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Neue jüdische Presse · 1914-03-27 · Heft 12 (27.3.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 12 (27.3.1914)
Date
1914-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Bon allen Lyrikern großen Stils ist Heine fast einzige, der in seine Lyrik einen fremdarti- Ton hineingebracht hat, der mit dem Wesen Lyrischen als solchen nicht zu harmonieren |iitt, und der gerade dort am grellsten Hervorst, Ivo seine Lyrik ihren Höhepunkt erreicht. |i meinen damit jene kühle, skeptische Note, die ergreifendsten Stellen der Heine'schen Lyrik schzieht, und die dem ganzen dichterischen Massen eines der eminentesten Lyriker aller fiten ein so problematisches, zweideutiges Aus- |cit verleiht. Aber zu gleicher Zeit ist es gerade diese lptische Note, die diesem dichterischen Schaffen ii unauslöschlichen Stempel einer unverwüstieit Eigenart aufgedrückt und am meisten dazu ^getragen hat, das Interesse der weitesten Kreise fast allen europäischen Nationen wachzurnfen. hm trotz seiner Berwurzeltheit in gewissen limmungen lokaler Natur ist Heine ein Dichter In universeller Bedeutung, und keinem Nörgler srd es jemals gelingen, seine Stellung als Künstzn erschüttern. Auf diesen ironisch-skeptischen Zug in der gcisti- |it Physiognomie des Dichters Heine legen wir neu ganz besonderen Nachdruck, denn die Skepks, nicht der Humor, bilden den scharfen Gegensatz zu der seelischen Frische und Unbefangen- |it, die der lyrischen Empfänglichkeit zu Grunde legt. Humor und Lyrik sind sich keineswegs fremd Itb vertragen sich sehr gut, wenn sie in ein und pselben Bewußtsein Zusammentreffen; ja, die jimoristische Gemütsveranlagung, die es einem geattet, dem menschlichen Treiben und dem. Leben berhaupt als interessierter Zuschauer gegeuüberiistehen, ist vielleicht am meisten dazu geeignet, las Gemüt musikalisch zu stimmen, da sic die pcefc in den Stand setzt, sich für einige Augen- Ilicke wenigstens über die Wirklichkeit zu erheben, int sie in verklärter Gestalt, quasi unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit, zu erleben. Die Gewichte der Dichtkunst berichtet uns von nicht wenigen Fällen, wo lyrische Zartheit sich niit humoristihen Neigungen paarte. Aber Heine 'ist eben keine humoristisch verklagte Natur. Er ist ironisch und Mg, mit einem starken Stich ins Satyrische. lieber seinen lyrischen Ergüssen weht ein kalter, Ikeptischer Hauch. Jedenfalls ist er keineswegs uaiv und harmlos und flößt auch niemals dem pfer volles Vertrauen ein. Man kann sich nieuals ungestört dem Strome seiner Begeisterung Überlassen, denn er liebt es, den Leser weidlich foppen und ihn an unerwarteter Stelle mit rgend einer Ungezogenheit zu überraschen. :s wäre aber andererseits sehr verfehlt, in Diesen Heine'schen Ungezogenheiten die Ausgeburt leines bloß spielerischen Geistes zu erblicken. Iheinc ist ganz und gar nicht dieser leichtsinnige IZPaßvogel, als welchen ihn so viele ansehen, und Isür welchen er sich selber auszugeben liebt. Er Iwar Denker genug, um an allen Problemen seiner »Zeit .regen Anteil' zu nehmen und Kämpfer ge- I»ug, um von den gesellschaftlichen Fragen seiner »Zeit aufs heftigste bewegt zu werden. In dieser Ileichtbeschwingten spielerischen Jronik spiegelt sich pelmehr eine gewisse Zerstörungslust oder richtiger ausgedrückt, ein gewisses Zerstörungsbedürf- Ims, dessen verborgene Wurzeln in einer sehr ernsten, pst.möchte