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Neue jüdische Presse · 1913-12-12 · Heft 49 (12.12.1913) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 49 (12.12.1913)
Date
1913-12-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49 Th. Briese begründet 1882. Frankfurt a. RH. Telefon Amt.I 8679. } 34 Goethestrasse 34 (nächst dem Opernhaus) loderne Wand- und Stand- Uhren, Tasetien-Uhren. Glashütter und Genfer Fabrikate. G-rammoplioiiQ. (Offizielle Verkaufsstelle der Deutschen Grammophon-A.-ti. I 2. iS. Uigaul eis) Ein Gelübde. Ein Kleinstadtroman von S. L u jj. Tie in den Städtchen und Dörfern in der Herbstzcit stattfindenden Kirchweihen hatten vor 30—60 Jahrcn noch eine ausgesprochene kirchliche Färbung, weshalb die jüdische Jugend sich noch nicht an den Kirmesiänzen zu beteiligen pflegte. Der Eholhainoedball um ctfteit Halbfeiertage des Laubhüttenfestes ersetzte den junfii Leuten der jüdischen Gemeinde und der Umgegend, Käs sie beim Kirmestanz versäumten und ivurde in Anerkennung dieses Gedankens von den christlichen Bewohnern die Judenkirmes genannt. Wmn nachmittags der Ball begairn, waren nur Juden im Tanzsaal des Rathauses, und zwar nicht nur die Gemeindemitglieder von Lochstadt, alte und junge, sondern auch die von den Dörfern hereingekommenen jugendlichen Tänzer und Tänzerinnen aus den kleinen jüdischen Gemeinden. Da tanzten zum'Beginn elbst die alten Männer mit ihren Frauen in dichtem Gedränge durch den Saal, bis' gegen Abend zum Verrichten des Albendgottesdienstes und zur Einnahme der Abendmahlzeit in der Laubhütte eine zweistündige Pause gemacht wurde. Nachher überließen die Alten den Tanzboden der Jugend!, allein, die Frauen saßen rundum an den Wänden in eifiiger Unterhaltung und vergnügten sich damit, ihren Kindern beim Tanzen zuzuschauen, , während die Männer in den Nebenzimmern karock oder Klabrias spielten und dabei stetig, aber mäßig dem Genüsse eines Gemisches aus Rum oder Arrak mit heißem Wasser sich. Hingaben, einem Getränke, das jeder nach Belieben Punsch oder Grog nannte. Und mit befriedigter Miene erzählte es einer denr andern, daß «wen auch die christlichen Honoratioren erschienen seien, um einige Stunden mitzutauzen. Ein solcher Cholhamoedbüll war trotz des Vergnügens, das er gelvährte, nicht teuer. Es. wurden weder Einllchungsnoch Ballkarten gedruckt, cs wurde weder Geld fft,r Annoncen noch für Kotiltonorden ausgegeben; nicht einmal Sträuße für die Damen wurden beschafft, denn die Blumeubinderei war auf dem Lande noch . gar nicht bekannt und in den Städten nur von den. oberen Zehntausend gepflegt. Das einzige, was der „Entrepreneur" zu leisten hatte, war die Besorgung der Tanzcrlaubnis uitd die Genehmigung des Bürgermeisters zur Benützung des Rathaussaales, was aber niemals Schwierigkeiten nlachte, da der Cholljamoedball wie die christliche Kirmes zu den regelmäßig erwarteten Jahresereignissen gehörten und seit Mcnschengedcirken weder durch Streit noch durch Mißbrauch der Trinkgelegenheit Mißstünde sich ergeben hatten. Die Gebühr fiir Benutzung des Saales und die Kerze,wcleuchtung war feststehend und unbedeutend, die Beschaffung der .Tanzmusik machte dem Entrepeneur auch keine großen Schwierigkeiten, denn es wurde jedes Jahr ohne Besinnen und Beraten die ganze-städtische Kapelle zum Auffpielen geworben, sowohl die zwei Geigen, als auch der Baß und die Klarinette. Diese vier, die gewöhnlich ihrem ehrsamen Handwerk als Schreiner oder Schuster nachgingen, übernahmen alle Tanzniusiken, ohne einen Unterschied im Preise zu machen nach Stand oder Konfession. Und zur Jud'enkirmes spielten sie besonders gern auf, weil da mancher Groschen Trinkgeld in die Schallöcher der Baßgeige, geworfen wurde, wenn , erst einmal der im gewöhnlichen Leben so'praktische Sinn durch Galanterie und Tanzlust zur Gcbefieudigkeit angeregt worden war. In der großen Pause traten die jungen, unverheirateten Männer zusammen, damit der Entrepreneur ihnen vorrechnete, wie hoch sich die Kosten für den Ball belaufen, die Summe wurde durch die Zahl der anwesenden unverheirateten Tänzer geteilt, und jeder Crloeken-Drogerie Alierheiligenstrasse 53. Telephon I, 3217. Vorteilhafteste Bezugsquelle fiir alle Parfümerien, Seifen und Toilette-Artikel. " Frankfurter Israelitisches