Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 45 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Freitag, de» 14 6Ii686liivan 5674 <14 November 1913) «r. 45 Hauptversammlung des Verbandes der deutsche« Jude«. Hamburg, 12. Novbr. _ Nicht nur mehr als 400 Delegierte und eine Igwße Anzahl von Angehörigen und Gästgn. mit lihiien hatten sich aus allen Teilen Deutschlands Izusanrniengefunden, sondern auch andere wichtige »Organisationen hatten die Gelegenheit zur Mhal- Itung eigener Bersaminlungm und Beratungen bejnutzt. Bereits am Freitag Waren eine große Anzahl von Teilnehmern in Hamburg anwesend. Dies Izeigte sich an dem Besuch der Gottesdienste sowie [an einer BeranMtung der Gabciel-Rießer Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Fudcu- Itunls, in welcher am Abend Rabbiner Dr. Leim- [börfcr den im Judentum liegenden großen Geianken der „Erziehung zur Einheit" behandelte. Am Sonnabend fanden in dm Gotteshäusern feierliche Festgottesdienste statt. Oberrabbiper Dr. Spitzer und Rabbiner Dr. Sonderling hielten eindrucksvolle' Festpredigten. Ant Mittag hatte die Gesellschaft für jüdische Volkskunde zu einem Vorträge über „I ü d i s ch e Münzen und.Medaillen" geladen, an den sich eine Besichttgung des Museums für Völkerkunde anschloß. Die eigentliche Tagung begann am Sonnabend abend im Logenheim mit einer Sitzung des Gesamtausschusses, an welche sich die übliche nicht öffentliche Versammlung der Delegierten anschlotz. In dieser erschienen bereits fast alle zur Hauptversammlung erwarteten Delegierten. Der Tag nahm mit einer Fs st v o r st e l l u n g im „Deutschen Schauspielhauso", der vornehmsten dramatischen Bühne Hamburgs, seinen Abschluß, mit welcher Veranstaltung die Haniburger jüd. Gemeinde ihre Gäste grüßte. Nach einem Prolog, von I u st. In seid, von Max Montvr kraftvoll gesprochen, hob sich der Vorhang über einer Aufführung von Grillparzers „Estfher"-Fragment, an der die ersten Kräfte des Schauspielhauses Mitwirken. — Fm zweiten Teil des Programms rezitierte Alex Otto einige Dichtungen, die dem Cyklns I. Loewenbergs „Aus jüdischer Seels" entnommen waren. Dann folgten Gesangsvorträge von Fräulein Lottö Lehmann und Herrn Ärmster, und den Schluß machte die Ringerzählung aus Lessings „Nathan der Weise" mit Robert Nhil als Rezitator. — Der Vorstellung folgte eine Bewirtung der Gäste in den Räumen des „Deutschen Schauspielhauses". Man kann nicht sagen, daß die Zusammenstellung des Programms gerade besonders geschmackvoll war. Die Gesangs Vorträge zeichneten sich dadurch aus, daß ängstlich vermieden worden war, jüdische Stoffe zu wählen. Man hatte sich sogar dazju verstiegen, dio durchaus nicht in den Rahmen der Veranstaltung passende Löwesche Ballade „Jung Dietrich" vortragen zu lassen. Die Gedichte von Loewenberg schlossen mit einer Zugabe „Der Semit". Dieses Gedicht schließt' damit, daß der deutsche Jude sich der Zurücksetzung nicht als Jude schämt, sondern „als Deutscher schäm ich mich". Diesen Schluß belohnte die Zuhörerschaft naturgemäß' mit lebhaftem Beifall. Die Ringerzählnng sollte anscheinend die Krönung der Festvorstellung sein. Ich bezweifle, daß ein jüdischer Verband gut daran tut, sich die Tendenz dieser' Erzählung zu eigen zu machen. Es dürsto ein jüdischer Verband vielmehr wohl etwas größeres Gewicht auf ein „Stockjndentum" legen sollen. - ' * -j" Am Sonntag morgen, während im Etablissenient Sagebiel bereits eine Sitzung der Korrespondenten des Verbandes stattfand, begab sich eine Deputation des Verbandes zum Grabe Gabriel Rießers, wo eine schlichte Gedächtnisfeier stattfand. Nunmehr begann die H auptsitzung. Nahezu 2000 Personen, Delegierte und Zuhörer, füllten den Saal des Sagebielschen Etablissements. Außer dem ReichstagsabgcordnSten Haas waren noch die preußischen Landtagsabgeordneten A r o n so h n, Baerwald und