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Neue jüdische Presse · 1914-01-16 · Heft 2 (16.1.1914) · p. Seite 12

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 2 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Sette 12 jii So fragt er, macht aber pÜtzlich Kehrt und;> ■ verschwindet, ohne meine Antwort abzuwrrtea. u Gleich Laranf öffnet jemand di? Tür und fle.lt •j den Kopf herein:!i »Ihr habt schon gebetet, Reb Jio?" if „Was küinmert das Tuch?" ftagc ich. „Wer seid Ihr?" „Ein Fremder, nicht von hier. Ich möchte Such : bitten, mir auf eine -Minute Euern Talles2) und Eure Tfillii^) zu leihen. Mir hat man die mcinigeu ge- ■ stern hier im Hause gestohlen." ß Bald wird die Tür wteer geöffnet, ein zweiter Kopf erscheint und spricht in mehreren Sprachen zu- Ä „Raziuch towarow, panie, gute Socken! Renkawitschtt zimni, beste Ware, billig! Halb umsonst jak boga kocham! Kaust mir Socken ob, wenigstens ein halbes Dutzend . . Gott soll Euch Gesundheit schenken . . Ich wußte nicht, wer Ihr seid. Es komint ja manchmal vor, daß man auf. einen Nichtjuden stößt jf' und eine halbe Stunde lang ihn jüdisch anspricht, ff bis man zuletzt sein Teil von ihm kriegt. Darum | dachte ich mir, ich werde polnisch, russisch und dmtsch | probieren; ich verstehe, Gott sei Dank, einige Sprachen . . Ein paar gute, warme Handschuhe vielleicht? . . Ich war einmal ein großer Kaufmann, wie Ihr' mich da seht, bin auf die größten Märkte gefahren: nach Jarmelnica, Proskurow und Poltawa. .. . Mehr wollt Ihr also nicht? Ein Stück Seife? , Einen guten Kamm, eine Seltenheit? Nicht? Besten Dank für die Losung. Meine Kinder werden sich erquicken . . . Vielleicht doch noch eine gute Bürste? Oder einen schönen Schlips? Oder vielleicht noch ein - halbes Dutzend Socken? Ich werd's Euch billiger lassen. Nicht? Nein? Na, schön. Wien . ." Der Mann packt seine'Mütze und geht. An seiner Stelle fft gleich ein anderer da: „Kaust mir Socken ab, Reb Jid, gute, billige „Dank, ich brauche keine Socken," antworte ich. „Was heißt das: Ihr braucht .keine Socken!" sagt 'er. „Soeben habt Ihr ja bei dem andern ein halbes Dutzend gekauft. Ich bin auch ein Jude und arm und Vater von viele» Kindern, — zwei Knab«l in der Schule, einer ist in der Lehre und die kleineren im Ehejder . . . Besten Tank, Gott soll Euch Glück geben! Adieu . ." Und schon ist ein dritter da, — ein hochgcwachscner, magerer Mensch mit einem furchtsamen Gesicht: „Wenn Ihr ein gutes Werk tun und Euch das Fasten am Tischebow ersparen wollt, dann kauft mir diesen Rest da ab. Ich gebe ihn Euch zum Einkaufspreis. Ein paar Dutzend Socken, die mir übriggeblicben sind." ~ „Ich brauche keine Socken," sage ich, „ich habe ' schon - genug Socken." »Ich gebe sie Euch unter dem Einkaufspreis," weint er mm. „Ich will nicht Handel». Gebt, wieviel Zhr wollt, gebe Euch Gott Gesundheit und langes Leben ... Ich habe eineir Sohn im Gymnasium, der Heuer fertig wird. Er will Doktor werden. „Dü wirst dann nicht mehr soviel arbeiten brauchen, Vater," sagt er. „Dann werde ich arbeiten, und Du wdst Dich ausruhen" sagt er . . . So sagt er, mein Sohn. Aber einstweilen muß ich ihr» manchmal noch mit einem Dreirubelschein aushelfen, obwohl er ' selbst schon ganze sechzehn Rubel monatlich verdient . . . Biel Glück und adieu!" Kaum ist er draußen, tritt schon ein neuer Besuch ein: eine Frau in einem türkischen Stzawl. „Seid Ihr das, der Gast ans Jehnpcz?"*) sagt : sie mit singender Stimme. „Za, ich. Was gibt's denn?" „Ich hörte, daß Ihr nach Berduschew gekommen seid, um . Socken einzukaufcn. Ta habe ich Euch ein paar Dutzend als Muster gebracht. Ich habe eure Sockcnsabrik. Schon zehn Jahre arbeite ich Zocken." „Wer hat Euch erzählt, daß ich Socken kaufe?" frage ich. „Es ist nicht richtig. Ich bin nicht Socken kaufen gekommen und brauche keine Socken." Doch die Frau kümmert sich wenig um meirre Worte, sondern fährt fort. Ihre Zunge geht schnell wie ein Mühlrad: „Meine Socken sind in ganz Berditscheiv berühmt. Da seht Euch dies Stück an! Was sagt Ihr dazu?" „Aber um Gotteswillen!" schreie ich. „Ich kaufe keine Sockär, ich brauche keine Socken!" 