Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 48 (5.12.1913)
- Date
- 1913-12-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. _. FRANZÖSISCH. Jede 2)ame LkUlm Sich I an dem27a monatig. GRATIS-KURSUS I am Tage oder abends beteiligen. I Weserstr. 7 HllfMl SGbDOl HOUiWO. Tel. 1. 12428. | hauptete sic dreist: '"„Ich trage die Einladung schon seit acht Tagen mit mir herum; ich vergast nur über Deiner Reise, sie Dir zu zeigen." „Hm," brummte Jakob, der durchaus nicht überzeugt war. „Wir sind schon bei Leuten zu Gast gewesen, die weniger Aufwand treiben konnten wie die Raabes," fuhr Frau Cassildc mit beleidigtem Tone fort. „Ich wollte Dir nur noch sagen, daß Raabes ihrer einzigen Tochter hunderttausend Mark mitgeben." „Mehr nicht?! Pah! Was kümmert das uns?" sagte Wassermann kalt. „Mein Sohn wird Fräulein Raabe nicht heiraten." „Warum nicht?" fragte Cassilde argwöhnisch. „Das Mädchen ist schön und klug!" „Der Mcchutten paßt mir nicht," erklärte Wassermann. „Feuerstein sagte mir: der Schächter Lewy ist mit den Raabes aus einem Ort, er kennt sie genau; der Mann soll durch Schwindel und Wuchergeschäfte reich geworden sein, und sin seiner Heimat verkehrt kein anständiger Mensch mit ihm, weil ein Oberleutnant, ein Familienvater, der in seine Hände geraten war, sich erschossen hatte. Nein, mit solchen Leuten setze ich mich nicht zu Tisch." Das war eine böse Enthüllung. Cassilde schwieg betreten; sie sah ein: den Anspruch, eine gute Familie genannt zu werden, hatten die steinreichen Raabes nicht. Und so lieb ihr auch das Geld war, den „Jichus" mochte sie darum doch nicht entbehren. Sie blickte niedergeschlagen drein. Jakob schmunzelte in sich hinein; von dieser Seite hatte sein Heinrich wohl nichts mehr zu befürchten. Da erhob sich Cassilde mit eine»: energischen Ruck, stellte das Kaffeegeschirr nicht allzit sanft zusammen und sagte ganz unvermittelt: „Was kann das Mädchen dafür? Soll ein Kind für seine Eltern büßen? Und wer weiß, ob die Sache wahr ist! Was Feuerstein schon erzählt! Ich sage Dir, das ist sie, die Feuerstcinin! Sie bringt solche Dinge auf, >vcil sie nicht geladen ist heute abend." ' „Du irrst, Frau! Mathilde Feuerstein hat keine Ahnung von diesen Verhältnissen . . . Der alte Raabe ist . ein Hallunke, daran ist nicht zu rütteln." „Was' kann aber, seine Tochter dafür?" wiederholte Cassilde hartnäckig. Aber Jakob, der Tanbensanfte, zeigte sich heute gefühllos und hart. „Was kann mein armer Junge dafür? Hat er das um uns verdient, daß tvir es ihm auferlcgcn, er soll seinen armen Kindern zeitlebens einen Großvater geben, über den er sich schämen must?" Jakob war aufgestandcn, ganz rot im Gesicht, mitleidslos wie nie. „Erstens," verteidigte sich Frau Cassildc, „habe ich das nicht gewußt, und zweitens ..." „Nun, was ist noch?" fuhr Vater Wassermann herausfordernd auf. „Eine Reichere werden tvir schon nicht für ihn finden," seufzte Cassildc eirtsagungsvoll. „Hunderttausend Mark!" Vater 'Wassermann fühlte, jetzt tvar der entscheidende Moment nahe. Seine Frau war ganz klein. „Er braucht überhaupt nicht reich zu heiraten," rief er 'kühn. „Kurz und gut, ich erlaub's nicht!" „Du erlaubst