Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 38 (26.9.1913)
- Date
- 1913-09-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint wöchenrlich am Freitag. Semgsprris pro Niertrljatzr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert 90 Pfg., frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.5Ü, für Rußland 1 Rubel, für alle übrigen Länder Mk. 2.— Einzel - Nummern kosten 10 Pfg. . ■ -t= - - -i> Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt I. 10507. H»srausgeber: Aals Jnsertionsprris für die fünfgespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die ReNamezeile Plk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Stellen-Angebote und -Gesuche, Wohnungsinserate, Heirats» Annoncen 15 Pfg. die sechsgespaltene Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und in «.Annoncen-Bureaus Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. ■ —- 1 Freitag, de» 26 Ellul 5678 (26 September 1813) 11. Jahrgang. Die nächstwöchentliche Nummer erscheint bereits Mittwoch früh. Schluß der Jnseraten-Annahme Dienstag Mittag.__ Die Entwicklung des Misrachi. Als mit dem X. Baseler Kongreß, bei; die kulturelle Arbeit in Palästina in das Programm der zionistischen Tätigkeit aufnahm, der Misrachi jene Krisis überstand, die zum Austritt Liner Anzahl damals leitender Misrachisten führte, da triumphierten alle offenen und versteckten Gegner des Misrachi, und voreilige Propheten verkündeten in jenem überzeugten Tone, der alle falschen Propheten auszeichnet, „der Misrachi sei nun von der Bühne der jüdischen Geschichte verschwunden". Der Misrachi hat sich?,»m Glück diese Prophezeiungen nicht sehr zu Herzen genomnlen, sondern hat Begonnen, ruhig und intensiv eine rührige Agitationstätigleit zu entfalten; und er konnte dies umso besser, als gerade jene Sezession, die nach dem ,X. Kongreß erfolgte, ihn von Elementen befreit hatte, die in ihren Anschauungen, die der Trennungsorthodoxie verwandter waren als dem großen Klalgedänken des Zionismus, eine gedeihliche, positive Arbeit des Misrachi nur gehemmt hatten. Und der Erfolg dieser ruhigen, energischen Arbeit blieb denn auch nicht aus. Nicht nur, daß der Misrachi nicht von der Bühne der jüdischen Geschichte verschwunden ist, er hat Me Zahl seiner organisierten Anhänger auf 7000 erhöht, und — was nicht Minder wichtig ist — er hat sich so starke Sympathien zu erringen vermocht, daß aus den: XI. Kongreß viele nicht von Misrachisten gewählte Delegierte sich seiner Fraktion anschlossen, fodaß diese über 40 .Mitglieder verfügte. Aber was noch wichtiger ist als dieser äußere numerische Erfolg, ist die innere Wandlung, die der Misrachi in den zwei Jahren seit denk X. Kongreß erfahren hat. Diejenige Richtung innerhalb des Misrachi, die den Standpunkt vertraten hat, daß der Misrachi nur durch positive, selbstschöpferische Arbeit werde wirken können, daß jede positive Leistung, die er vollbringe, mehr nütze als alle Kritik und alles Gezeter über die Sünden anderer, diese Richtung, die vor denk X. Kongreß unter dem Regime der Frankfurter Leiter des Misrachi stets in der Minorität war, sie ist heute zur vollen Herrschaft gelangt. Man hörte dies auf der vor dem Kongresse in Wien stattgefundenen Misrachikonferenz aus allen Reden heraus, und das Referat des verdienstvollen Parteisekretärs des Misrachi, Meir Berlin, über „Agitation und Propaganda" stellt das offizielle Bekenntnis der Leitung des Misrachi zu diesem Programme positiver Arbeit dar. „Der Misrachi kommt nicht" — sagte Herr Berlin — „um zerstörend zu wirken, nicht, um