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Neue jüdische Presse · 1914-02-06 · Heft 5 (6.2.1914) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 5 (6.2.1914)
Date
1914-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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4. t ~~" ■“ - Erscheint wöchentlich am Freitag. Kemgspreis pro Niertrljahr: In Frankfurt a. M. ML 1.— frei mS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich» Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. , s - -- J Redaktion und Expedition: Franfefurl a. M. :: Langest». 7. Fernsprecher Amt I. 10507. Herausgeber: Hals Geis. (Insrrtionspreis für die sünfgespaltene Petitzeile 25 Ptg., für die Reklamezeile ML. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und »Gesuche, Wohnungsinserate, Heirais» Annoncen 15 Pfg. die sech-gespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-BureauL Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. - -—-- - - — 12. Jahrgang. Freitag, de» 10. Schwat 5674 (6. Februar 1914) Nr. 5. \ ig 1821. le [aL Die Schulen Palästinas^) " Bon Nachum Goldmann. II- 1. Die rein national-hebräischen Schule«. Das Hebräische Gymnasium in Jaffa; das Gymnasium in Jerusalem; die Mädchenschule in Jaffa!; die Kolonieschulen. Von allem, was in Palästina bereits in der relativ kurzen Zeit der letzten 20 Jahre geschaffen worden ist, ist nichts so imposant und vollkommen, wie das palästinensische Schulwerk. Ich will nicht damit sagen, daß die Errichtung desselben schwieriger und mühevoller war als alles andere. Der Aufbau. unserer Kolonien war sicherlich schwieriger gewesen. Aber dieses Schulwerk stellt .die in sich vollkommenste Leistung dar. Das Neue, Originelle, das Palästina .uns Leben soll, kommt' in den Schulen zum reinsten Ausdrück. Sie sind hie palästinensischsten aller Palästinaprodukte, die klarste Manifestation dessen, was Palästina für das jüd. Volk werden .soll. Die Kolonien haben es noch nicht vermocht, den indischen Bauern zu schaffen; aber die Schulen haben es bereits fertig gebracht, den neuen jüdischen Schüler heranzuziehen, eine neue jüdische.Jugend heranzubilden, die sich von der Jugend des Diasporajudentums radikal und wesentlich unterscheidet. Daß .die Schulen dies zu erreichen vermochten, verdanken sie letzten Endes einem einzigen Umstand: dem Hebräischen, das ihre Unterrichtssprache ist. In-diesem einen Momente konzentriert sich all ihre Bedeutung. Das Hebräische .als Unterrichtssprache stellt das prinzipiell Neue dar, in dem sich diese Schulen von allen jüd. Schulen seit Jahrhunderten unterscheiden. Das Hebräische, erst hat in diese Schulen jenen'neuen Geist hineingetragen, der sie von allen anderen jüd: Bildungsstätten der Welt trennt. Mit dem Hebräischen als Unterrichtssprache steht und fällt ihre Bedeutung und ihr Wert. Ich betone: .mit dem Hebräischen als Unterrichtssprache. Denn Hebräisch als Unterrichtsfach würde nichts Besonderes und Neues darstellen; es gibt unzählige jüd. Schulen auch außerhalb Palästinas, in den?n das Hebräische gelehrt und gut gelehrt wird. Aber wie es die eigentliche historische Aufgabe Palästinas in der jüdischen Geschichte darstellt, daß dort das Judentum wieder zur Selbstverständlichkeit werden soll, so beruht das Wesen und der Wert der OsSchulen Palästinas , darin, daß .das Hebräische in ihnen etwas: Natürliches ist, etwas, das man nicht lernt, sondern , in dem man lehrt; nicht ein Fach unter anderen, sondern die Form, in der alles andere erlernt und erworben wird. Deshalb kann es bei der Klassifizierung und Bewertung der Schulen Palästinas nur einen Maßstab geben: das Postulat .des Hebräischen als Unterrichtssprache. Je nach dem Grade, in dem dieses Postulat