Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 43 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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fit 41. Frankfurter JsraegtiftheS Familirnblatt. Leite 5. Töchter mehr die Gemütsart ihres sehr nachgiebigen. Vaters zeigten. Heinrich schrieb: „Geliebte Eltern! Wohl und munter bin ich hier ivieder eingetroffen und hoffe, daß auch Ihr bei bester Gesundheit seid. Im Geschäft geht es so außerordentlich flott, wie ich noch keine Saison erlebt habe; man kommt keine Sekunde zur Besinnung. Am Sabbat- Ausgang warten schon die Käufer vor den Türen, bis der Laden wieder geöffnet wird. Unser Mittagbrot essen wir gewöhnlich erst um neun Uhr abends, und das Nachtniahl gibt uns die Prinzipalin am andern Tag zum Frühstück." (Fortsetzung in der Beilage.) J. Wi Albert, Optik FJ]ts » n. Plncenez Doublö Mi. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Ecke Nene Mainzerstrasse. Der Schnorrer. Es ist ein häßliches Wort, der Schnorrer, und unwillkürlich hat Man dabei auch die Vorstellung von etwas Häßlichem. Aber unser Held, — auch ein Schnorrer kann ein Held sein —. bildet eine Ausnahme. Eine Ausnahme schon deshalb, weil Rebbe Chazkel, so hieß er, trotz seines Metiers ein, — ich möchte fast sagen: gern gesehener Gast war. Eine traurige, spezifisch jüdische Vergangenheit hatte ihn fast gewaltsam in seinen Beruf gestoßen. Früh doppelt verwaist, heiratete er als Jeschiwobachur mit „Sch'mone Esro" (18 Jahren), wie der Dinn es erheischt, und lebte so in seinem Geburtsort, tief in Rußland, anderthalb Jahrzchnte in Ruhe und Frieden. Seinen kärglichen Lebensunterhalt verdiente er sich als Mclammed (Lehrer). Uber „Blitze aus heiteren Himmeln" sind wir Juden gewöhnt. — In einer finsteren, stürmischen Nacht brannten in dem kleinen Städtchen die Häuser der Meisten Juden nieder und als erstes das des Rebbe Chazkel. Es Mußte gut „gearbeitet" worden sein, denn das Haus war in wenigen Augenblicken in ein Meer von Feuer getaucht, und das nwrsche Gebälk stürzte unter lautem- Machen zusammen, alles unter sich begrabend — Mann, Frau und vier Kinder. Warum konnte niemand von der Familie ins Freie gelangen? — Nie wurde diese Frage beantwortet. — '3er kommende Tag beleuchtete mit seinem fahlen, frostigen Zwitterlicht traurige Szenen jüdischen Golusleidens. In das Weinen und Klagen um die verlorene Habe mischte sich jetzt noch Stöhncir und Schluchzen uM die arme Melammedfamilie, die einzigen, die bei dem Brande auch ihr Leben verloren Hatten. Vor den Trümmern des Chazkel'scheir Hauses standen einige junge Leute, ballten in ohnmächtiger Wut die Fäuste und' murmelten unterdrückte Flüche und Verwünschungen gegen den „Porez". Er hatte ja gedroht, er werde „die Juden verbrennen", und so war es gekommen. Wer aber würde es wagen, solchen Verdacht laut zu äußern? ... So standen die Bachurim da, mit zusammcngezogenen Brauen, sprachen aufgeregt, — und es fiel ihnen schwer, an die ihnest zugewiefene Arbeit zu schreiten: die Toten zutage zu fördern. 'Da . . was war das? . . echood" . . deutlich hörten die BachuriM das bekannte Wort aus dem jüdischen Glaubensbekenntnis. Wie ein tiefes Stöhnen der blutgetränkten Erde drang es langgezogen von unten herauf. Die jungen Leute schauten sich an und verfärbten sich. Weinte die Erde über das unschuldig vergossene Blut? ...... dibarnu daufee" . . . das war aus der „Widduj". Plötzlich begriffen die BachuriM. Mit dem Ruf: „Rebbe Chazkel lebt!" warfen sie sich auf die noch rauchenden Trüutmer, und die Hände, die sonst so zart die „GeMoro" blätterten, zerrten mit fast übermenschlicher Kraft die verkohlten Balken und Bretter von der Stätte des Unglücks. Eine und eine halbe Stunde war vergangen, als die Bachurim fünf Leichen und einen lebenden Menschen aus den Trümmern herauszogen. Fünf Leichen: die Frau des Rebbe Chazkel und ihre vier Kinder, verbrannt und verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit. Aber, an Rebbe Chazkel hatte Gott ein Wunder getan. Mitten in den Trümmern, eingeklemmt zwischen Balken, lag er da, nicht fähig, sich zu rühren, die linke Hand verbrannt, aber sonst merkwürdig unversehrt. Als er seine Frau und die Kinder tot daliegen sah, brach er in ein krampfhaftes Schluchzen aus. . . Verbunden und gestärkt) Murmelte er leise Gebete, sonst kam zwei Tage kein Wort über seine blichen Lippen. Dann Normal School Bovano I Weserstr. 