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Neue jüdische Presse · 1913-12-24 · Heft 51 (24.12.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 51 (24.12.1913)
Date
1913-12-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und GXpedition: FranMurt a. M. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10 507. 'KW- ^-raasgeber: Saks cheis. 11. Jahrgaug. Mittwoch, Le» 25 Liglvv 5674 <24. Dezember ISIS) Nr. 51. Ins«r1ion»prris für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg.. für die Reklamezeile Mk. I.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Etellen-Lngebvte und »Besuche. WvhnungSinserate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile^ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahmebei der Exped. und ina.Annoncen-BureauL Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Erscheint wöchentlich am Frettag. Kenlgsprris pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ms Haus. Bei der Post abonniert Sv Pfg.. frei inS Haus 4 Pfg. pro Monat.mehr. — Bei Zusendung , durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50. für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— , Einzel - Nummern kosten 10. Pfg. Zwei verpatzte historische Momente. Wir durchleben gegenwärtig zwei historische Momente iit der Gegenwortsgeschichte des Jüdentmns. Der Kampf um die hebräischeSchule in Palästina und der Streit um die jüd. Volksschule in Deutschland, beide stellen sie zwei Ereignisse von historischer Bedeutung dar, beide haben sie zu ihrem Inhalte entscheidende Interessen des Judentums. So bedeutsam der Kamps um die hebräische Schule in Palästina für das gesamte jüdische Kolk und für lie ganze -Gestaltung seiner nationalen Zukunft ist, so wichtig ist der Kampf um die hebräische Volksschule in Deutschland für die vitalsten Interessen der deutschen Judenheit. Und es ist kein Zufall, daß die beiden großen Streitfragen die Schule betreffen. Die Erziehung unserer Jugend war stets die zentrale Aufgabe des inneren Wischen Lebens gewesen, und seitdÄnl »vir unseres Landes beraubt worden sind, ist die Wische Schule zum vornehmsten Pfeiler und Träger des Judentums geworden. Es ist auch kein Zufall,. daß in beiden Känrpfen auf der einen Seite große W. Organisationen mit ihrer plutokratischen Willkürhörrschast stehen, auf der änderen Seite aber die jüdischen Lehrer, unterstützt und ermuntert von den breiten jüdischen.Massen. Hier die Notabel», die zum großen Teile beim Judentum innerlich entfremdet, es als Gnadengeschenk ans Judentum ansehen, wenn sie ihn« überhaupt noch Zeit und Arbeit .widmen, und sich deshalb für berechtigt halten, ihre unjüdischen Sonderinteressen zum entscheidenden Faktor *' für die Behandlung innörjüdischer Probleme werden zu lassen. In Palästina wähnen Dr. James Simon und Paul Nathan das Recht zu besitzen, auf Kosten des Judentums eine ihnen genehme deutsche Politik zu treiben, und in Deutsch- . land versuchen cs die- Herren vom D. I. G. B., zum Schaden der Wischen Interessen ihre liberalen Parteiprinzipien durchzusetzen. In beiden Fällen, wehren sich die Lehrer als die berufenen Führer der positiven, jüdischen Interessen gegen solche Gewaltpolitik und dürfen in diesem ihrem Kampfe sich bewußt sein, die Sympathie und die Unterstützung der großen Majorität des jüdischen Volkes auf ihrer Seite zu haben. * Beide Kämpfe, so erfreulich sie au sich als Symptome des immer stärker werdenden bewußt jüdischen Gefühls innerhalb des modernen Judentums sind, haben .doch eine traurige .Erfahrung wieder bestätigt, die man immer wieder in der Geschichte des Judentunrs seit der Emanzipation machen.mußte, und von der