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Neue jüdische Presse · 1913-10-27 · Heft 42 (27.10.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 42 (27.10.1913)
Date
1913-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bon Deutschland, dem Land unserer Mrksten Gegenwartsinteressen, wenden wir uns der Türkei und Palästina zu, dem Land unserer heiligsten Zukunstshofsnungen. Das Leben der Judenheit der Türkei stand das letzte Jahr unter dem Zeichen des Balkankrieges. Nunmehr, da er vorüoer ist, werden die jüdischen Gemeinden der Türkei an die Neuordnung ihrer Verhältnisse und die Ausbesserung der ihnen durch den Krieg zugefügten Schäden schreiten. Und alle Zeichen sprechen dafür, daß die künftige Entwicklung der türkischen Judenheit unter dem Zeichen der nationalen Idee stehen wird. Der ganze Balkankrieg war ja in gewisser Hinsicht ein Werk der Nationalitätsidee- und die! Niederlagen der Türkei waren zum guten Teil eine Folge ihres Versuches, sich in ihrer inneren Politik über diese Idee hinwegzusetzen. Ebenso wie die Türkei jetzt wohl zur Einsicht gelangt ist, daß ihr Heil nur in einer Politik bestehen kann, die den einzelnen Nationalitäten kulturelle und nationale Autonomie gemährt, so wird auch die türkische Judenheit in Zukunft sich energischer und klarer auf den Boden des jüdisch-nationalen Gedankens stellen, als sie es bisher getan hat. Ziemlich unberührt von den Wirren des Krieges blieb Palästina, und das dort nün erblühende jüdisch« Leben konnte sich ungestört weiterentwickeln. Das letzte Jahr hat in die Palästinaarbeit ein schnelleres Tempo hineingetragen, und es sind, nachdem in den vorangegangeuen Jahren sehr geringer Zuwachs an Boden zu verzeichnen war, im letzten Jahre einige größere Erwerbungen gemacht worden. Die Kolonien entwickeln sich zufriedenstellend, und ihre materielle Lage wird zusehends. besser. Das geistig-kulturelle Leben schreitet in noch schnellerem Tempo voran. Das hebräische Gymnasium in Jaffa hat sein« ersten Abiturienten hinausgeschickt, und schon habein alle europäischen Universitäten ihre Zeugnisse anerkannt. Auch das Gymnasium in Jerusalem ist in seiner Existenz gesichert, nachdem sein Baufonds von 100,000 Frs. in Galizien aufgesämMelt ist, und nachdem — besonders aus Südafrika — reichliche Spenden eingegängen sind. Einige neue Schulen sind-gegründet worden, und die Eröffnung des Technikums steht bevor. So erfreulich aber auch. die Resultate dös bisher Geleisteten sind, so klein ist es, daß d'er Maßstab der Arbeit in Palästina» für die Zukunft noch viel größer werden muß. Bei ddr immer stärker erfolgenden Konzentration der zionistischen Kräfte auf die Palästinaarbeit, bei dem überall steigenden Interesse fiir Palästina ist in dieser Hinsicht für däs kommende Jahr das Beste zu.hoffen. _ Eine Miner steigende Bedeutung für die jüd. Entwicklung Palästinas gewinnt die arabische Frage, und gerade im letzten Jahre ist sie zu einem zentralen Problem der Kolonisation geworden. Die Araber haben bekanntlich auf ihrem.Pariser Kongreß die Autonomie von der Regierung gefordert, und diese, deren Schwerpunkt jetzt nach deM Balkankrieg Mehr denn je in-ihren asiatischen Besitzungen ruht, hat die arabische Forderung erfüllt. Daraus ist dann in jüdischen Kreisen außerhalb Palästinas manche Besorgnis entstanden. In Wahrheit weiß aber jeder, där die -Verhältnisse Palästinas kennt, daß es keinerlei „arabische Gefahr" gibt. Es liegt keinerlei vernünftiger und natürlicher Grund.für eine feindselige oder auch nur gegnerische Haltung der Araber vor. Wie Palästina heute ist, bietet es reichlich Platz für Araber und Juden, und die arabische Bevölkerung hat bisher von der jüd. Kolonisation nur profitiert und wird auch