Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 39 (30.9.1913)
- Date
- 1913-09-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Wunderrabbi von Dschikew. Von Leopold Zucker. Er war der letzte geistige Nachkomme des großen Bal-Haschem, des eigentlichen Begründers des Chassidismus. Sein Mystizismus aber und die dunkle kabbalistische Welt - und Gottesvorstellung ruhten auf der festen Grundlage reichen kalmudistischen und alttestaincntlichen Wissens und wurden beherrscht von einem alles durchdringenden, scharfen Geist, der die schwierigsten und verworrensten Probleme mit spielender Leichtigkeit löste. Viele hinterlassene Werke über Gesetz und Sage legen Zeugnis ab von seinen gründlichen Kenntnissen sowohl, wie seinem rastlosen Wissens- und Schaffensdrang. Seine eigentliche Bedeutung aber, wenn man sich so ausdrücken kann, und das, was ihn für die Nachwelt interessant und unvergeßlich macht, liegt hauptsächlich in seiner Persönlichkeit, in seiner Eigenschaft als Wunderrabbi, und in dem, was er Tausenden und Abertausenden von Gläubigen war: ein Helfer und Tröster, ein geistiger und religiöser Führer. Schon seine äußere Erscheinung ließ ihn als geradezu prädestiniert zu dieser Rolle erscheinen. Von hoher und breiter Gestalt, mit langem, weißen Bart, das Gesicht und die gedankenvolle Stirn von einer seltsamen, trotz körperlicher Fülle überirdisch anmutenden Durchgeistigung, die hellen Augen, wie in seherischem Perweilen, stets ins Weite blickend, - bot ec das Bild eines echten Nachfahren der alten Propheten. Dazu dcrfügte er über ein Organ von seltener Kraft und wunderbarem Wohlklang, das ihm als Vorbeter eine gewaltige Wirkung sicherte und so den geheimnisvollen Zauber und die suggestive Gewalt, die von ihm ausgingen, noch verstärkte. Am schönsten und reinsten entfaltete er den Glanz seiner ungewöhnlichen Gaben an den hohen Feiertagen. Da kamen viele tausend Chassidim zu ihm gewallfahrt; in bewegter Erwartung standen sie dann im Beth-Hamidrasch, Kopf an Kopf gedrängt, daß die heißen Wellen ihres Atems sich mit den Rauchwolken der tausend brennenden Kerzen vermengten, und als Opferrauch zum stillen Wendhimmel hinausschwebten. Ein tauseirdstimmiges Murmeln des langen Gebets vor Kol Nidrei dringt hinaus in die Stille des verlöschenden Tages. Von dem Ort, wo die Frauen stehen, wird lautes Beten und Schluchzen hörbar. Da mit einem 0 #ut die lugend. 0 AMlimgen. aus Met und Talmud. Von M, Pulvermann. Drei Söhne. Durch Alter geschwächt, greisenhaft gebeugt, saß der weißbärtige Simon mit seinem einzigen Sohne an der Tafel, die mit auserlesenen Speisen und saftigen Früchten bedeckt. war. Der Alte freute sich auf das leckere Mahl, und um sein Behagen und seine Dankbarkeit dem Sohne zu bezeugen, sprach er munter: „Mein. Sohn, wo hast Du all die herrlichen Sachen gekauft?" . Mürrisch und barsch kam die Antwort: „Störe mich nicht mit unnützen Fragen und iß, was vor Dir steht!" Ungehalten verließ der Sohn das. Zimmer. 'Der Alte ließ den Kopf sinken, und heiße Tränen rannen über das welke Gesicht. Sein Herz war voller Trauer, und mit innerlichem Schmerz dachte er an die ^Erzählung von Duma den Retina, jenem heidnischen Götzendiener, von dem der Talmud folgendes berichtet: Aus dem Ephod, dem Brustschilde des ' Hohenpriesters, das mit zwölf Edelsteinen besetzt war, die die Namen d/r zwölf Stämme Israels trugen, war einer dieser kostbaren Steine verloren gegangen. Weit und breit suchten die Aeltesten Israels vergebens nach einem Ersatz, der würdig gewesen wäre, die Brust des göttlichen Mannes zu schmücken. Endlich erfuhren sie, daß ein ManN mit. Namen Metinr im fernen Lande Aschnr ein solches Juwel' besaß. Zwei Mgesandte machten sich auf den Weg. Als sie' aber dorthin kamen, trafen sie nur den Sohn an. Dieser fragte sie nach ihrem Begehr, und als er ihren Wunsch vernommen hatte, gab er ihnen' zur'Antwort: „Wohl besitzt mein Vater einen solchen Edelstein; er ist aber nicht verkäuflich." Die Abgesandten glaubten, er wolle mit seiner Mb- Male wird cs still; wie zu einer -Mauer erstarrt, stehen die langen Reihen der in weiße Talessim