Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 40 (10.10.1913)
- Date
- 1913-10-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692819-2692859--07958-2703071- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Homer 1× ep/1025156
OCR text
1 Erscheint wöchenlkich am Freitag. Semgspreis pro Nirrtrijahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— frei inS Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins HauS 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband sür Deutschland und Oesterreich. Ungarn Mk. 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. Redaktion nnd GXpedition: Franftfurt a. M r: Langest»«. 7. . Fernsprecher Amt I. 10507. alg Jnscrtionsprris für die sünfgespaltene Pelitzeile 25 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate. Heirats-Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petikzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in a.Annoncen-Bureaus. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. 11. Jahrgang. Freitag, de» 9. Tischri 5674 (10. Oktober 1913) «r. 40 Die Versöhnung im Judentum. (.3mit Versöhnungstage.) „Tiefste Ehrfurcht erfaßt mich jedesmal, wenn ich Im den Versöhnungstag denke.", sagte ein großer jüd.. feeiifer; „welch eine Welt von erhabensten Gcdan- Jfcu bringt dieser eine Tag zum Ausdruck." Und sin der Tat, keinen zweiten Feiertag gibt es im iZudentum, keinen Feiertag auch in allen übrigen Mtigionen, der. eine solche'Fülle von tiefen Ideen Jirr sich verkörperte wie unser „Jaum hakippnrim". lAll die.Weltanschauung des Judentums ist in ihm lauf ihre letzte Formel gebracht, die Quintessenz der »ganzen . unendlich reichen Gedankenwelt des süd. Mistes stellt: der Versöhnungstag in seiner Grundlidce dar. Welches ist die Grundidee des „Jaun Kipur"? |?ic Versö hnung, die Rückkehr, die „Tschu- Iiroh". In dieser Idee erhält die ethische Konzep- Itivn des Judentums ihren erhabensten Ausdruck. ISich reinigen von seinen Sünden, heißt sich versöhnen, und Buße 'tun wird gleichbedeutend mit Iciitcr Rückkehr. Rückkehr — zu weM? Versöhnen — Imit wem? Run, in erster Reihe mit der Gottheit, Im letzter und entscheidender Hinsicht aber mit sich »selbst, mit seinem eigenen Ich. Somit wird im »Judentum der ethisch vollkommene Zustand des »Menschen als ein Zustand der Versöhnung aufge- Ifaßt, als ein Zustand des Friedens, der Gcschlossen- Isti't, der Harmonie. Hier haben wir das entscheillcnde Wort für die ethische Grundauffassung des I Judentums wie auch für die Grundidee des Ver- Isöhnungstages. Die Harmonie ist das ethische I höchstziel jedes einzelnen; ethisch vollwertig be- Idcutet innerlich harmonisch sein; und der Begriff Ittr Persönlichkett als des in sich geschlossenen, har-! »ionischen.Menschen wird so zum ethischen Ideal jdcs Judentums. Wird aber damit nicht in die jüdische Ethik lein fremder Zug hineingetragen? Ist nicht Harsmonie eine Idee, genommen aus dem Reiche des Schönen? Ist nicht die Persönlichkeit eher ein I ästhetisches Ideal denn ein ethisches? Die so fragen »werden, verkennen eben das Judentum. Sie bewerten cs mit jenem engen, doktrinären Maßstabe, der sich seit Jahrzehnten nun schon bei uns eingebürgert und ..schier die Geltung eines Gemeinplatzes^ sich errungen hat. Das Judentum, so I wird erklärt, sei der Typus der einseitig ethischen Weltkonzeption. Es kenne .nur das Reich des Guten, i die Welt des Schönen jedoch bleibe ihm stets ver-! schlossen. Wie falsch und engherzig doch dieses Dogma ist! Auch das Judentum ist ästhetisch, auch seine Weltanschauung ist eine künstlerische, und wer dürste sagen, daß Homer ein Künstler sei, Jesaias aber nicht? Nur ist die Aesthetik des Judentums ethisch