mancher vielleicht schon gehofft haben wird, daß iie diesmal nicht zutreffen werde; wir meinen das bedauerliche Abscitsstehen des traditionellen Judentums. Seitdem die Emanzipation ihre verheerenden Wirkungen auf das Judentum auszuüben begonnen hat, .war es. stets der große Historische Fehler der Orthodoxie gewesen, daß sie : in allen historischen .Momenten abseits stand und so auf -jeden Einfluß verzichten mußte. Vom Anbeginn der Emanzipation bis zur Entstehung des Zionismus war es stets so gewesen. Die letzten Jahre hatten Synrptorne eines langsamen Erwachens der . Orthodoxie gebracht und die. Hoffnung. aufkomman lassen; daß sie von nun an ihre Haltung revidieren und danach trachten würde, bei der Entscheidung aller wichtigen jüdischen Fragen den maßgebenden Einfluß sich zu verschaffen, der ihr zukoMmt. Die zwei historischen Vorgänge, innerhalb deren wir uns noch befinden, haben leider diese Hoffnung zu Grabe getragen. In Palästina tobt jetzt der Kampf um die hebräische Schule, ein Kampf, der mit einer Begeisterung und Energie geführt wird, wie es einzig dasteht .in .der letzten Epoche 8er Geschichte des Judentums. An diesem.Kampfe, der doch um keinerlei Parteiinteressen, sondern um das dem ganzen jüdischen Volke gemeinsame höchste nationale Gur, um unsere hebräische Sprache, geführt wird, sollte doch die Orthodoxie als Hüterin des überlieferten Judentums fiihrenden Anteil nehnten. Was sehen wir statt dessen? In Jerusalem begrüßt die „Moriah", das Organ der -Orthodoxie, Dr. Paul Nathan, der im . deutschen Sanatorium aus dem Oelberg logiert, als den Mann, „dem alle Gesetzestreuen Palästinas entgegenblicken". Und das führende Organ der deutschen Orthodoxie erklärt den ganzen historischen Kampf als einen Zank um Formen, um Aeußerlichkeiten. Erfreulicherweise haben zwar nun die führenden Kreise der Jerusalemer Orthodoxie die Schmach, die ihr Organ aus sie geladen hat, ein wenig wieder gut gewacht, indem sie sich mit der Haltung der „Moriah" nicht solidarisch erklärt haben. Aber daß nun die Orthodoxen Jerusalems beginnen würden, sich aktiv am heiligen Kanipf unr unsere! nationale Sprache zu beteiligen, wäre eine verfehlte Hoffnung. Nach wie vor rverden sie untätig beiseite bleiben und auf beide Teile schinrpfen; was Wunder, wenn sie keinen Einfluß "besitzen und die Entscheidung im Kanipsc ohne Rücksicht auf .sie und ihre Ideale gefällt werden wird. Gewiß werden sie dann. tMnn das geschehen wird, wieder zetern und Chsromim in die Welt senden; aber die Schuld daran werden sie sich selbst .zuzuschreiben haben. rk In Deutschland wird gegenwärtig der Streit um die Wische Volksschule ausgefochten. Jeder, der mrr ein wenig die Zustände kennt, die auf den« Gebiet der Erziehung der Wischen Jugend in Deutschland herrschen, versteht ohne tveiteres, welche eminente Bedeutung die jüdische Volksschule besitzt. Auch hier lväre cs irur von Seiten einer vernünftigen, ihre Pflichten richtig verstehenden Orthodoxie selbstverständlich .gewesen, an diesem Kampfe sich in führender Reihe zu beteiligen und über alle sonstigen Differenzen hinweg energisch den um ihre Sache hart kämpfenden Wischen Lehrern zur Hilfe zu eilen. Statt dessen bleibt sie, durch ihre separatistischö Idee gezwungen, auch hier abseits stehen, weidet sich an.dem Kampf der Gegner, kritisiert beide Teile und gefällt sich in der Rolle des lachenden Dritten. Kein Wunder dann, daß bei einem Siege der Lehrer und den zu erfolgenden Gründungen neuer jüd. Schulen die Orthodoxie keinerlei Einfluß' ausüben wird und sich so die Schuld au den ungünstigen religiösen Verhältnissen innerhalb eines großen Teiles der jüd. Schulen wird selbst