verwirllicht ist, haben diese Schulen größeren oder geringeren Wert. Das Hebräische in den palästinensischen Schulen ist nicht eine Frage unter anderen, sondern ist die Frage, die über ihren Wert, ihre Existenzberechtigung entscheidet. * a. M. 4-8, nrare, eitnng *) Dieser Artikel sollte der erste sein in der mit dem Leitartikel von voriger Woche begonnenen Aufsatzserie über die palästinensischen Schulen. Wir haben den Artikel über die Hilssvereinsschulen jedoch zuerst gekracht, weil er im gegenwärtigen Momente der aktuellste ist und eine schlagende Erwiderung auf die Broschüre Paul. Nathans Larstellt. D. Red. Beginnen wir deshalb unseren Ueberblick über die Schulen Palästinas mit dem Hebräischen Gymnasium in Jaffa. Einmal, ist ^dieses, was Schülerzahl betrifft, die größte aller palästinensischen Schulen, ist auch,. was die Gebäude und innere Einrichtung , anlangt, die .imposanteste aller palästinensischen Schulen und zudem— und dies ist der Grund, weshalb ich das Gymnasium an die Spitze des Schulwerks stelle — es ist diejenige Schule, in der das Postulat des Hebräischen im höchsten Grade erMlt ist. Das. Gymnasium in Jaffa war es gewesen, das in der breiten jüdischen Oeffentlichkeit zuerst „ energisch mit dem Prinzip .des Hebräischen .als Unterrichtssprache aufgetreten ist, und wenn es auch heute eine große Zahl von Schulen in Palästina gibt, die nicht minder konsequent dieses Prinzip durchführen, so stellt doch, auch heute noch das Gymnasium als die wissenschaftlich höchststehende Lehranstalt Palästinas den besten Beweis für die Realisierbarkeit dieses Prinzips dar. Drei Maßstäbe sind es, nach denen man das Gymnasium beurteilen muß: der pädagogische, der wissenschaftliche, und — der religiöse. Nehmen wir das Moment pes Religiösen gleich zu Beginn vorweg, weil es dasjenige ist, über das bereits am meisten gesprochen und gestritten worden ist, sodah darüber bereits die Meinungen sich wohl so ziemlich schon gellärt haben. Das Gymnasium in Jaffa ist nicht religiös; es ist. nicht, antireligiös; es ist religiös indifferent, neutral; es stellt sich zur Religion wie etwa sehr viele Simultanschulen in Deutschland: pie religiöse Erziehung der Kinder wird den Eltern überlassen. Nun ist es klar — und darf ruhig zugegeben werden —, daß eine solche areligiöse Erziehung gewöhnlich zu antireligiösen Resultaten führt. Ja, in gewissem Sinne darf man überhaupt .sagen, daß es in religiösen Fragen, zumal in puncto Erziehung, nur ein Entweder-Oder gibt; daß religiöse Neutralität so gut wie -religiöse Negation . ist. Darum — dies muß offen gesagt werden — ist das Gymnasium keine Schule für religiöse Eltern. Aber das will es garnicht sein. Das Gymnasium ist.eine Schule, die, von ^irreligiösen Lehrern gegründet, und geleitet, auch nur für Eltern bestimmt ist, die auf die religiöse Erziehung ihrer Kinder keinen Wert legen. Wenn man dies einmal erkannt hat, wird man den Standpunkt gefunden haben, um dem Gymnasium gerecht zu werden. Man wird dann auch nicht mehr immer wieder über .die Bibelkritik im Gymnasium in höchste Aufregung geraten. Im Gymnasium wird Bibelkritik gelehrt: das heißt Newim und Ktubim; die Bibel selbst wird ganz so unterrichtet, wie in den meisten modernen jüd: Schulen Rußlands: in pädagogischen Ausgaben und Lesebüchern. Der bibelkritische Unterricht ist natürlich religiös zu verwerfen; wie er pädagogisch zu bewerten ist, das zu entscheiden istSorge der Pädagogen. Daß aber trotz der Bibelkritik die Schüler des Gymnasiums gute Kenner und begeisterte Verehrer der Bibel sind, bestätigen alle, die das Gymnasium kennen. Damit ist den Anforderungen eines rein nationalen Lehrprogrammes Genüge geleistet, und wer einmal weiß, daß das Gymnasium nur eine