geadelt, nur ist das Reich des Schönen im Judentum gekrönt von der Glorie des Guten, nur ist die Kunst Jesaias' geheiligt von der Weihe der Prophetie. Eine Weltanschauung, deren höchster Begriff der der Versöhnung ist, deren erhabenstes Ideal dieHarmonie ist, kann gar nicht anders als auch ästhetisch sein, ästhetisch in jenem tiefen Sinne dieses Wortes, wonach das Ästhetische das unzertrennliche Element: alles wahrhaft Großen ist. Aber heißt.denn seit jeher nicht das Griechentum .die typisch ästhetische! Weltanschauung und stellt.nicht dieses überall den polaren Gegensatz zum Judentum dar? Ist nicht die Harmonie das spezifisch griechische Ideal? Gewiß, auch dies i>t wahr Aber es ruht ein tiefer Unterschied Mischen der ästhetischen Weltkonzeption der Hellenen und derjenigen der Juden. Der jüdische Harmoniebegriff ist ein ganz anderer als der griechische. Für das Griechentum war die Welt ein schöner blühender Garten, darin der freie, wahrhafte Mensch lustwandelt, das Leben war ihm ein holdes Spiel, die Göttin seines Daseins war die Grazie, und das Lächeln war die höchste seiner Taten. Die Anschauung, daß eine große Schicht von Sklaven, minderwertigen Menschen, schwer arbeiten nmß, um der kleinen Schar der „Freien" das ungehemnlte Genießen des Schönen zu ermöglichen, war dem Griechentum die Grundlage seiner Weltauffassung, nnd kein griechischer Denker, selbst wo er sich zur sittlichen Höhe eines Platon aufschwingt, hat .gegen diese Auffassung Protest eingelegt. Und so erscheint die Harmonie des Griechen als die Harmonie des Menschen, der vor den Widerwärtigkeiten des Daseins seine Augen schließt, der nicht das Häßliche im Leben kennen will, es ist die Harmonie des Kindes, des Jünglings, die Harmonie des Naiven. „Die Schönheit der Griechen" — sagte einmal der große, tiefe Hebbel — „ist die Traumschönheit, die von den Dissonanzen dieses Lebens nichts wissen Möchte." Ganz verschieden davon ist dör HärMoniebegriff des Juden. Er kennt die Dissonanzen dieses Lebens, er will sie kennen; ihm ist es ein ethischer Imperativ, Jmrch die Widerwärtigkeiten des Daseins hindurchzuschreiten und den Kampf mit ihnen aufzunchmen: ihm ist der „Fazer Hora" ein unentbehrliches Element der Welt, denn der Jude ist Ethiken Und weiß darum, daß Ethik yur dort existiert, wo es Kampf gibt, daß Widerstände, Hemmungen, Verlockungen und Widerwärtigkeiten — kurz gesagt — daß die Dissonanz die Voraussetzung des Ethischen ist. In diesem tiefen Sinne hat es für Len Griechen eigentlich gar keine Ethik gegeben. Der Grieche konnte nicht sündhaft sein, wahrhaft ethisch konnte er nicht sein, wie es das Kind nicht sein kann; denn das Naive steht noch diesseits von Gut .und Döse, und wo das Naive aufhört, da hat das Ethische noch gar nicht begonnen. Dent Griechen ist die Harmonie die Meidung der Dissonanzen, dem Juden bedeutet sie die Ueberwindung der Dissonanzen, dem Griechen ist sie das Ergebnis des ^vieles, dem Juden das harte Resultat des Kampfes, die Harmonie düs Griechen gleicht dem holden, von den Niederungen dxs Lebens noch nicht berührten Kinde, die Harmonie des Juden aber gleicht dem reifen, erwachsenen Manne, in dessen Antlitz Du die Spuren seiner Leiden und seiner Kämpfe wahrnimmst. Der Grieche kennt keine Versöhnung, weil er keine. Entzweiung kennt. Er weiß nichts von der Rückkehr, weil ihm die Abkehr fremd ist. Dem Juden aber ist die Versöhnung das höchste seiner Ideale und die Rückkehr das wichtigste seiner Postulate. In dieser Differenz, in dieser Gegensätzlichkeit ruht auch das Uebergewicht des Judentums über das Griechentum. Das Griechentum war dazu bestimmt, einmal zu sein und dann für immer zu verschwinden. Wie ein Mensch sich