nur zu bekritteln. Wir halten den Zionismus für die einzige radikale Lösung der Judenfrage, und der Misrachi muß überall, wohin er kommt, den Frieden verkünden zwischen den verschiedenen Anschauungen und.Meinungen. Meinungsverschiedenheiten sind kein Fluch, sondern immer nur ein Segen." „Man macht uns Borwürfe", erklärte Herr Berlin unter dem Beifall der Konferenz, '„daß wir uns mit Leuten verbinden, die Sünder und Ungläubige sind. Ich kann dies nicht begreifen. Nicht. gibt es in Israel Sünder unter denen, die sich znsammentun zu gemeinsamer Arbeit für die Renaissance ihres Volkes." Solche Worte sind schon lange nicht von den Offiziellen Führern des Misrachi vernommen worden. Die Tatsache, daß sie diesmal unter dem einmütigen Beifall der Misrachikonferenz verkündet tverden konnten, zeigt, welche innere Wandlung der Misrachi dnrchgeMacht hat. Und die Erfolge dieses seines positiven Standpunktes hat er bereits konstatieren können. Derselbe Misrachi, der früher, da der wichtigste Teil seiner Arbeit Gezeter und Anklage war, mit allen Handlungen der Leitung unzufrieden war und in allem nur Grund zum Lamentieren fand, nun, da er sich entschlossen hat, selbst positiv mitznarbeiten, ist sein Verhältnis zum E. A.-C. das denkbar beste geworden. Dasselbe E. A.-C., in denr Männer wie Sokolow und Schemarja Lewiu sitzen, die dem Misrachi stets als seine gefährlichsten Gegner gegolten haben, ist seinen Forderungen in allenr entgegengekommen, hat ihm in der Kulturkommission die Hälfte der Sitze eingeräumt, hat seinem Organe, dem „Haibri", eine Subvention erteilt und hat so ,zur Genüge bewiesen, wie unbegründet die Angst vor religiös destruktivem Wirken dieser Männer war. In Wahrheit hat niemand unter den führenden Männern des Zionismus die Absicht, antireligiös zu wirken, und die bis zum Ekel wiederholte Wäre von der „Entthronung der Religion", auf die der Zionismus hinarbeite, ist nur eine jener Schaudermären, die auf fromme Gemüter noch immer ihre Wirkung ausüben. Der Misrachi selbst ist in den letzten zwei Jahren eines Besseren belehrt worden, und ebenso werden alle diejenigen, die an Stelle unfruchtbarer Kritik und bequemem Abseitsstehens den Weg der positiven Mitarbeit innerhalb des Zionismus wählen werden, sich gar bald von der absoluten Unrichtigkeit dieser Märe überzeugen können. Die von mehr als 100 Delegierten besuchte Konferenz des Misrachi in Wien hat die Wandlung, die innerhalb des Misrachi in den letzten zwei Jahren stattgefunden hat, sanktioniert und hat für die nächsten zwei Jahre ein reiches Programm positiver Arbeit aufgestellt. Es sind mehrere Beschlüsse von weittragender Bedeutung gefaßt worden. Die Agitation in den Diasporaländern wird noch eiftiger und systematischer betrieben werden als bisher, und speziell in Rußland — durch Rabb. Robinsohn — und in Amerika — durch Meier Berlin — wird eine rege Propaganda einsetzen. Außerdem aber wird der Misrachi auch mit praktischer Palästinaarbeit beginnen. Er hat die Tachkemonischulö in Jaffa, die dringend einer radikalen Reform bedärf, unter seine Verwaltung übernommen. Er hat beschlossen, eine eigene Kolonie zu gründen, und wenn die Leitung all die Beschlüsse, die die Konferenz.gefaßt hat, erfüllen will, wird sie sehr viel zu tun haben. Der Misrachi hat endlich nach langen Irrungen den rechten Weg gefunden. Wird er auf demselben konsequent weiterschreiten, unbekümmert um alle gehässige Anfeindung von rechts und links, so wird er zweifellos in den nächsten zwei Jahren noch weitere größere Erfolge erringen als in der