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Neue jüdische Presse · 1914-03-06 · Heft 9 (6.3.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 9 (6.3.1914)
Date
1914-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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'• , Von Nach um Goldmann. ^- HI. 2. National-religiöse Sckulen. Tachkemoni in Jaffa; Cheder-Thora in Jerusilcm; Kolonieschulen der „Freien Bereinigung" für die orthodoxen Interessen des Judentums". Neben den konsequent hebräischen rein nationalen Schulen steht eine Kategorie von Schulen, die nicht minder koilsequent das Hebräische als Unterrichtssprache haben, auch von einem streng nationalen Geiste beherrscht sind, dabei aber die religiöse Seite der Erziehung stark betonen und auf streng traditionellen! Boden stehen.*) Diese Kategorie von Schulen hat keine so weithin bekannten Anstalten aufzuweiscn wie das Jafsaer Gymnasium, kann 'sich auch keiner so vortrefflich organisierten undausgebildeten Schule wie die Jaffaer Mädchenschule rühmen; die national-religiösen Schulen wirken still und bescheiden, haben aber dabei eine große Bedeutung, eine Bedeutung, die meiner Ueberzeugung nach für die zukünftige Entwicklung des palästinensischen Schlulwerks noch sehr stark zunehmcn wird. Denn dem Schulwerk Palästinas steht für die Zukunft eine große 2lnsgabe bevor: die Gewinnung der Fugend des Chalnkahjudentums. Ich habe in meinen Briefen über Jerusalem bereits die ganze abgrundtiefe Kluft geschildert,. die den alten „Jischub" von neuem trennt, und habe gezeigt, daß an diesen gefährlichen und beklagenswerten /' Zuständen sich seit dem Beginne unserer Tätigkeit in Palästina bis zum heutigen Tage' nichts gebessert hat. Hier Wandel zu schaffen, ist eine der dringendsten Aufgaben unserer Arbeit. Denn es ist sinnlos, daran zu arbeiten- Möglichkeiten für neue Emigranten zu schaffen, während im Lande ca. 80,000 Chalukahjüden beschäftigungslossichdurchhungern. Um aber diese Chalukahjuden zur Arbeit und Aktivität und damit zur modernen/Bildung zu. erziehen, dazu sind neben Werkstätten und Fabriken Schulen nötig, vor allem Schulen, die unmittelbar zur Arbeit ausbilden, also Handwerkerschulen, landwirtschaftliche Erziehungsanstalten u. a. Diese Schulen müssen aber derartig sein, daß/sie das Vertrauen des Chalukahjüdentums gewinnen können, also streng religiös. - Ihre Leiter müssen Männer sein, zu denendie Chalukahjnd'en Zutrauen besitzen und ihr Programm so, daß-.sie nicht unter den Cherem fallen. Weil aber die Gewinnung des Chalukahjudentums eine der vornehmsten Aufgaben unserer Tätigkeit ist, werden die national-religiösen Schulen für die Zukunft immer zahlreicher, stärker und bedeutsamer werden. Die bekannteste der heute vorhandenen national-religiösen Schulen ist die Tachkcmonisch ul e.. Diese Schule, deren Gründung vom Misrachi ausging, sollte ein Gegenstück zum Jaffaer Gymnasiumwerden, ein traditionelles hebräisches Gymnasium. Mit großen Absichten und stolzen Hoff- - *) Zu dieser Kategorie zähle ich natürlich nicht die Chedorim und Jeschibahs, die wohl religiös, auch unbewußt, national, sind,. aber nicht Hebräisch, sondern Jargon als Unterrichtssprache, haben; zu dieser Kategorie zähle ich auch, nicht die Hilfsvereinsschulen, die nicht streng hebräisch -sind. Ich behandle diese seltsam uneinheitlich in allen Farben schillernde Schulen des Hilssvereins als eine Kategorie fürsich.