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Neue jüdische Presse · 1914-01-16 · Heft 2 (16.1.1914) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
12 (1914)
Issue
Heft 2 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Jüdisch-soziale Frauenarbeit. Bo» Frau Stefanie F o r chh ei »ier - Fial t a in Frankfurt a. M.*> (Schluß Ter Bereu» „Weibliche Fürsorge" bezweckt, wie es der Z 1 seiner Statuten ' ausspricht, einerseits die Förderung der Eesaiutiiiteresseu der jüdische» Frauenwelt, andererseits jüd. Armen-, Wohlfahrt-, Jugend- und Kinderpflege als aus fü hrende Stelle der Frankfurter lokalen Unterstützungsvereine. In dieser Tendenz liegt die neue Note der Fürsorgearbeit: es wurde , keine neue Unterstützungsstelle, sondern nur die Basis zur Zusammenarbeit geschaffen. Eine Fürsorgekommission bildet dem Kern der lokalen Arbeit des Vereins. Diese Kommission übernimmt rnit einer großen Anzahl freiwilliger Helferinnen die Recherchen und Nachprüfung der Unterstützungsfälle, wodurch gar oft erst Einblick in. die meist unklaren Verhältnisse der Bedürftigen gewonnen wird, die nun ein möglichst wahrheitsgetreues Bild ergeben. Ter praktische Erfolg dieser Art der Arbeit liegt in dew Bekanntwerden aller Tatsachen der einzelnen Fälle, die mm auch anderen Vereinen, die .Hand in Hand arbeiten, mitgeteilt werdell können. Dadurch stellt der Verein „Weibliche Fürsorge" eine innere Verbindung und.'Zentralisation Tie wachsende Tätigkeit dieser Fürsorgekommission verlangte aber bald eine Differenzierung in der Arbeit, und es wurden neue Kommissionen für die verschiedensten Arbeitsgebiete geschaffen. Tie KinderschutzkoMmiss ion nimmt sich der ehelichen und unehelichen Kruder gleichmäßig an. Sie sorgt, soweit die« Eltern nicht selbst verantwortlich gemacht werden können,, für gute, xinwandfreie jüdische Unterbringung der Kinder, die dann unter der ständigen Aussicht der Kommission stehen und in ihren Pflegestellen regelmäßig besucht tverden. Da sich ein großer Mangel an guten jüdischen Pflegestollen herausgestellt Hat, so veranlagte der Verein „Weibliche Fürsorge" die Gründung eines -Kinder haus es", in düm' Säuglinge bis zum 6.'Jahre gegen ein Pflegegeld ausgenommen werden. Die „W o h n u n g s f ü r s o r g e k o m m i s s io n" besichtigt die Wohnungen und ist bemüht, die darin zutage tretenden Mängel in sozialhygienischer und ethischer Hinsicht zu bessern. Die Frauen werden zu größerer Reinlichkeit angehalten, di: Schlafstellen von Kindern imb Erwachsenen, Gesunden und Kranken nach Maßgabe der Verhältnisse getrennt, im äußersten Falle Ixerden Betten geliefert, oder die Familie wird zunt Umzüge veranlaßt. Eine außerordentlich empfehlenswerte Neueinrichtung des Pereins „Weibliche Fürsorge" sind die „Wohnräume" für im. .Erwerb stehende Frauen und Mädchen. Zu ganz billigen Preisen ist hier ein behagliches Heim.für alleinstehende, berufstätige Mädchen geschaffen worden mit vollständiger Bewegungsfreiheit für seine Insassinnen. Tie unentgeltliche „Stellenvermittlung" und die Bern-fsVeratungsstelle wirken darauf hin, gar manche Existenzmöglichkeit durch Arbeitszuweisung zu schaffen und durch individuelle Behandlung helfend und fördernd bei der Berufswahl mitzuraten. Diese vielfälttgc Fürsorgearbeit wird zum großen Teil an ausländischen Familien geübt, die aus dem Osten nach Deutschland.zuwandern in her Hoffnung, hier.bessere l^istenzmöglichkeiten zu finden. Aber der Segen unserer Kultur ist ihnen beinahe vollständig fremd, und die Erziehung zu höheren. Lebensformen begegnet, daher oft großen Schwierigkeiten. Sv gelangte der Herein „Weibliches Fürsorge" zu der Erkenntnis, noch viel weit- Wend re Fürsorge ausZnüben, und unternahm d m j Versuch, diesen Aermsten unserer Glaubensgenossen ein Stückchen Kultur in ihr eigenes Land hinüberzutragen. Auch diese unendlich schwierige Aufgabe ist nicht ganz erfolglos gMieben. > Die Anregung, diü