2) Gebctmantel. s) Gebetriemen. frankfurter KsraelUfcheS KamiünÄickk. „Da liegen ja Socken bei Euch," überfiihrt sie „Die habe ich znm Verlausen 'miigebracht," lüge ich und begleite sie zur Tür hinaus. „Ich drehe den Schlüssel um, um vor Sockenvcrlänfcrn Ruhe zu haben. . .. - Es klopft. „Wer da?" rufe ich. „Ich," antwortet es von draußen. „Was für ein ich?" frage ich in meiner- Angst vor Socken. „Tawid." „Was für ein Dawid?" „Tawid Lauf." „Was ftir ein Dawid Lauf?" „Der Konlmissionär!" „Was soll's?" frage ich. „Vielleicht Socken?" „Socken wollt Ihr?" antwortete er. „Bitte, ich laufe schon in ein Geschäft und bringe Euch Socken." „Nein, nein!" schrei? ich. „Ich brauche keine Ich öffne die Tür: Nojech, der Portier, kommt herein, vollbcpackt niir Semmeln, Bretzeln, Mohnbrötchen und Prenseln. „Für wen bringe Ihr so viel?" frage ich. „Darüber braucht Ihr Euch doch keine Sorge zu niachcn," erwidert er. „Den Hunden wird man cs sicherlich nicht vorwerfcn. Unberufen genug Mäuler da, die essen toollcn. Ich selbst habe sechs eigene zu Hause, außer zwei fremden Waisenkindern . . Sagt mir lieber: was seid Ihr für ein sonderbarer Mensch! Habt Jhr's mir nicht sagen können, daß Ihr Socken braucht? Aküßt Ihr Dowidel Lauf schicken?" „Wer hat ihn geschickt?" „Ich weiß nicht, iver ihn geschickt hat. Ich sicher nicht! Wartet nur, Ihr werdet schon sehen, was für Socken Euch Dowidel, der Diebskerl, bringen wird! Berditschcwer Socken! . ." In diesem Augenblick geht die Tür auf, und es tritt ein gutgenährter, rotbäckiger Mensch ein, der ein verschwitztes Gesicht und im Mund eine Pfeife hat. Ich besinne mich nicht lange, fasse ihn an-der Hand und zeige ihm die Tür: „Schert Euch mit Euren Socken znm Teufel! Ich brauche keine Socken!" „Aber um Gotteswillen," ruft Nojech, der Portier, dazwischen „Was tut Ihr? Das ist doch der Besitzer unseres - Hotels . . .!" „Ach so?! Nehmt inir's nicht übel," sage ich, reiche ihnr die Hand und bringe ihm einen Stuhl. „Ich meinte, Ihr seid der, der davonlief, ,»u mir Socke» zu bringen. Ein wahres Unglück! Man hat mich mit Socken überschüttet. Eine Socken-Sündflut! Bitte, nehmt Platz!" Der Hotelwirt dankt, setzt sich und tut einen Zug aus seiner Pfeife: „Also von Jchupez kommt Ihr! Ich habe einen Bekannten in Jchupez. Das heißt, er wohnt nicht mehr in Jchupez, er ist schon lange weg von dort, — ich glaube, cs sind an die -achtzehn Jahre und vielleicht - sind's gar ganze neunzehn- . . . Man sagt, nach Odessa. Er hat Verwandte in Odessa, haben ein Weizengeschäft. Eigentlich zwei Geschäfte, eines in Odessa und das andere in Nikolajciv. Das Odessa er Geschäft geht nicht schlecht, das Nikolajeiver aber geht nicht so gut, weil Nikolajcw jetzt heruntergekommen ist, — man sagt durch Feodossia. Ist eine große Stadt geworden, Fcodossia. Ich habe auch in Feodossia Bekannte. Alan sagt, eine feine Stadt, dies Feodossia!" Ich merke, daß es eine Geschichte ohne Ende ist und falle ihm in die Rede: „Was wollte ich Euch nur fragen? Ja: warum habt Ihr denn Euer Gasthaus „Hotel Türkalia" genannt?" „Ich denke iroch," antwortet er,„wie Feodossia ein ganz kleines Städtchen war . . Ich bin, müßt Ihr wissen, selbst aus der Gegend dort, ein Bcssarabier bin ich, aus Bessarabien, aus einem kleinen Städt- . chcn Dubossari; das heißt, 'geboren bin ich in Belz. . . . Wart Ihr schon einmal in Belz? Eine schöne Stadt das, Belz. Aber mit Kischiuew kann man sie doch nicht vergleichen ..." „Sprecht mit dem Herrn etwas lauter," macht mich der Portier, der etwas absqits steht,, aufmerksam. „Das Gehör ist verdorben. Er hört schlecht." Ich trete uuit gaitj nahe an den Wirt heran und schreie ihm irrS Ohr: »Ich frage, warum Euer Hotel einen so merkwürdige» Namen hat?" --- Humoristische Bezeichnung: ifür Kiew. _ <L 