Abgeordnete anderer deutscher Parlamente zugegen. Der Senat der Reichsstadt Hamburg war durch den Senator von MellS, die Bürgerschaft durch ihren Vicepräfidönten Bag ge und den Schriftführer Hey vertreten. Nach Vornahme der Bürowahl, Absendung von Depeschen an den Kaiser und den König von Bayern, Protestierung gegen den Kieiver Prozeß erteilte der Vorsitzende, Justizrat H o r o v i tz, Senator v. Melle das Wort: Der Vertreter der Stadt Hamburg gedachte Rießers und' fuhr dann fort: „Nicht um noch zu erstreitende Rechtsgüter handelt es sich jetzt noch für Sie, sondern höchstens um eine Wwehr unberechtigter und ohnmächtiger Angriffe auf Ihren dauernd errungenen Besitzstand. Die Zeiten aber, die der Emanzipation der Juden vorangingen, sie wirken insofern »och heute nach, als sie die Juden Deutschlands zu einer großen Genossenschast mit gemeinsamen Interessen und Bestrebungen zusaminengefngt habe». Ein Ausdruck dieser engen Zusammengehörigkeit ist Ihr Verband. Neberzeugt aber bin ich, daß Sie über diesen Ihren berechtigten Interessen niemals die uns allen gemeinsamen des Vaterlandes und der Menschheit außer acht fassen werden. Wie über den politischen Parteien, so wölbt sich auch über den verschiedenen Glaubensbekenntnissen der stolze Himmel des gemeinsamen, großen deutschen Vaterlandes. Und wie könnte ein deutscher Jude die Worte Lessings vergessen, die dieser Apostel der Humanität und der Toleranz dem tpeisen Juden Nathan in den Mund gelegt: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch? Ach wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem cs genügt, ein Mensch zu sein!" Rechtsanwalt Dr. Cohen sprach Worte der Begrüßung für die Deutsch-Israel. Gemeinde Hamburg. Der Vorsitzende dankte, rühmte den fteien und gerechten Geist der Haniburger Stadtregierung und die überschwängliche Gastfreundschaft der jüdischen Gemeinde, verlas einige BegrüßnngstelegramMe und ging dann zum Geschäftsbericht über: Von der Verbandstätigkeit hebt der Bericht die Apologetik hervor. Ein Archiv, das der Ansklärung über den Wert jüdischer - Religion dienen soll, sei begründet worden und niache unter Leitung des Dr. Bornseld und des Direktor Holzman große Fortschritte. Eine große Zahl wirksamer kleiner Veröfsentlichungen seien ausgegangen. Im Anschluß an diese Bestrebungen sei auch der Band „Soziale Ethik im Judentum" für diese Hauptversammlung von hervorragenden Verfassern znsammengestellt worden, die dartun, wie in den Grundlagen des Judentums alle Ideen moderner Sozialreform keimen. — Neben der Apologetik seien wieder Schritte des Verbandes in der Sch üch t fr a g e. nötig gewesen. In den Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe sei ein § 4 aufgenoininen worden, der Rücksicht ans die jüdischen Handlungstrcibenden, die Sabbatruhe halten, verbürgen soll. Ferner' habe der Verband in Preußen Schritte getan, um eine Verwendung der aus allgemeinen Steuern aufgebrachten Kultuszuschnsse auch für jüdische Gemeinden zu erreiche». Hier sei bisher noch kein Erfolg erzielt, doch sei die Frage im Landtag schon lebhaft diskutiert worden, und Vertreter verschiedener Parteien hätten mit Sympathie zu dem den Anregungen des Verbandes entsprechenden Antrag Casselv. Campe Stellung genommen, sodaß auch hier ein Erfolg der berechtigten Bestrebungen zu erhoffen sei. .