es nicht?" sagte Cassilde kriegerisch. „Wenn ich sage, er soll, dann soll er! Was hat es Dir geschadet, daß Du Geld mitbekomnren hast? He? Tn warst wohl nicht zufrieden mit Deiner Partie?" Cassilde war wieder die alte; aber Jakob ließ sich nicht einschüchtern. Er sah seinen Jungen vor sich, glückstrahlend und dankbar des Vaters Hand drückend; er fühlte Rosas weiche Lippen und hörte wieder ihren zärtlich bittenden Ton: „Willkommen, Vater!" Das gab ihm Mut. „Ich war und bin zuftieden mit meiner Partie," antwortete er ernst. „Aber ich war niemals zufrieden mit mir. Es trifft in' vielen Ehen zu: Das Vermögen stammt von der Frau her. Aber auch alle Arbeit in Haus und Geschäft hast Du getan, und ich — anders, shf". Echte Lincrusta in allen Farben ä Meter von 27 Ffg. netto an. Ringfreie Tapeten-Industrie ©•Kupscli, Altegasse 27|29. Frankfurter FsraelMstyes MmiHerÄaS. wie sonst Männer sind —, ich war nicht einmal so viel wie Dein erster Kommis; ich war nur ein geschäftiger Müßiggänger." „Du hattest es eben nicht nötig, Dich abzurackern," sagte Cassilde freundlicher, als vorher, von der inneren Bewegung Jakobs mehr mitergriffen, als sie sich zugestand. „Du bist mein Mann und der Herr im Haus. Damit basta!" „Dein Mann bin ich, aber der Herr im Haus?!" Er lachte und sah sic verschmitzt an, daß sie errötete. „Geh!" sagte Cassilde, von ihm abrückcnd. „Wenn Dich einer hört, möchte er fast meinen, es sei ein Unglück, eine wohlhabende Frau zu heiraten. Wolltest Du etwa so eine wie drüben Mathilde nehmen? Eine Schleife und Perlen um den Hals, und zerrissen: Strümpfe; große Rosinen im Kopf und keinen Sechser in der Tasche! Bei der hättest Du schaffen und Dich abmattcn müssen, bis Dir der Kopf brummte: sie tut ja den ganzen Tag nichts, die faule .Picke!" „Entschuldige!" beeilte sich Jakob, seine Frau zu unterbrechen, denn wenn sie über die moralischen und physischen Mängel ihrer Exfrenndin Herzog, redete Cassilde bis Mitternacht. „Erstens, Cassildchen, warst Du viel hübscher wie Mathilde, und zweitens hatte ich Dich lieb. Und wenn ich Dich nicht bekommen hätte, dann Iväre ich Junggeselle geblieben bis an meinen Tod. Und wenn Du arm gewesen wärest, und hättest nicht einen Pfennig gehabt, dann würde ich Dich gebeten haben: warte, bis ich so weit bin, und ich hätte geschafft, bis es für uns beide gereicht hätte." Wassermann gab die Hand seiner Frau frei, die sie ihm bei seinen zärtlichen und liebevollen Worten willig überlassen hatte und sah jetzt sehr ernsthaft, beinahe streng vor sich hin. „Es ist wahr. Dein Vater hatte genug gespart; wir konnten uns beeilen, unser Nest zu bauen. Und ganz sachte bin ich, dank Deiner Pflege und Deinem rastlosen Fleiß, ein dicker, imtätiger Träumer und Pantoffelheld geworden. Mein Jimgc aber soll ein anderes Leben führen. Er soll sich abrackem und abmühen; er soll nicht den unverdienten Reichtum haben, der ihm in den Schoß fällt wie eine überreife, nur zu bald faule Frucht: er soll selbst sein Feld bebauen im Schweiße seines Angesichts; er soll in seiner Jugend tüchtig arbeiten, und dann im Alter inag er emten und genießen." „Du redest Dich ganz rot und heiß," tadelte Cassilde; aber