn er ftagt, warum nicht mit dem ersten Gebote an Israel begonnen worden sei, und seine Frage dahin beantwortet, es solle die Größe Gottes gezeigt werden, — denn dieses bedeutet ja, religiöses Empfinden, reges Interesse erwecken. Dies ist also in einer Zeit vernachlässigt worden, in 8er die Weckung jüdischen Jntereffes nötiger als je ist. Hat doch unser jüdisches Volk in seiner langen, wechselreichen Geschichte sich noch nie in einer solch haltlosen,' verzweifelten seelischen Zerrissenheit befunden wie in der Neuzeit. Und da ist uns jetzt im rechten Augenblick ein Geschenk voni Himmel geworden. In Mesopotamien, der Geburtsstätte unseres AÄlkes, haben Ausgrabungen die Zeit unserer Erzväter — die Zeit um 2000 vor der üblichen Zeitrechnung — so klargelegt, daß wir mit den Menschen dieser Zeit geradezu fühlen und denken können. Und all' die tausenden schriftlichen Aufzeichnungen aus jener fernen Vergangenheit sind eine Bestätigung dessen, was das erste Buch unserer Bibel erzählt, sie geben seinen Worten erst Gehalt und Form, lassen sie lebendig vor uns und in uns werden. Aus dem von den religiös Gefilmten gläubig Hingenommeneu ist nunmehr für religiös und unreligiös Gesinnte eine „geschichtlich" erhärtete Wahrheit geworden. Hören wir den bereits zitierten Dr. Jampel in seinem Werke „Vorgeschichte Israels und seiner Religion"! Er schreibt: „Nur eine Ueberlieferung verkündet seit Jahrtausenden von dem hohen Wer und der einstigen Größe und Macht jenes altbabylonischen Reiches, und das ist die biblische. Jrn 10. Kap. der Genesis kennt sie die wichtigsten urbabylonischen Städte, die zumeist schon viele Jahrhimderte vor Moses unter dem Schutte lagen und deren Namen.wie deren Orte selbst den Babyloniern der biblischen Zeit nicht mehr bekannt waren. . ." Und weiter: „Die biblische Ueberlieferung, die . . . uns gleichsam das älteste Kulturzentrum, welches die.Wissenschaft, den alten außerbiblischen Ueberlieferungen folgend, irrtümlich nach Aegypten verlegt, an den Ufern des Euphrat und Tigris gezeigt hat, genügt uns zur Bewunderung ihrer unentwegten Echtheit noch in weit höherem Maße, wenn wir sehen, daß sie rroch einem anderen, kleineren Volke, welches wahrscheinlich schon Jahrtausende vor der biblischen Periode von der Erde verschwunden war, ein ehrendes Denkmal setzt. Es ist dies das Volk, dem die allerältesten auf uns gekommenen priniitiven Spuren menschlicher Kultur gehören, und das in den" babylonischen Inschriften aller späteren Jahrtausende „Snmir" genannt wird, während die Bibel noch den ursprünglichen Namen „Srnear" (I. B. M. 10, 10 11, 12) . . . genau bewahrt hat." In Verbindung mit den Ergebnissen der Ausgrabungen unterrichtet, muß das erste Buch der Bibel unserer Jugend ein solch' waches Jnterefse geben, daß dieses Interesse allein'schon bei den Schülern das Verlangen, immer?mehr und mehr von der Welt ihrer Urväter und Urmütter zu hören, erzeugen mutz. Dazu wird die Tatsache, daß alle Kultur von den alten Babyloniern — die Semiten, die rmsere Ahnen waren ausging, das unserer Jugend so nötige stolze Selbstbewutztsein, die ihr bisher fehlende jüdische Begeisterung Hervorrufen! jWir vermochten im Rahmen eines Artikels all' das Wunderbare, das uns die Ausgrabungen beschert haben, nur anzudeuten. Das Buch Dr. Jampels gibt Material in Hülle und-Fülle; doch muß bemerkt werden, daß das Buch mit einer gewissen Reserve und mit offenem Blick zu lesen ist, da der Verfasser zu .einseitig. nach der rationalistischen Seite hin pendelt. Betrachtung über die Aufgabe» der Siuwu'sche» Stistnna ru Hannover. Bon Lehrer Adolf Roth schilt»-Achim-Bremen. Am 27. Januar konnte ich endlich mein scharr lang gehegtes Vorhaben, mich von der Ausstattung und dem rnneren Betrieb des Seminars für Handfertigkeit und Gartenbau in Peine durch eigne Anschauung zrr überzeugen, zur Ausführung bringen. Ich kann wohl sagen, daß das Wahrgenommene meinen Erwartungen voll und ganz entsprach. Inmitten einer großen weiten Ebene erhebt sich wie ein vornehmes Bauerngut die