sein ganzes Leben lang nach den schönem, unschuldigen Tagen seiner Kindheit zurückschnt, ohne sie je wiederkehren lassen zu können, so söhnen wir uns manchmal nach jenen herrlichem Zetten, wo Philosophen auf den Märkten disputierten, und wo Ewigkeitsfragen bei Gastmählörn besprochen wurden. Verwirklichen, herbeiführen können wir solche Zeiten nicht.Mehr, Pürsten wir auch gar nicht. Denn je weiter die Menschheit konrmt, umso männlicher muß sie werden, umso mehr muß sic den Kampf gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens wagen und aufnehmen. tlnd darum gibt' es für dtö Menschhett nur ein Ideal: das jüdische Ideal der Versöhnung und die jüdische Idee der Harmonie. Je vielgestaltiger das Leben wird, je differenzierter und mannigfalttger seine Teilgebiete werden, je größer die Gegensätze und je schriller die Dissonanzen sind, umso höher steigt das jüdische Ideal, umso dringender, notwendiger wird der jüd. Harmoniebegriff. Und wann hat es eine Zeit gegeben, die dieses Harmoniebegriffes dringender bedurft hätte als die unsere; als die unsere Zeit, deren tiefste Eigenart es ist, daß sie Mehr Kulturwerte hat als alle anderen vorangegangönen Perioden, und dennoch weniger als sie, weil sie diese Mannigfaltigen Werte nicht zu einigen und zu binden versteht? Wir Haben unendlich vieles, und dennoch fehlt uns das eine Ganze. Und so wird Pas jüdische Ideal der Versöhnung gerade in unseren Tagen schrillster Dissonanzen und heftigster Gegensätze zu dem höchsten, zeitgemäßesten Ideal. Will Pie Welt nicht einem Chaos der Kultur entgegengehen, will . sie nicht in eine Barbarei der überentwickelten Zivilisation verfallen, so nmß sie beginnen, unser Areal zu verwirklichen. Sie muß den jüdischsten aller Gedanken sich zu eigen machen, daß der Mensch ohne Kämpfe ein ethisch wertloses Wesen, der Mensch in den Kämpfen ein unvollkommenes, unfertiges Wesen ist, und erst dör Mensch nach den Kämpfen, der sich zn der Versöhnung und der Harmonie durchgerungen hat, wahrhaft Mensch genannt Kr werden verdient. -na. —n. Das Jahr 5673. . ii Seitdem vor etwa 100 JahrM die Emanzipation der westeuropäischen Judenheit begonnen und damit ihr innerer Niedergang und Auflösungsprozeß eingesetzt hat, gab es für den Betrachter per inneren jüdischen Lage stets einen Trost: er konnte noch auf das osteuropäische Judentum verweisen, in dem ein kräftiges Innenleben pulsierte, konnte vor allem an der Betrachtung dör inneren Lage der russischen Judenheit mit ihren starken geistigen Strömungen, mit ihren ttterarischün Schöpfungen, mit ihrer unversiegbaren Liebe zu ihrem Volkstum sich wieder aufrichten und trösten. Dieser einzige Trost, der uns noch geblieben war, beginnt in den letzten Jahren immer mehr und mehr zu schwinden. Ja, das Verhältnis scheint sogar gerade Pas untj? gekehrte zu werden: während innerhalb der westeuropäischen Judenhett der jüdische Gedanke eme , neue Aufwärtsbewegung erzeugt hat, beginnt sich in Rußland eine deutliche Niedergangstendenz bemerkbar zu machen, die, je Wetter, immer größere und erschreckendere Formen annimmt. Der Wendepunkt, von dem an diese Niedergangstendenz datiert, waren die Revolutionsjahre. Immer deutlicher und deutlicher, beginnt die russische Judenheit, die Wunden zu verspüren, die diese Jahre ihr geschlagen haben. Sie haben die stettg sich entwickelnde jüdisch-nationale Bewegung durch die Ueberflutung mtt allgemein sozialistischen und revolutionären Ideen sür einige Jahre in den Hintergrund gedrängt, haben die junge Generation mit einer Menge unreifer und ungesunder Ideen verwirrt, — und als dann der große Mißerfolg kam, da waren zwar sehr viele von ibren weltumWrzenden Phantasien geheilt.