Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 4 (30.1.1914)
- Date
- 1914-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Januar 1914) Nr. 4 Die Schule« Palästinas Nachum Goldmann. ganze Aufbau der Schulen beweis es, daß das Die Schulen des „Hilfsvereins der deutschen Juden". Ms ich zur Lämelschule kam, sah ich über fc*em Hauptportale zwei Aufschriften: rechts „bethseser lämel" und links Lämelschule. Als ich in die Schule hineinging und ins Direktorzimmer trat, tvilrdc mir mein „Schalom"" mit einem lallten „Guten Tag" beantwortet. Ich besuchte verschiedene Unterrichtsstunden und wußte nie: bin sch nun in einer deutschen oder einer hebräischen Schule? Meist wurde der Unterricht deutsch erteilt, zuweilen aber auch hebräisch und alles ohne bestimmten Plan. Die Klassenbücher waren doppelt angclege: jede Seite war rechts hebräisch, links deutsch; die Stundenpläne ebenso; desgleichen waren alle offiziellen Mitteilungen und Formulare zweispaltig abgesaßt. Die Lehrer sprachen zu den Schülern deutsch, die Schüler antworteten — gezwungen und gequält — auch deutsch; wandte der Lehrer aber für einen Augenblick seine Blicke 'ab, so schwätzten sie froh und heiter unter sich — hebräisch. In der Pause trat ich im Schulhofe auf eine Gruppe zu, in der der Direktor, ein angesehener Lehrer von der „hebräischen Richtung" und -ein Seminarist standen. Die Unterhaltung zwischen diesen dreien ging liun folgendermaßen vor sich: Der Direktor sprach zum Lehrer wie zum Schüler deutsch; der Schüler antwortete-dem Direktor wie dem Lehrer hebräisch; der Lehrer unterhielt sich mit dem Direktor — deutsch, mit dem Schüler — hebräisch. Ich trat heran und grüßte; natürlich mit einem hebräischen Schalom. Der Lehrer, wie der Schüler erwiderten: Schalom, der Direktor aber sagte: Guten Morgen. Da war ich denn bereits am ersten Morgen meines Besuches in der Länrelschule über das „System" der Hilfsvercinsschulen und über das Verhältnis von Deutsch und Hebräisch, das in ihnen herrscht, im klaren. Uebec das System? Mes andere eher als System ists zu nennen. Die absolute Systcmlosigkeit, die höchste Nncinheitlichkeit, ein an einen Chaos grenzendes Durcheinander beider Sprachen ist es, was das Hilssvereinsschulwerk charakterisiert. So absolut'jeder Logik bar, so lächerlich planlos ist das Verhältnis von Hebräisch und Deutsch in diesen Schulen, daß man cs zunächst gar nicht begreifen kann, wie solches sich entwickeln konnte; erst wenn man sich in das Wesen und in die Ziele der Arbeit des „Hilfsvercins der deutschen Juden", vertieft und zugleich die taktischen Prinzipien seiner Politik — d. h. der Politik des Direktors der Schulen — erfaßt, kann man dieses sinnlose Durcheinander verstehen. Was ist der ..Hilssverein der deutschen Juden"? Zunächst ist er ein Hilfsverein, d. h. eine philantropische Organisation, ein.Verein, der anderen helfen will. Daraus ergibt sich schon von selbst, daß er wohl für sehr viele Gebiete der jüdischen Gegenwartsarbeit geeignet ist, daß ihm aber nichts fremder ist als die Gründung und Unterhaltung eines wahrhaft den Verhältnissen Palästinas angepaßten Schnlwerks. Philantropische Organisationen können mit großem Erfolg die jüdische Einigration regulieren, pie ökonomische Lage der osteuropäischen.Juden heben, können auch mit günstigen Resultaten in Palästina Land erwerben und Kolonien gründen — dies allerdings ist schon für sie weit schwieriger —, aber wahrhaft palästinensische Kulturarbeit können sie für die Dauer in ersprießlicher Weise nicht leisten. Denn ihnen fehlt eines, das wichtigste für diese Arbeit: das volle Verständnis für die Aufgaben und Ziele der nationalen Entwicklung in Palästina. Für sic ist Palästina auch ein Judenland, dem sic Helsen wollen Nne allen anderen Judenländern. Die Kulturarbeit in Palästina können aber nur die leisten, fiir die Palästina das Judenland ist, die Lösung der Jüdenfiage. Ter „Hilfsverein der deutschen Juden" ist aber mehr als eine nur philanthropische jüdische Organisation. Er ist noch dazu eben der „Hilfsverein der deutschen Juden", der deutschen zweimal unterstrichen, d. h. er will — bewußt oderunbewußt — auch deutsche Arbeit leisten und weithin dokumentieren, daß er eine deutsch-jüdische Organisation ist. So ergibt es sich aus der Logik der Tatsachen von selbst, daß der Hilfsverein in seinerkulturellen Arbeit in Palästina zwei Ziele verfolgen muß: jüdisch-philanthropische rmd deutsche Ziele. Hätte er dies von.Anbeginn an klipp und klar gesagt und getan, so wäre er niemals zu jener Halbheit und Inkonsequenz gelangt, die heute die Eigenart seiner Arbeit in Palästina ausmacht. Er hätte dann Schulen gegründet in der Art der „Alliance", die Schulen, dre pädagogisch vielleicht besser, national aber ebenso zu bewerten wären wie jene. Dies tat er aber nicht. Sei es'aus politisch-taktischen Gründen, .um die öffentliche Meinung Palästinas fiir sich zu gewinnen, sei es auch aus einem minimalen Verständnis für die nationalen Aufgaben Palästinas heraus, sei es aus eigener Initiative der Berliner