Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 44 (7.11.1913)
- Date
- 1913-11-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ieiltiQe W fit. 44 fe fanlfattec IsraMMm MmiliMatks. fölenarfiUmta des „Agudas Jisroel-Komitees. F r a n kf u r ti a. M., 3. Nov. Zuerst wird eingehend über den Stand und die Aussichten der Propaganda berichtet. Die sich hieran anschließende Aussprache fiihrt zju dein Beschlüsse, die erste aus Delegiertenwahlen hervorgehende H a n p> t v e r s a m m l u n g d er „Agudas Jisroel" (Kcnessio Gedaulo) auf bcii Sominer 1N4 einzuöerufcn. Der Entwurf Her „Agudas Jisroel"- Satzung ist den Mitgliedern dos „Rabbinischen Rates" zunächst zur schriftlichen Begutachtung übersandt Worden. Rach Eingang der zum Teil noch ausstehenden Aeußerungcn soll die Einberufung einer Plenarversammlung des „Rabbinischen Rates" spätestens für die Zeit zwischen Pesach und Schowuaus beantragt und ein Gesamtvotunr des Rates herbeigeführt iverden. Der Satzungsentwurf tvird alsdann der Öffentlichkeit übergeben werden. Zur Entlastung des „provisorischen Komitees" von .den Arbeiten für dio innere deutsche Organisation ^vird die Einberufung eines deutschen Dclegiertüntages auf den 7. Dezbr. nach H a l b e r st a d t beschlossen, unt einen deutschen Grnp'peuverband zu konstitutierm Der Frankfurter Jiigendgruppo der „Agudas Jisroel" wird der Kredit zur Veranstaltung eines Jugendtages der „Agudas Jisrodl" bewilligt, der in der Chanukawoche (öontl 25.-28. Dezember) in Frankfurt stattfindon und .den shstcuiatischen Ausbau der Jugendorganisationen fördern soll. Genehmigt wird die AnMlung eines Generalsekretärs für die galizischü Propaganda und die Geschäftsführung des galizischön Gruppenverbandcs und ferner die Bildung von Gruppcnverbänden in Palästina und in der Schweiz. Int Interesse der amerikanischen Propaganda wird die Entsendung einör Delegation (Dr. Meier-Hildeshointer-Brrlin und Rabb. Wolkin-Llntzislaw) nach New Port beschlossen. Zur Pmatung gelangen weiter Subventions¬ und finanzielle Angelegenheiten. Auf Grund dringender Anregungen aus russischen Agudakreisen wird in Aussicht genommen, den „Louis Feist-Fonds" nicht nur der Errichtung von Arbeiterhäusern, sondern auch weitergehenden kolonisatorischen Unternehmungen zu widmen. Das Komitee hofft, daß der Fonds bis zum Jahrzeitstage des Heimgegangenen Führers der Agudä .in der Lage sein wird, in einer seines Namens würdigen Fvrm in Wfrksamkeit zu .treten. " Beitrag zur Lösung der Streitfrage zwischen Lehrerverband und Gemeiudebuud. Von Lehrer Adolf Rothschild-Achim-Bremen. Ein Krieg ohne Sieg . . . Der Lehrerverband käinpst mit aller Wucht seiner Macht gegen Ansichten im Ausschuß des Gemeindebnndes. Er will im Interesse des Judentums in Großstädten jüdische Volksschulen gründen» und der Gemeindebund, an dem Prinzip der Simultanschule festhaltend, steht aus uns nicht einleuchtenden Gründen diesen Berbandsbestrebungen recht skeptisch gegenüber. Wenn auch. Professor Blaschke sich in einer Erklärung quasi damit entschuldigt hat, daß er in dem Referat nur seine persönliche Ansicht geäußert habe, so hat doch der Gemeindebnnd seine Stellungnahme zur Frage der Volksschulgründung zur Genüge dadurch gekennzeichnet, daß er das Thema „Volksschule" nicht auf die Tagesordnung des nächsten Gemeindetages setzen will. Der Gemeindebnnd verspricht den Lehrern Anstellung an gemischten Schulen; aber eine Garantie kann er uns nicht geben. Er ist der Meinung, daß in absehbarer Zeit die Simultanschnle Gesetz wird. Wir können nach Lage der Dinge diesen Optimismus nicht teilen und haben dazu unsere guten Gründe. Nach der gegenwärtigen politischen Lage ist an die Simultanschule »och lange nicht zu denken, und wenn wir sie wirklich haben, ist es noch sehr fraglich, ob es dann mit der Anstellung von jüdischen Lehrkräften so leicht gehen wird, wie Herr Prof. Türk sich das denkt. (Breslau!) Ich halte es für ein vollständig vergebliches Abmühen, dem Ausschuß unsere Ueberzengnngbeizubringen, und wenn es uns auch gelingen sollte, eine andere Zusammensetzung des Ausschusses des D.