rein nationale Schicke ist — und fein will, wird sich nicht weiter über die Bibelkritik aufregen. Denn daß areligiöse Lehrer ein Recht haben, eine Schicke in ihrem Sinne zu leiten, daß areligiöse Eltern ein Recht haben, eine Schule nach ihrem Geschmacke zu. unterhalten, wird wohl, auch der Orthodoxeste nicht bestreiten wollen. Also lasse man von religiösem Standpunkt das Gymnasium unbehelligt, und'verwende — wenn man es religiös ablehnt — seine Energie darauf, andere, religiöse Gymnasien M gründen. Auf seinen wissenschaftlichen Wert hin gesehen, ist das Gymnasium vorzüglich. Was die Menge des Unterrichtsstoffes betrifft, die gelehrt, wird, kann es sich mit jedem europäischen Gymnasium messen. Ja, man darf ruhig behaupte»^ daß in manchen Fächern — Naturwissenschaft, Geologie — im Gymnasium zu viel gelehrt wird, und eine Herabminderung des wissenschaftlichen Pensums da garnicht. schaden würde. Welche gewaltige Leistung aber damit vollbracht ist, daß das erste hebräische Gymnasium der Welt wissenschaftlich gleichwertig ist mit allen europäischen Gynvnasien, wird nur der verstehen, der all die Schwierigkeiten kennt, die zu überwinden waren Denn vom ersten Tage an wurden im Gymnasium aller Unterrichtsgegenstände ausschließlich in hebräischer Sprache göehrt. Diese. Lehrer mußten sich so erst ihre Sprache schaffen, mußtet sich selbst ihre Lehr-, bücher verfassen; und es zeugt von bewundernswerter Begeisterung und Leistrmgskrast dieser Leh- , rer, wenn es ihnen — trotz.so vieler anderst Schwierigkeiten — in so kurzer Zeit gelungen ist, aller Hindernisse Herr zu werden und das ausgestellte Ziel zu erreichen. In der Geschichte der jüdisch-nationalen Bewegung, die bereits' heute von . so vielen heroischen Leistungen unserer Willens, kraft zu berichten weiß, stellt das Hebräische Gyuv, nasium in Jaffa einen der herrlichsten Beweis« dar für den großen Satz des^ großen Herzk: Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen. Pädagogisch steht das Gymnasium noch nicht auf solcher Höhe, wie in wissenschastlichev Hiusicht.*) Hier wirken vor allem drei Moment« in ungünstiger Weise: Zunächst das Schülermaterial. Tie Schüler kommen meist aus Rußland uM bringen jenen undisziplinierten Geist, jenen gering entwickelten Sinn für Präzision und Ords, nung mit, der das ruffische Leben charakterisierL ' Diese Mängel durch die Erziehung im Gymnasium zu beseitigen, fällt sehr schwer. Denn man Lev» gesse nicht, daß die Eltern dieser Schüler meist auch an diesen Fehlern kranken-, sodaß in .vielen Fällen jene Zusammenarbeit von Schule und Haus, die in Men Schulen die Voraussetzung einen guten Erziehung darstellt, unmöglich oder doch sehr erschwert ist. So kommt es, daß die Dis- , ziplin und Ordnung im Gymnasium noch manches zu wünschen übrig .läßt. Und.—, was nur eine Folge davon ist. — das Verhältnis von.Schülern und Lehrern M noch nicht das, an das wir von -' Europa her gewöhnt sind. Genauer gesagt: — ich wiederhole hier die Worte eines Lehrers des Gymnasiums selbst — das Verhältnis der Lehrer zur den Schülern ist gut, das der Schüler zu den Lehrern aber nicht. Es fehlt bei Mer Liebe, bi« die Schüler den 'Lehrern entgegenbringen, vielsacht noch der Respekt, genauer gesagt: da es an innev» licher .Verehrung nicht mangelt, das Bewußtsein der Distanz. Die Schüler vergessen zu oft, daß sie ja bei aller Tüchtigkeit doch nur Schüler sinßx und gerade diese Erziehung zum Distanzbewusch» sein, zur Unterordnung zum Respekt auch im *) Dabei lasse ich die Koedukation ganz außer acht. Denn die Fragen, die sich aus derselben ergeben» sind allgemein-pädagogische Fragen und nicht solche des Jas-, saer Gymnasiums. > 3

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