7. Tel. 12428.1 Privat-Zirkeland Klassenanterricht. I Besondere Zirkel fflr Damen besserer Kreise. ■ Oeffentl, Probeatnnden Mittwochs an 11.5,7 n. 9 Uhr. W nahm er einen Stab und wunderte hinaus, — wohin? Nach „Aschkenas! . . . * — — — Lange Zeit zog Chaskel schon in „Aschkenas" herum, von Dorf zu Dorf, von-, Stadt zu Stadt. Ueberall, wohin er kam, kamtte man ihn, gab ihm Nachtlager, Essen und Trinken und schließlich noch einige Zehrpfennige. Er war klein und breitschulttig, ein langer grauer Bart umrahmte sein Antlitz und verlieh demselben ein greisen- und zugleich zwergenhaftes Aussehen. Tiestraurig schauten ztvei dunkle Augen unter den Luschigen Brauen hervor. Seine Kleidung war schäbig und abgettagen, aber weder zerrissen noch schmutzig. Auf dem Rücken trug er ein kleines Ranzel, und seine ihm übrig gebliebene xechte Hand hielt einen groben Stock. Er sprach wenig, über sich selbst fast gar nichts. * Etwa 30 Jahre nach dem Brande, bei dem Rebbe Chazkel seine Familie verlor, kurz vor Rosch-Haschonoh, wunderte er durch ein Dorf, in dem keine Juden wohnten. Es war regnerisch, kalt, Straßen und Wege schmutzig und durchweicht. Ein Weg von gut drei Stunden ttennte ihn V0M Städtchen K. ., wo seine Glaubensgenossen wohnten. Obwohl der Albend sich schon auf die trübe Landschaft herabsenkte und Chazkel müde und durchnäßt war, schrttt er doch rüstig aus, um K. noch zu erreichen. Zwei Stunden mochte Chazkel mit einer kurzen Unterbrechung zur Verrichtung des „Maariw"-Gebetes gegangen sein, als er plötzlich merkte, daß er auf einen falschen Weg geraten sem mußte. Er wollte den richttgen Weg auffuchen, aber zuvor ein wenig ausruhen, denn seme Müden Beine versagten den 'Dienst. Dicht bei einer Eiche stand der Stumpf eines abgehauenen Baumes; auf diesen setzte er »sich und benutzte die Eiche als Lehne. Nur ausrühen wollte er, aber schwer senken sich seine Lider herab, und bald war er fest eingeschlafen. Wohl fünf bis sechs Stunden schlief er in dieser Lage, dann fuhr er plötzlich auf. Er schaute wirr um sich. 'Der Frost schüttelte ihn, und — vollständig durchnäßt —, klebten ihm die Kleider am Leibe. Sein Kopf brannte wie höllisches Feuer. Er erhob sich und taumelte, noch halb bewußtlos. Jetzt hörte er auch undeutlich das Geräusch, das ihn geweckt hatte: ein knarrender Wagen, der in der Nähe durch den Wald fuhr. Er wanke zwischen den Bäumen immer dem Geräusch nach. Von Zeit zu Zeit blick er einen Moment stehen, dann taumelte er weüer. Fast hatte er den Wagen schon erreicht, da brach er zusammen, entkräftet und erschöpft. Er glaubte, das sei sein Tod, und wie ein sterbender röchelte er: „Sch'Ma Jisroel . ." Der Wagenführer stutzte-hatte er richtig gehört? „. . . Echood".!Deuüich klang es jetzt zu ihm herüber. Bei jedem anderen Anruf wäre er aus Furcht vor einem Uckerfall im Galopp weitergefähren, jetzt aber hielt er sofort an. Es war der Parnes von K., der, von der Residenz kommend, die Nacht durchftchr, um in seiner Kehillv Slichos sagen zu können. Er stieg vom Wagen, nahm die Laterne und fand Chazkel Mitten auf dem Wege liegen. Die Situaüon war ihm sofort klar. Er lud Chazkel auf seinen Wagen, hüllte ihn in warme Decken und fuhr weiter. Im Herzen dankte er Gott, daß es chm vergönnt war, so kurz vor Rosch Haschonoh em Menschenleben zu retten. Zu Hause angelangt, wurde Chazkel, der das Bewußtsein verloren hatte, seiner nassen Kleider entlckigt und Mit frischer Wäsche angetan. Da im Hause des Parnes ^wegen der Slichos alles schon auf den Beinen war, ward das Fremdenzimmer schnell hergerichtet und eingehetzt und Chazkel, iMmer noch bewußtlos, zu Bett Cafe u. Conditorei Minerva Inhaber: HUGO FETT Nene Hainzerstrasse 18 vis-ä-vis dem Fanst-Bestanrant Familien-Cafe und Conditorei — Neu eröffnet! — gebracht. Bald war der Arzt zur Stelle, rick ihm Stirn und Schläfen mit Kognak ein, worauf er die Augen auffchlug. Nachdem er daranchin mit Speise und Trank gestärkt war, verfiel er in einen langen, aber unregelmäßigen Schlaf. Er fieberte stark.