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Neue jüdische Presse · 1913-12-19 · Heft 50 (19.12.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 50 (19.12.1913)
Date
1913-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dezember 1913) Nr. 50 Die nächstwöchentliche Nummer erscheint bereits Mittwoch. Schluß für Juferaterr-Ailrrahme Dienstag vormittag. Zum 70. Geburtstag Dr. David Hofsmauus. Ein.Epilog. Hoffmartn fft einer der Großen, — seine eigene Bescheidenheit würde dies nie zugeben, — aber dieser ihm. so wesenseigene Zug spricht für die Wahrheit dieser Behauptung. Doch ist seine Größe nicht, leicht nach außen hin erkennbar, da er alles Blendwerk verschmäht, nur echte Geistesarbeit bietet. Seine Persönlichkeit ist für die Gegenwart einzigartig, da er. wie kaum ein zweiter tief int alten Talmudlernen wurzelt und doch mit dieser souveränen Beherrschung talmudischen Wissens, die auf den Zuhörer geradezu phänomenal wirkt, eine klassische Wissenschaftlichkeit verbindet.. Diese Durchdringung von alttalmndischem Lehrideal mit höchster wissenschaftlicher Schulung des Geistes ist bei Hofftnann zu eineridealen Harmonie durchgearbeitet, und alle seine zahlreichen Werke tragen den Stenrpel dieser so seltenen Wesensart. Auch in seinen Werken verschmäht er das Blendend. Er spricht hierdurch die zwingende Logik seiner Deduktionen, durch die streng objektive unbestechliche. Wahrheitsliebe und den unendlich klaren systematischen Aufbau der Gedanken. Was er logisch beweist, weiß er durch .immense Belesenheit noch zu stützen, .und.man fragt sich unwillkürlich, was man bei diesem Gelehrten mehrbewundern soll: seine tiefe Denkfähigkeit oder seine gewaltige Gedächtniskraft. Wenn er doziert, wenn er die Debatte führt, wenn er polemisiert, wenn er einfach erzählt: immer wendet er sich an den Verstand des Zuhörers, — ' und doch verbindet er mit diesem fast' nüchternen abstrakten Denken ein tiefes, warmes Gefühl, das nur dem, in seiner Größe erkennbar wird, der diesen Mann im trauten Familien- und Schüterkreis kennen gelernt hat. Das gemütvolle Interesse, nrit dem er das Lebensschicksal seiner Schüler begleitet, die freundschaftliche Empfindung, die er ihnen treu bewahrt, hüben ansichtbar die Fundamente zu der zahlreichen Lofftnanngcmeinde gelegt, die in ihm ihr Vorbild ^und ihren Führer auf den Wegen echt jüdischen; und. wissenschaftlichen Erkeünens sieht. So sehr Hoffmann im Reich der Wissenschaft lebt, zu.Haufe, im Kreis seiner Familie ist er ganz Sorge und Liebe, für die Seinen, voll sprudelnden HuMors und dem lebendigsten Interesse auch für . das Kleine und.Kleinste des Lebens. Und es. ist wuniwröar, wenn ntcm sieht, welch' kindliches Gemüt, sich Hoffmann bei allem Versenken kn die Sphäre seiner geistigen Welt bewahrt hat, wie köstlich er sich fteuen kann über die einfachsten Alltäglichkeiten des Lebens, ein erstklassiger Arbeiter, ein tiefgründiger Gelehrter, ein Großer in Israel. IV. Brief aus Rußland. Solange der Beilisprozeß dauerte, waren alle übrigen Fragen in Vergessenheit geraten. Die russische öffentliche Meinung war wie hypnotisiert. Seit den Revolutionsjahren, so schreiben die Zeitungen, zeigte sie noch nie eine solche Erregung. Diese Erregung ist für die allgemeine Stimmung des Moments charakteristisch. Ja, diese Erregung bereitet der reaktionären Presse große Sorge. Die sich oft wiederholenden Streikbewegungen und die sich alltäglichkundjgebende Unzufriedenheit verstärken ihre Angst. Nur der Mnisterpräsidcnt Kokowzow bleibt optimistisch. „Die innere Lage Rußlands", sagt er, „hat nichts damit zu tun, worüber in der. Duma geredet und in der Presse geschrieben wird. Vielleicht ist das noch richtig für die Städte, aber 100 Kilometer weit von den Großstädten und 30 Kilometer von den kleineren Städten weiß niemand etwas von den Meinungen der Zeitungen und Deputierten." Nur ein russischer Minister kann wohl die, zynische Kühnheit haben, durch solche Aeußerungen offen vor aller Welt zu erklären, daß die Hauptstütze seiner reaktionären. Politik die Unbildung der Massen ist, die nicht einmal imstande sind, eine Zeitung zu lesen. Und doch, wie harmonieren diese Worte mit der Wahl von Analphabeten als Geschworene im Beilisprozeß, da nur noch von solchen Leuten ein gewünschtes Urteil erwartet werden konnte? Dieser Strich wie auch die Aeußerungen Kokowzows haben zur Genüge bewiesen, welchen Moralischen Untergrund ..die russische Regierung selber unter ihren Füßen suhlt. Die Oktobristen k o n f e r e n z hat großes Aufsehen erregt, da noch nie ein schärferes Auftreten der Ollobristen gegen die Regierung dagewesen ist. Man sprach von der Notwendigkeit liberaler Reformen, von einer Aendcrung der Taktik der Oktobristen in der Duma. Gntschkow