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Neue jüdische Presse · 1913-11-07 · Heft 44 (7.11.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 44 (7.11.1913)
Date
1913-11-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Tiberiassee. — Saföd. - Ich entsinne mich, in meiner Kindheit einst | ein wunderbares Märchen gelesen zu haben. Ein Königsprinz liebte ein arides schönes Waisenmätzchen und nahm sie zur Frau. Sein Batör ab>er, ein stolzer, strenger Herrscher, verstieß ihn darob von sich, und so irrte denn der arm« Prinz! mit I seiner Frau verlassen und hungrig durch die Welt. Und das Leben wurde ihnen so schwer, daß sie I beide zu sterben beschlossen. Doch da erbarmte sich ihrer Gott und ließ sie durch einen Engel in ein I fernes, fernes Land fortführcn. Dort setzte er sie in ein kleines Häuschen an einem1 wunderbaren | blauen See nieder, und ringsum, nmschbiß Gott den See mit Bergen. lieber den Sec aber wölbte er eine hohe Glaskuppel, und so wohnten die Liebenden in ihrem Häuschen wie unter einer Glasglocke, Mo kein Haß der Menschen sie mehr treffen konnte, lind sic lebten hier das glücklichste aller Seöeit. Ich habe dieses Märchen niemals wieder vergessen können. Diese wunderbare Glasglocke über dem! See mit seinen Ufern war es, die mir so schön erschien, daß ich öfters, in wachen Traumstüntzen, an sie denken Mußte. Und schon als Kind sehnte ich mich danach, auch einmal unter einer solchen Glasglocke, abgeschieden von den Menschen, weilen Kl dürfen. Als ich an einem strahlenden Frühlingstag von den hohen Bergen, die den Tiberiassee umgeben, hinunterstieg und nun aM Ufer dieses schönsten aller .Seen stand, dä kam' mir plötzlich die.Erinnerung an dieses alte, schöne Kindheitsmärchen wieder. Und nun wußte ich auf einmal,!oie cs unter jener Glasglocke des Priuzenpäares ausgesehen hat: ganz wie am Tiberiassee. Der nicht zu bäeite Seö mit seinem blauen, ruhigen Wasser, ringsumdie schönen romantischen Berge, und über dieser Landschaft die ttefblaue, kristallene Hintmelskuppel, die sich auf die Berge zu Mtzen scheint und diesen See wie ein seltenes Kleinod vor Zöllen fremden . Händen, die ihn beflecken könnten, schützend Kn bedecken scheint. Wie ein Märchen erscheint die Schönheit dieser Landschaft am' Tiberiassee, und wer sie nicht gesehen hat, wird sich niemals ein Bild von ihr machen können, tzeinn wer könnte sich die treffende Borstellung von einem Märchenbilde machen? Fa,! märchenhaft schön ist der Tiberiassee, und seitdem ich ihn gesehen, hat er in meiner Seele den Platz Meines alten Kindhcitsmärchens eingenommen; und so sehr ich mich früher nach der Glasglocke des Märchens sehnte, so stark ist nunmehr meine "Sehnsucht nach!' dem Tiberiassee; ja mm so viel stärker ist diese Sehnsucht, als das verwirklichte Märchen. schöner ist. als das in der Phantasie erdächte. Und ich stelle mir vor: Welches Glück Mutz es für einen Menschen sein, in einer Billa . aM Tiberiassee zu wohnen. Kein Lärmen und Masken der Großstadt wird täglich seine Nerven erschüttern, kein Zanken und Hassen der Menschen wird ihm Sorge bereiten, keine Unbill und keine Gemeinheit, dieser Welt wird ihn in seinem Glauben an das-Gute und Schöne verletzen; wie ein Märchemprinz »vird er hier Men könnest; Ruhe wird uni ' ihn herrschen, und Friede wird ihn nmgebcnpuür das die Seele beruhigende Rauschen der blauen Wellen wird er vernehmen, und