^Jn Schnlfragen hatte der Verband für die staatliche ^k^erstütznng schwacher Gemeinden und. die notwendige Anstellung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen gewirkt. Auch die Verbandsarbeit im Interesse der gerechten Heranziehung 'der Inden zu Schöffen und Geschworenen habe an vielen Stellen ihre gute Wirkung gehabt. Auf dem Gebiet der B ef ö rd erung im Heere sei eine gerechtere Behandlung trotz aller unter dem Druck der Reichstagsmehrheit erzwungenen Erklärungen praktisch noch nicht erreicht. Gegen diese offensichtliche Verhöhnung des RechÜ sei immerhin ein säst einmütiger Protest des Reichstags als Anfang der Besserung erreicht worden. Diese werde vielleicht angebahnt durch die vom Reichstag verlangte Statistik des Kriegsministeriums über Konfession und Beförderung. — Bessere Resultate seien erzielt bezüglich der Durchführung der gleichmäßigen und gemeinschaftlichen Vereidigung ol'ler einschließlich der jüdischen Rekruten und der Berücksichtigung der jüdischen Feiertage bei der Rekruteneinstellung-.— Ferner seien bei der Beratung des Staatsangehörigkeitsgesetzes die Interessen der Juden vom Verbände wahrgenommen norden. Bezüglich der Natnralisationsfrage sei besonders die Erklärung von Bedeutung, welche gegenüber der auf Material des Verbandes gestützten Behauptung von Abgeordneten, daß verschiedentlich die Natnralisatio» beim Üebertritt zum anderen Glauben erleichtert worden sei, der Vertreter der Regierung abgegeben habe: „Zn der Behauptung, daß jüdischen Ausländern gesagt sein solle, solange sie Juden seien, würden sie nicht naturalisiert, wenn sie aber zu einem christlichen Glaubensbekenntnis übertreten würden, dann ließe sich darüber reden", müsse er erklären, daß der preußische Herr Minister des Innern es im Gegenteil für unwürdig halte, wenn jemand um äußerer Vorteile willen sein Glaubensbekenntnis ändere. Seitens seiner Regierung können sogar Fälle angeführt werden ...» in denen der Minister des Innern ein Naturalisationsgesuch gerade aus dem .Grunde abgelchnt habe, weil die Absicht kuiidgegeben worden sei, um der Naturalisation willen vom jüdischen Glaubensbekenntnis überzutrcten oder weil der Üebertritt im Hinblick auf den Naturalisationsantrag schon stattgefunden hatte." So sei. die alle jüdischen Kräfte des deutschen Reiches zusammenfassenhc Arbeit des Verbandes nicht ohne Resultate; sie werde fortgesührt werden in dem Sinne treuen Judentums und begeisterter deutscher Vaterlandsliebe. Dann ergriff das Wort Rabbiner Dr. Goldschmidt-Königshüttc zu einem Bortrag über das Thema: Die soziale Fürsorge in per jüdischen Religion. Das Wort, das dem Erzvater Abraham gegeben worden: „Werde ein Segen!" sei Richtschnur jüdisch«» Wesens. Nicht metaphysische Spekulationen über das Wesen Gottes, Verwirklichung göttlicher Gebote der Liebe und Gerechtigkeit ans Erden sei das Wesen des Judentums. Die Angriffe mancher liberal-protestantischer Theologen, die ihre im wesentlichen religiös der jüdischen gleiche An» schaumig gerade durch ethische Qualitäten vom JndenW tum abheben wollen, nlüssen zurückgewiesen werden. "Gerade im Judentum sollten Leben und Lehre, zusammengehen; die Thora ist nicht den Engeln gegeben, sie soll im sozialen Leben verwirklicht werden. Die Bibel lehre, daß der Mensch das „Ebenbild Gottes" und die ganze Menschheit gleicher brüderlicher Herkunft ist. Eine nationale, eine abstammnngsmäßige Üeberhebung sei im Sinne jüdischer Tradition also nicht möglich. Jeder erfüllt an seiner Stelle göttliche Mission. Der „moralische Wert der Menschenseele" ist also nicht, wie Harnack meint, erst von. Jesus erkannt — schon der Sänger des 8. Pfalnis kündet das Gleiche. — Die Arbeit ist im Judentum als das über das Tier hebeiche Merkmal den Menschen gepriesen; sehr im Unterschied zur Auffassung der andern antiken Völker auch die Handarbeit. Zugleich ist als Schutz des Geistigen den Menschen die unantastbare Ruhe des Sabbats Gesetz. Die Muße ist aber hier nicht Daseinszweck Mer Herrenkaste, sondern die Heiligungszeit für Herren wie Knechte. Das Gebot der Nächstenliebe ist urMes mosaisches Gesetz. Lange vor dem Christentum hat es im Mittelpunkt alles jüdischen Denkens .'gestanden. Der soziale Hauptpseiler des Rechts hat freilich trotz allem Gefühls stets aufrecht gestanden; unbekümmert um Reichtum und Rang haben die Propheten als große Anwälte