Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 46 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ I ♦ Redaktion und Erpedition: Frankfurt a.Itl. rr Eangeftr.7. Fernsprecher Amt I. 10507. —KW-- Herausgeber: Sarg cheis. r-- -- ■-= ■ ■ " ~ ' " . - < Erscheint wöchenüich am Freitag. Aerugsprris pro Kirrietjatzr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Slreisbänd für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 19 Pfg. ^- , — (t ~ ~ - Jnsertionspreis für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg.. für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinferate, Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltcne Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in «.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr. 4884. “ - - 11. Jahrgimg. Freitag. He» 31. Ghescliwan 5674 (21. Wobetnber 1913) Nr. 46. Erez-Jsrael. (Reisebriefe.) Von Nachum Goldmann. (Räfch-Pinah—Metullah. ' XIX / , Rosch-Pinah, eine der ältesten der palästi-- uischen Kolonien — 1883 bereits gegründet —, bildet der? Mittelpunkt Obergalilüas. Doch ist das Schicksal dieser Koloine von dem der übrigen obergaliläischen nicht verschieden geblieben: das ungünstige Geschick, das über die Entwicklung der ganzen jüdischen Kolonisation in Obergaliläa gewaltet hat, hat auch Rosch-Pinäh nicht verschont. Obergaliläa ist das Schmerzenskind Palästinas: die eine Kolonie, Machinainr!, ist ganz zugrunde! gegangen, die Kolonisten sind sämtlich ausgewandert, und die Häuser werden von Arabern bewohnt; die andere, M i's ch nt a r - H a j a r d ü n, bietet den Anblick des Verfalls, J e s s o b - H a m aale h, hat seine Sümpfe und seine gelben Fieber noch nicht los werden können; Meit all ah ist völlig zerüttet; Ein-Leitun ist so klein geblieben, wie es von Anbeginn an war, und Rosch-Pinah, die größte obergalilaischr Kolonie, auf die -man solche große Hoffnungen gesetzt hat, befindet sich gleichfalls in unbefriedigenden Verhältnissen. Mo die entscheidenden Gründe für die ungünstige Entwicklung gerade Obergaliäas zu suchen sind, läßt sich schwer sagen. Fragt ntan die Kolonisten, so schieben sie alle Schuld auf die Administration — die obergaliäischen Kolonien sind sämtlich Jcakolonien <— ■ fragt man h\e Administratoren, so erwidern sie, die Faulheit, Ungeschicklichkeit und Unselbständigkeit der Kolonisten sei der Hauptgrund des Verfalls; holt man sich Auskunft bei den Lehrern, so verteilen sie die Schuld auf beide Seiten. In allen diesen Meinungen ist nun auch gewiß etwas Richtiges enthalten. Daß die Administration im Grunde für die Kolonien ein Uebel ist, hat ja die Erfahrung zur Genüge bewiesen; andererseits aber ist gerade der Administrator Obergaliäas als sehr tüchtiger Mann bekannt, der — ein russischer nationaler Jude — „ keineswegs auf die gleiche Stufe mit dem. gewöhnlichen Administratorentyp zu stellen ist. und sich große Verdienste um die palästinische Kolonisation erworben hat. Daß das. Kolonistznmäterial Obergaliläas — meist rumänische Auswanderer — durchaus nicht vorzüglich ist, erkennt selbst der Fremde, wenn tejc 1 fniij kurze Kit unter ihnen geweilt hat, Die alte Schnorrwirtschaft, die in Judäa bereits völlig geschwünd'ön ist, in Untergaliläa kaum noch zu treffen ist, herrscht in Obergaliläa noch in vollem Schwünge, und .die Psychologie der Kolonisten ist noch ganz auf sie eingestellt. Ein guter Teil ihrer Unzufriedenheit mit der Administration hat gerade darin seinen Ursprung, daß diese eben nicht all ihre Wünsche um immer neue Unterstützungen erfüllen will noch kann. Andererseits ist doch schließlich , dasselbe MenschenMatcrial