znschreiben nrüpen. * Es ist für einen traditionellen Juden einfach ein Jammer, wenn er sehen muß, wie die Orthodoxie in solch historischen Momenten haltlos sich in der Rolle des Outsiders gefällt und ihre starken Kräfte völlig unausgenutzt läßt. Hoffentlich ist der Zeitpunkt nicht fern, da sie, sich ihres Vergehens bewußt wird und' dazu übergeht, aktiven Anteil an .allen Wischen Ereignissen uni» Kämpfen zu nehmen. Diese zwei gegenwärtig tobenden Kämpfe werden aber schon ohne die Orthodoxie ausgefochten werden müssen. Es ist zu hoffen, daß sie nichtsdestoweniger in günstigem Sinne entschieden werden. Bei der herrschenden Begeisterung unv Aufopferung, mit der das junge Neupalästina um seine hebräische SWle kämpft, ist Per Sieg ihm sicher. Und die Wischen Lehrer Deutsche lands Mögen sich ihre Kollegen in Erez Israel nur zum Vorbild nehmen: Wenn sie nur mit der Hälfte .der Begeisterung und Energie für ihre Sache streiten werden, wie jene, dürfen auch sie auf einen vollen Erfolg rechnen. A«S Le» Ereignisse» des Tages.. Ae jüdische» Altertümer t» Palästina. Es gibt wohl wenig Dinge, die so sehr für die traurige Lage des Wischen Volkes, den gänzlichen Mangel an historischem Wetätsgefühl innerhalb des Modernen Judentums zeugen, wie der Zustand, in denen sich die heiligsten historischen Stätten unseres Volkes in Palästina befinden. Nichts betrübt das Auge, des Wischen Reisenden in Palästina mehr als .der Anblick der Wischen Altertümer. Die bedeutsamsten Stätten der alten Wischen Geschichte, die heiligsten Monumente unserer glorreichen .Vergangenheit, die vielen Ueberreste aus alter Zeit, sie liegen alle verlaffen und verwahrlost da, elenden arabischen Fellachen zum Ackerland oder zur Viehweide dienend. Für alle Völker Europas ist Palästina das heilige Land, für uns aber besitzt es lediglich in den drei Gebeten des Tages seine Helligkeit. Während jeder Flecken Erde, der in der Vorgeschichte des Christentuurs auch nur die geringste Rolle 'spielt, von Christen erworben ist und sorgsam gepflegt, wird, gibt es mit der einen Ausnahme von Rahels Grab keine einzig historische Stätte des Judentums, die uns gehörte: Wenn wir an der Klagemauer beten wollen, müssen wir uns die Erlaubnis der abessynischen Araber erbitten, zu der Meorath hamachpelah" haben wir kaum Zutrllt, alle hishrrischen Plätze in Jerusalem gehören Engländern, Französin und Puffer^ und in Mizpah, dem Wohnsitze Samuels, erhebt sich eine arabische Bkoschee. Der weüaus größte Teil der historischen Stätten aber ist überhaupt verwahrlost und ist Ackerland, der Fellachen. Es erscheint auf den ersten Blick hin unverständlich, daß von Sellen der Palästinensischen Judenheit bisher nichts zur Besserung dieses traurigen Zustandes uMernommen worden ist. Aber wenn man die Sache näher betrachtet, erkennt Man die Gründe dieser auffallenden Untätigkeit. Die Juden des „alten Jischub" hatten ja keinerlei Hilfsmittel, keinerlei Macht und keür Geld, um in dieser Hinsicht etwas zu tun; und der ^eue Jischub ist so sehr mit siine» eigenen Sorgen belastet, hat so intensiv um seine eigene Existenz zu ringen, daß ihm keine Möglichkeit bleibt, auch noch diese Pflicht der historischen Pietät zu erfiillen. Und vor allem: Dazu gehört irr erster. Linie Geld. Und der neue Jischub verfügt über keine Millionäre und Philantrophen. Hier muß das Judentum der gesamten Welt eingreisin; dje jüdischen Organisationen und Phllantrophen aller Länder müssen Pie Gelder bereitstellen, um dieses Werk zu' vollbringen. Aber ein anderes müßte die palästinensische Judenheit in dieser Sache tun: sie müßte die Im-

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