Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 12 (1914)
- Issue
- Heft 1 (9.1.1914)
- Date
- 1914-01-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Gaue ausdrücklich Verwahrung gegen die auttfAUitischeu Strömungen im Wandervogel eingelegt hätten; doch wurde ihni von anderen jugendlichen Mitgliedern eine ganze Reihe, von. Kränkungen entgegeugehalten, - die ihnen zumeist unter offizieller Billigung der. Führer widerfahren waren. \ ''■£$'£ Die Versammlung ivar bis auf wenige'Ausnahmen darin einig, daß von einem Verbleiben von Juden im'Deutschen Wander Vogel nicht-mehr die Rede fein könne». Fast alle Redner sprachen sich mit großer Entschiedenheit für die Gründung jüd.. Wandervereins aus. Uneinigkeit herrschte nur darin, ob es ratsam sei, gesonderte orthodoxe Wanderverrine zu bilden. Die .Redner der Moria vertraten mit größer Energie ihren Standpunkt, daß es orthodoxen Eltern nur. dann möglich ist, ihre Kinder einem Führer anzuvertrauen, wenn dieser orthodox ist, und für ihre Gesinnungsgenossen sei ja gerade dieser Bund gegründet worden.., Dem wurde entgegengehalten, daß dieser orthodoxe Wanderbund , auf alle Fälle sich nicht von dem in Bildung begriffenen allgemeine» jüdischen Wandervogel ausschließen dürfe; da nur so diese Bewegung von vornherein eine große Stoßkraft gewinnen würde. Gelnhausen. Eine große Anzahl Mitglieder der hiesigen jüd. Gemeinde sandte folgende Petition an das Abgeordnetenhaus: . »>Die Unterzeichneten Mitglieder der Synagogen-Gemeinde in Gelnhausen, Reg.-Bcz. Cassel, haben in der vorigen Legislatpr-Periode eine Petition, um Abänderung der K u r h e s si sch e n Juden- : - . gesetzgebung dem' Hohen Haus der Mgeordiieten überreichen dürfen. Sie ist am 29. Januar 1913 in der Gemeindekommission behandelt und dahin verabschiedet worden, daß sic der Königl. Staatsrcgierung als Material .überwiesen wurde. . Eine Behandlung der Angelegenheit im Plenum war, obwohl die Petition des Oefteren auf der Tagesordnung stand, wegen der Geschäftslage oes Hauses nicht mehr möglich. Die Petenten hatte», um der Petition, die von rein sachlichem Standpunkt aus schwer'.und allgemein empfundene. Mißstände beseitigen wollte, jeden agitatorischen Charakter zunehmen, sich auf ihre Gemeinde beschränktsodaß nur wenige Unterschriften darunter standen. Der Vertreter der Königl. Staatsregierung folgerte daraus bei den Kommissioilsverhandlungeil, daß cs sich bei unseren Bestrebungennur um eine im Vergleich zu der Gesamtheit der Judenschaft des Bezirks sehr geringe Anzahl Unzufriedener handle. . Ferner trat in der Kommission ausweislich des Berichts vom 12. März 1913 die Meinung zutage, daß die Jlbänderungsbestrebnngen von sog. R e f o r in j n d e n ausgingen und weder von den orthodoxen Juden noch von den zuständigen Körperschaften der Gemeinden, am wenigsten von den Provinzialämtcrn gebilligt werden. Als diese Vorgänge durch die Presse bekannt wurde», wurde eine neue Petition an das Hohe Hans der Abgeordneten cingereicht; nun unterschrieben von ca. 1100 jüdischen Steuerzahlern aus allen Teilen des Landes. In dieser Eingabe ionrdcn unsere Petita präzisiert und von den Unterzeichnern zu den ihren gemacht. Diese erst gegen Schluß der Legislatur-Periode eingegangene Petition könnte nicht mehr in der Kommission behandelt werden. Da sich seitdem in der Sache unseres Wissens nichts geändert hat, so bitten wir von neuem das Hohe Hans der Abgeordneten wolle beschließen: Die Knrtzessische Judengeschgcbnng wird dahin geändert, daß 1., 'die A e l te st e n einer Slinagogep-Gemeinde' nichtwie seither von den Kreisvorstehcrn vorgeschlagen und von den, Vorstehep-Aeifltern ernannt, sondern von den Geincinde-Mitgliedcrn auf Grund einer zu schaffenden Wallgesetzgäiüng g e w ä h l t werden; daß 2., bei der Besteuerung der Gemeindemitgliedcr nicht tvie seither das System von 1833 zu Grunde gelegt wird, sondern wie bei der Kommunal - Besteuerung die 7 Staats-Einkommensteuer; dgtz 3., bei der Festsetzung des Haushaltsplans der Provinzen eine M i t w i r k u n g der Gemeinde-Vertretungen gesichert tvird; daß endlick) ' {4., die Provinzial-La st.e n nicht wie seither nach dem Eigcn-Steucrsoll der' Gemeinden, sondern nach deren Steuer -Kraft umgelegt tverden, wie dies z. B. bei den Land-Kirchenlasten geschieht. Zuh» ^Wrstäiümis dieser Forderungen verweise», wir gehörsamst ans die Akten des Hohen Hauses in dieser Sache und fügen außerdem einen Artikel der Frankfurter Zeitung vom 30. August 1913 an, dessen Ausführungen zurUSach.^ wir beitreten. v 1 Altch'diesmal; beschränken >vir uns, um jeden agitatorischen Charakter unserem Vorgehen fernzuhalten, auf wenige - Unterschriften aus' unserer Gemeinde, da es uns allein auf die Sache ankommt und wir der Ileberzeugnng sind, das Hohe Haus der Mgeordiieten werde sich den sachlichen Gründe» für unser Vorgehen auch dann nicht verschließen, wenn nur wenige Namen darunter stehen. Das; xs Hmcherte sein könnten, dürfte-die Petition vom' Februar/März 1913 beweisen. Auf den unbegründeten Borwurf, cs handle sich . hier um reform-jüdische Bestrebungen, glauben wir mnfoweniger eingehcn. zu niüsseu, nls hier gar nicht religiöse-, sondern rein verfassungsmäßige Frögen .znr! Verhandlung'stehen. . Uebrigeus sei nur bemerkt;" döst die Unterzeichner ebenso >vie die kurhessischc Judenschaft überhaupt religiös zum weitaus größten Teil auf: orthodoxem Siandpmikt stehen. . Wir -machen den Schlußpassus der nicht zur Verhandlung gekommenen letzten Petition zu dein unseren und sagen: Wir erstreben nicht ei n c A b s ch a f f u n g bet Sega ui satio n, am allerwenigste!^ eine . solche des Provinzial- und.Landes-Rabvinäts, soilderil lediglich' die Besserung von Mißständen und eine Aendernng der Bestimmungen,die' durch die Entwicklüiig der letzten 80—90 Jahre unhirltbar gcivorden frankfurter JsraelMsches FamUienblatk. Leite 5. sind- .Wir tun dies, um, die Organisation im Interesse unserer Religionsgemeinschaft funktionsfähig zu erhalten und erbitten dazu die Hilfe des Hohen Hauses der Abgeordneten in dem oben angegebenen Sinne." M. Ettinger Höhne Pelzhandlung und Pelzkonfektion. Anfertigung nach neuesten ■—- Pariser und Wiener Modellen.- Frankfurt a. M. Langestrasse 31. Telephon Amt I, 5281. Ißuiffeton Ein Gelübde. Roman aus dem jüdischen Gemeinbeleben. Bon S. 8 uß-Mannheim, (Fortsetzung.) Die kleine mit Stroh gestillte Scheune neben seinem Wöhnhause stand in hellen Flammen, das sah er schon, als er aus dem Gäßcheu herauskam auf die Hauptstraße, aber der Anblick hielt ihn nicht auf, trieb ihn mcht an, ihn drängte es nur, durch das den Feuerherd umstehende Volksgewühl in sein Wohnhaus zu kommen. Die Scheune würde ja von den Bürgern, die schon mit Spritzen, mit Haken und Leitern heransansteu, mit Eifer und Verständnis angegriffen, gerettet oder zusannnengerissen werden. Ihm bangte es nur um das Wohl der Seinen, ob die Frau außer Gefahr