in Zukunft den größten Nutzen aus ihr ziehen. Tatsächlich haben die führenden Persönlichkeiten des Pariser Kongresses ihrer Sympathie und Freundschaft für die Juden und Zionisten Ausdruck gegeben, und lediglich einige enge christliche Araberkreise, Zöglinge der Jesuiten und ohne Einfluß auf die arabischen mohammedanischen Massen, die sie hassen, sind es, die die antizionistische Strömung leiten und nähren. Wird.man also von zionistischer Seite der arabischen Frage die nötig« Beachtung schenken — was bis heute nicht in genügmdem Maße erfolgt ist —, wird man es verstehen, eine vernünftige Politik den Arabern " gegenüber zu fiihren, so kann die arabische Frage keinerlei Gefahr enthalten und wird der jüd. Kolonisation im Lande keinerlei Schwierigkeiten bereiten. * Die verschiedenen Länder, in denen nennenswerte Teile .des jüdischen Volkes leben, haben wir Revue passieren lassen, und wir dürfen nunmehr die am Beginne unserer Uebersicht gestellte Frage beantworten, was das letzte Jahr im Leben des jüdischen Volkes bedeutet hat. Das vergangene Jahr bildet in der Reihe des letzten Jahrzehntes kein außergewöhnliches Glied. Es hat die Tendenz der letzten Jahre fortgesetzt und weiterentwickelt, und. diese Tendenz ist zweifellos eine aufwärtsführende. Die große Regenerationsbewegung, die der nationale Gedanke verursacht hat, schreitet voran und gewinnt stetig an Wirkungskraft. Mo das innere jüdische Löben die Möglichkeit freier Entfaltung hat, entwickelt es sich in positivem Sinne. Mit Ausnahme RuUands bietet däs jüdische Löben aller Länder mehr Lichtals Schattenseiten. Und die Ursachen der ungünstigen inneren Zustände innerhalb des russischen Judentums sind in erster Reihe äußerer Natur; sie sind .in den Wirkungen der Revolution und in dör Politik der Regierung zu sehen. Aber je stolzer sich das jüd. Bewußtsein entwickelt, je mehr die wahre Einsicht in die Lage des Judentums wächst, je größer das Interesse für all« jüdische Fragen wird, umso stärker wird auch die Unzufriedenheit mit unserer Lage. In dem Mäße, als wir bessere Inden werden, wird auch unsere 'Sehnsucht nach einem.gesunden, durch nichts gehemmten jüdischen Leben mächtiger und tiefer. So paradox es klingt: I« besser unser Innenleben im Goluth wird, ums» stärker wird unsere Negierung des Goluth. Denn dies ist klar — und dies hat auch das letzte Jahr bestätigt —: die natürlichen Ursachen des Verfalls lassen sich in der Diaspora nicht beseitigen. Die Tatsache, daß der Fortschritt der Assimilation in den letzten Jahren gehemmt worden ist, ist nur dank der nationalen Bewegung zu erklären, und diese ist Aas Resultat einer »intensiven Anspannung aller jüdischen.Lebenskräfte, einer stetigen Krastleistung, die als «ine Krastanstrengung zur Aenderung dör Lag« Möglich,; als konstanter Zustand aber unmöglich ist. Nur die Hoffnung auf die .Möglichkeit einer Befreiung unseres Volkes aus seiner, anormalen Lage ist es, die dem jüd. Löben noch Kraft und Blut verleiht. - Dies« Hoffnung in den weitesten Kreisen des Volkes wachzjurufen und das Streben, sie zu realisieren, ist und bleibt die zentrale Aufgabe des jüd. Lebens der Gegenwart. Das letzte Jahr hat wiederum bewiesen, daß diese Hoffnung nicht Utopie ist; die stetige Entwicklung des neujüdischen LÄäns in Palästina zeitigt Früchte, die auch die Skeptischen zu Hoffenden Wandelt. Und so können wir, belebt von dieser Hoffnung, ruhig und kraftvoll ins neue Jahr treten und die neue Arbeit beginnen, denn wir wissen: die Stunde unserer Erlösung wird kommen. Der Bcilis-Prozetz. Die Borgeschichte. Am '2. April n. St. 1911, kurz vor dem Pesach-Feste, wurde in einer Höhl« außerhalb Kiews die Leiche des 12 jährigen Schülers einer geistlichen Schule Andreas Jnstschinski