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Neue jüdische Presse · 1914-02-27 · Heft 8 (27.2.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 8 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Beendigung des Sprachenstreits in Palästina. Der Streit um das Haifaer Technikum ist entschieden. 'Sonntag, den 22. Febr., fand eine neue Sitzung des K u r a t o r i u m s statt, die vor einer völligveränderten Situation stand: der erste Beschluß des Kuratoriums hatte in Palästina tiefste Entrüstung, in der gesamten jüdischen Welt lebhaften Widerspruch hervorgerufen; die amerikanischen Kuratoren hatten sich klar und bestimmt gegen den Beschluß ausgesprochen, die russischen Kuratoren erklärt, daß sie ihren Standpunkt geändert hätten und Nunmehr dem Anträge Dr. Lewins zustimmten. So war es von vornherein klar, daß die erneute Beschlußfassung des Kuratorium nur ein Resultat haben konnte: Aufhebung des ersten Beschlusses und Akzeptierung der. zionistischen Vorschläge. Dies ist denn auch erfolgt. In allen strittigen Punkten hat sich das Kuratorium auf den zionistischen Standpunkt gestellt. Es handelte sich bei dem ganzen Kampf um zweierlei Forderungen: die dem Technikum ungegliederte Mittelschule sollte ganz hebräisch sein, im Technikum sollten . von vornherein ein oder zwei Hauptfächer hebräisch, die übrigen zunächst Mutsch unterrichtet, die Lehrer aber verpflichtet werden, binnen einer bestimmten Frist hebräisch zu lehren. -Beide Förderungen , sind.nunmehr erfüllt. .. „Um nicht das ganze Werk zu gefährden" — heißt, es im offiziellen Bericht — „wurde beschlossen, den Hauptstreitgegenstand zu beseitigen und von dem Plane, dem Technikum eine Realschule vörzugliedern, überhaupt Abstand zu nehmen". Das heißt: die Hilfsvereinsschule in Haifa, die ja iu diese Realschule umgewandelt werden sollte, wird überhaupt aufgegeben; — faktisch existiert sie jschön nicht seit der Gründung der neuen zionisti- 'chen Schule, zu der alle Lehrer und Schüler 'bergegangen sind—; damit ober wird praktisch die eugegründete zionistische Mittelschule, an die ja buch alle vom Hilfsverein für die Realschule engagierten Lehrer bereits gegangen sind, die Ausgabe der Realschule übernehmen müssen, so .daß lso de facto der Kuratoriumsbeschluß nichts nderes bedeutet, als daß die Realschule hebräisch ein wird. Auch in Bezug auf den anderen Streitpunkt, x das Technikum selbst betrifft, hat der zionistische Standpunkt voll und ganz gesiegt. „Gleich vn Anfang, an werden Mathematik und Physik n hebräischer Sprache unterrichtet." Mehr wurde a nie gefordert, als daß von Anbeginn ein oder Dei Hauptfächer hebräisch gelehrt würden. „In neu abzuschließende Verträge mit Lehern wird ein Passus ausgenommen, laut dessen [te sich verpflichten, vier Jahre nach ihrer Anstellung das Hebräische zu beherrschen." Das beet aber nichts anderes, als daß sie nach vier ähren hebräisch unterrichten müssen; Dr. Lewin atte .eine Frist von drei Jahren gefordert, aber uf ein Jahr kommt es wirklich nicht an. „Nach Ablauf des. ersten vierjährigen Kursus ird das Kuratorium in Beratung.eintreten, welche egenstände nach der derzeitigen Entwicklung der »Äräischen Sprache und der hebräischen Unterrichtsittel der hebräischen Sprache überwiesen werden ännen." Das Kuratorium darf sicher sein, daß innen vier Jahren es dem palästinensischen Jüdenm in Verbindung mit den großen Hebraisten, der liaspöra gelungen sein wird, die nötigen hebräi- UnterrichtsmittÄ für alle anderen ,Fächer des Technikums zu schaffen. Es kann schon heute kein Zweifel darüber herrschen, daß der zweite Kursus am Tcchnikunl ganz in hebräischer Sprache gelehrt n erden wird. So ist denn de facto alles, was die zionistischen Kuratoren gefordert haben, erfüllt, und der Beschluß, daß an Stelle der drei ausgeschiedenen Mitglieder drei andere Zionisten kooptiert werden, von denen zwei sogar dem 'Geschäftsführenden Ausschuß angehören sollen, .bedeutet nur' eine Verstärkung und "Festigung Ms zionistischen Standpunktes und wird die Garantie geben, daß die nunmehr gefaßten Beschlüsse auch voll und ganz zur Ausführung kommen. Der Sprachenstreit' in Palästina ist beendet. Und wenn man jetzt auf den ganzen Kampf zuriickblickt, so nmß man — bei allem Bedauern über so manche Auswüchse, zu denen er geführt hat — doch im großen und ganzen die ethische und politische Berechtigung des Kampfes, wie er in Palästina geführt, wurde, zugeben. Wäre nicht in Palästina jener leidenschaftliche Ausbruch der Entrüstung erfolgt, wir hätten heute nicht die revidierten Kuratoriumsbeschlüsse, und das Technikum wäre ein deutsches geblieben. Palästina vor allem haben wir es zu verdanken, wenn jetzt der hebraistische, der nationale Standpunkt zum Siege gelangt ist. Gewiß, ein großes Verdienst trägt daran auch die nationale Judenheit der gesamten Welt, die in solch bewundernswertem Opfersinn binnen weniger Wochen die 100,000 Mark, die zur materiellen Basierung der neuen hebräischen