vergangenen Kongreßperiode. Die Hauptsache bleibt: ruhig und still positive Arbeit leisten. Mögen dann die Feinde auf beiden Seiten noch so sehr schimpfen und höhnen, die positiven Erfolge, die der Misrachi durch solche Arbeit erringen wird, werden sie ftüher oder später schon verstummen lassen.. «r. 38 Zweiter Bericht Dr. Faitlovitsch's über seine Abessinienreise. Oberrabbiner Dr. S. H. Margulies (Florenz), Präsident des „Internationalen Pro- Falascha-Komitee", hat dieser Tage einen Weiten Brief von Dr. F a 1 t l o v i t ch erhalten, der überaus interessante Einzelheiten über Sitten, Gebräuche und Hoffnungen dor Fa- Falaschas enthält. Der letzte Bericht Dr. Faitlovitch's, den wir hier seinerzeit Wiedergaben, stammte aus Gon dar. Bon hier begab sich Dr. F. nach Atseghiö (Dembea), woher der jetzige Bericht gesandt wurde. „. . . Seit meiner Ankunft in diesem Dorfe" — schreibt Herr Dr. F. — „ist Atseghiö der Börsammlungspunkt aller Falaschas der Umgebung geworden. Me überhäufen mich mit ihren Fragen über Jerusalem und ihre fernen Brüder. Sie bitten mich, ihnen Aufklärungen über die Leiden Israels zn geben und wollen die Zeit ihrer Befreiung wissen. Sie bitten mich, ihnen den Ort anzugeben, wo sich der Messias verborgen hält, und wollen den genauen Tag wissen, an dem der Messias in Acthiopien erscheinen wird, um sie in ihr Vaterland, Palästina, zu führen. „Ist schon der Tag unserer Rückkehr dorthin angekoMmen?" so ftagen sie mich alle in einem Atem und erklären, zum Auszug, den sie ganz nahe spüren, bereit zu sein. Sie erwarten diese Zeit ungeduldig und sinnen schon jetzt über die Möeresüberfahrt nach. „Wie werden wir das Meer überschreiten können, ohne das heilige Sabbatgesetz zu verletzend" werde ich von allen Seiten geftagt. Ich gebe mir alle Mühe, um sie von diesem Skrupel zu befteien und versichere sie, daß die Uebersahrt auf großen Schiffen, die sich automatisch bewegen, geschehen wird. Allein dies überzeugt sie wenig, und viele von ihnen wünschen, daß die Schiffe am Sabbat stehen bleiben. Andere wieder erklären, nach Palästinach zu Fuß gehen zu wollen, möchten aber wissen, ob der .Herr sie durch das trockene Meer führen wird wie zur Zeit des Auszuges Israels aus' Aegypten. Der Messias, ein Abkömmling Davids, wird nach ihnen auf einer Insel geboren werden, die im Meere A z a f, eine Stunde Weges von Jerusalem, liegt. Er wird die Dynastie seiner Vorfahren wieder einsetzen, sowie das Königreich Israel, und aus seiner Hauptstadt, der heiligen Stadt, wird er als Sieger durch alle Länder schreiten und sie unterjochen. Er wird ein Reich der Gerechtigkeit und der Seligkeit gründen, und sein Szepter wird ein Symbol der Geradheit und des Friedens sein. In seinen Tagen werden sich alle Prophezeiungen der Seher bewahrheiten; nicht durch Gewalttat, sondern durch Liebe und Sanftmut wird er die Völker führen, die in ihm den Befreier und Retter der Menschheit erkennen werden. Diese Messiasftagen bilden ihr hauptsächliches und bevorzugtes Gespräch mit mir. Wenn sie mich jetzt nicht mehr ftir den Messias selbst halten, so halten sie mich doch für seinen Vorboten, der nach Abessinien gekommen ist, um sie vorzubereiten, ihn selbst zu empfangen, und beschwören mich, seine Ankunft zu beeilen. Der unter den Falaschas gebräuchlichste Name für den Messias lautet Tewodros (Theodor). Es ist möglich, daß die alten ägyptischen Juden so den künftigen Befreier Israels benannt hatten, ^vielleicht weist das auf den Namen des Vaters 8er Makkabäer Mattatias, den die griechische Uebersetzung Teodo-