Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 47 (28.11.1913)
- Date
- 1913-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Helden vom Wandervogel. Wie oft haben doch in den letzten Jahre» vorlaute Propheten und allzuoptinnstischo Wortführer der Assimilation der deutschen Judenheit verkündet, daß der Antisemitismus im Schwinden gegriffen sei; und manche! von ihnen haben sich imter Hinweis auf die geringe Zahl der antisemitischen Mgeordneten im Reichstag zu der triumphierenden Behauptung hinreißen lassen, daß der Antisemitismus in Deutschland ausgespiölt habe. Es könnte deswegen fast cinÄnI leid tun, immer wieder diese Leute aus ihren Illusionen reißen zu müssen und die deutsche Judenheit fast durch Rippenstöße lvieder zur Erkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse aufzurütteln. Doch unterziehen sich unsere Feinde meist sehr gern dieser Aufgabe und sorgen durch den marktschreierischen Ausdruck ihres Hasses und durch die rohe Betonung ihrer Instinkte für die Wachhaltung der deutschen Juden. Das Verdienst, diese Aufgabe in den letzten Monaten mit Energie und Erfolg erfüllt zu haben, darf setzt der Wandervogel für sich, in Anspruch, nehmen. Der Wandervogel ist antisemitisch! Diese Tatsache, so unangenehm sie! vielen sein wird> zu leugnen ist sie nicht mehr, und wir möchten den deutsch:» Juden sehein, der dies nach der Lektüre des vom Wandervogel herausgegebenen Heftes: ,',Deutsch oder national", auch nur bezweifeln wollte. Der Wandervogel ist, antisemitisch, antisemitisch im übelsten, widerlichsten Sinne dieses Wortes; der rohe, flegelhafte, in seinem kulturellen Range auf gleicher Stufe mir den Hottentotten stehende Antiseinitismus der 80er Jahre, wie er in den letzten Jahren wirklich verschwunden zu sein schien, hat im Wandervogel seine Auferstehung gefeiert; die literarischen Talente des Bundes — nebbisch die Talente, könnte man in ihr e m Stile sagen — haben sich auf die Produktion jener Gassenhauer und Schünpflexikone geivorfen, wie sie in den übelsten Erzeugnissen der antisemitischen Gosse zu treffen sind, und die große Schar der „icutschen" Jugend, die im> Wandervogel organisiert ist, diese frisch-froMm-freien biederen Jünglinge haben ihre hello Freude daran. Manche der „gebildeteren" untör diesen Skribenten suchen dem Ganzen einen kulturellen, wissenschaftlich-literarischen Anstrich zu geben, aber die schmutzige Farbe dringt auch durch die billige Schminke hindurch, und die meisten dör Wortführer bemühen sich gar nicht, etwas vorzuheucheln, was nicht wahr ist, sondern bekennen frei und offen ihre antisemitischen Produkte und dokumentieren auch imgeniert ihr — ivirklich nicht allzuhohes — Bildungsniveau. Daß manche Kreise innerhalb des Wandervogel sich gegen diese rohe, antisemitische Tendenz, die er annimmt, sträuben, ist wohl wahr, ändert aber ami. Gesamtbilde gar nichts; urit diesen von der verjudeten Kultur angekränkelten Schwächlinge» werden die Helden vom Wandervogel rasch fertig.werden; in der Kunst, unangenehme Elemente am Kragen zu packen, sie .aus dem Lokal zu würfen und ihnen noch dazu einen Fußtritt zu versetzen, waren ja die Antisemiten stets Meister gewesen. Es wird keine lange Zeit Mehr vergehen, und der Wandervogel wird in der Betonung seines Antisemitismus geschlossen und einheitlich, dastehen. Und was sich iM Wandervogel so abstoßend kraß offenbart, zeigt sich in anderen