Anstalt. Bald nach meiner Ankunft zeigte mir der Direktor die herrlichen, zeitgemäß ansgestatteten Anstaltsräume: die beiden Lehrsäle, Zeichenfaal, Physikzkmmer, Bortragsraum, die Werkstätten für Holz-, Papp- und Metallarbeiten, Speise-, Gesellschaftszimmer, Wirtschaftsräume und den 50 Morgen großen Garten. Alles, was ich gesehen habe, war etwas Vollendetes. Mein besonderes Interesse erregten die von den Lehrern und Schülern -angefertigten Papp-, Holz- und Metallarbeiten. Es ist nichts Dilettantenhaftes, sondern Künstlerisches, was hier geleistet wird. Zwischen den vorhandenen 6 jüdischen und 6 christlichen Lehrern besteht nach der Mitteilung des Direktors ein gutes Verhältnis. Z. Z. sind auch 3 Lehrer aus Jerusalem zur Ausbildung im Seminar. In der Familie des Direktors verbrachte ich nach der Besichtigung noch einige gemütliche Stunden. Wir plauderten über dies und jenes. Dabei kamen wir auch auf die Zukunft des jüdischen Lehrerstandes und des Judentums überhaupt, zu sprechen, worin unsere Ansichten sehr auseinandergingen. * Auf der Rückfahrt schon habe ich das in Peine Geschaute und Gehörte noch einmal durchdacht» — und da wollte es mir, bei aller Anerkennung der hervorragenden Leistungen der S.-Stiftung, scheinen, als wenn die Kuratoren den mir persönlich bekannt gewesenen Begründer der Stiftung, Konsul Simon, in allen Teilen nicht richtig verstanden oder doch znm mindesten sich bei ihren Maßnahmen zu sehr nach dem Buchstaben der gegebenen Bestimmungen gerichtet hätten. So erklärte mir der Direktor in Peine ganz kategorisch, daß es genkäß einer Bestimmung der Stiftung nur Aufgabe des Seminars sei, Lehrer für die beiden Disziplinen Handfertigkeit und Gartenbau heranznbilden, und jeder änderen, selbst einer verwandten Bestrebung — auch wenn es sich um eine solche handele, die die Ausgaben der Stiftung direkt oder indirekt zu erleichtern oder gar zu fördern geeignet wäre — die Unterstützung prinzipiell versagt werden müsse . . . Wenn die Stiftung A sagt, so muß sie doch auch B sagen! Sie hat nun drei direkt mustergiltige Anstalten ins Leben gerufen. So bildet schon seit einer Reihe von Jahren Gärtner und Handwerker die Erziehungsanstalt Ahlem, Landwirte das Lehrgut in Steinhorst und nunmehr auch Lehrer das vor Jahresfrist erösfnete Seminar in Peine ans. Man verspricht den Ansgebildeten, nach Möglichkeit zur Erlangung einer Stelle behilflich sein zu wollen. Auch den Lehrern erösfnet die Stiftung Aräsichten auf bessere Anstellungen. Die Begeisterung innerhalb der Lehrerschaft ist nicht so groß, wie man sie vielleicht erwartet hat. Der jüdische Lehrer schaut mit Recht skeptisch auf diese Versprechungen. Ich bezweifle sehr, ob die Stiftung ihre Versprechungen den Lehrern gegenüber für die Dauer halten kann. Wo sind denn Stellen? Wo sind die Stellen, die auf Lehrer mit der Lehrbefähigung fiir Gartenbau und Handsertigkeit rejlektieren? Es wird gesagt, die Religionslehrer in größeren Plätzen könnten sich durch die in Peine erworbenen neuen Fähigkeiten — durch Einführung von Kursen für Handfertigkeit — einen Nebenverdienst schaffen. Das klingt sehr unsympathisch. Das ist ojfenbar eine Verfehlung des Zweckes, der doch nicht darin bestehen soll, den Lehrern Nebeneinnahmen, die den sehr gering besoldeten Beamten schon zu gönnen wären, zu versckiasfen. Das Lied von den Nebeneinnahmen hat übrigens auch keine Schattenseite. Die Gemeinden sprechen sehr gerne bei den Nebenbeschäftigungen ihrer Beamten von der Verletzung kontraktlich übernommener Verpflichtungen üsw. Die Lehrer sollen durch die in Peine erworbene Fertigkeit befähigt werden, den gesamten Unterricht künstlerisch zu gestalten, die «chüler aus dem Boden der Arbeitsschule nach dem modern pädagogischen Erziehungsziel: harmonische Ausbildung aller im Kinde schlummernden Kräfte zu unterrichten und zu erziehen. Das kann nur in Volksschulen und in höheren Unterrichtsnnstalten erfolgreich geschehen, wo der Lehrer in allen Fächern Unterricht erteilt, wo er in allen Disziplinen die im