-J. G.-B. herbeiznführen, so ist damit doch noch lange nicht gesagt, daß dann Unsere Wünsche gleich Erfüllt werden. Und auch die Verzichtleistung auf die Suhve.ntion wird den Gemeindebnnd wenig reizen, so sehr ehrend für uns auch der Entschluß sein wird. . . . Ein solcher Kampf bringt nur Aufreibnng der Kräfte auf beiden Seiten — und gar keine, Erfolge. Wir wollen und Müssen praktische Arbeit leisten. Es ist eine alte Geschichte: Wer helfen will, der kann nicht, und wer kann, der will nicht. Und es ist ein sehr undankbarer, zneifelhaster Versuch, die Könnenden zu Wollenden zu machen. Die Erfahrung hat gelehrt, daß jedes Problem sich nur ans dem Wege der Entwicklung zur Reife entfalten kann. Rur wenn eine ganz dringende, jedein in die Augen springende Notwendigkeit vorhanden war, hat man hier und da Einführungen kultureller 'Art ganz urplötzlich gemacht. Da aber ein solch dringendes Bedürfnis nicht 'vorliegt, so ist unser Gründung von jüd. Volksschulen in Großstädte» nur allmählich und nur auf dem Wege der Entwicklung zu erreichen. Ein Versuch, der ohne große Opfer unternommen werden kan», dürste lehre», ob ich recht habe oder nicht. Daß Schulen der Lehrer wegen gegründet werden solle», ist ein unbilliges Verlangen und auch in dieser Begründung niemals von uns erhoben worden. Wir sind bei unseren Bestrebungen nur von dem Gedanken geleitet, daß die G r ü n d u n g von Volksschulen nur im Interesse unserer jüdischen Jugend und des I n d e n t u tu s direkt notwendig ist. . . . Laß uns selbst Hand ans Werk legen und verzichten wir zunächst auf die direkte Hilfe anderer, auch ans den Versnchl, übcrzeugungsseste Menschen nmznstimmcn. Mein Bor s.ch lag geht nun dahin: einige tüchtige Lehrer verbinden sich und begründen zunächst in Großstädten — vielleicht zuerst in Berlin — Privatschnlen, für die leicht die Konzession zu erlangen ist. Auf die Unterstützung unserer Freunde können wir mit Bestimmtheit rechnen, und die feindlich Gesinnten werden uns sichrer keinen Stein in den Weg legen. Die ideelle Förderung (auf die es uns in erster Linie ankommt) lveiter Kreise dürfen wir bei tinserem Versuche als selbstverständlich voranSsetzen. Nach Beendigung der Vorschulklassen treten die begabtetl Schüler in die Sexta der höheren Schulen ein, und bei den anderen dürften in vielen Fällen die Eltern zu. bewegen sein, ihre siir die höheren Schulen durchaus ungeeignete Kinder lveiter in der Schule zu belassen, und mit diesen Kindern könnte ztmächst eine einklassige Schule gebildet und init der Zeit je nach der Anzahl der Kinder zu 2, 3 .und mehrklassigen Schulen erweitert werden. Aus diesen Anfängen wird sich in absehbarer Zeit die von uns gewünschte und den Zeitverhältnissen entsprechende jüd. Volksschule entwickeln. Durch die Verwirklichung meines Planes werden wir auch die verstockten Feinde von der segeilsreichen Wirksamkeit jüd. Volksschulen in Großstädten überzeugen. Wie beginnen wir nn.ser Werk? Wir stellen zunächst durch eine Rundfrage, ein.mit einem vorteilhaft abgefaßten mit guten Namensunterschriften versehenen Begleitschreiben fest, wie groß eine Frequenz zu Beginn des Schuljahres 1914 sein wird. Danach erst wird das Lokal gemietet und werden die Lehrkräfte engagiert. In vielen Fällen dürften uns auch die Räumlichkeiten der Religionsschulen, in denen nur Nachmittags Unterricht erteilt wird, zur Verfügung gestellt werden. Wer macht mit? NB. Unser Lehrervcrband könnte