- Zwei Wochen schwebte Chazkel zwischen Tod und Lcken. 'Mer seine zähe Natur siegte, und er genas. Am Erew-Jomkippur war er so wett hergestellt, daß er ausstehen und „Kapores schlagen" konnte. Er war aber furchtbar geschwächt, und der Arzt verbot ihm, zu fasten, da Gefahr vorhanden sei. „Ois die Elter wären a Goi? Nein!" antwortete er bestimmt und fastete doch. Jomkippur morgens wurde Chazkel so schwach, daß er bei „Waanachnu K'mlrim" nicht mehr die Kraft besaß, allein autzustehen, und man ihn aufheben mußte. Der anwesende jüdische Arzt gab seiner ernsten Besorgnis Ausdruck, aber trotz Lckensgesahr aß Chazkel nichts. Den ganzen Tag betete er inbrünstig und ging aus der „Schul" nicht heraus. -Der Mend nahte, und man begann mit dem ernsten Gebete „Neilo". Chazkel schluchzte, in seinen Tallis vergraben. Das „Widduj" betete er laut und' schlug sich hörbar wider die Brust. Kaum hatte er das letzte Wort dieses Sündenbekchrntnisses mft röchelnder Stimme, hervorgebracht, da stürzte er zu Boden — Man trug einen Toten hinaus . . . * Drei Tage später blätterte der ParNes in den wenigen Papieren, die er im Räitzel dck Rebbe Chazkel vorgefunden hatte. Verwandte hatte er in der ganzen Welt kerne. — Eine kurze Beschreibung seines ttaurigen Lebens hinterließ er; die letzten Worte darin waren: „Ich, Chazkel ben Jochanan, a Golusjid". « Robert Gerlaoli Frankfurt am Main, Mainzerlandstrasse 166- Telephon-Amt I, 5875. ■ - Konstu. Banschlosserei, Eisen-Konstruktionen, Schaufenster-Anlagen, Werkstatt färkuns tgewerblicheMetallarheiten in Eisen, Bronce, Messing, Reparatur arbeiten. Bunte Chronik. Eine Theateraffäre in Budapest. Die Direktion des Budapcster Lustspieltheaters hat als Novität für diese .«pielsaison das ^französische Lustspiel „Le luiuteme“ von Noziere und Savoir erworben. Die Inszenierung war bereits besorgt, die Rotten verteilt, und dieser Tage hat auch die erste große Leseprobe stattgcfundcn. Hier mm soll es sich herausgestellt haben, daß dieses Stück, in welchem die Judentaufen mit echtem Pariser Humor gegeißelt werden, die Gefühle einer großen Zahl der Besucher des Budapester Lustspieltheaters verletzten könnte. Diese Ueberzcugnng, oder deutlicher gesagt, die Rücksicht auf die vielen in hoher sozialer Stellung besindlichcn getauften Juden von Budapest, die auch za den Protektoren des Lnstspieltheaters gehören, vercknlaßteu die Direktion, selbst ans die Gefahr materiellen Schadens hin, von der Ausführung dieses Stückes abzusehen. In Budapest kann man also die ^udentaufe nicht ungestraft glossieren. Kunst und Literatur. Derd e Zionistisch S tude nte nj aar b oe k, 176 Seiten, 1913. Arnhem, Boekcn Brochurenhandel van den Nederlandschen Zionistenbond. In geschmackvollem Gewände stellt sich dieses Buch vor, das dem idealen jüdischen Streben der Ziomsten Hollands alle Ehre macht. Ütalser Friedrich Quelle - Offenbach a. X. —— Segen Sieht and Bheimatlsmna bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Frladrlah Stahl» Frankfurt a. Ä., Günthersburg-Allee 37. TeL259n.714. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 1. November t= 1 Cheschwan.) Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 30 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M 5 Uhr 45 Min. in Berlin 5 Uhr 22 Min. Wochenabschnitt: R o ach. — Noach baute eine sogenannte „Arche", ein kastenartiges Schiss von gewaltigen Dimensionen, dreistöckig, in viele Kammern eingeteilt, um auch verschiedene Tiere zur Rettung aufnehmen zu können. 120 Jahre wartete Gott vergebens auf der Menschen Besserung. Alsdann kam die .alles verschlingende Flut, ein halbes Jahr steigend, ebenso lang fallend. Noach schickt Wöget aus, den Wasserstand zu erkunden. Die Arche bleibt schließlich auf dem Berge Ärrarat stehen. Gott schließt einen Bund mit Noach und dem ganzen Menschengeschlecht. Nie mehr soll eine Wasserflut den Gang der Natur stören. Der Regenbogen wird Zeichen des Bundes. Verbot des Mordes und Selbstmordes. (Daß Gott den Selbstmörder — also nach seinem Tode — strafen will, ist der biblische Beweis für die