Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1913)
- Date
- 1913-09-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38_•_ Waschmaschinen, Wäsche-Mangeln, Wringet, Sardinenspanner, Bügelbretter, ----------------- Bügeleisen. ------------- Erstklassige Fabrikate. Breitwieser & Franke Kaiserstrasse 8. — Telephon-Amt I. 901 ethnographische Grenze des Judenviertels, und eine in über Manneshöhe sich dahinziehende Drahtlinie bedeutete, daß das „Tragen" in diesem Rayon gestattet sei. Davidl, ein ausgewachsener, idiotischer Sohn des Totengräbers, war gleichsam der Hofnarr der Promenade, und wenn man so paar- und gruppenweise lustwandelte, boten seine pudelnärrischen Schauergeschichten einen eigenartigen Reiz. Davidl, mit ziegenbockartigem Gesicht und affenartigen Bewegungen, war die Zielscheibe der Witzbolde. Eine Hand voll gesottener Erbsen machten ihn gefiigig und harmlos, sonst, aber konnte er trotz seines trottelhafte» Wesens aufbegehren und bockbeinig werden. Wenn der Horizont auch kein großstädtischer war, so feierten doch soziale Abstufungen, gesellschaftliche Vorurteile, Kastengeist ihre Triumphe. Allerdings war in der „Gasse" das Geld nicht der einzig maßgebende Faktor, denn die „Ritter vom Geist" nahmen den ersten' Rang ein. Eine vornehme Abstammung, wenn auch nicht von entsprechenden Glücksgütern verbrämt, imponierte/ und wenn sich zur guten Herkunft entsprechendes talmudisches Wissen gesellte, war man berechtigt, die größten Ehrenstellen für sich in Anspruch zu nehmen. Der reiche Emporkömmling der Plutokratie überließ der Geburtsaristokratie den Vortritt und bestrebte sich, durch „Einheiraten" in die erste Linie vorzurücken. Die Patrizier ließen sich auch manchmal herbei, solche Elemente aufzunehmen und zu assimilieren, denn ihre schon ein wenig vergilbten Ahnenbriefe hatten eine Vergoldung vonnöten. Allerdings gab es auch einige verstockte Aristokraten, die in ihrem Eigendünkel von einer gesellschaftlichen oder gar verwandtschaftlichen Annäherung an die Parvenüs nichts wissen wollten, und Reb Meier Altstich war der Verstockteste der Verstockten. - Herr Altstich war seines hochfahrenden Wesens halber selbst in den ihm ebenbürtigen Kreisen mehr gefürchtet als beliebt, trotzdem er — von seinem Ahnenstolz und starren Vorurteilen abgesehen —, volle Achtung verdiente, denn er war ein Mann von unbeugsamem Charakter. Er vermochte es nicht über sich zu bringen, an den Zeitgeist Konzessionen zu machen, die demokratische, alles nivellierende Strömung war ihm in der Seele zuwider, denn er war ein ausgeprägter Individualist, also nach Nietzsche ein Uebermenfch, ohne den Namen dieses Philosophen je gehört zu haben. Reb Meier Altstich war Miteigentümer eines Hauses, beziehungsweise Besitzer des 'Erdgeschosses, während das Stockwerk in der Person des „emporgekommenen" Anschcl Neuburg seinen Eigentümer hatte. Wenn Altstich auf die Emporkömmlinge im allgemeinen nicht gut zu sprechen war, so hegte er seinem aufgezwungcnen Nachbar und Hausmiteigentümcr gegenüber eine umso größere Animosität, 'da ein gewisser Verkehr schier unvermeidlich war. Er konnte cs dem ehemaligen Besitzer des ersten Stockwerkes nicht verzechen, daß er seinen Glutril an Neuburg verkaufte, da für Altstich dadurch nur Unannehmlichkeiten entstehen mußten. Eine gewisse Berührung zwischen Erdgeschoß und Stockwerk war doch unvermeidlich, das Nebeneinanderhausen mußte, wenigstens bei der jungen Generation, einerseits die Vorurteile und anderseits den angeborenen Respekt abschwächen, und der alte Altstich wagte es gar nicht auszudcnken, was für Folgen ein nachbarfteundlichec Verkehr zwischen Parterre und Oberstock insbesondere für die jungen Leute haben könnte. » * * ‘ Es war der erste warme Sabbatnachmittag im Mai. Nach einem strengen Winter kam der Frühling nur langsam, wie schüchtern, ins Land gezogen, und im Ghetto hatte man von seinem Hauch nur wenig verspürt. In die schmalen, schlechtgepflasterten Gassen und Gäßchen huschten nur vereinzelte warme Sonnenstrahlen hinein, dje Regengüsse hatten die Gassen schlammig gemach^ und die schmierigen Fassaden der altftänkischen Leo Schweinfest Damensohneiderei (O; empfehle tadellosen Sitz, gute Verarbeitung. Gr. EBchenheünerstr. 