man sagen, unheimlichen Skepsis wurzeln. Wollten tvir diese Skepsis in kurzen Worten charakterisieren, so würden wir sagen: instinktiver Unglaube an alles, was besteht, und instinktive Angst vor ihm. Die Worte des Mephisto: „Lllles, was besteht, ist wert, daß es zu Grunde geht", geben auf eine prägnante Weise die Stimmung des echten Skeptikers wieder. Und dieses skeptische Verhalten muß mit den Grundtendenzen eines lyrischen Naturells notwendig kollidieren. Die Lyrik ist ihrer Natur nach expansiv und von einem naiven Glauben an das Leben getragen; die Skepsis hat tausend Vorbehalte und Hintergedanken, ist immer auf der Hut und Ivill nicht zugeben, daß etwas unbedingt so sein müsse, denn imm'er schlummert in ihr der Gedanke: cs kann auch anders sein, wenn auch sie nicht auzugeben vermag, ioie. Und doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß diese skeptische Note in der Heineschen Dichtung sich ..keineswegs als ein fremdes, zufälliges, von außen hinzugekommenes Element gebärdet, sondern muß konstatieren, daß sie sich auf dem Boden dieser Lyrik sehr heintisch fühlt, daß sie in der ganzen Gentütsanlage des Dichters verwurzelt und in seinen lyrischen Stimmungen dermaßen innig verwoben ist, daß' 'sie einen notwendigen Bestandteil der letzteren zu bilden scheint. Daher der besondere Reiz, der gerade diese Art Dichtung auf den Geist des Lesers ausübt, denn unwillkürlich drängt sich die.Erkenntnis auf, daß man es hier ganz und gar nicht mit einer in sich zerrissenen, sondern nur mit einer ganz spezifischen, einzigartigen, noch nicht dagewesenen Lyrik zu tun Hot. Eine Lyrik, die an sich zweifelt und verzweifelt und ein Zweifel, der sich in lyrischen Ergüssen Lust macht. Und man hat den Eindruck, daß sich hier eine höchst verwickelte und problematische Neutralität ckundgibt, eine Neutralität, die etwas bcfrcnldend, ja bizarr wirken muß, und die bei all ihrer 'Fremdartigkeit doch so tief menschlich ist. Es ist dies die Neutralität des Diasporajuden in seiner ganzen vollblütigen Eigentümlichkeit, wie er leibhaftig. vor unseren Augen steht, mit dieser ganzen rationalistisch-skeptischen Anlage seines Geistes, aber auch mit dem lyrischen Grundton seines Wesens, mit dieser ganzen Beweglichkeit des Verstandes und Gemütes, die die geistige Physiognomie des echten Diasporamenschen auszeichnet. Das unstäte und schwanke Leben, das der Jude in der Diaspora führte und zum Teil bis heute führt, ist im höchsten Maße dazu angetan, ein skeptisches Verhalten. in seiner Psyche großzuziehen und ganz insbesondere den Glauben an den Bestand der Dinge zu schwächen. Dazu kommt die vorwiegend rationalistische Erziehung, die der jüdische Knabe bisher genoß, und die diese skeptischen Anlagen notwendig verstärken mußte. Die rationalistische Tendenz, die im Judentum selber liegt, und die sozialen Bedingungen, unter denen der Diasporajude lebte, und zum Teil bis heute lebt, wetteiferten also miteinander, um einen vorwiegend skeptischen Typus zu zeitigen. Aber zu gleicher Zeit' mußte dieses bewegliche Leben der Diaspora mit seiner ganzen Fülle von seelischen Erschütterungen das Gemüt wiederum lyrisch stimmen. Dazu kommt dieser ewig. frische, unversiegbare Quell von lyrischen Ergüssen, der in den Worten der Propheten und in den Gesängen der Psalmisten sprudelt, und an denen sich der Jude in der Diaspora labte. Und so ist es gekommen, daß auch hier wiederum eine im Geiste des Judentums