<s. Artikel!/ uuttgen. ist der Tachkemoni begründet worden; allmählich wurde es stiller jmö stiller um ihn, und heute durchfährt die verantwortlichen Männer ein unangenehmes Gefühl, lvenn sie nur den Namen hören. Die bisherige Entwicklung des Tachkemoni — das darf und soll heute offen erklärt werden — hat mit einem totalen Mißerfolg geendet. Abgesehen von manchen Chedorim, die aber gar nicht den Namen Schule beanspruchen, und einigen Allianceschulen, die auch kaum mehr als nroderne Schulen zu bezeichnen sind, ist der Tachkemoni wohl die desorganisierteste Schule ganz Palästinas. Ter Direktor der Schule — der sie vor kurzem allerdings bereits verlassen hat — lebte mit den Lehrern in Streit, war mit dem Schulkomitee in Jaffa verzankt, war mit .den Eltern überworfen; das Schulkomitee in Jaffa lag in den Haaren mit dem Komitee in Frankfurt; kurzum: eine totale Desorganisation hatte eingerissen. Daß unter solchen Umständen keine gedeihlichen 'Resultate erzielt werden konnten, ist klar. Der wissenschaftliche Unterricht ist schlecht. Nicht nur steht der Tachkeinoni — was sein Wissenschaftspensmg betrifft — nicht auf der Höhe eines Gymnasiums — man wagt es heute auch garnicht inehr, ihn als Gymnasium zu bezeichnen —, er hat nicht einmal den.Mang einer Mittelschule. Aber nicht nur die profanen Fächer, auch die jüdischen Unterrichtsgegenstände befinden sich im Argen. Nicht nur in den Chedorim des alten Jischub, auch in den Schulen. der „Freien Vereinigung", auch im „Cheder-Thora" in Jerusalem lernen die Schüler viel mehr und viel besser Talmud als im „Tachkemoni". Und mit der pädagogischen Seite ist es noch schlimmer bestellt wie mit der wissenschaftlichen. Es ist für einen Europäer erschreckend, wenn er in die Schule tritt, und diese unsauberen, ungewaschinen, ungekämmten, in den schmutzigsten Kleidern herumlaufenden Jungen sieht. Man sage nicht: Das arme Milieu, dem sie entstammen, sei schuld daran. Eine gut geleitete Schule vermag selbst diese Jungen an Sauberkeit zu gewöhnen. Die Schwestern dieser Jungen besuchen meist die Mädchenschule des Odessaer Komitees. Man schaue die dürftig, aber doch sauber und ordentlich gekleideten, wohlgewaschenen und frisierten Mädels an und wird verstehen, was eine gute Schule hier erreichen kann. Gewiß sst es sc^verer, diese den ärmlichsten Verhältnissen entstammenden Jungen zur Sauberkeit und Ordnung zu erziehen, als die Schüler eines Frankfurter Westendgymnasiums. .Aber gerade weil es so schwer ist, tut es not, lieber auf manchen Wissensstoff zu verzichten und den Kindern Ordnung und Reinlichkeit anzugewöhnen. Die meisten Schulen Palästinas lassen in diesem Punkt noch zu. wünschen übrig; aber überall merkt man doch den Versuch, diese dringende Erziehungsarbeit zu leisten: im Tachkemoni. scheint inan es noch gar nicht begriffen zu.haben, daß' hier überhaupt eine wichtige Erziehungsarbeit der Schulen.vorliegt. Es hat keinen Wert, viel über die inneren Verhältnisse des Tachkemoni zu sprechen, weil der schlechte Zustand, in dem er.sich befindet, heute allgemein zugestanden wird. Wichtig ist/ es aber, nach den Ursachen dieses Mißerfolges einer jahrelangen mühevollen Arbeit zu ftagen. Diese Ursachen — abgesehen von den allgemeinen Schwierigkeiten, denen jede neue Schule in Palästina begegnet.