19, I. Teief. 12206. Frankfurter JfraeWfches ZamillenNatt._ Häuserreihen dampften schier, wenn die Sonne"ihre Feuchtigkeit an sich zog. Seit einigen Tagen war die 1 Witterung anhaltend schön gewesen, und heute, am Samstag, verspürten die Insassen das Verlangen, nach langer Winterpause ihre Promenade im Wäldchen wiederum aufzunehmen. Und wie auf Kommando zogen sie ins Freie, durch den Eisenbahnviadukt hindurch, daß ihre Tritte und Gespräche widerhallten, an den grünschimmernden Tümpeln vorbei, ins Gehölz. Voran die Kleinen, wie Fohlen hüpfend, junge Frauen und Mädchen sittsam dahinwandelnd, Mütter behäbig und langsam sich bewegend, während das männliche Geschlecht nur durch einige junge Leute vertreten.. Die älteren Familienhäupter hielten derartige Spaziergänge als mft ihrer Wurde unvereinbar und sahen es selbst nicht gerne, wenn ihre Söhne den Eisenbahnviadukt, der als Stadttor betrachtet wurde, passierten, um sich unter den „Plebs" zu mengen. Frau Neuburg, die nicht gerne gesehene Nachbarin der Familie Altstich, befand sich in Begleitung ihrer Tochter, der achtzehnjährigen Debora. Diese war ein hübsches, nicht ungebildetes Mädchen, bestrebt, vom gebräuchlichen, urwüchsigen Jargon sich zu emanzipieren, und nebst der polnischen Landessprache beherrschte sie auch ziemlich gut das Hochdeutsche. Frau Neuburg war noch mit der traditionellen „Perlenbinde" geschmückt, welches Kopfgeschmeide aber nicht mehr nach dem Geschmack ihrer Tochter war. Debora hatte schon mehrere Versuche gemacht, die Mutter zu bewegen, diesen Kopfschmuck gegen einen mehr modernen, großstädtischen zu vertauschen, Frau Neuburg war aber nicht zu bewegen, auf das alte Familiengeschmeide zu verzichten. In ihrem geblümten Taschentuche führte sie ein größeres Quantum gesottener Erbsen, an denen sie sich im Gehen gütlich tat. Debora fand auch dies nicht „chic", sie knusperte lieber Schokolade, und wenn die Mutter ihr von Zeit zu Zeit eine handvoll Erbsen zusteckte, ließ sie diese „Sabbatgäbe" in weitere Hände wandern. Oben auf dem Eisenbahndamm sauste jetzt ein Personenzug dahin, die Passagiere. standen an den offenen Wagenfenstern und ließen die Idylle zu ihren Füßen an sich vorbeigleiten. Ein schriller Pfiff der Lokomotive hatte Davidl, den Trottel, aus seiner apathischen, zusammengekauerten Lage aufgescheucht, und er mengte sich mit ängstlichen Geberden unter die Promenierenden. Trotz feines blöden Wesens hatte er für die Vorgänge in der „Gasse" Interesse, die Verhältnisse waren ihm nicht ftemd, er besaß sogar ein gewisses Verständnis für die sozialen' Rangstufen und kannte die Reichen und Honoratioren der Gemeinde. Als er die Neuburger erblickte, grinste sein Gesicht lächelnd, und. er kam hinkend'''und schwerfällig herangehumpelt, seine Hand ausstreckend und eine Erbsengabe erwartend. Er kicherte, schnalzte mit der Zunge, schnitt Grimassen und seine Fistelstimme flötete: „Bal buste, dal buste, — Frau, Herrin, — einen guten Schabbes —", und er ließ eine ihm gereichte Erbsenladung glückstrahlend in Mund und Tasche gleiten. Er gluckste, schaute Debora wie verständnisinnig an> und machte Miene, sich ihr zu nahen, daß sie. scheu zurückwich. Davidl aber ward immer zutraulicher und sagte im Flüsterton: „Debora, vor Davidl nicht Angst haben, Davidl weiß etwas, er wird es aber nicht weiter sagen." Sie wollte sich, abwenden, er aber zupfte an ihrem Kleide, kicherte, wies mit ausgestrecktem -Arm nach einem des Weges kommenden jungen Mann, sie folgte unwillkürlich der Richtung, eine jähre Röte überzog ihr Angesicht,- — und „hi, hi" kichernd/'trottete Davidl davon. Josef Altstich hatte Debora erblickt und hielt, wie verlegen, unschlüssig inne. Im ersten Moment wußte er nicht, was beginnen. Dort, im Hause, hatte er schon oft mit Debora gesprochen, sogar mehr und angelegentlicher, als das nachbarliche Verhältnis' erreichte, und jedenfalls häufigser und eingehender, als cs seinem Vater, hätte er davon Kenntnis gehabt, lieb