nur das leise Dahinstreichen des Windes über die Wasser wird an sein Ohr dringen. Die Sonne wird ihm immer entgegenlachen, und der bleiche, fahle Mond: seine Seele mit Zauber erfüllen. Mit den Sternen wird er Zwiesprache pflegen und mit den Wellen des Sees sich lispelnd unterhalten. Die reinste, zarteste Luft wird ihn mit unerschöpflichen Lebenskräften durchdringen, und das weiche angenehme Wasser des Sees jeden Tag neu erfrischen. Paradiesischer Friede wird um ihn sein, und ewiges Glück wird in seiner Seele wohnen. Wie wenig verstehen doch die Menschen, das wahre Glück zu finden, wenn bis heute! noch kein einziges einsames Häuschen sich am Tiberiassee erhebt. . . . Manchmal, wenn ich nach einem kräftigenden Bade aM Ufer des Sees saß und dem Spiele der blauen, klaren Wellen zuschaute, schweifte mein Geist in die Vergangenheit zurück, imd Bilder einstiger Geschlechter traten vor meine Augen. Ich sah sie vor mir, diese jüdischen Fischer, die damals diesen See umwohnten, in ihren einfachen Hütten, in denen schlichte Einfalt, fromme Zufriedenheit lebte, und zwischen ihren Hütten hoch emporragend die geschmückten Häuser der Adeligen und Vornehmen, die von überall hierherkamen, um an den Ufern des Sees neue Kraft zu schöpfen oder in den heißen Quellen bei Tiberias Gesundung suchten; und dann wechselt das Bild, und vor mir erstreckt sich Tiberias, die stolze Gründung des Herodes, aber Fremde beherrschen es, stahlhärte Römer führen das Szepter nutz bedrücken das Volk; und während die Unterdrückten züM Himmel schreien, heilen sich reiche römische Patrizier in den Quellen von den Krankheiten, die ihre Laster ihnen gebracht haben. Nur ein Schatz, ein Trost ist deM gequälten Judenvolke noch verblieben: in der Stadt erstrecken sich die Hallen, wo Rabbi Jähuda hanafi Mit dem Synhcdrion tagt und gelehrte Rabbinen das Wort Gottes verkünden. Mer auch das schwindet; der Frieds der Gegend ist dahin, und ringsum! tobt die Fackel des Aufruhres. Zum letzten Male Hat sich das Judentum gegen seine Peiniger erhoben, Schlachtgetümwel schreckt den See von seiner Ruhe auf, und nächtlich spiegeln sich in seinen Wellen die Wachtfeuer der jüdtschen Heldenscharen. Aber auch das schrvindet. In seiner letzten Kraft ist Israel gebrochen worden, und ohnmächtig vergießen die schlichten Galiläer ihre Tränen an den Ufern des Genezarethsees, während des Titus wilde Scharen Jerusalem plündern und in den Tempel die Brandfackel schleudern. * Erschrocken fahre ich ans den TrauMün empör, und .vor mir liegt der Tiberiassee, wie er heute ist. Die Vergangenheit ivirtz von der Gegenwart verdrängt. Verlassen und wüst sind die Ufür des Sees, kahl die Berge, die ihn umschließen; spärlich sind die Schifferkähne, die den See befahren, spärlicher die Segelboote der Fremden, die ihn zu ihrer Lust umsegeln. Tiberias, die! große, stolze Stadt, ist ein verwahrlostes Beisammen enger, schmutziger Gasseit und unsauberer, elender Hausermengen. Keine schönen Paläste erheben sich dort, wo die kostbaren heißen Quellen fließen, imd sie, die einst Tausenden diü Gesundheit Wiedergaben, fließen heute unbenutzt in dün See oder dienen, in ekelerregenden Bassins gesammelt, elenden Aräberkrüppeln zjum Tummelplatz ihres! Ungeziefers. Wo früher herrliche LandhäüsSr die Landschaft schnttick- , ten, bilden heute Gräber die. einzige Sehenswürdigkeit: da zeigt Man Dir das Grab des Rabbi