Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 52 (31.12.1913)
- Date
- 1913-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692819-2692871--08154-2703279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I Redaktion und Expedition: Frankfurt a, Kl. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. -HW— Hevansgeber: Sarg H>sis. 11. Jahrgang. Mittwoch, de« 2 Tewes 5674 'Bl Dezember 191B) Nr i>2. Erscheint wöchentlich am Freitag. Ornrgspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg-, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Inferti-nspreis für die fünfgespaltene Pelitzeile 25 P'g.. für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, WohnungSinserate: Heirai3-Annoncen 15 Pfg. die sech-gespaltene Petitzeile obne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-BureauT Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 48«^ —:-— l ■ Brief aus Palästina «j Jerusaleni, 20. Dezember. In den jüdischen Kreisen Deutschlands, denen 'das palästinensische Schulwerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden besonders am Herzen liegt, wird inan nach den bereits in der Presse verbreiteten Mitteilungen über den Sprachenkampf in Palästina sehr erstaunt sein, wieso denn gerade jetzt ein solch heißer Kampf gegen den Hil'sverein entbrannt ist, dessen Leistungen doch Vis jetzt überall nur lobend erwähnt wurden und nicht in letzter Linie auch von den Zionisten. Die! Ursachen für diese neue Erscheinung liegen hauptsächlich darin, daß der Hilfsverein in der letzten Zeit von einem seiner Grundprinzipien, nämlich deM, dön berechtigten Forderungen der Bevölkerung in Palästina Rechnung zu tragen, abgekommen ist und in seinen Schulen das System der Alliance, die Aufoktroierung einer Fremdsprache als Unterrichtssprache, durchsetzen will. In einigen seiner Schulen hat. er z. B. die deutsche Spracheals Unterrichtssprache für diejenigen Fächer eingeführt, die vorher in der hebräischen unterrichtet würden, unter anderem Physik und Botanik in der Lämel-Schüle, Weltgeschichte und Geographie! im Lehrerseminar zu Jerusalem. * Diese und ähnliche Vorkommnisse in den Schulen des Hilfsvereins haben schon seit längerer Zeit die öffentliche Meinung der. palästinensischen Jüdenheit und besonders die dortige jüdische Lehrerschaft beschäftigt. In der letzten Jahreskonferenz der Organisation jüdischer Lehrer in Palästina ist der Beschluß gefaßt worden, an düs Kuratorium des Jüdischen Instituts für technische Erziehung ‘ in Haifa, in dessen Vorstand Dr. JaMeis Simon und Dr. Paul Nathan sich befinden, ein Memorandum : zu richten, worin in ausführlicher und sachlicher Weise dargelegt wurde, daß nur die hebr. Sprache — als die einzige Verständigungs-, Religions- und Kultursprache der Juden Paläflinas uud Syriens — als Unterrichtssprache im! Technikum eingeführt werden müßte. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß,es der nicht ungeschickten aber kleinlichen Politik des Vertreters des Hilfsvereins in Palästina, Dr. E. Cohn, > s. Z. gelungen ist, die Lehrer des Lehrerseminars in Jerusalem zu verhindern, sich dem erwähnten Memorandum anzuschließen. Direktor Cohn ist hauptsächlich derjenige, der es verstanden hat, der Leitung des Hllfsvereins in Berlin die Wünsche und Forderungen der progressiven jüdischen Bevölkerung in Bezug auf das Schulwerk anders 'darzustellen, als sie tatsächlich sind. Ter Beschluß des Kuratoriums, welcher iu der Form!, wie sie Dr. Nathan beantragt hatte, angenommen würde, nämlich die deutsche Sprache zur allgemeinen .Unterrichtssprache im Technikum zu machen, war nun die Fackel in