Familienblatt. entrichtete^ gleich seinen Anteil. Die christlichen Ehrengäste zahlten selbstverständlich nichts. Dieses Jahr war Samnel Stern nun schon zum dritten Male der „Entrepreneur". Er klopfte in die Hände und ersuchte die „Herrschaften", sich zur Polonaise zu reihen. Alles beteiligte sich, vom ältesten Gemeindemitglied bis zum jüngsten schulpflichtigen Kinde, und Samuel trat mit Rahel Heilbrunn, der Tochter des ersten Parnes Josef Heilbrunn, an die Spitze der langen Tänzerreihe mtb führte zur Zufriedenheit aller Beteiligten in abwechselungsreichen Figuren und Wendungen die Polonaise an. , Gleich nach Beendigung des anschließenden Walzers saßen David Reinwald und seine Frau Jettchen auf einer der Bänke, die längs der Wand für die Zuschauer angebracht waren und die David trotz ihrer unbequemen Schmalheit gern benützte, weil er von da ungestört und unbemerkt alle Paare verfolgen konnte. Wer ihn da so weit vorgeneigt, mit dem Blick scheinbar den Boden absuchend, sitzen sah, hätte nie geglaubt, daß er alles sehen und beobachten konnte, und doch entging ihm nichts. Selbst wenn seine Frau Jettchen ihn nicht fortwährend mit dem Ellenbogen angestoßen und ihm ihre Beobachtungen zugeraunt hätte, David hätte doch alles bemerkt, denn er sah jede Bewegung jedes Paares, merkte, wie oft jeder Junge mit diesem oder jenem Mädchen tanzte, sprach, lachte oder trank. David wußte, ob die Abschiedsverbeugung des Tänzers nur höflich oder freundlich, oder ob sie herzlich ge- Ivefeu sei. Das tat der gute Mann nicht aus gewohnter Neugierde, das war für ihn» den Schadchen, eine unerläßliche geschäftliche Tätigkeit. Neben Jettchen Reinwald saß ihr Neffe Abraham, der Sohn ihrer Schwester, der während der Feiertage zu Besuch gekommen war. Die jungen Leute voll Lochstadt kannte er schon, da während der Feiertage gesellige Zusammmkünfte und Spaziergänge die Bekanntschaft vermittelt hätten. Als jetzt Samuel Stern, immer noch mit seiner Tänzerin am Arm, vorbeiging, konnte Abraham? sich nicht enthalten, seiner Tante eine bewundernde Bemerkung über Rahels Schönheit znzuflüstern. Das Reinwaldsche Ehepaar. hielt es nicht für nötig, auf solche jugendliche Schwärmerei eine Antwort zu geben, auch wollten sich die beiden nicht durch unnötige Reden von ihrer aufmerksamen Beobachtung aller Vorgänge abziehcn lassen; als aber Mraham die Frage hinzuftigte: „Herr Stern und Fräulein Herlbrunn sind wohl ein Liebespaar?" da lächelte David ob solcher kindlichen Weltfremdheit den Fußboden an, und) Frau Jettchen schnitt mit zugekniffenen Augeil eine fürchterliche Grimasse. '„Was bist Du doch noch fiir ein unschuldiger Jüngling," sagte Tante Jettchen und klopfte ihrem Neffen auf die Schulter. „Gewiß," brummte Onkel David, seiner Frau zustimmend. „Samuel Stern hat's nötig, sich zu verlieben! Er ist der einzige Sohn des reichen Rüben Stern und die beste Partie auf hundert Meilen in der Runde." „Fräulein Heilbrunn ist aber sehr schön und ist doch die Tochter des sehr angesehenen Parnes," antwortete Abraham, um seinen Verwandten eine gute Meinung von seiner welterfähreneu Klugheit zu geben. „Wastu ich mit schön und angesehen," erwiderte David, verächtlich mit den Achseln zuckend. „Geld muß eine haben, viel Geld, wenn sie auf Samuel Stern rechnen will." Abraham schwieg betroffen, er fürchtete, sich in den Augen seiner Verwandten eine Blöße gegeben zu haben, llm seine Verlegenheit zu verdecken, sah er sich den reichen Samuel, der es nicht nötig hatte, sich zu verlieben, nochmals genauer an. Samuel war ein mittelgroßer, gedrungener junger Mann, dessen rundes Gesicht so gänzlich von einem kurzgeschnitteueu blonden Bart bedeckt tvar, daß Man nur die etwas starken Lippen, die ein Ivcnig dicke Nase und große, gutmütig. in die Welt hineinblickende wasserbtane Augen sehen konnte. „Schön ist er aber nicht," sagte Abraham am Ende seiner Beobachtung. „Was tu ich mit schön?" wiederholte David eindringlicher, „von Schönheit kann niau nicht leben, aber er ist reich und ein tüchtiger, kluger Geschäftsmann, — mid das ist gerade genug." „Er sicht gar nicht so klug aus." „Was heißt klug? Er ist nicht klug und ist nicht dnnim, er ist nicht groß und ist nicht klein, er ist reich, — und nun schweig." Abrahäm schwieg, er sah, daß Samuel als