im Stillen war sic stolz auf den Mann, wie gut er sprach, wie ein Professor. „Und was mache ich mit den Raabes?" „Sagm wir nur ab!" drängte Jakob. „Ich muß eine stichhaltige Ausrede haben," klagte Cassilde, „sonst habe ich mir eine lebmslange, bitterböse Feindschaft gemacht. Du, Mann, hast mich in die Verlegenheit hineingeredet, jetzt sieh' zu, daß Du mich wieder aus der Klemme herausziehst!" „O, wenn cs weiter nichts ist," entgegnete Jakob, dem das Herz schlug wie einem Siebzehnjährigen, der auf verbotmen Wegen schleicht. „Ich werde ein wenig in die Luft gehen und angestrengt darüber Nachdenken. Mache Dir keine Sorge, mein Kind, In einer Viertel? stunde sollst Du den schönsten und triftigsten Gmnd zu Deiner Absage habm." Er klopfte, vergnügt und zärtlich wie ein Bräutigam, seiner Frau die Wangen, bis sie ihn: einen kleinen Stoß gab und sich wehrte: „Geh, Du Narr! Ich muß in die Waschküche." Aber sie sagte es durchaus nicht böse. Er hatte längst das Haus verlassen, da stand sie noch am Fmster und sah ihm nach, wie er über die Straße schritt. Also, sie war doch hübscher als die Feuerstein! Er hatte es ihr eben gesagt. Und nicht ihr Geld hatte ihn gelockt, sondem aus Liebe hatte er sie genommen! Sie fteute sich darüber wie in ihren Mädchentagen. Indessen ging Jakob mit ausgesuchter Vorsicht abermals auf Umwegm zur Post und wartete vor der Tür, bis der Schalterraum leer war; denn er konnte zehn gegen eins wetten, daß jeder seiner Bekannten, der ihn dort sah, mit alt der Indiskretion, wie sie dem neuigkeitslüsternen Kleinstädter eigen ist, sofort ftagen würde: „Nun, Wassermann? Was ist los? Was tust Du hier?" Oder ihm gar, während er schrieb, mit dreister Vertraulichkeit über die Schulter schäum würde. Als die Luft rein war, schlüpfte er an das Schreibpult und setzte schnell' ein Telegramm an seinen. Sohn auf, das folgenden Inhalt hatte: „Erwarten Dich und Rosa morgen zum Abendbrot. Vater und Mutter Wassermann." Nachdem er noch eine Depesche ähnlichen Jichalts an seine in der Nachbarschaft verheiratete Tochter gesandt und so seine Schiffe hinter sich verbrannt hatte, zahlte er und kehrte.sehr zu- ^__ Siete 3. Th. Briese Gegründet 1832. Frankfurt a. M. Telefon Amt 18679. 34 Göethestrasse 34 (nächst dem Opernhaus) lodene Wandand Stand-Uhren, Taseben-U&nB. Glashütter und Genfer Fabrikate. G-raromoplione. Offizielle Verkaufsstelle der Deutschen Grammophon-A.-G. frieden mit sich und seinm Anordnungm nach Hanse zurück. Nur noch den letzten Sturm' aushalten, dachte er bei sich; es war ihm so heiter und glücklich zumute, daß erf das Herz geschwellt in kühnem Tatendrange, sich anschickte, seine Frau sogleich auMsuchen. Er fand Cassildc in der „guten Stube", vor einer Tervante knieend, um sich und neben sich allerlei Kostbarkeiten : silberne Becher, Schalen, Leuchter und Körbe, Tassen von feinem Porzellan, Glas- und Kristallgeräte und allerhand anderen mehr oder weniger wertvollen Raritäten und Nippes. Als Jakob eintrar, erhob sich umrändertem Milchglas auf einem Untersatz von gleich Cassilde und hielt ihm ein großes Gefäß von goldungefüger Art entgegen: ein rechtes Ungeheuer, das, was ihm an Schönheit