Schulen nötig waren, gespendet hatte; ein.großes Verdienst tragen daran auch vor allem die amerikanischen Kuratoren, .die in so energischer Weise für das Hebräisch: eingetreten sind und durch ihre Autorität und' ihre Zahl die Revision der Kuratoriumsbeschlüsse herbeigeführt haben. Aber all. dies sind nur die Folgen gewesen; Mn Anstoß zu allem, die Parole im Kanipfe, gab diesmal Palästina selbst, und diese Tatsache ist die. erfreulichste und erhebendste in der ganzen Angelegenheit. Aber so sehr man die ethische Berechtigung des Kampfes, wie er von Palästina ausging und in Palästina geführt worden ist, anerkennen muß, ebenso sehr muß man die Auswüchse, zu denen er in Deutschland geführt hat, auf das schärfste verurteilen. Nunmehr, da auch das Kuratorium selbst sich zu den zionistischen Forderungen bekehrt hat, wird wohl die gesamte deutsche Judenheit erkennen, wie wenig der Vorwurf gegen die Zionisten zutrifft, daß sie mutwillig den Streit, vom Zaune gebrochen hätten. Nunmehr, da Männer wie Schiff, Kraus, Marshall, Oskar Straus den zionistischen Standpunkt zu dem ihren gemacht haben, werden vielleicht auch so manche Unterzeichner der antizionistischen Annonce einsehen, wie unrecht, wie unschön sie gehandelt haben. Ja, vielleicht wird auch Dr. Paul Nathan' selbst jetzt empfinden, wie unhaltbar und unberechtigt iüe Anschuldigungen sind, die er in seiner Broschüre gegen den Zionismus erhebt; vielleicht wird auch er endlich merken, daß der Streit wahrlich nicht mutwillig begonnen war, daß ^er auch nicht aus Prinzipienreiterei oder Händelsucht geführt wurde, sondern nur darum, weil es in ihm um die höchsten Güter des palästinensischen Judentums, des Judentums überhaupt ging. Und so wird wielleicht Paul Nathan sich wieder finden und . zu seinem.früheren Verhältnis zum Zionismus zurückkehren. Jetzt, da der Streit beendet ist, ist auch die Zeit gekommen, der maßlosen Erbitterung, mit der er zum Teil geführt wurde, ein Ende zu machen und die Energie, die man auf den Kampf verausgabt hat, nupmehr wieder für Positive, friedliche Arbeit zu verwenden. In Palästina selbst ist der Streit schon seit geraumer Zeit beendet. Neue Schulen sind gegründet, die Schulen des Zionismus und des Hilfsvereins bestehen beieinander, und jede Organisation arbeitet an dem Ausbau und der Vervollkommnung ihres Schulwerks. Es ist daher auch Zeit, auch in . Deutschland den Kampf einzustellen. Nicht etwa, als ob nun der Gegensatz von Zionismus und Antizionismus ausgemerzt oder künstlich verkleistert werden sollte. Er soll und wird ^auch weiterhin iw. seiner sachlichen Schärfe bestehen und noch zu manchen Kämpfen führen. Aber die häßlichen Kauipsmittel und Uebertreibungen, .Zn denen er auf antizionistischer Seite geführt hat, müssen beseitigt werden. Jdeenkämpfe sind gut und gesund; inöge auch weiterhin das jüdische Leben durch geistige Kämpfe belebt und angeregt werden. .Aber vergessen wir nie, daß es über allen diesen Kämpfen ein Etwas gibt, das uns eint: unser Judentum, und lassen wir uns nie in der Hitze des Kampfes dazu hinreißen, um Parteiinteressen willen die Ehre und das Ansehen unseres Judentums zu entwürdigen. Der Sprachenstreit in Palästina ist beendet. Er wird ein denkwürdiges Kapitel in der modernen Geschichte des Judentums bilden, ein erhebendes Kapitel in der Geschichte der jüdischen Wiedergeburt. Zum ersten Male wieder seit Jahrhunderten' hat in einer Frage, die die gesamte Judenheit so lebhaft bewegt hat, wie es die Sprachensrage getan hat, Palästina die Parole gegeben, hat Erez-Jsrael die Führung innegehabt. Unddie Judenheit der gesamten Welt, ohne Unterschied der Länder und der Richtungen, hat der Parole Palästinas treu und wlllig Folge geleistet. Palästina ist erwacht, und beginnt, wieder Zentrum des jüd. Lebens zu werden. Dies ist das größte Ergebnis, das historisch denkwürdigste Fazit aus dem ganzen Sprachenstreit in Palästina. Verständigung betreffs des Haifaer Technikums. Bon dem Kuratorium des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina geht uns folgender offizieller Bericht zu: Den Mitgliedern des Kuratorium des Jüd. Instituts für technische Erziehung in Palästina (Technikum Haifa) lagen in ihrer Sitzung am 22. Februar 1914 die Empfehlungen der amerikanischen Kuratoren vor. Auch auf Grund dieser Empfehlungen war es nicht möglich, zn einer Einigung über die Realschule zu gelangen. Um nicht das ganze Werk zu gefährden, wurde beschlossen, Mn Hauptstreitgegenstand zn beseitigen mm von dem Plane, dem Techniküm eine Realschule vorzugliedern, überhaupt Abstand zu nehmen. Für das Technikum selbst waren größere Differenzen von vorneherein nicht vorhanden, da nach Lage der Verhältnisse in der ersten Zeit für die eigenüichen technischen Fächer eine andere als die deutsche Sprache nicht in Frage kommen konnte. Es wurden mit'Bezug auf das Technikum unter anderem bei Anerkennung der amerikanischen

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