aussichtsvolle Partie bei seinen Verwandten in höchster Leite 5. J. W. Albert, Optik Fits-u.Pincenez Douhld Mk. 7.50» Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenatrassa II» lMce Nene MainzerStraaae; Gunst stand, der als Rührmichnichtan behandelt wurde, denn sonst machte David gern über jeden und alles boshafte, spöttische Bemerkungen. „Mit wem hat Herr Stern eben getanzt'?" fragte Abraham in der Pause nach dem zweiten Tanz, „die Dame kenne ich gar nicht, und sie sieht dem Fräulein Heilbrunn ganz ähnlich, nur noch ein bißchen schöner." „Bah," sägte Tante Jettchen, „Aehnlichkeit ist vorhanden, sic ist ja auch, etwas weitläufig verwandt mit Rahel, aber schöner, das ist Unsinn." „Wer ist es denn?" „Das ist die Regme, die Tochter von Leser Ganzebach. Regine und Rahel heißen näch derselben Frau, der Großmutter des Parnes." „Ich iverde einmal Fräulein Ganzebach engagieren." „Wie," rief Tante Jettchen verwundert, „ist Ganzebach ein Name für Menschen? Sie heißt Fräulein Gottschälk und ist aus Ganzebach." . „Du brauchst Dich nicht an sie zu hängen," flüsterte ihm Onkel David zu, „es ist nichts Reiches." Abraham schien den Mangel an Reichtum nicht für einen Grund zu halten, der ihn vom Tanzen mit einein schönen Mädchen abhalten konnte: Er engagierte Regine fiir den nächsten Tanz, da sie nach seiner Meinung die Schönste im Saale und unbestritten die beste Tänzerin war. Dadurch lernte er auch, Simon, den Bruder seiner Tänzerin, kennen, der Lei allen Leuten im Saale wohlgelitten zu fein schien, da fortwährend einige an ihn herantraten, ihn begrüßten und mit ihm herumgingen. 'Daß er bei den Jungen eine gewisse Rolle spielte, trotzdem er nach Onkel Davids Worten nicht zu den Reichen gehörte, das war begreiflich, da Simon nicht nur ein wohlgestaltetersondern auch von Gesicht ein schöner Mann' war und ein guter, flotter Tänzer und scheinbar ein heiterer, angenehmer Gesellschafter. Warum auch die Alten ihn sichtlich gern hatten und ihn anszeichneten, das mußte wohl einen anderen Grund haben. Sogar Samuel, der Löwe des Tages, und der wortkarge, zurückhaltende Parnes suchten Simon auf, um einige Worte mit ihm zu wechseln. David, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, hatte den Kopf auf seine ausgespreizten .Hände .gelegt und starrte scheinbar nur den Boden aufmerksam an, aber er schüttelte nun wiederholt den Köpf, weil im Saale Dinge vor sich gingen, die er für unglaublich gehalten hatte. Samuel, der reiche Samuel, tanzte, nun schon zum dritten Male mit Rahel Herlbrunn. Das wäre ja schrecklich, werrn fein hoffnungsreichster Kandidat ihm dadurch entgehen sollte, daß er sich verliebte, in ein Mädchen verliebte, das zwar aus vermögendem Hause stammte, dessen Mitgift aber doch in gar keinem Verhältnis stand zu den Ansprüchen, die Samuel nach Davids Ansichten und Erfahrungen -zu machen berechtigt und verpflichtet war. . - In der großen Abcndpausc, als David und Jettchen mit ihrem Besuch nach der eingenommenen Mahlzeit in der Laubhütte zusammensaßen, um die Ereignisse des Nachmittags zu besprechen, gab auch Frau Jettchen, »ihrer Verwunderung Ausdruck, daß Samuel die Rahel Jo offensichtlich auszeichnete. - „Wäre cs der Sicherheit halber nicht gut, wenn Du selbst diese Sache und was ich Dir von Simon ^Ganzebach und Rahel ..." „Rüben Stern würde mich auslachen, wen» ich ihm die Rahel antragen würde, und Simon Ganzebach ist erst recht nichts für die Rahel, wie Tn vorhin gemeint hast, er hat kein Geld, und ist kein Geschäftsmann, sondern ein Narr," sagte David bestimmt. „Wieso ein Narr?" wagte Abraham einzuiversen, „ich habe mich mit ihm unterhalten, er kam mir sehr vernünftig vor." •_(Fortsetzung folgt.) mateer Jt'rledrlcn Quelle ■ Offenbach a. 1. ■■ Gegen Gicht and Bheamatbmu bewttrt. Alleiniger General-Vertreter: Frladrlch Stahl« Frankfarta.lL» Günthersburg-Allee 37. TeL.25Stt.71d. Woche»-Sale»ver. (Zeitangaben nach dem Luacb.1 Samstag, den 13. Dezember (— 14 Kislev.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a M. 4 Uhr — Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 15 Min. I in Berlin 4 Uhr 42 Min. Wochcnabschnitt: Wajischlach. Nachdem Ser Feind - im Rücken — Laban — unter Gottes Beistand abgcwendct

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