war, ob kein Kind in der Scheuer war, ob.sie alle sicher imd' wohl waren. Das Stroh war nicht versichert, daran dachte er nicht, er dachte nur an Weib und Kind. Das Schreieir und Drängen in der Wohnstube, das Jammern seiner. Frau, ein unbestimmtes; klägliches Winrmcrn vom Sofa her, die -schreckensbleichen Gesichter der Umstehenden belehrten ihn, daß seine Angst nicht unbegründet gewesen. Sem vierjähriger Sohn, der kleine Samuel, der in der Scheuer mit Streichhölzern gespielt hatte, war durch die plötzlich aus dem Stroh- Hausen herausschlagende Stichflamme im ganzen Gesicht verbrannt. Durch die glücklicherweise hinzukommende Mutter war er vor deni Schlimmsten bewahrt rvorden. Da kam der Doktor. Gott sei Dank, er wird die Schmerzen des Kindes lindern. „Hinaus! Hinaus!" schrie der Arzt, und im Ru war das Zimmer bis auf die nächsten Angehörigen rmd eine Nachbarsfrau, die wertvolle Dienste leistete, geräumt. So schnell, >vie draußen das Feuer in der Scheune durch Wasserströme gelöscht war, so schnell lag der kleine Samuel nrit in Del getauchten Wattebündeln verbunden. Vom Kopf war nichts zu sehen, nuödie Nasenspitze und der Mund waren frei. -Ou „Es ist doch keine Gefahr, Herr Doktor?" „Ich hoffe es nicht." „Wie? Was? Sie hoffen nur?-Sie wissen etz nicht?" „Die Brandwunden sind nicht tief, für das Leben ist wohl keine Gefahr, aber --" „Aber was? Was soll denn sonst noch sein, Herr Doktor?" ■' „Das kann ich Ihnen erst in ein paar Tagen sagen, ich hoffe, es geht gut, aber ob nicht das Augenlicht gefährdet ist — —" „Schma Israel! Nur das nicht, ' nur das nicht! Wenn das Kind mir nicht um sein Augenlicht kommt!" jammerten Herz und - seine Frau abloechselnd. Herz rannte tvie wild ini Hause herum, treppauf, treppab, während die Frau leise weinend am Schmerzenslager des Kindes saß und ihm, hie. Händchen streichelte, als ob sie damit alles Unglück Ivegimschen könnte. Der Lehrer, der bei inibedcutendcn Erkrankungsfällen in den Familien der Gemcindemitglieder oft als einziger Berater zngezvgen wurde, >ocnn man glaubte, den Arzt entbehren zu könnenkam nach Löschung des Brandes, um einen Besuch zu machen und die aufgeregten Eltern zu beruhigen durch Hinweisung ans des Himmels zuversichtliche Hilfe, wenn man in der Not sich nur vertrauensvoll und inbrünstig au ihn wende. . „Was habe ich 'in Gedanken so innig gebetet," antwortete Herz, „aber wenn mein Gebet erhört tvird und das- Kind das Augenlicht behält, Herr Lehrer, Aßanst will ich einen Dreiling fasten." Ter'Lehrer, erschrocken über dies Gelübde, sprang vom seinenpStuhle ans, legte die Hand über die.Augen, als ob er '(nicht, aufzusehen »vage, oder als ob er »her. etwas nachdeiiködann liest - er sichauf den . Stuhl zurückfallen. Er konnte 'sich nicht entschließen, noch ein Wort zu sagen, sondern erhob sich nach einigen Augenblicken, drückte den Eltern die Hand, wünschte volle Genesung und gute Nacht und ging hinalis. Schon nach wenigen Tagen konnte der Arzt die tröstliche Auskunft geben, daß Samuel keinen dauernden Schaden durch die Berbrennung haben werde, und in der nächstfolgenden Woche teilte Herz Rosenberg dem Lehrer mit, daß er Montag mit der Erfüllung seines Gelübdes beginnen werde. ' Der erste Fasttag ging vorüber, ohne' daß Herz im geringsten in der Ausübung seines geschäftlichen Be-- rufes gestört ivar, er ging sogar über Land und rühmte sich ain Abend, daß er gar nichts spüre. „Ich fühle mich so munter, als wenn es Jom