— lassen sich alle auf eine einzige zurückführen: auf den Mangel geeigneter Lehrkräfte und vor allem eines geeigneten Leiters. Solche Versuche Nsie der Tachkemoni hängen sehr oft von einer einzigen Persönlichkeit ab: vom Direktor. Ein tüchtiger Direktor findet auch die geeignete Lehrkräfte. Es handelt sich hier nicht darum, ob der Mann, der bis vor kurzem Leiter des Dachkemoni war, an sich tüchtig ist. oder nicht. Er mag sonst der tüchtigste Mann ünd/Lehrer sein, für seine Aufgabe war er nicht die geeignete Persönlichkeit. Und deswegen: wenn jetzt der Tachkemoni vom Misrachi übernommen. worden ist, so hat der Misrachi, wenn er die Schule reorganisieren will, vor allem für eines zu sorgen: einen tüchtigen Direktor zu beschaffen. Gelingt dies, so ist fast alles gewonnen, vorausgesetzt natürlich, daß das nötige' Geld da sein wird. Dann wird der Tachkemoni sich erst zu dem zu entwickeln beginnen können, was er von Anbeginn an hat werden wollen und durch verschiedene Mißgriffe leider nicht geworden ist: eine gute moderne, hebräischnationale Schule auf traditioneller Basis. Auf eins allerdings soll man jetzt beim Beginn der Reorganisierung verzichten: auf das hohe Ziel, ein zweites Gymnasium zu schaffen. ,,Tosaßta merubah, lo tofaßtah!" hast Du zu viel ergriffen, so hast Du nichts ergriffen) sagen unsere Weisen: ' Vorderhand soll der Tachkemoni einmal eine gediegene Mittelschule werden; aus einer guten Mittelschule ein Gymnasium zu machen, ist immer. möglich. Wenn man aber aus dem Wrack, das der Tachkemoni jetzt darstellt, gleich ein stolzes- Gymnasium aufbauen will, so wird das ein Mißgriff sein. (Schluß folgt.) Aus de» Ereignisse» des Tages. 1. Baron Edmund Rothschild ln Palästina. Palästina hat in den letzten Tagen ein großes Fest gefeiert: Baron Edmund Rothschild mar ins Land gekommen, um die gegenwärtige Lage der jüdischen Kolonisten persönlich kennen zu lernen. In einer imposanten, feierlichen Weise wurde er von der gesamten palästinensischen Judenheit empfangen, und diese begeisterte Liebe und Verehrung, die man ihm überall entgegenbrachte, bewies aller Welt, in welch hohem MaK sich das palästinensische Judentum der unermeßlichen Verdienste bewußt ist, die sich Baron Rothschild um die Wiederbelebung Erez-Jsraels erworben hat. Es gab Zeiten, in denen auch das nationale Judentum die Verdienste des Barons um Palästina nicht in vollem Maße gewürdigt hat, in denen seine Arbeit mit Kritik und Tadel belohnt-wurde. Diese Zeiten sind heute vorbei, lind nicht nur Palästina selbst, auch alle Zionsfteunde außerhalb Palästinas wissen es, daß' der Baron es war, der den Grundstein zur gesamten Kolonisation gelegt hat, daß wir ohne seine Tätigkeit heute auch nicht den zehnten Teil dessen hätten, was bisher da ist. Der Ehrenname,, den man ihm gegeben hat, „Vater des neuen Jischub", ist. wirklich kein leeres Epitheton, sondern entspricht voll und ganz den Tatsachen. Bon den ersten Jahren der Palästinensischen Kolonisation bis zum Jahre 1960 hat er fast ganz allein alle palästinensischen Kolonien ausgehalten und ihnen die Mistenzmittel gegeben. Und auch nach 1900, da er die BerwÄtung der Kolonien der Jca übergab, hat er noch Millionen für Palästina .hergegeben, und was die Jca seitdem Neues gegründet oder angekaust hat, geschah meist'mit dem Gelde -.des Barons. Weitaus die größte .Zahl der Kolonien wäre gleich in den

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