2>- „Warmn schreit Ihr so?" antwortet erv,;Zch bin nicht taub! Ein merkwürdiger Name, sagt Ihr? Wieso merkwürdig? „Jtalia"! „Poringalia"! „Türkalia"! Das ist doch ganz einfach. Die andern Namen hat litaitiitiy weggeschnappl. Na, da habe ich's nach dem Türken genannt. . . Ja, wo halte ich Venn? Richtig! Kischinew! Und die Menschen? . . ..Bei uns in Bessarabien sind ganz andere Menschen! Bei uns in Bessarabien ist nian ganz anders. Bei uns in Bessarabien, wenn mair anfängt zu essen, trägt man, müßt Ihr wissen, zu allererst die schönen Fische aus dem schönen Fluß auf. - Dann kommt „Kade", das gute, fette Stück- „Kadc". Dann ein großer Teller schöne, rem? Mamaliga,l>) die 'mail mit einein langen Faden -der BrÄte 5) Maispudding, die italienische Polenta:, . - 7 nach dnrchschneidet. Undendlich heiße Päpuschki. Dazu trinkt mail den echten, -reinen bessarabi'che» Wein. Und als Nachspeise hat man noch den richtige,,/ giften Nahiit, — so eine Art Erbsen . . e". s . ' - Während der Wirt dermaßen die bessarabischc Speisekarte hersagt und chm dabei.das Wasser im Munde ziisammenläuft, höre ich plötzlich singen. Die Töne kommen von verschiedenen Seiten. Auf der einen Seite läßt sich ein litauischer Ch'asen hören, der. auf eine sonderbare Weise meckert: Gissmechn we- . . malchusscho schejmrej schabboss >vekejrej ojneg ..... Und der Chor fällt ein.. Und zivar eine Hälfte: Furaril! Furarirl! Furaril! Furarirl! Die andere: Pim — Pom! Pim — Pom! Pim — Pom! Ans der anderen Seite singen die Schauspieler: Füßelein! . Und Füßelei»! Ei, was für Füßelein! - Und der Diener, der vor meiner Tür die Schuhe putzt, spuckt immerzu ans die Bürste und siirgt auch sein -Liedchen: Hab' ich ei»e Schlviegerinutcer, Hat sic , einen .Schwi gersohn,. Schlägt er ihre Tochter, ’ Zittert's: ganze- Haus davon! Das ist aber noch immer nicht alles- Ich höre auch eine fluchende Francnstiinmc. Die Wirtin sucht ihren Mann in allen Zimmern. Und sonderbarerweise flucht und schimpft sic in Reimen. „Werdet Ihr mit dem Wirt und der Wirtin zusa,innen Mittag essen?" fragt mich Nojech, der Portier, die Tür öffnend, „oder wollt Ihr ins Restau- „Jns Restaurant!" antworte ich rasch. „Ins Restaurant!" ... Eingesandt. Ein Hamburger jüdisches Blatt veröffentlicht mit de-' lleberschrift „Zur S ch n l r e v o l t e i >, Palästina" eine Erklärung des Hilfsvcreins der Deutschen Juden. -"In einer redaktiouallen Nachschrift zu dieser ErUärung heißt e-s, wie verlautet, wird die Angelegenheit in nächster Zeit aus der Tribüne des Reichstages zur Sprache kommen und ein nichtjüdischer Parlamentarier gedenkt, den Zionismus einer scharfen Kritik zu unterziehen. Die Mittel des Hilfsvereius werde» von Jude» für Juden aufgebracht. Daß Klal Jisroel daran beteiligt ist, ist aus den Geschäftsberichten, des Hilfsvereins. zu ersehen. Von., den sattsam bekannten Praktiken inklusive des Deiiunziaiitentmns h Ja Duisburg, Jerusalem usw. avschend, frage ich (als Nichtzionist — nur als Jude — allerdings keiner der Richtlinien - Observanz, der seine „Chanuka-Menora" mit Tannen zu schmücken gewillt ist): Was geht denn eine innerjüdischc Angelegenheit e in en »ich tjüdischon P arlani e n- Statt einer direkten Antwort möchte ich meine Auffassung der Frage im allgemeinen wiedergeben. Unter dem Mantel gefälschter Moralität schrumpft die Zivilisation des Hilssvereins zu' einer Machtfrage zusammen, die danach strebt, jüdische Kinder auf palästinensischem Boden zu Sklaven einer fremden Kultur zu mache» und unter ' Ihnen Hatz gegen das Nationale zu säen. Gewiß, Gemaltanivenüllng zerstört Knltnrwerte, allein in letzter Linie ist Gewalt das einzige Mittel zur Lösung diametraler Gegensätze. Nur Gewalt kann entscheiden, welches Interesse zur Befriedigung gelangt und welches schweige» und »ntexgs.he.n muß. Die Scheu vor der Gewalt' zur? rechten- Zeit war stets eine wesentliche Ursache des. trägen Verlaufes der

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