Leiter des Hilfsvercins, oder sei es auf den guten, klugen Rat seines Vertrauensmannes in Palästina hin, welches auch die Gründe seien, genug: der Hilssverein arbeitete von Anbeginn an auch im Sinne der hebräischen Entwicklung und ging sogar soweit, nach außen hin 'hebräisch als die Unterrichtssprache seiner Schulen zu proklamieren. Das Deutsche allerdings sollte in ausgiebigster' Weise gelehrt werden. Hätte der Hilssverein dieses Prinzip wirklich durchgesührt, niemand hätte jemals etwas gegen seine Arbeit einzuwenden gehabt, und .es wäre nie zu jenem heftigen Kampfe gekommen, der jetzt in Palästina gegen ihn geführt wird. Denn— dies soll hier gleich gesagt werden — gegen das Deutsche als fiemde. Sprache im Programm, des Hilfsvereins hat niemand in Palästina etwas einzuwendcu. Im Gegenteil, mir ist von.verschiedenen führenden Persönlichkeiten Palästinas oftmals versichert worden, daß sie aus jüdisch-nationalen Gründen das Deutsche in .den Schulen dem Französischen vorziehen, weil .das Französische im Orient eine assimilierende Kraft darstelle, das Deutsche aber nicht. Und darum: wenn auch aus praktischen Gründen die Kenntnis des Französischen in Palästina notwendiger sei als hie des Deutschen, so sei dieses als die harmlosere fiemde Kultursprache aus nationalen Gründen-zu bevorzugen. Also: gegen das Deutsche hatte niemand etwas einzuwenden, wohlverstanden: gegen das Deutsche als fiemde Sprache. Der Hilssverein begnügte sich aber nicht damit; er wollte etwas anderes, etwas pädagogisch völlig Unmögliches und Sinnloses. Das Deutsche sollte den Kindern mcht nur als fremde Sprache gelehrt werden, nein, .es sollte ihre zweite Muttersprache werden. Der Direktor der Hilfsvereinsschulen hat es mir oftmals lang und breit. ariseinandergesetzt, und der Ziel, das man erreichen wollte, dies war: de« Kindern das Deutsche als chre zweite Muttersprache einzuimpfen. „Sie sollen das Deutsche ebenso beherrschen wie das Hebräische"", erklärte mir der Direktor immer wieder auf meine Fragen, warum dieses Teil deutsch unterrichtet wird und waruni jenes. Wie völlig sinnlos und unmöglich zu realisieren dieses Ziel ist, versteht. aber jeder, dessen Blick nicht durch diese deutschen Aspirationen getrübt ist. Wo in der Welt haben die Kinder zwei Muttersprachen? Und wenn es Gegenden in der Schweiz, gibt, wo die Bevölkerung deutsch und französisch spricht, so sind es doch Gegenden, in denen das Deutsche wie das Französische eben Umgangssprachen sind. In diesem hebräischen Milieu Palästinas, wo kein Mensch Deutsch als Umgangssprache spricht, woher sollen es da die achtjährigen Kinder ckls Muttersprache erlernen? Ferner aber:. Wenn es selbst zu erreichen wäre, wer versteht', nicht, wie gefährlich dies vom nationalen Standpunkt wäre? In Palästina, in dem wir endlich einmal der Zweiheit und Halbheit des Galuth entrinnen sollen, in deni unsere Schulen, keine heiligere Aufgabe haben als die, Menschen heranzuziehen, die ganz und einheitlich sind, Menschen mit einer Muttersprache, mit einem Vaterland und einer nationalen Kultur, in diesem Palästina will man de« Kindern zwei Muttersprachen einimpfen. Heißt das nicht, die eigentliche Bedeuttmg Palästinas für uns Juden negieren, heißt das nicht den Galuth nach Palästina verpflanzen? Nur Mensche« mit völliger Verständnislosigkeit für die nationalen Aufgaben Palästinas, Repräsentanten der Philantropie, konnten auf eine solche Idee verfallen. An diesem Ziel ist der Hilfsverein gescheitert. Tenn es ist klar, ivas sich daraus im Laufe der Jahre ergeben mußte: da man bald erkannte, daß die Kinder das Deutsche wohl als fiemde Sprache beherrschten — etwa wie man in deutschen Schulen Französisch erlernt —, es aber weder als Muttersprache empfanden noch wie eine Muttersprache sprechen konnten, ging man dazu über, neben dem deutschen Unterricht guch ein allgemeines Fach in deutscher Sprache zu unterrichte«. Und als man sah, daß der deutsche Unterricht in einem Fache nicht genüge, nahm man, zweß drei Fächer, und so ging es fort, bis äs facto fast alle Fächer deutsch unterrichtet .wurden. Mer auch dies nutzte nichts. Nach wie vor sprechen die Kinder unter sich hebräisch, und bewirkt wurde nur das Gegentell: vor allem litt der Unterricht in allen anderen'Fächern in der denkbar schlimmsten Weise. Es war genau so, wie wenn man in einer deutschen Schule beginne« würde, Mathematik in fianzösischer Sprache zu lehren. Die Schüler hatten sich während des Unterrichts mit der deutschen Sprache derartig zu quäler^ daß sie den eigentlichen Unterrichtsstoff selbstnur schwer erfassen konnten. Ein Beispiel, das ich daselbst erlebt hatte, hat mir dies in drastischer Weise bewiesen. Ich wohnte demmathematisAn Unterrichte fir einer höherenKlape der Lämel«? schule bei. Es war eine Aufgabe gestellt, die keiner von den ausgerufenen Schülern lösen konnte. Jch merkte es ihnen aber an, daß die Schwierigkeiten, die sie damit hatten, alles deutsch zn. erklären, .ihre. Gedankenarbeit so. sehr in Anspruch nahm, daß sie die eigentliche Lösung, der Au^