der Form gebrach, an imponierender Größe und Geschmacklosigkeit ersetzte. „Sieh nur, Jakob," sagte Cassilde und trat vorsichttg aus dem Bereich ihrer Schätze in die Mitte des Zimmers, ihm das milchgläseme Ungetüm von allen Setten hräfentiermd. „Was meinst Du, Mann? Wmn wir schon nicht zu dm Raabes gehm; es ist doch Silberhochzeit; und wir müssen unbedingt, da wir geladm sind, ein Geschmk sendm. Ich möchte die Bowle hier opfern. Sie stammt zwar von unserer Hochzett her, ist aber sonst noch ganz neu, ein gutes, tmres Stück. Wir habm sie niemals bmutzt, und mtt nimmt sie nur Platz weg; was dmkst Du, soll ich es tun?" Sie sah ihren Mann an und liebäugelte wieder mit dem häßlichen, großen Glastopf; denn nach rechter Hausfrauenart fiel es ihr schwer, sich von einem Stück ihres Besitzes zu trmnm. Andererseits war sie sehr sparsam und öffnete mir sehr widerwillig ihr Portemonnaie. „In Gottes Namen!" lachte Jakob. „Der Mmsch soll sich freuen, wenn er so eine Bowle los wird. Wohl bekomm' es dm Raabes!" Cassilde seufzte, kniete abermals nieder, räumte sorgfältig Stück für Stück in die Servante zurück, verschloß sie, erhob sich wieder, nahm die Bowle mtt achtsamer Vorsicht wie ein Wickelkind auf ihre Arme und fragte: „Nun, hast Du mir schon die Absage aufgesetzt?" „Schon besorgt," antwortete Jakob- „Wtt schreiben, wir bedauern unendlich, aber wegen Abhaltung einer eigmen Familimfestlichkett . . ." „Was für eine Festlichkeit?" Cassilde trat einen Schritt näher. „Wenn Du nichts Besseres weißt, — das glaubt mrs kein Mensch, daß wir morgm ein Fest gebm." „Doch, Cassilde! Wir begehm morgm ein Fest. — zur guten Stunde sei's gesagt: die Verlobung unseres Sohnes mit feiner Rosa." Er hatte mit starker Sttmmc gesprochm, fest und sicher wie ein Mann, der nicht einen Laut von seinm Worten zurücknimmt. Krach . . . krach: Der Milchglastopf übersate in tausend Scherben dm Boom. Jabib hatte die halbbewußtlose Frau in seinm Armm aufgefangm und zum Sofa geleitet; er sprach liebreich und eindringlich zu ihr, aber auf alle seine Reden hatte sie nur eine Antwort:. „Und das nennst Du, Du bringst es auseinander?" Jakob ließ sich nicht beirren: er erzählte von seines Heinrichs Liebe zu dem Mädchen, das so schön und gut, fleißig und tüchttg sei, — „ganz," setzte er mit durchtriebmer Schmeichelei hinzu, „Dein verjüngtes Ebmbild." Frau Cassilde tat, als höre und sehe sie, ihn. nicht. Sie saß auf dem Sofa starr und steif wie ein' Götzenbild; volle geschlagene fünf Stunden sprach sie zu niemandem ein Wort. Mer Jakob ließ sie schmollen und zürnen, so viel ihr beliebte, und als der Mend kam, hatte er die maßlose Kühnheit, in das ureigenste Gebiet Frau Cassildms einzubrechen: eine Menge wirtschaftlicher Anordnungen zu treffm und zu befehlm; denn da er seine Kinder zu einem Festmahl geladm hatte, wollte er auch, daß es seinen liebsten Gästen an nichts fehlen solle. Das schmolz die Eisrinde um das Herz der zürnenden Gattin; sie wies dm Gemahl in seine Schrankm zurück und sagte kühl: er solle sich nicht in Dinge mischen, die ihn nichts angingm und die er nicht verstehe. Jakob gehorchte, und er hatte seinen Gehorsam nicht zu bereuen.