jüdischen Äospitäl ler in Galizien etwas zu reformieren, ist eine | Tat des Vereins ^Weibliche Fürsorge". Ferner I . K gekürzte Wiedergabe eines Vortrages, . den Frau. FpxAämer, in^Wien hielt. - wurden in Kolo'Mea undLarnow Kindergarten geschaffen und einige Wanderbibliotheken eingerichtet. Auch die Bekämpfung des M ä d ch e n h a ndel s als soziale Aufgabe findet langsam Einsicht und Verständnis. Diese stille Kulturarbeit in Osteuropa ist ein beredtes Zeugnis für den mutigen sozialen Frauensinn, der nicht davor zu rückschreckt, Samenkörner heilbringender Arbeit auf ungepflügtes Felo, zu streuen. Sie bildet aber vielleicht auch das schönste Ruhmesblatt in hem. Frankfurter Verein „Weibliche Fürsorge", der in freier Großzügigkeit nicht nur die Anforderungen lokaler Hilfsarbeit wahrnimmt, sondern in der Erkenntnis, daß hie Inden aller Länder unsere Brüder und Schwestern sind, über die Landesgrenzen hinaus wahrhafte weibliche Humanitätsarbeit verrichtet und das Gefühl jüdischer Solidarität, das oft nur theoretischen 'Ausdruck findet, verwirklicht. Im Anschlüsse daran wird es von Interesse sein zu erfahren, daß in Frankfurt an hervorragender Stellung in der jüdischen Frauenarbeit eine „FrauenVereinigung der Loge" besteht. Die Arbeitsgebiete dies.s Vereins sind Hanspflege, das heipt die Vermitttnng einer Pflegerin für Wöchnerinnen, die Kleider Verteilung und die Jngendgruppe, die junge Mädchen für soziale Arbeit erzieht. In tiefem' Bilde darf der „Mädchenklub", der auch aus der Initiative des Vereins „Weibliche Fürsorge hervorgegangen ist, nicht fehlen. Tie jungen Mädchen, die im Berufsleben stehen, finden hier nicht nur ntannigfache Anregung, Unterricht und geselligen Zusammenschluß; der Klub gibt auch einen Vereinigungspunkt der verschiedensten Elemente, die sich sonst nicht kennen und verstehen lernen würden. In unserem modernen Leben, für Tausende so arM. an Lichtblicken und besonders für die Juden opll innerer und äußerer Kämpfe, ist. es doppelt. notwendig, daß von gesinnungsttenön Männern und Frauen Stützpunkte für die jüdische. Bevölkerung geschaffen werden, die ihr inmitten aller Anfeindungen und dem schweren Existenzkämpfe die Kraft und die Möglichkeit geben, ihrer Tradition treu zu. bleiben. Tie Probleme, die in einer kleinen Gemeinschaft gelöst werden, gelten aber auch in erweitertem. Umfange nach außen hin, und so ergeben sich aus der lokalen Arbeit Fragen, die nur von einer großen Organisation in Angriff geüii'a., werden können. Bor acht Jahren wurde diese Idee durch die Initiative von Frl. Berta Pappenheim durch Gründung des „Jüdischen Frauenbundes" verwirklicht. Dieser ist der organisierte Zusammenschluß der deutsch-jüdischen Frauenvereine. Der Bupd nnrfaßt heute 160 Vereine mit 35,000 Mitgliedern. Er ist dem Bunde deutscher Frauenvereine angeschlossen und hat in dessen Gesamtvorstand eine stimmberechtigte Vertretung. Der Bund will sein Ziel besonders dadurch erreichen,. daß er alle jene Bestrebungen fordert, welche die Erziehung des Volkes bezwecken, das Erwerbsleben. jüdischer Frauen und Mädchen erleichtern wollen, auf die Hebung der Sittlichkeit und die Bekämpfung. des Mädchenhandels hinwirken. und geeignet sind; das jüdische Gemeinschaftsbewnßtsein zu stärkein. Die Gründung von unentgeltlichen Stellenvermittlungen und Arbeitsnachweisen ist eine Bundesarbeit. Diese Arbeit hat in vielendeutschen Städten bereits so große Erfolge anfzuweisen, daß vom Bund ein. Karltell für Arbeitsnachweis gegründet wurde. Jugendpflege und Jugendfürsorge sind auch eine Bundesarbeit. So gründete der Jüd. Frauenbund ein Heim, in Neu-Isenburg, dessen Zweck es ist, vorbeugende Fürsorge eintreten zu lassen und Schutz zu bieten in Fällen, bevor es zu spät ist. Die Bekämpfung des ALädchenhandels, an dem bekanntlich die Juden bedauerlicherweise stark beteiligt sind, gehört nebst Men anderen Fragen in das Arbeitsgebiet des Bundes. ©§ ist eben Pflicht jeder Frau, sich mit beim Schicksal alkeinstHend« mch.