dem Pulversüß! Die ohnehin .schon herrschende gedrückte Stimmung der Hllfsvereinslehrer, in Verbindung mit der palästinensischeu jüdischen öffentlichen Meinung, hat sich durch diesen Beschluß zu einer großen Aufregung entwickelt. Es gibt fast keine : einzige Stadt und keine einzige jüdische Kolonie in Palästina, in der nicht Protestkundgebungen ■ gegen den Beschluß des Kuratoriums und düs veränderte System des Hllfsvereins veranstaltet wurden. Uni diese ungeheure Erregung zu beschwichtigen. ist nun Dr. Nathan nach Palästina gereist; '."leider aber ist durch seine. Ankunft in Jerusalem das. Gegenteil von dem erzielt , worden,' -was. nrän erboill hat. Düs Resultat .seines palästinensischen Aufenthaltes ist die Neu grün düng von fünf hebräischen Schulen Mit einer vorläufigen Gesamtzahl von 5 00 Schülern, die sich durchweg aus Schülern der Hilfsvör einsschulen rekrutieren. Tr. Nathan hatte nur deswegen einen Mißerfolg in Palästina, well er schlecht beraten war, und die größte Schuld trisst Dr. Ephraim Cohn, der es schon Ki den ersten Besuchen von Dr. Nathan verstand, alle diejenigen Leute fernzuhalteu, die -Dm.Nathan die Tatsachen darstellen würden, wie sie in der Wirllichkeit find. Anstatt daß Dr. Nathan in Jerusalem, Jaffa, Haifare. die Eltern der Schüler und die Lehrer zu Versammlungen einberief, um ihre Forderungen und Wünsche anzuhören, ließ er durch Dir. Cohn „Unterschriften" sammeln. Bald nach Ankunft Dr. Nathans in Jerusalem wurde ihm vom Prorektor des Lehrerseminars, Herrn David Pellin, im Namön der Mehrzahl der Lehrer in den Hllfsvereinsschulen Jerusalems ein Memorandum überreicht, worin in sachlicher Weise begründet würde, daß es vom pädagogischen Standpunkte unbedingte Notwendigkeit üst, in allen jüdischen Schulen Palästinas die hebräische Sprache als .Einheitssprache. , einzuführen und nebenbei in den städtischen Schulen des Hilfsvereins dem Unterricht im Deutschen so viele Stunden einzuräumen, als zur gründlichen Erlernung desselben nottvendig ist. Da weitere längere rnündliche Unterredungen, die David Pellin und andere prominente Persönlichkeiten mit Dr. Nathan hatten, , nicht zum Ziele führten, so teüten am 5. Dez. 17 Lehrer der Hilfsvereinsschulen in Jerusalem Dr. Nathan mit, daß sie auf Grund ihrer inneren Ueberzeuaung zum Entschlüsse gekommen seien, ihre Aemter (zögen zweimonatliche Kündigungsfrist) niederzulögen, wenn sie nicht bis zum 10. Dezember eine bejahende Antwort wegen der Einführung der hebräischen Sprache als einheitliche Unterrichtssprache in allen Schulen des Hilfsvereins in Palästina erhalten würden. (Schluß in der Beilage.) Aus beit <$reiß«!f?e« des Tages. Znm Agudas Aisroel-Jug-ndtag. In den Tagen unserer geschichtlich gewordenen historischen Kämpfe um die Befreiung des .unverfälschten jüdischen Geistes vom Joche der anders denkenden und fühlenden Fremden, in den Tagen unseres einzigartig dastehenden Chanuka tagte in unserem Frankfurt der Agudas Jisroel-Jugendtag. Wer dieser Tagung beiwohnte, konnte mit Freuden wahrnühMen, wie ernst diese Jugend das Sichvertiefün in die Schriften des Judentums nimmt. Wie ein roter Faden durchzog das Wort „LiMud Hatauroh" die Versammlung; fast von den Lippen aller Redner hörte man dieses viel besagende Wort, das unser Volk gegen die Drangsale des Ghetto gefeit und bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Und man spürte, daß dies keine Phrase war, sondern tiefer, tiefer Ernst. Viel wurde düs ferneren von der Selbständigkeit der Agud'as Jisroel-Jugerrdorganisation gesprochen, und da wurde von einer prominenten Persönlichkeit die Formel geprägt: „Selbständigkeit nach außen, Anschluß nach innen". Diese. Formel wurde nach anfänglich - schüchternem Widerstreben von allen akzeptiert. Uns jedoch scheint es, daß. es weit besser für die Jugendorganisation gewesen wäre, wenn ' die Formel umgekehrt: „Anschluß nach außen, Selbständigkeit nach innen", gelautet hätte. Jugendorganisationen sollten sich von Politik möglichst fernhalten. Ihre einzige Aufgabe heißt Lernen. Ein engör Anschluß' an Organisationen der Aelteren aber drängt sie unvermeidlich und zu , ihrem größten Schaden auf das Gebiet der Politik. Die Entgleisung dös Verbandes der jMschen Jugendvereine in Deutschland während seiner letzten Tagung beweist diese unsere Behauptung zur Genüge; geschah sie doch einzig und' allein infolge seiner engeren Anlehnung an den Zentralverein. Die gleiche Erscheinung hat sich nun auf der Tagung der „Agudas Jisroel"-Jugöniwrganisa- > tion wiederholt. Die Leitung der „Agudas Jisi roel"-Organisation hat einen Feli^ug gegen den; Zionismus für gut befunden. Besonders in der ' letzten Zeit werden in dem Organ, das mit der Leitung iM engsten Konnexe steht, alle Waffen gegen den Zionismus aufgeböten. Sogar 8er heilige i Kampf, den die unabhängige palästinensische Judenj heit um die hebräische Sprache, um „Leschaunenu hakedauschoh" führt, wirddort verhöhnt. Ob dieser maßlose Kämpf nur auf ein Liebäugeln Mit dem Zentralvörein und dem AntiZionistischen Komitee zurüctzuführön ist oder nur auf taktische Beweggründe, uM dem streitbaren Rabbiner seine scharf geschliffenen Waffen aus der Hand zu winden, oder alles beide, — dies wollen wir nichtentscheiden. Aber eins steht fest, daß gegen den^Zionismus in den höheren Regionen der Agudoh ein scharfer Wind weht und auf die „Agäms Jis-- roel"-Jugendorganisation überzugehen droht. Wie ließe sich sonst der ganz unverständliche Angriff - auf die hebräischen Schicken Palästinas gerade in dem jetzigen Moment, am Eröffnungsabend, erklären? Übrigens muß die Verallgemeinerung entschieden zurückgewiesen werden, unter den hebräischen Schulen gibt es auch gut traditionelle, und dann widerspricht es geradezu dem wahren Sachverhalt, von zionistischen Schulen zu sprechen: Die Schulen sind nicht von dör zionistischen Leitung begründet; wäre dies der Fall, so hätte man an keiner Schule, auch nicht an dem Jaffaer Gymnasium, etwas auszusetzön gehabt, denn der zionistischen Organisation als solcher liegt es fern, der Tradition Abbruch zu tun.! Der Gedanke der Agudas Jisroel ist an und; für sich ein sehr glücklicher; eine Organisation der gesamten Orthodoxie, die im eigenen Hause Ordnung schafft und damit für ihren Bestand und für - ihre Erweiterung Vorsorge trifft, kann nur begrüßt werden, auch von Seiten der Zionisten und sogar der „bösen" Kulturzionisten! Eine derartige Organisation wirkt befruchtend für den Geist; und den Körper der jüdischen Nation, indem sie, - an ihrer eigenen Erstarkung arbeitend, mit ihrem « Beispiel gleichzeitig die Stärkung aller Schaffen-; den und Bauenden in Israel bewirkt. Eine t> solche Organisation kann sich abep unmöglich auf ' die Seite von'AssiMilantcn stellen, bei denen die hebräische Sprache höchstens als Mittel — T.' zum Dienste Fremder — gilt, nicht abrr als ' Selbstzweck, zum Zwecke der Aufrichtung des - angestammten Volles. Denn eine unverfälschte! Orthodoxie kann nicht anders, als für die Be- ) lcbung des Volles und seiner Sprache einzutreten, i In der Annahme, daß die.Agudoh sich auf; dieser Bahn bewegen wird, haben wir sie unter-; stützt und gedenken es auch ferner zw tun, obwohl! ihr Leiter eine wesentliche.Anfgäbe iu der i ,; . i i