gewesen wäre. Mer hier, auf der- Promenade, vor ckllen Leuten, was würde man in der „Gasse" dazu sagen? Eine solche Begegnung würde .morgen das allgemeine Tagesgespräch bilden, umsomehr, als das gespannte Verhältnis der Familienoberhäupter stadtbekannt war. lu|tc er doch schon seit Monaten sich Zwang antun, um sein Inneres nicht zu verraten, denn gegen seinen Vater konnte er sich doch nicht auflehnen. Er glaubte zur Hoffnung berechtigt zu sein. Veite 5 auf Deboras Neigung, aufs Entgegenkommen ihrer Elstern zählen zu dürfen, wer aber wird den Kastengeist, die Vorurteile seines Vaters überwinden? Und so stand er ratlos im Schatten der Bäume, den Blick zu Boden gesenkt, wagte weder rechts, noch links zu schauen, bis eine ihm bekannte Stimme ihn aus seinem Nachsinnen auffchreckte. Frau Neuburg war eine resolute Person, vom Ehrgeiz ihres Mannes angesteckt, und es war von jeher ihr sehnlichster Wunsch gewesen, ihre Tochter an einen jungen Mann aus vornehmem Hause zu verheiraten. Sie war zu großen Geldopfern bereit, wußte sie doch, daß solch ein Ehcbündnis auch ihre soziale Stellung mit einem Schlage emporschnellen und den Ihrigen den Zutritt zu den ersten Familien erschließen würde. Die Person des. jungen Altstich war ihr gleichfalls sehr sympathisch, denn vermöge seiner persönlichen Eigenschaften gehörte er zu den beliebtesten jungen Leuten der „Gasse--. (Schluß folgt.) J. W. Albert, Optik FItsu. PIncenez Double Mt. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weisstrauenstrasse II, Erke Neue Mainzerstraaae. Schofar! Du schläfst, mein Volk, hast deiner selbst vergessen. Dir träumet nur noch von vergangnem Glanz, Und lebend windest selbst Du von Zypressen Und welkem Lorbeer dir den Totenkranz. Doch Hoffnung will ich deinem Herzen geben. Und füllen deine Brust mit Zuversicht, Ich will erwecken dich zu neuem Leben, Israel, hoffe, und verzweifle nicht! O, wäre mir Jesajas Stimme eigen. Und hätt ich Kraft wie Amos, der Prophet. Ich bliese Schofar durch das tote Schweigen, Erwach', erwache, ehe cs zu spät. Ich rufe, daß die Steine sich erheben, Von meinem letzten, dem Verzweiflungsschrei, Willst du denn nicht, mein Volk, willst du nicht leben. Ist aller Mut dir in ~ der Brust vorbei? Erwache! tönt es klingend durch die Erde Und rüttelt alles bis ins tiefste Mark, Erwache! altes Israel, und werde Wie du gewesen, stolz und kühn und stark. Schließ' dich zusammen, höre meine Stimme! Wirf ab des Haders eigenschneidig Schwert! Sonst ruft ein Gott in seinem gwßen Grimme: Wahrlich, dies Volk ist nicht zu leben wert! Mein Volk, reiß dir den Totenkranz vom Haare Und von dem Leibe dir dein Sterbekleid, Erhebe dich, zerbrich die Totenbahre; — Erwach', erwache, Juda! Noch ist's Zeit! __M. H. Offenbaeher Prncklnft - Anlage Offanbach a. M. Telefon 123. (Anschluss mit Frankfurt). Bewährteste Tepolchr eint gong, 100,000 qm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedernreinigung mittelst Druckluft und VTasserdampf. Kaiser Friedrich Quelle ■ ' - Offenbach g. M. —— Segen Sieht und Bheunatlsnma beirtkrt. Alleiniger -General-Vertreter: Friedrich Stahl» I Frankfurt a-Ä., Günthersburg-Allee 37. Tel.259 u. 714. Wochen-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Dusch.) Rausch-haschonoh. Festes-Beginn in Frankfurt: Mittwoch Abend ö Uhr 55 Min. ErewTawschilin. Mit Rausch-haschonoh beginnt das Jahr 5674. Nach der Tradition ist Rausch - haschonoh auch der Tag des Weltgerichts („Jaum Hadin--); in der Thora wird der Tag des Blasens („Jaum Teruoh--) genannt. Am Rausch-haschonoh wird unser Urteil gleichsam geschrieben, am Versöhnungstag besiegelt. Daher unser Neusahrswunsch: .Lesiwo wachasimoh tauwoh--» gute Einschreibung und Versiegelung. .Am Rausch - haschnooh, mit dem die „Asscres jemei teschuwoh" (10 Bußtage) beginnen, gebe man sich nicht wie sonst irdischen Genüssen hin. Beim Kiddusch am Abend Schchechijonu, am 2. Abend eine neue Frucht dazu nehmen. Man genieße abends Honig und Süßapfel als Symbol eines „süßen-- Jahres. Schofarblasen. Tonarten traditionell. Nichts genießen vor dem Hören dieses Blafens, wie auch sonst