gehüllten Betenden unbewegt. Der Rabbi ist erschienen; in langem, weißwallmden Kittel schreitet er daher. Seine Haltung ist gebeugt, das Haupt aber hat er zum Himmel erhoben, die Augen leuchten im schwärmerischen Feuer. Leise, mit seltsam bebender Stimme beginnt er das alte, so stimmimgsvolle Kol Nidrei zu sagen, sodaß ein Zittern durch die Reihen der Zuhörer läuft. Und diese Worte, die zuerst wie unterirdisches, ersterbendes Flüstern flingen, werden immer heller und wohltönender, schwellen an zu einem mächtigen, vollen Akkord," um dann wieder in eine sanftklagende Weise auszuklingen. Und diese Stimme ergoß sich in tausend Seelen und weckte dort Schauer inniger Ergriffenheit, Begeisterung und Hingabe. Tausend Augen wurden naß, und selbst Herzen, die für weiche Regungen nicht empfänglich waren, kamen in Wallung und wurden von der Mmosphäre der Andacht, die der Rabbi um sich verbreitete, wie von einem brausenden Strom mit fortgerissen. Nicht minder ergreifend wirkte sein Gesang an einem einfachen Schabbosabend. Er hatte die Gewohnheit, an diesem Abend vor Kidusch aller der Toten zu gedenken, die ihm im Leben besonders nahegestanden hatten. Er tat das mit ungewöhnlicher Andacht, indem er den bekannten Text „Jskor" hersagte, aher mit einer solchen Innigkeit des Gefühls und einem wahrhaft entgeisterten Ausdruck im Gesicht, daß es dem Zuhörer beklommen zumute ward, und er sich in eine unterirdische, gleichsam entkörperte Mmosphäre versetzt glaubte. Sofort, nachdem dieses Gebet beendet war, wechselte sein Ausdruck, ein Schimmer von Freude erhellte seine Züge, und mit jauchzender Stimme sang er „Scholim aleichim", wobei aber unablässig Tränen seinen Augen entströmten. Diese zwiespältigen Stimmungen, das Beieinandersein von Freude und Trauer, bildete überhaupt eine seiner vielen Eigentümlichkeiten und erfüllte den Zuschauer mit unheimlichem Staunen und Bewunderung. Den gleichen bizarren Anstrich erhielten auch seine Reden, Predigten und Kommentierungen von Thora und Mischna durch Umkleidung der Gegenstände mit symbolistischen und transzendenten Hüllen. Offenbarungen und inneren Gesichten gab er eine konkrete, lehnung nur einen sehr hohen Preis erzielen, und boten ihm einen solchen. Duma aber blieb bei seiner Weigerung, auch als sie ihni einen noch größeren Betrag auf den Tisch legten, um durch den Anblick des vielen Goldes eine Sinnesänderung bei chm zu erwirken. Die Boten wurden unruhig und machten immer höhere Angebote, aber Duma blieb . bei seinem ablehnenden Bescheid. Während sie nun noch weiter verhandelten, hörten sie eine schwache Stimme aus dem Nebenzimmer; die „Duma! Duma!" rief. Eilig stürzte dieser davon, kehrte aber nach einer kurzen Weile mit dem Juwel in der Hand zurück. „Jetzt kann ich Euren Wünsch erfüllen," sprach er lächelnd, „und Ihr sollt den Edelstein für den Preis haben, den Ihr zuerst geboten habt." Die Abgesandten waren über diese Rede sehr erstaunt, zugleich aber auch erfreut bei dem Anblick des herrlichen Steines. „Nein!" riefen sie. „'Der Edelstein ist so herrlich, daß er den Preis wert ist, den wir Dir zuletzt boten. Wir halten, was wir einmal versprochen haben." Duma aber sprach: „Ich kann mich nicht länger bei Euch aufhalten, denn mein Vater bedarf meiner. Macht es kurz; entweder Ihr nehmet den Stein für den erst gebotenen Preis oder gar nicht!" „Warum aber hast Du Dich zuerst geweigert, den Handel mit uns abzuschließen?" fragten die Männer, über die Redlichkeiit des Heiden erstaunt. „'Das sollt Ihr gleich erfahren. Mein Vater hatte sich vorhin zur Ruhe begeben, um ein wenig zu schlummern. Den Schlüssel zu dem Kasten, der das Juwel enthielt, hatte er unter seinem Kopfkissen. Hätte ich mich nun zu dem Verkauf bereit erklärt, so würdet Ihr mir in Eurer Ungeduld keine Ruhe gelassen haben, um den Stein zu sehen. Aber um alle Schätze der Welt.würde ich den Schlummer meines Vaters nicht gestört haben." „Und warum weigerst Du Dich jetzt, den höheren Preis anzunehmen? „Well ich fest entschlossen war, den Kauf schon für den ersten Preis abzuschließen. Ihr aber habt meine sinnliche Form. Intensiv