auch vielleicht einige Versnchsschulcn gründen und unterhalten. D. O. Emigration «ad Kolonisation im Jahre 1912. (AuS dem Jahresbericht der Jewish Kolonisation Association pro 1912. Von I. T n r o f f - Berlin. I. Emigration. Di« Sorge für die Unterbringung des Ueberschusses der wachsenden Bevölkerung bildete bei allen Nationen von jeher den ivichtigsten Teil ihrer inner» und äußeren Politik, und Krieg und Frieden, Diplomatie und Völkerwanderung waren im Grunde nichts weiter als Versuch« zitr Lösung dieser Auswanderungsfrage. Nur die Inden, welche doch seit 2000 Jahren sich auf einer ewigen Wanderung befinden, vermochten bisher nicht zu erkennen, daß die Knigrationsfrage eben die Jndenfrage ist. Es zeugt von der. hohen Begabung des sel. Baron Hirsch und seiner klare»', intuitiven Auffassung der ganzen Jndenfrage, wenn er schon vor 25 Jahren die große Bedeutung der Emigrationsfrage erkannt und für ihre Lösung sehr bedeutende Mittel zur Verfügung gestellt hat. Die Rechtsnachfolgerin des Baron Hirsch, die von ihm ins Leben gerusene „Jüdische Colonisationsgesellschaft" (Jca) ist seit 15 Jahren ehrlich bemüht, den jüdischen Answanderungsstrom schon an seiner Quelle abznsangen, ihn auf .seinem weitern Lauf zu regulieren und an seiner Mündung an die geeignete Stelle zu lenken. * Die Zahl der jüdischen Emigranten hielt sich am Beginn des Jahres 1912 noch in mäßigen Grenzen. Infolge der Balkanwirren jedoch und des Ausbruchs des Judenboykotts in Polen ging sie im weiteren Verlauf des Jahres rapid in die Höhe. Im Ganzen sind im Berichtsjahre Juden ausgewandert nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika 85 793, nach Canada 6903, nach Argentinien 13416. Rechnet man die Emigration nach den anderen Ländern, welche bei den Juden mit 20°/» der gesamten Auswanderung zu veranschlagen ist, hinzu, so dürfte die Zahl der Inden, welche im Jahre 1912 die Heimat verlassen mußten, etwa 128000 betragen haben. 11m diese Auswandercrmasse zu lenken, sie unterwegs zu schützen und in der neuen Heimat nach Möglichkeit zu fördern, bestehen und arbeiten unter Kontrolle der Jen zahlreiche iOrganisationen, von denen das Informationsbüro in Petersburg die wichtigste ist. Dieses unterhielt im Berichtsjahre 144 über ganz Rußland verbreitete Provinzialkomitees, welche im Lause des Jahres 83520 Personen Auskunft erteilten resp. mehr oder Iveniger wirksame Hilfe leisteten. Des ferneren bestehen in allen Durchgangslänbcttt kleinere und größere Organisationen, welche die Aufgabe haben, den Emigranten das tlebcrschreiten der Grenzen zu erleichtern und sie ans deni langen Wege von der östlichen Grenzstation bis zum fernen Einschiffungshafen vor Bedrückung und Ausbeutungen zu schützen. Der Hilssverein der deutschen Juden hat 40808 Durchwanderer beschützt, von denen 9576 Rat und Hilfe von ihm erhalten haben. Dafür bekam er von der Jca eine Subvention von 85000 JL Die übrigen jüdischen Anstalten in Antwerpen, Basel, London und Rotterdani erhielten die Hälfte ihrer Unkosten ersetzt. Endlich wirken in den Einwanderungshäfen 'Newyork, Buenos-Aires und Montreal jüdische Institutionen, welche die ankommcnden jüdischen Immigranten empsangen, ihnen mit Rat und Tat beistehen und sie womöglich dauernd nnterbringen. In Newyork wirkt nebst einem eigenen Jmmigrationskomitee, das den Empfang der Immigranten zur Aufgabe hat, seit 11 Jahren noch das bekannte Removal-Comitee, das mit Hilfe einer weitverzweigten Organisation von Arbeitsnachweis-Bureaus bemüht ist, die Einwanderer außerhalb Newyorks nnterzubringen. Demselben ist cs ini Berichtsjahre gelungen, 6025 Personen in 356 Städten Arbeit und Brot zu verschassen. Seit seiner Gründung hat das Komitee gegen 60000 Juden aus Newyork entfernt. Seinen ursprünglichen Plan, auf diese