Jochanan .ben Sakkai und dort den Grabeshügel des Maimonides. Totenstille und Grabesruhe herrscht uM diesen lachenden, heiteren See. Und eine furchtbare Trauer -erfaßt Dich. . . Doch höre? Tönen nicht Laute dort aus der Ferne? Du täuschest Dich nicht; dort jm Süden, wo der Jordan bereits seine Wasser sammelt, um dem See Lebewohl zu sagen, dort vernimmt man Laute neuen Lebens; dort siehst'Du wieder den Pflug über den verwahrlostem Boden schreiten, dort eMickst Du kräftige Jünglinge Saaten ausstreuen, und das Markige „Schalom" des jüdischen Arbeiters, der Dich beim Näher« konrmen begrüßt, kündet Dir die Jubelnachricht, daß Judas Söhne sich wieder ihres alten Kleinods erinnert haben und dem jahrhundertelang harrenden Tiberiassee endlich die Erlösung zu neuem Leben bringen wollen. Und die Freude, die Dich darob durchzitterk, leiht Deiner Phantasie Riesenschwüngen, und ein neues Bild zaubert sie Dir vor. Die Zukunft' tritt an die Stelle der Gegenwart. Wieder blühen Felder und Weittöerge um diesen See; überall auf den Bergen siehst Du nur die silbergrauen, samtweichen Blätter des Oelbamnes. Geschäftige Schiffer bewiMmeln den See; flinke Segelboote und schöne Dampfschiffe bedecken seine Oberfläche. Wo Dir heute die Schnrutzhaufen der engen Gassen TiLerias entgegenstarren, führen breite, saubere Alleen, und auf dem Platze der elenden, morschen Häuser von jetzt erheben sich stolze, herrllche Villen und Paläste. Nicht mehr siehst Du das kostbare!, dampfende Wasser der Heilquellen unbeachtet in den See riefeln. In kostbaren Gefäßen sind sie gefaßt, und die schmutzigen Baracken haben prächtigen Badehäusern, weiten Kurgebäuden und luxuriösen Hotels Platz gemacht. Am grünen Westufür des Sees tlnmneln tagsüber ftöhliche Paare auf schnellen Rossen dahin, spielen frohe Jünglinge und lachende Mädchen Tennis miteinander, um dann, müde geworden, sich durch ein Bad im See wieder zu erquicken. Ein großes, modernes Weltbad ist hier erstanden, von überall kommen die Wohlhabenden aller Nationen hierher, und ein Goldstrüm sondergleichen ergießt sich ins Land. Dort aber, im äußersten Süden, auf jenem herrlichen Hügel, der sich in den See hinein vorffreckt, erhebt sich die moderne Villenkolonie jüdischer Patrizier, an deren Schaffung der unermüdliche Dr. Ru pp in bereits heute arbeitet. Ueberall herrschen Lebensfreude und Lebenslust, und nur Lachen und Gesang ertönen an den Ufern des blauen Tiberiassees, 8er, sich seiner Erlösung fteuend, doppelt fröhlich seine flinken Wellen miteinander spielen läßt. Schönes Zukunftsbild, und doch durchaus nicht so utopisch, wie es schön ist. Es sind starke Gründe, die für die Realisierung dieses Bildes sprechen, und soll nur erst einmM unser Palästina wiederbelebt sein, so soll die Welt das Wunder.erleben, wie rasch dieser heute so unbekannte, einsame Tiberiassee sich zu einem Mittelpunkt internationalen Badelebens aufschwingen wird. * Die Schönheit dieses Zukunftsbildes und die feste Ueberzeugung von seiner Realisation verdoppelten das Glücksgefühl, das mich während 8er wenigen Tage, die ich an den Ufern des Tiberiassees verleben durfte, ununterbrochen erfüllte. Und aus all den vielen schönen Erinnerungen, um die mich mein Aufenthalt in Palästina bereichert hat, erheben sich die Tage am Tiberiassee als eine der herrlichsten und stiMmungsreichtzen

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