ülleinreisender Mädchen zu befassen-. Zu deren Schutze haben sich verschiedene Verbände gebildet, die .eine praktische Bähnhofmission ausüben. Diese Arbeit hat auch der Jüd. Frauenbund ausgenommen. Ein großes Ziel ist noch zu erstreben, das Ziel, einen internationalen jüdischen Frauenbund zu gründen, der die Schwesterngemcinschafte» aller Länder umfassen soll.*) Brief aus Amerika. Ter 'Abschiedsabend zu Ehren des berühmten, Dichters .„Jehoasch", der Palästina zu seinem dauernden Aufenthalt gewählt hat, hatte mehr als 3000 Menschen im. „Carnegie-Hall" versammelt. Solch ein wunderbares Bankett hat das jüd. New- 'Jork noch nie gesehen. Das PMikuM war vom Anfang des Llbends bis zu seinem 'Ende voller Begeisterung. Ter bekannte Führer der amerikanischen Judcnheit und gewesene Rabbiner von New-Pork, Tr. S. L. Magnes, eröffnöte die Feier. Er schilderte jehoasch" als Menschen, Dichter, gelehrten und Denker. Die beiden folgenden Redner — Moris _ Winziwski (Ben-Nez) und I. Marinow — gaben dem Wunsch Ausdruck, daß Jehoasch bald wieder nach Amerika zurückkehre, was einen leichten Kampf mit den nationalen Rednern hervorrief. Einen kurzen Bortrag hielt der berühmte Prediger .Masliansky, der der beste Freund des' Dichters ist> und dann als letzter Redner der „Poalei-Zion" B. Znkermann. Huldigungsbriefe haben u. a. gesandt.der bekannte Richter SulzAerger, die Schriftsteller I. L. Perez und Jakob.Dinesohn,.Rüben Brainin und Prof. Boris Schatz, der gegenwärtig in Amerika weilt. Nach Aufführung eines seiner Stücke sprach noch der Held des Abends. Er. sagte u. a., daß er die Reise von Amerika nach Palästina für sehr natürlich halte, da es in Lukunst ja nur znwi wichtige jüd. Zentralen geben werde, die eine in Amerika, die zweite in Palästina. In einer öffentlichen großen Versammlung in Cincinatt hielt dieser Tage Professor Schechter, der bekanntlich auf deim Boden der Tradition steht, einen begeisterten Borttag über den Zionismus, dessen Gegner er früher war. Er endete seine Ausführungen: „Der Zionismus ist uns notwendig, wenn wir die Erhaltung des Judentumsdes orthodoxen wie des reformierten, wünschen. Die Stellung des Judentums ist jetzt sehr. gefährdet, in Amerika wie in Europa. Der Jude kann nicht in seiner eigenen Atmosphäre leben; er muß auch die Lust anderer Religionen einatmen. Den Sabbat hält man nicht mehr, seine Stelle nimmt jetzt der ' Sonntag ein. „Was kann nun das jüdische Volk retten?" „Wie kann Man das Judentum vor Untergang! schützen?" Die jüdische Geschichte erzählt uns, daß die Juden, die unter. der griechischen Herrschaft sich in Alexandrien und anderen Qrttzn ansiedelten, ihrem.Volke und» ihrer Religion tteu geblieben waren, ybgleich sie griechische Bürger waren. Ihre'Sprache war griechisch. Sie lernten die griÄhische Literatur und' Philosophie, sie hielten auch nicht mehr Me jüd. Sitten jo wie ihre palästinensischen Brüder, und. trotzdem warm sie gute Juden. Sie hieltm den Sabbat und die Feiertage, sie sandten Abgaben nach dem „Beth- Hamidrasch" und gingm dreimal im Jahre nach Jerusalem, um dort ihre Feste zu feiern. Aber nachdem die jüdische Zenttale untergegangen, der Tempel zerstört war, gingen sie resflos in ihren Nachbarn auf. Der jetzige Zionismus nrnß daher wieder solch eine Zenttale für alle Juden der Diaspora schaffen. Er muß eine jüd. Atmosphäre in Palästina schaffen. Außer der körperlichen Siche-, rung der Juden der Diasspora sichert der Zionismus die Zukunft des Judentums." Die Saison der Gaste hat schon begannen. Der erste Gast, der hier eingettosfen ist, ist der *) Anschließend an diesen Vortrag war Fran Forchheimer gemeinsam mit Frl. Pappenheim in Wen bemüht, dort eine ,,Weibliche Fürsorge'* nach. Muster, der Frankfurter zu gründen, und die Bemühungen sind von Erfolg gekrönt worden. D. Ikedaft. ■

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