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Neue jüdische Presse · 1913-12-05 · Heft 48 (5.12.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 48 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Es hat sich in den letzten Fahren in denljcnigcn Kreisen des jüdischen Volkes, die nrit I optimistischem Zukunftsalauben an die Betrachtung Ider jüdischen Lage der Gegenwart heranzngehen I pflegen, die iMöinung eingewurzelt, daß gegen- Iwärtig das gesamte Judentum von einer aufwärts I führenden günstigen Tendenz beherrscht wird. Und für manchen der allzu rasch Hoffenden mag es wohl schon feststehen, daß die assimilatorische Tendenz. die das letzte Jahrhundert in der Entwicklung des Judentums allmächtig war, durch die kiitgegengesetztc, nationale, volkserhaltende Kreits total verdrängt sei. Diese überschäumenden Optimisten verschließen sich der Erkenntnis der vielen Schattenseiten des jüdischen Lebens und übersehen I die mächtige Wirkung, die die! assimilatorische Richtung innerhalb des Judentums noch heute ausübt; Ibis dann hin und.wieder ein Ereignis eintritt, das Zeugnis aLlegt von diesem Wachsen der Assi- I rnilation, ein Ereignis, das dann so unerwartet so unglaubhaft erscheint, daß Man sich staunend fragt: Wie ist es nur Möglich, daß solches vorkomMt? Wir sind überzeugt davon, ein großer, Teil unserer Leser wird sich ebenfalls verblüfft fragen: Wie ist es nur ntö glich?, wenn er den Vorfall | lieft, den wir iM folgenden berichten. In Duisburg hat bei den letzten Gemeindetvahlen der vereinigte zionistisch-gesetzestreue Block den Sieg davongetragon. Unter 320 Wählern befanden sich in Duisburg 45 ausländische Juden, und die bisherige liberale Majorität der Gemeinderepräsentanz vermutete, daß nur infolge der An- | tcilnahme der ausländischen Juden die Zionisten gesiegt hätten. Was tat diese „liberale" Majorität? Sechs Tage vor 'Ablauf ihrer Amtsperiode I änderten die liberalen Repräsentanten das Statut der Gemeinde in der Weise, daß in Zukunft nur ' Juden deutscher Reichsangehörigkeit Wahlrecht besitzen sollten. Dieser den primitivsten politischen Anstandsrücksichtcn hohnsprechende Beschluß der „liberalen" Herren genügte ihnen aber nicht. Sie legten auch gegen die zu ihren Ungunsten ausgefallene Wähl Protest Lei der Düsseldorfer Regierung ein mit der Begründung, „das Wahlergebnis sei durch einen in umfangreicherem Maße betriebenen StiMmenkauf zustande gekommen; der Führer der in Duisburg wohnhaften galizischen Juden, die nach Sitte und Weltanschauung den deutschen Juden gänzlich fernständen und der von den rechtgläubigen Israeliten als ketzerisch angesehenen Sekte dür ChassidiM angehörten, habe die Stimmen seiner Sektenbrüder zum Preise von je fünf Mark zugunsten der Gegner der Liberalen verkauft. Auf diese Denunziation hin erhob, die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die.Beschuldigten wegen Wählbecinflussung und Stimmenkaufs; das Verfahren wurde aber sofort eingestellt, da sich die Behairptung der Liberalen .als völlig grundlos erwies. Der Staatsanwalt gab seiner Verwunderung Ausdruck, daß Juden in solcher Weise gegen andere Juden auftreten, und der Regierungspräsident wies den Protest als unbegründet zurück. In einem einige Zeit nachher angestrengten Prozeß gegen einen Liberalen, der dieselbe Beschuldigung öffentlich aussprach, wurde die vom/Beklagten 'beantragte umfangreiche Beweiserhebung auf Beschluß des Gerichts nach Vernehmung einiger Zeugen abgebrochen und der Liberale wegen Beleidigung verurteilt. Ties ist der Sachverhalt dieses skandalösen Falles, wie er in der Geschichte der deutschen Judenheit wohl kauM sein Analogon findet. Aus Wut über die Medürlage ihrer Partei lassen sich Juden dazu verleiten, nicht nur ihre ausländischen Brüder in brutaler Weise ihres Wahlrechts zu berauben, sondern dieselben in der gemeinsten Weise vor den Behörden zu verleumden mit Mitteln, die sich würdig den vom Staatsanwalt und dm Privatklägern iM Beilisprozeß vorgebrachten Lügenniären anreihen. In einem Proteste an die Regierung bezeichnen liberale GeMeinderepräfentanten ausländische Juden als „dm deutschen Juden nach Sitte und Weltanschauung gänzlich semstehend", beschuldigen sie der Zugehörigkeit zu „der von den rechtgläubigen. Juden als ketzerisch angesehenen 'Sekte .der Chassid'äer" und denunziren sie wegen Stimmenverkaufs. Es ist in der Tat. haarsträubend, daß iM Jahre 1913 in einer jüdischen Gemeinde Deutschlands solches geschehen konnte, und die Sache wird noch schlimmer, wenn Man hört, daß es sogenartnte „Notabeln", Vorstandsmitglieder des „Zentralvereins", der „Bereinigung für das liberale Judentum!" und'der „Bnei-Brrth Loge" sind, die solches getan haben. Alle Moralischen Anffandsgebote, die elementarsten Pflichten der jüdischen Solidarität, alle Rücksichten