selbst liegende Tendenz einerseits und historisch bedingte Erscheinungen andererseits miteinander wetteiferten, uni ein lyrisch gestimnrtes Naturell großzuziehen. In Heinrich Heine hat diese verwickelte und interessante Psychologie des Diasporajuden ihren schärfsten und beredtsten .Ausdruck gefunden. In seiner ganzen Denkart die nusgesprochenen Eigentümlichkeiten eines besonderen Typus, der bei all seinen mitunter tiefen Wandlungen .eine scharf ausgeprägte Eigenart bewahrte, einen Typus, den man getrost als national bezeichnen kann. Allein es bedarf eines regen nationalen Lebens, um eine Gestalt, rvie .Heine, aus seiner Mitte hervorzubringen, eine Gestalt, die bei all ihrer individuellen Besonderheit den Stempel einer nationalen Eigenart deutlich auf der Stirne trug. Mit. dem Versiegen des nationalen Lebens innerhalb der westeuropäischen Judenheit müssen auch solche markante Figuren verschwinden. Es fehlt der einheitliche geistige Boden, der allein im Stande ist, eine scharf ausgeprägte individuelle Physionogmie mit Lebenssäften zu versorgen. Auch der berühmte Heine'sche Witz, das, was die 'Franzosen am besten als „Esprit" bezeichnen, — dieser jüdische Esprit schwindet mehr und mehr im westeuropäischen Jüdentum. Denn wie Henry Bergson in seinem geistvollen Buche über das Lachen treffend bemerkt hat, muß jeder echte „Esprit" in einem einheitlichen kulturellen Milien wurzeln, dessen Luft mit allen den feinen Anspielungen und Nuancen geschwängert ist, die dem Witze. als Unterlage dienen und den Mitgliedern der betreffenden Gruppe ohne weiteres verständlich sind. Dr. R. Seli gm a n n. Aus de» Ereiguiffeu des Tages. 3ur Frage des Proportionalwahlrechts in de« Gemeinden. Tie Frage des Proportional wahlrechts für die jüdischen Gemeinden beginnt in steigendem Maße zu einem brennenden Probleme im Leben der deutschen Judenheit zu werden. Die Bedeutung der Frage in den letzten Jahren stieg in demselben Grade, als das innerjüdische Leben in Deutschland intensiver und bewegter wurde. Solange das innere jüdische Leben tot war, solange die breite Masse der deutschen Judenheit keinerlei Interesse an den jüdischen Fragen und Angelegenheiten nahm, war das Problem des Proportionalwahlrechts naturgemäß bedeutungslos. Tenn ebenso wie der Gedanke des Proportionalwahlrechts erst das Produkt einer ziemlich fortgeschrittenen Entwicklung des politischen Lebens darstellt, so hat seine Durchführung. nur Sinn, wenn ein reges inneres Leben vorhanden ist. Erst seitdem das innerjüdische Leben in Deutschland jene intensive Belebung erfahren hat, die wir im letzten Jahrzehnt wahrnehmen können, kam die Idee des Proporzes als des gegebenen Wahlmodus für die jüdischen Gemeindewahlen auf. llnd heute ist diese Entwicklung zum Proporz hin so weit bereits fortgeschritten, daß die Repräsentanz der Berliner Gemeinde den Beschluß fassen konnte, den Proporz einzuführen. Damit ist der erste und schwierigste Schritt zu seiner Einführnng getan, und nun, da die größte jüdische Gemeinde Deutschlands vorgegangen ist, wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, wann die anderen Gemeinden Nachfolgen werden und so der Proporz zum vollen Siege gelangen wird. Ueber die allgemeine Beurteilung des Proporzes kann man sich heute bereits im Klaren sein. Es lvird nur noch selten bestritten, daß das Proportionalwahlrecht von allen Wahlrechten das

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