Gedachtes und halbllar Geschautes wurden seiner mächtigen, regen Phantasie zu gegenständlichen Gebilden uiü> Personen, mit denen er unsichtbaren Verkehr pflegte. So ist es zu verstehen, wenn er von Toten sprach, die ihm in wachem Zustande erschienen und mit ihm Zwiesprache hielten. Oder vielleicht besaß er auch wirklich jene Wunderkraft, die es chm erlaubte, in des Seins und Todes letzte Gründe und Geheimnisse zu schauen! Wer vermag es zu entscheiden? Jedenfalls sprach er von diesen Dingen mft dem Ton der Ucberzeugung, und sein Gesicht strafte chn beileibe keiner Lüge; es hatte dann einen Ausdruck vollkommener Weltentrücktheit, und in den Augen lohte die Flamme göttlichen Schaums. Sehr oft und viel, und immer mit einer beschwörenden Geberde der Abwehr, sprach er von dem Lande, aus dessm Bezirk kein Wanderer je wiÄerkchrt, bis er selbst dorthin gerufen wurde, nachdem chm ein Jahr zuvor seine Frau vorangegangm war, mft der ihn in fünfzigjährigem Zusammenleben eine innige Liebe verbunden hatte. Als mich vor wenigen Monatm die Kunde von des Rabbi Ableben traf, ging eine heftige Erschütterung und eine solche Bewegung durch mein ganzes Wesen, als ob ich mein Leben lang um ihn gewesen wäre. Und doch sind es schon viele, viele Jahre, seft ich chn nicht mehr gesehen habe, und meine eigmen Erinnerungen an ihn reichen bloß bis in mein Knabenalter zurück. Vielleicht mag dieses treue Zurückdenken mit einer dem Rabbi zugeschriebmm Rettung meines Lebens Zusammenhängen, mindestens dürste es stark davon beeinflußt sein. Als fünffahriges Kind lag ich an einem heftigen Scharlachfieber krank darnieder. Roch andere schwere Komplikationen waren hinzugetretm, sadaß die Aerzte nicht mehr qn mein Aufkommen glaubtm. Mein Vater, ein gläubiger Anhänger des Dschikewer Rabbi, begab sich zu ihm und und Nagte chm sein Leid. Ter Rabbi tröstete chn und gab chm ein Fläschchen geweihten und besprochenen Oels mft, um mit diesem den kranken Körper zu besprengen. Mag nun der Höhepunkt der Krankheft bereits überschritten gewesen sein und die Natur sich, — wie so oft — selbst geholfen haben, mag wirLich eine große suggestive Einwirkung stattgefunden haben, die die Hellung bekindliche Ehrfurcht falsch aufgefaßt. Soll ich mft nun meine Kindesliebe mit Eurem Golde bezahlen lassend Voller Rührung und den Jüngling segnend, verabschiedeten sich die Männer und kehrten nach Jerusalem zurück. * An diese Erzählung dachte der alte Simon, und sein Herz wurde chm zentnerschwer. In seinem Nachdenken wurde er durch das Erscheinen des jungen Sohnes des benachbarten Müllers unterbrochen. „Vater Simon," sprach dieser, „ich will mich von Dir verabschieden, da ich morgen nach der Stadt gehe, wo ich zum Frohndienst besohlen bin." „Bist Du auch ein solch ungehorsamer Sohn!" rief der Alte ungehalten. „Soll Dein aller Vateralftkn die schwere Arbeft in der Mühle verrichten, während Dn in der Stadt nach getaner Arbeft herrlich und in Freuden leben wlllst?" „Nicht doch," erwiderte der Jüngling. ,^zch weiß, daß die Aufseher und Frohnvögte sehr streng sind und das geringste Versehen mft Stockschlägen bestrafen. Soll ich meinen Vater diesen Mißhandlungen aussetzen? Dafür dürste doch mein Rücken besser geeignet sein." Ein trauriges Lächeln umspielte Simons bleiche Lippen, während er den Jüngling segnete. ,F), wie wahr," sprach er, „ist doch das Wort unserer Weise», daß mancher Sohn lobenswerter ist, der den Vater Mühlsteine tragen läßt, als einer, der dem Vater Leckerbissen vorsetzt!" Als Simons ungeratener Sohn einige Stunden später wieder das Zimmer bettat, fand er den Vater tot auf dem Bette liegen. Vor Schreck blieb chm first das Herz stehen, und seine Trauer war tief und echt, als er daran dachte, welche häUiche und ungeziemende Worte er zu seinem Vater gesprochen hatte. Er beweinte chn auftichtt'g, und ließ chn mft großer EH» bestatten und auch ein kostbares Denkmal auf dem Grabe errichten. Dennoch aber könnte er seines Lebens nicht mehr froh werden; die Gewissensbisse und Selbstvorwürfe peinigten chn, da er das schwere Unrecht gegen dm Vater nie mehr wieder gut machm konnte. 4780