auf die Würde der Duisburger Judenheit, ja nicht einmal die Angst davor, daß es doch „Risches" Machen könnte — ein sonst bei liberalen 'Juden doch so wichtiges Motiv —, hat diese „Liberalm" davon abhalten können, in solcher Weise den jüdischen Namen zu beflecken. Und das Ganze, erhält einen geraden zynischen Charakter, wenn Man im Proteste der Liberalen liest, daß .sie zu.. ihrem! Schritte, Über bcn der Staatsanwalt seine höchste Verwunderung nachher ausgesprochen 'hat, sich veranlaßt sahen, „um die Würde der Synagogengemeinde Duisburg zu wahren". Der Borwurf aber an diesem Skandal trifft das gesamte liberale assiinilatorische Judentum. Denn weder hat sich der „Zentralverein" noch die „Bereinigung .für das liberale Judentum" noch die „Bnei-Brith Loge" veranlaßt gesehen die Unterzeichner des Protestes aus ihren Reihen auszuschließen und so die liberalen Heldm der Duisburger Gcmeindörepräsentanz allein die Verantwortung für diese Schmach tragm zu lassm. So lange aber diese Organisationen dulden, Laß solche Männer angesehene Stellungen innerhalb ihrer Reihen bekleiden, tragen sie mit an der Verantwortung und laden sie cinm Teil der Schuld auf sich. Das Ganze gewinnt erst seine volle Bedeutung. wenn Man es als das wertet, was es tatsächlich ist: mcht als einen 'Einzelfall, nicht als eine zufällige. Entgleisung liberaler Heißsporne, sondem als Symptom für das Wachstum der Assimilation. Wie sehr muß diese fortgeschritten sein. wie. völlig ertötet muß das jüd. Solidaritätsgefühl innerhalbdieser liberalen Kreise sein, wie sehr Müssen sie ihrem Fühlen und Denken nach deM Judentum fernflehen, wettn solches möglich war, ohne daß ein Sturm der iEntrüflung solche Frevler an dm heiligsten jüdischen Dingen von der Bühne des jüdischen Lebens weggefegt hat. Doch wir wollen noch nicht ganz unsere Hoffnung aiifgeben. Die Berliner Leitung des Zentralvereins hat es wohl, fertig gebracht, eine Intervention in der Duisburger Affäre abzulehnen, — doch der Zentralverein repräsentiert nicht die liberale Judenheit, und wir geben uns 8er Hoffnung hin, daß diese die 'Kraft findm wird, ihre Duisburger Anhänger abzuschütteln. Brief aus Rumänien. Der Minister des 'Aönßeren äußerte sich einem Journalisten gegenüber dahin, daß die Inden der annektierten Gebiete keine.Gleichberechtignng erhalten. Die Regierung wolle dort den Juden in Industrie und Handel fteie Hand lassm, „da nur sie die Egyung besitzen, in dem zurückgebliebenen Gebiete neues Lebm zu erwecken". Doch muffe die Regierung sie. insofern einschränken, „als in einem Dorfe, mehr als eine jüdische Familie nicht wohnen darf und die Juden des neuen Gebietes im Parlammt höchstens durch zwei Mitglieder vertreten fein könnm". Auch der Bodenkauf seitens, Juden werde «ingeschränkt werdm. — Der Kongreß dier einheimischen I ndem lehnte es ab, das Schicksal der Juden an das der Sozialdemokratie zu binden undbeschloß, energisch die Gleichberechtigung zu verlangen. Er hat irM Audienz beim König nachgesucht. Auch soll dem Parlament eine Petition überreicht werden. — Unter großem Enthusiasmus ging Ronetti Romans „Manasse" im „Modernen Theater" über die Bühne — trotz der großen Demonstrationen, die die Stndmten gegen die Ausführung veranstaltet hattm. — Der König hat das Parlament mit einer Thronrede eröffnet, in der er mit keinem Worte die Juden erwähnte. Die Mische« Gemeinden i» Frankreich. Die „Union des Associations Cultuellcs" veröffentlicht ihren Bericht über das Jahr 1912. Tmr Bericht ist zu entnehmen, daß hem Verband 76 Kultusgesellschaften angehören (61 in Frankreich und 14 in Mgerim); «in Verein der Rabbiner ist gleichfalls dem Verband angeschlossen. Die Gesamtausgaben beliefen fich mit Einschluß .der Kosten der Rabbinerschule auf 200,000 Francs und sind uM 16,000 Francs höher als die Einnahmen. Infolge dieses Defizits sank der Reservefonds auf 62,000 Francs. Von den Arbeitm des Verbandsausschusses seien hervorgehoben: die Abgrenzung der Rabbinatsbezirke, die Erwirkung 'der Anerkennung der Rabbiner als Seelsorger im Kriegsfälle mit dem Hauptmannsrang. Aktuell ist der Beschluß des Verbandes, nur diplomierten Aerzten die Autorisation als „Mvhel" zu erteilen, da soeben gegen ztvei Mohalim wegen „widerrechtlicher Ausübung der medizinischen Praxis" ein gerichtliches Verfahren eingeleitet worden ist. Die Hauptsorge des Verbandes bildet seit dessen Bestehen die Frage der Ehescheidung der russischen Juden, die zurzeit einfach unmöglich ist, da sich die hiesigen Gerichte wegen des religiösen Charakters der Eheschließung in Rußland wiederholt für inkompetent erklärt haben, andererseits seit der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich die Rabbiner jeder öffentlichen Anerkennung entbehren. Trotz wiederholter

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