Erscheinungen wohl in der FprM verhüllter, im Kern aber unverändert. Bei dem! deutschen Jügendtag auf dem Hohen Meißner stlcmg die antisemitische Note recht deutlich und vernehmbar hindurch. Trotz der Teilnahme so vieler Demokraten innerhalb der deutschen Studentenschaft - machten sich bereits die Anfänge einer Strömling bemerkbar, die den Waidenhofener Beschluß der österreichischen deutsch-nationalen Korporationen auch nach Deutschland importieren will, die Nationalspende zum! Jubiläum des Kaisers darf in diesem' Zusammenhang auch nicht unerwähnt bleiben, kurzum': von einem Zurückgehen oder gar Schwinden des Antisemitismus in Deutschland zu reden, wird wohl angesichts dieser Ereignisse niemand mehr wagen,. und vielleicht geht endlich auch den Herren vom Zöntralverein die Erkenntnis auf, daß das Judenproblem. doch nicht so einfach und leicht ist, wie sie es gerne haben Möchten. Der Antisemitismus bleibt sich eben in seinem Bestände konstant, was wechselt, ist die Form seiner Aeußerung, in seinem! Wesen ist er jederzeit und überall derselbe. Und darum gibt es 'für uns Juden nur ein Mittel, der Reaktion auf den Antisemitismus, in welcher Form er sich auch innner dokumentieren möge: Selbsthilfe. Nichts von den anderen und alles von uns erhoffen, diese Parole erweist sich voll.Tag zu Tag notwendiger. Sie stellt auch den einzigen Weg dar, uni den Antisemitismus zu mindern. Nur wenn wir Juden weise Zurückhaltung, vornehme Distanz.wahren, ist Hoffnung auf einen Rückgang der antisemitischen Strömung vorhanden. Wären wir Juden nicht, von vornherein in den Wandervogel gegangen, er hätte nicht den Anlaß zu seilien Anpöbelungen und Beschimpfungen gehabt. Aber leider Gottes müssen' wir iMlner lvieder erst herausgeworfen werden, bis wir elldlich erkennen, daß imser Platz draußell ist. Diese Erkenntnis inbezng auf dell Wandervogel wird jetzt lvohl in den weitesten Kreisen der deutschen Judenheit Platz gegriffen haben. Und man wird wohl bei uns einsehen, daß der einzige Weg, der uns offen bleibt, dör ist: einen eigenen Wandervogel zu gründen. Schon ist dieser gegründet: die Wunderkinds Blau-Weiß existieren bereits in vielen Städten Deutschlands und erzielen großen Erfolg. Hoffentlich werden jetzt, nach, dieser offenen Schwenkung des Wandervogel ins Lager des rüdesten Antisemitismus, in stllen deutschen Städten solche Wanderklubs gegründet, in denen die jüdische Jugend ihre Wander- und Sportlust betätigen kalin, wobei sie den Vorteil haben wird, sich auch jüdisch iir diesen Klubs weitürbilden 'zu können. Sind uilsere Jünglinge und Mädchen erst einmal in unseren jüdischen Wanderklubs organisiert, so mögen die Skribenten des Wandervogel ruhig weiterschimpfen. Ihre Wahrnehmung, daß keine Juden mehr unter ihnen sind, die sie beschimpfen können, wird sie bald verstummen lassen, und lvemi es ihnen selbst auch dann noch Freude bereitet, weiterhin antisemitisch zu bellen, wer wollte sie daran hindern? Den Rechtsspruch, den das Volkssprichwort ,^JedeM Tierchen sein Pläsierchen" Leuten dieser Bildungsklasse zubilligt, wird.man auch den Helden des Wandervogel zugostehen müssen. Ans den Ereignissen des Tages. Zur Frage des Haifaer Technikums. Die Erregung, die 'der bedauerliche 'Beschluß des Kuratoriums des Haifaer Technikums in allen nationaljüdischen Kreisen, vor allem''in Palästina auslösen mußte, beginnt sich bereits bemerkbar zu machen. Die jüdische Presse