Kippur zum Schlußgebet geht, weder Hunger noch Durst noch Schwäche, ich werde morgen, ohne daß ich damit ein Gelübde aussprechen will, auch wieder über Land gehen." -über .am andern Morgen machte sich die menschliche Natur fühlbar geltend. Herz schlich nach Besuch des Morgengottesdienstes von Kopfweh geplagt im Hause herum, fühlte gegen Mittag Uebelkeit und mußte sich nachmittags - zu Bett legen. Er ivar so nervös aufgeregt, daß er trotz der Schwäche und Müdigkeit nicht schlafen konnte, und am dritten Tage war er so schwach, daß er nicht mehr.im Bette sitzen konnte und der Arzt geholt werden mußte. „Tolle Sachen habt Ihr Juden doch," sagte der Doktor, als man ihm den Tatbestand mitgeteilt hatte, „aber ich habe--allen Respekt vor Eurer Glaubensstärke und Eurem persönlichen Opfermut, die Euch über die schlimmsten Dinge hinweghelsen. Ihr habt damit die Verfolgungen der Jahrhunderte überdauert, und» auch dem Herrn Rosenberg wird dies dreitägige Fasten keinen dauernden Schaden bringen, er wird es glatt überwinden, und Sie werden sehe», gegen Albend, wenn die Zeit des Fastenbrechens herannatzt, wird er wie ein müder Gaul, der den Stall wittert, wieder.kräftig und munter werden, nur müssen Sie vorsichttg sein und ihm in den ersten Stunden nur Tee oder schwarzen Kaffee löffelweise geben, damit sich der Magen »vieder allmählich an die Nahrungsaufnahme gewöhnt." Die Voraussage des Doktors ging in Erfüllung. Als man sich abends wieder vor der Synagoge versammelte, ivurde berichtet, Herz werde zur Zeit des Nachtwcrdens erscheinen, man möge, wenn es nöttg wäre, einige Minuten mit dem Beginne des GotteÄnenstes auf sein Erscheinen warten. „Gott sei Dank!" sagte der Parnes, „daß es so gut vorüber gegangen ist, aber nun, Herr Lehrer, ist es auch Ihre Pflicht, dem Herz morgen einnmal ordentlich die Leviten zu lesen, damit er erkennt, welche große Sünde es ist, leichtsinnig ein solches Gelübde zu tun. Sagen Sie ihm nur tüchtig Bescheid, Herr Lehrer!" „Das werde ich hübsch bleiben lassen." „Was? Haben Sie nicht vor ganz kurzem in der Chewroh gelehrt, daß man kein Gelübde tun soll? Haben Sie nicht - noch dabei erllärt, daß wir Juden deshalb so vorsichtig und getreu mit unserem Wort sein, sollen? Daß man sogar, wenn man nur erzählt, ich werde morgen nach Tingshausen gehen, dazusetzt: aber es sott kein Gelübde sein? Haben Sie das mcht gesagt?"' „Allerdings habe ich das gesagt, und cs ist auch besser, wenn man kein Gelübde tut, das Judentum verlangt das nicht, eher das Gegenteil, aber Borwürfe werde ich dem Herrn Roscnberg doch nicht machen, denn in der Not darf man ein Gelübde tun, und nun, da er es eingelöst hat, ist die Sache erledigt." „Recht haben Sie, Herr Lehrer," bemerkte der alte Leib, „die jungen Leute wissen nichts." Atit „jimgen Leuten" meiilte er den sechzigjährigen ParneS. ,D.er—alte Leib »var bald 88 Jahre'alt und behandelte die ältesten Leute in der Gemeinde wie Kinder. ' (Fortsetzung folgt.) ■ Ottenbach a. M. . Gegen Gleht and Bhematfrmna bewahrt» , Alleiniger General -Vertreter: Frladrloh Stahl» Frankfurts. Hi Gfintherabnrg-AUee37.TeL259n.714» „SBBotÖeusftalcttöer. (Zeitangabe« »ach dem Losch.) Samstag, den K). Januar k— 12. Tewes.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 20 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 35 Min. - in Berlin 5 Uhr — Min. Wochenuüschnitt: Wajechi, — Jakov will nach dein Lande Kaiiaaii begraveu werden. Josef muß dies dem