erklärte offen, daß die Taktik seiner Partei in 8er dritten Duma, die eine Näherung zwischen der Regierung und der öfsenllichen Meinung bewirken sollte, Schisfbrnch litt. Ein anderer Oktobrist sagte: „Wir wurden von der Regierung betrogen!" Bei all ihrer fast revolutionären Stimmung hat aber die Oktobristenkonferenz über die Judenftage keine Silbe fallen lassen. Inzwischen hat die zweite Session dgr vierten DnMa begonnen. Wie man die Tätigkeit der DüMa auch betrachten wollte, ein Zug bleibt ihr eigen: sie geht jedenfalls gegen die Regierung. Der Boykott der Duma seitens der Regierung hat zwar aufgehört, da Markow II. sich entschuldigte. Daß aber die Regierung und die Dümä in Wirklichkeit, nicht zur Verständigung kommen können — die Judenfrage bildet, noch selbstredend eine Ausnahme —, das beweist die große Anzahl von Interpellationen, die die Majorität der Oktobristen und" der Opposition annimmt. Bei der Annahme der Interpellation Wer die Bedrückung der Preßfteiheit. im Zusammenhang mit denr Beilisprvzeß veranstaltete die Opposition eine Demonstration gügen die Inszenierung des Prozesses und gegen die Regierung. Der Kadettenführer Miljukow sagte: „Wir wollen, daß das große Reich von Menschen geleitet werde, die außer Verdacht, im Bunde mit Pogromstisteru und Mördern zu sein, stehen!" Ein anderer Deputierter nannte die Inszenierung des Beilisprozesses ein Staatsverbrechen. In fünf Fällen wurden die Antworten der Regierung auf verschiedene Interpellationen als unbefriedigend erllärt, kein einziges Mal als befriedigend. Dagegen wurde eine Interpellation der Rechten über das Handeln der Petersburger Rechtsanwälte, die gegen den Beilisprozeß Protestierten, von der Dunta abgelehnt. (Uebrigens wurden 83 dieser Advokaten schon von der Staatsanwaltschaft zur Verantwortung gezogen.) Einige liberale Projekte wurden für wünschenswert erllärt, so z. B. das Projekt Wer die Unvürantwortlichkeit der Dnmadepütierten, gegen das die Regierung.Protest erhob, andererseits wurden einige lleine Projekte der Regierung abgelöhnt. Auch bei der Wahl des Präsidiums schloffen die Oktobristen einen Vertrag mit der Opposition, und so wurde denn zum Dümapräsidenten der. Ok- . tobrist Redsjankv und außerdem ins Präsidium zwei Ollobristen und zwei Progressisten gewählt. Die Forderung der Natronalisten, Mer Plätze im Präsidium zu bekommen, würde von den Oktobristen abgelehnt. . Und doch ist trotz alledem ein formeller Block der Oktobristen und der Opposition nicht zustande gekommen, denn gar häufig stimmen die Oktobristen Mit den Nationalisten und der Rechte», noch häufiger aber teilen sich die Stimmen der Oktobristen. So bleibt denn die Tätigkeit per vierten Duwia eine unbestimmte und pendelnde. Wer im Vergleich Mit der ausgedrückt reaktionären dritten Duma ist sie immerhin ein 'Fortschritt, wenn auch kein sehr großer. Einmal kamen auch wir Juden auf die Tagesordnung. Es war am Tage nach Bellis' Zfteisprechung, als die Opposition einen demonstrativen Vorschlag einbrachtc, eine Kommission zu bilden, die die Frage der allgemeinen Gleichberechtigung ausarbeiten sollte. Die Vertreter der Opposition sprachen vom Schaden Md. Von der demoralisierenden Wirkung Üör Rechtlosigkeit. Ihnen antwortete Purischkewitsch, als Vertreter der. Rechten, die .Gleichberechtigung . 8er Juden werde den Untergang Rußlands zur Folge haben, und die Ollobristen erklärten, die Frage der Gleichberechtigung durchzusehen, sei noch „unzeitgemäß". Darauf wurde der Vorschlag 8er Opposition abgelehnt. So ist denn' auch für die vierte Duma eine Besserung unserer Lage „unzeitgemäß"^ und nur anläßlich des Beilisprozesses fand auch ihre Majorität, daß der Faden schon allzu straff gespannt worden sei. L. K. Brief aus Italien. Tie diesjährigen Wahlen zum, italienischen Parlament haben .für uns Juden eine besondere Bedeutung gewonnen durch die offene Beteiligung der katholischen Masse an ihnen. Nicht als ob diese Tatsache der Beteiligung an sich für uns besondere Bedeutung hätte, sie hat sie erst gewonnen durch die Art, wie die katholische Presse ihre Partei vertrat: aus Mangel an einem positiven Programm, das aus die Massen hätte wirken und .sie anlocken können, warf fie sich auf die Verunglimpfung des jüdischen Volkes. Mle verrosteten Waffen wurden zu diesem Zwecke verwendet: es wurden allerlei Geschichten von jüdischem Wucher und Ausbeutung dargeboten; die Blut- und andere Beschuldigungen dienten auf vorzügliche Weise diesem Zwecke. Und da gerade in diese Zeit der schändliche Beilisprozeß fiel, wurde er auch reichlich ausgebeutet. Mzt unverschämter Dreistigkeit und unverhohlener Schadenfteude brachten die Kerikalen Blättchen tagtäglich breitgetretene Berichte Wer

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