ausgesunden. Jnstschinski war der uneheliche Sohn der Frau Alexandra Prichodko und Tschirkows. Auf der Leiche wurden 47 Stichwunden entdeckt. Ermordet wurde Jnstschinski, wie sich aus den Zeugnissen der Experten herausstellt, schon am 25. März. Während der Beerdigung des unglücklichen Knaben wurden von den „Schwarzen Hundert" Proklamationen folgenden Inhalts verbreitet: „Rechtgläubige Christen! Den Knaben Jnstschinski haben die Juden zu Tode gemartert. Daher schlaget die Juden, treibt sie, verzeiht ihnen nicht das vergossene Blut eines Christenkinds!" So wurde denn die Kunde vom „Ritnalmord" schon damals verbreitet, als von dem Charakter des Verbrechens, von den Tätern usw. noch garnichts bekannt war. Darauf schloß sich die Agitation der „Schwarzen Hundert" und der antisemitischen Presse an. .Im Mai 1911 brachten die Rechten in der dritten Duma eine Interpellation über den Ritualmord ein, die zu Pogromreden ausgenützt wurde. Die Duma übergab die Interpellation einer Kommission, die sie ablehnte. Die Agitation wurde fortgesetzt. In Kiew befürchtete man einen Pogrom, der aber nicht zngelassen wurde. Bald darauf wurde eine ganze Rotte Verbrecher mit Wera Tscheberjak an der Spitze verhaftet. Nach der einen Meinung soll die Rotte Jnstschinski ermordet haben, da sie fürchtete, er werde ihre Verbrechen verraten, nach der anderen wollte sie einen Pogrom Hervorrufen. Als dies bekannt wurde, brachten die Rechten in der Duma eine zweite Interpellation über die Tätigkeit der Kiewer Polizei ein, die „die Wahrheit bewußt verberge". Wiederum kamen Pogromredcn. Die Interpellation wurde wieder einer Kommission übergeben, die sie diesmal annahm. Aber nochmals zur Verhandlung in der dritten Duma kam die Frage nicht. Die Regierung zeigte großes Interesse für die 'Sache. Die Untersuchungsrichter, die die Verbrecherbande verhaftet hatten, wurden vom! Dienstentlasscn. August 1911 wurde Mendel Beilis, der in der Fabrik Saizews diente, auf Anweisung der „Schwarzen Hundert" verhaftet. Doch der Journalist Brasul-Bruschkowski, der die Mordtat selbständig untersucht hatte, bezeichnte Tscheberjak und Genossen als Täter. Viele derselben gestanden einiges, dann aber wurden chre Aussagen unklar, und man verstand es, den Verdacht, der auf sie siel, abzulenken. Der Anklageakt spricht von den Untersuchungen Brasul» Bruschkowskis, sucht sie aber als nichtig darzustellen. Beilis blieb also der Angeklagte. Der Anklageakt stützt sich auf die Meinungen verschiedener Experten: Drei Professoren der Gerichtsmedizin, Obolonski, Tusanow und Kossorotow, sind der Meinung, daß die Mörder die Absicht hatten, den Knaben zu quälen nnd möglichst viel Blut zu bekommen. Der Psychiater Sikorski meint, der Mord sei ein Rittmlmord, und der katholische Pfarrer Pranaitis sagt, daß der Ritualmord wohl existiere und beruft sich hauptsächlich auf das Werk des Mönchen Neofit, wie er sagt, eines ehemaligen Rabbiners. Die Theologen Glagoljew und Troizki verneinen dagegen die Existenz des Ritualmords. Die Anklage stützt sich ferner auf die Aussagen einiger Zeugen, Beilis habe Jnstschinski fortgeschleppt, und schließlich auf die Aussage eines ehemaligen Arrestanten, Beilis Habe ihm im Gefängnis von der Notwendigkeit der Vergiftung zweier Zeugen geredet. Der Anklagcaktschließt: ,^8eilis wird angeklagt, er habe ini Vereine mit anderen nicht aufgesundenen Personen mit vorherüberlegter Absicht aus Motiven religiösen Fanatismus für Kultuszweckr Andreas Jnstschinski verlockt, ermordet usw." Die Anklage enthält ausdrücklich die Behauptung, der Mord sei ein Ritnalmord. Darin, daß das Reichsgericht offen vom Ritualmord spricht, besteht der Unterschied zwi-

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