wie in Untergaliläa, wie in Sichrvn- Jakob; .warum ist die Erziehung zu selbständigen Kolonisten, die dort gelungen ist, in Obergaliläa nicht möglich gewesen? Äußer diesen gegenseitigen Klagen und Beschuldigungen zwischen Administration und Kolonisten sind mir noch andere Ursachen angegeben worden. Rosch-Pinah z. B. hat ein mächtiges Hindernis seiner Entwicklung darin, daß es. sasti völlig abgeschnitten vän aller Welt liegt. /iAlußjer vioni Norden, vdn Metullah her, führt kein Fahrwseg wachs Rosch-Pinah, sodaß ein Wägenverkehr mit dem Westen — Safed — und dem Süden — Untergaliläa unmöglich ist. Erst jetzt hat die Jca gemeinsam mit der Stadtverwaltung von Safed begonnen, eine Fahrstraße von Safed über Rosch-Pinah nach Tapcha am Tiberiassee zu bauen, womit sich eine bessere Perspektive für die Zukunft Rosch-Pinahs eröffnet. In Jiassod-Hamaaleh haben die sehr ungesunden klimatischen Verhältnisse die Entwicklung ungünstig beeinflußt; in Mischmär-Hajarden und Metuhah sei zu wenig Boden vorhanden, wurde mir von verschiedenen Seiten gesagt. Wie dem auch sei, Obergaliläa bildet ein ganz besonders schwieriges Kapitel in der palästinensische Kolonisation, und ein weites Feld der Arbeit liegt da noch offen. Irgendwie zu verzweifeln und die Arbeit anfgeben zu wollen, dazu liegt natürlich nicht der geringste Grund vvr. Auch die anderen Kolonien Palästinas waren nicht am ersten Tage so, wie sie heute sind, und es hat genügend Kraft und Geld gekostet, bis sie auf den grünen Zweig gekommen sind, auf dem sie sich heute meist befinden. Wenn hier im etwas abseits liegenden Obergaliäa' der .volle Erfolg etwas länger auf’ sich warten läßt, so kann dies nur ein Grund zu erhöhter Anstrengung der Kräfte, nicht aber zum Resignieren und Verzweifeln sein. Was seine natürlichen Verhältnisse anbetrifft, ist Rosch-Pinah eine der schönsten Kolonien. In sehr schöner Lage sich am. Fuße eines Berges hinstreckend, besitzt es ein sehr gesundes, kühles Klima und — Tcinc geringe Sache in Palästina — das vorzüglichste Quellwasser im ganzen Lande. Ich machte in Rosch-Pinah die Bekanntschaft eines sehr interessanten, in Westeuropa nicht bekannten Typus: einer GoriMfamilie. Die „Gerim". deren es eine Anzahl in Palästina gibt, sind echte Russen, die — man weiß nicht bestimmt, wann und wie — zum Judentum übergetreten find. Sie sind natürlich in jüdischer Hinsicht völlig unwissend und haben in ihren russischen Dörfern meist einen jüd. Schochet, der sie alle Gebote und Leb'ensregeln lehrt, die sie mit peinlichster Genauigkeit beobachten. Die Regierung verfolgt sie ihres Judentums wegen, und es war für mich rührend, von dem Munde des Familienoberhauptes von ihren Leiden in Rußland erzählen zu hören. Sie halten sich für echte Juden und betrachten Palästina als ihr altes Vaterland. Eine Anzahl von ihnen ist auch ' hierhergekommen, und man findet sie in verschiedenen, Kolonien. Die Familie, die ich in Rosch-Pinah kennen lenkte, ist eine weitverzweigte, und über Metullah, Jessod-Hamaaleh und Rosch- Pinah verteilt. Auch in Palästina Haben sie bereits viel UngeMach erlitten: zwei rüstige Männer sind' in Jessod am. gelben Fieber gestorben. Trotzdem wollen sie nichts von den Bitten ihrer Verwandten in Rußland Hörün, die sie auffordern, dorthin zurückzukehren. Sie sind vorzügliche, fleißige und saubere Bauern, und. ihre Besitzung in Jessod-Hamaaleh macht den besten Eindruck. Den Männern merkt man die russische Abstammung noch deutlich an — sie sprechen auch nur russisch —, ein 18jähriges, sehr hübsches Mädchen aber hat ganz das Aussehen einer Jüdin und spricht auch gleich ihrem jüngeren Bruder, der