der gesamten Welt hat mit wenigen Ausnahmen dein Beschluß des Kuratoriums, der die Einführung des Deutschen als Unterrichtssprache im Technikum bestimmt, aufs schärfste verurteilt. In Palästina selbst hat die Nachricht von der Entscheidung zugunsten des Deutschen heftigste Entrüstung hervorgerufen; in Jaffa, Haifa und Jerusalem' panden machtvolle Protestversammlungen statt; die Schüler des Seminars des Hilfsvereins sowie die der oberen Klassen der Hilfsvereinsschule in Jaffa haben einen Proteststreik begonnen; und die nationalgesinnten Lehrer der Hilfsvereinsschulen — es sind oies fast alle — denken ernstlich an die Niederlegung ihrer Aemter., Außerdem wird gemeldet, daß unter der Jugend in Jaffa und Jerusalem viele Entschlossen sind, zur Eröffnung des Technikums sich nach Haifa zu begeben und die Eröffnung zu Wren. Wäre das Technikum in Jaffa oder Jerusalem — schreibt uns eine mitten im jüdischen Leben Palästinas stehende Persönlichkeit — es wäre kein Ziegel mehr am Gebäude vorhanden, Stein für Stein hätten wir es abgetragen. Man Mag zugeben, daß die Mittel, die die palästinensische Judenheit gebraucht, um ihrer Entrüstung Ausdruck zu verleihen, etwas schroff und radikal sind; aber sie sind als der Ausbruch der innerlichsten Empörung von Menschen, deren heiligste Güter und Ideale Man rücksichtslos verletzen will, zu verstehen, vielleicht sogar zu billigen. Die in Palästina wissen es ja am besten, welche Gefährdung des gesamten hebräischen Schulwcrks ein deutsches Ttthnikum bedeuten muß, und es ist nur zu selbstverständlich, daß sie diese Bedrohung der Erfolge einer jahrelangen mühevollen Arbeit voll heroischer Aufopferung und bewundernswertester Energie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln abwenden wollen. Es wird, dies kann bereits jetzt Mit Bestimmtheit gesagt werden, zuM Boykott des Technikums, vielleicht zum Boykott auch der anderen Hilfsvereinsschulen kommen. Herr Dr. Paul Nathan wird wohl kaum an alle Konsequenzen gedacht haben, die sein Vorschlag nach sich ziehen würde; vielleicht hätte er, wenn er sie vorausgesehen hätte, ihn nicht so leichten Herzens gestellt und seine Gesinnungsgenossen hätten den Vorschlag nicht so ohne weiteres angenommen. Den Herren wird wohl jetzt die Erkenntnis aufgehen, welche ungeheure Verantwortung sie mit ihrem Beschluß auf sich geladen haben. Und es ist die Aufgabe all derer, denen an der hebräischen Entwicklung Palästinas etwas liegt, dafür zu sorgen, daß diese Erkenntnis den Mitgliedern des Kuratoriums in noch viel eindringlicherer Weise klar gemacht wird. Es muß jetzt in allen Kreisen des jüd. Volkes eine rege Agitation einsetzen, die Massen müssen zum machtvollen Protest, die Notabeln und Philantropen zum Boykott des Tcchnrkums veranlaßt werden. Noch sind ja die nötigest Mittet zur Betriebsleitung des Technikums nicht vollständig beisammen, noch ist das Kuratorium ans Spenden und Beiträge angewiesen, ihm soll bewiesen werden, daß für Institute, die die herrliche Entwicklung des neujüdischen hebräischen Palästina bedrohen, das jüdische Volk keinen roten Heller übrig hat. Wenn dafür gesorgt wird, wenn der machtvolle Protest des Volkes organisiert und die geldgebenden Kreise richtig beeinflußt werden, so wird es vielleicht noch gelingen, das Kuratorium , von der Gefährlichkeit seines Beschlusses zu überzeugen und es zu einer Revision seines Standpunktes zu veranlassen. __