Weise das Ghetto von Newyork zu sprengen, hat es endlich als zwecklose Sysiphusarbeit ausgcgeben, — seine Bemühungen aber, jüdische Einwanderer außerhalb Newyorks gut nntcrzubringen und somit zahlreiche neue jüdische Gemeinden in den' Bereinigten Staaten zu gründen und die bereits bestehenden durch Zufuhr neuen Menschcnmaterials zu kräftigen, setzt es mit erneuter Kraft und gutem Erfolge fort. Das gleichwertige Comitee in Montreal hat im Berichtsjahre 2765 Personen Arbeit verschafft. Bon den jüdischen Einwanderern in Argentinien gingen 1453 als Landarbeiter in die Kolonien und 5108 wurden von der Regierung nach Orten dirigiert, an denen Nachfrage nach Arbeitern Vorhände,t waren. Der Rest konnte gut in Buenos-Aires selbst Unterkommen. Argentinien scheint ein gutes Einwanderungsland für Juden werden zu solleit, das eines Tages, wenn die nordamerikanischen Häfen den Juden endgiltig verschlossen sein tvcrden, in die Lücke treten und für Jahre hinaus die Massen der jüdischen Emigranten ausnehmen Dürfte. II. Das Kolonisationswerk. Das jüdische Kolonisationswerk, das gegenwärtig mehr oder weniger unter Kontrolle der Jca steht, wird z. Zt. in 7 Ländern betrieben, wo den Juden 1041000 ha Land zur Verfügung stehen. Mn Liesen 7 weit auseinander liegenden Kolonisationsgebieten ist das von Anatolien einstweilen so gut wie aufgegeben. In C y p e r n vegetieren noch 3 Ansiedelungen mit zusammen 37 Familien. In'Brasilien werden seit 12 Jahren Kolonisationsversuche gemacht. Der Erfolg läßt aber immer noch auf sich warten. Auch in Canada will es init der Kolonisationsarbeit nicht recht vorwärts gehen, da die leichte Möglichkeit, in den rapid wachsenden Städten ein gutes Auskommen zu finden, der jüdischen Kolonisationsarbeit sehr im Wege ist. Die landwirtschaftliche jüdische Bevölkerung jst da im Berichtsjahre sogar etwas zurückgegangen. Sie zählt 2942 Seelen mit 49 700 ha gegen 3482 Seelen und 54 846 ha i. SSt Dagegen wachsen, blühen und gedeihen die jüdischen Kolonien in Palästina, Argentinien und den Vereinigten Staaten. Uebcr die palästinensischen Kolonien haben wir bereits berichtet. Auch das Kolonisationswerk in Argentinien macht seit 15 Jahren sichtlich Fortschritte. Der jüdische Landbesitz daselbst umfaßt 633000 ha. Im Berichtsjahre ist eine neue Kolonie Montefiore in der Provinz Santa F6 im Umfange von 29 000 da mit 94 Familien und 588 Seelen hinzu gekommen. Im Gegensatz zu ihrer bisherigen Gepflogenheiten/ ihre Schützlinge mit 150—230 ha Land auszustatten, hat die Jca den neuen Kolonisten „nur" 75 ha überwiesen. Es muß jedoch betont werden, daß selbst 75 ha für eine Bauernfmnilie noch viel zu viel sind. Der Landhunger des jüdischen Volkes ist viel zu groß, die Mittel zu seiner Stlllnng viel zu winzig, als daß wir uns den Luxus gestatten dürsten, jüdische Großbauern mit 300 Morgen Land zu installieren! Die bisherigen Erfahrungen in Argentinien haben auch gelehrt, daß ein allzugroßer Landbesitz mir zur oberslächlichen, ertragsarmen Extensivwirtschaft unter kostspieliger Beschäftigung stemder Arbeiter führt. Wie riskant eine derartige Wirtschaftsmethode in einem Lande ist, wo große Dürren mit allzureichlichen Regenmengen abwechseln und Heuschreckeschaaren gelegentlich die Lanze Ernte vernichten, beweist die Geschichte der letzten 7 Jahren. Jn diesem Zeitabschnitte konnten die Kolonisten von insgesamt bestellten 678000 da nur 480000 ernten, während 198000 ha — 29o/o umsonst mühsam bestellt wurden. Aus diesem Grunde und weil die Jca schließlich einsehen mußte, daß sie Gefahr liefe, ihren umfassenden Landbesitz binnen weniger Jahre an einige Tausend Bauern zu vergeuden, entschloß sie sich, mit dem in Argentinien immer teuerer werdenden Boden sparsamer nmzngehen. Der erste Versuch in dieser