die Schule in Rosch-Pinah besucht, hebräisch. Die geringe Beimengung des gesunden Blutes dieser Gerim kann unserem Wolke durchaus nicht schaden; die Kolonisten betrachten sie dercki auch durchaus als .ihre Brüder, und dem Mädchen sind schon manche Anträge von den Jünglingen der Kolonie gemacht worden. Unter dem sicheren Schutze eines dieser starken Gerim, dessen Wägen wir benutzten, verließ ich Rosch-Pinah, um nach Metullah zu gelangen. Der Weg führte über Jessod-Hamaaleh, das in schöner Umgebung am kleinen Meromsee liegt. Im Norden glänzt der schneebedeckte Hemon entgegen. Bon dort ging es dann in gerader nörÄicheir Richtung nach Metullah. Der Weg -ist von unvergleichlicher Schönheit. Die Natur dieses nördlichsten Teiles Palästinas ist von der des ganzen Landes durchaus verschieden. Biel tüilder und romantischer, gleicht sie mehr unbewohnten, einsamen Alpengegonden. In der Tat ist auch die Gegend die unkultivierteste ganz Palästinas. Kein einziges Fellachen-Dorf war auf denk ganzen Wege zu sehen. Nur wilde, nmhörstreifende Beduinenhorden bevölkern dieses Gebiet, das znm größten Teil Privateigentum Abdul-Hamids — jetzt Staatsbesitz — ist. Diese Beduinen wvhnen in schwarzen Zelten, die man oft in erheblicher Zahl.erblick. Schwarze Ziegen weiden in großen Herden, und öfters vernimmt man das Heulen der Schakale. Biele sehr ungesunde Sümpfe befinden sich in der Gegend, und es wird noch manches Jahrzehnt vergehen, bis dieses Gebiet zu einer Stätte der Kultur ungewandelt sein kvird. Es war schon sehr spät abends, als wir zwischen steilen Bergen hindurch, nach achtstündiger Fahrt, nach Metullah gelangten. Metullah ist die nördlichste Kolonie Palästinas und bezeichnet die Nordgrenze des Landes. Die alte Stadt Don, die schon in alter Zeit den nördlichsten Punkt gebildet hat (Bon Don bis Beer- Sebah War der getvyhnliche Ausdruck, um die ganze Ausdehnung ’ des Landes zu bezeichnen) liegt nur wenige Stunden von Metullah entfernt. Auch die drei Quellen, die den Jordan bilden, entspringen in der Nähe der Kolonie. Metullah ist auch zugleich die schönstgel.egene und klimatisch gesündeste aller palästinensischen Kolonien. Am Fuße des 2000 Meter hohen stets schneebedeckten Hermon gelegen, bietet es in Norden einen wunderbaren Ausblick auf dieses Schnecgebirge. Tie Lust ist von. seltener Reinheit und Frische. Zur heißesten Sommerzeit ist es hier kühl und frisch. Wenn die Kolonie sich einigermaßen basieren sollte mrd bessere Berkehrsvcrhältnisse entstehen werden, hät sie gute Aussicht, ein belebter und vielbesuchter Sommeraufenthalt und Luftkurort Palästinas zu werden. Schon jetzt kommen in den heißen Monaten Gäste aus dem ganzen Land nach 'Metullah. So schön und reich gesegnet mit natürlichen Vorzügen Metullah jedoch ist, so ungünstig uni» wenig zufriedenstellend ist seine wirtschaftliche Lage. Hier ist es aber jedenfalls klar, daß der größte Teil der Schuld an den Kolonisten liegt, die sich die Schnorrmethoden der alten Zeit noch nicht abgewöhnt haben, auch gar nicht abgewognen wollen. Gerade während meines Aufenthaltes in Metullah ereignete sich ein unangenehmer Fall, der diese innere Untüchtigkeit der Kolonisten drastisch illustriert. Ein Kolonist, zu faul, um sein Land selbst zu bearbeiten, hatte es einfach (Arabern gegen Entrichtung einer bestimmten Summe in Pacht übergeben. Außerdem. hatte er samt einer Anzahl von Gesinnungsgenossen einige junge Kolonisten, die die Jcaadministration hingesandt hatte, während ihrer Arbeit von ihrem Boden verjagt. Der Administrator schritt ein, er brachte Soldaten ans Schdeidct, dem nahegelegenen Sitz des Kaimakams, es kam