Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 37 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. . .„. Christ. Wilhelm Leu* Tele/. I, 8567. Hoflieferant. Goethestr. 21. Herren-, 2)amenu. Livreeschneiderei. Spazlal-Sportgescbäft. — -- ^0f Wunsch koschere Verarbeitung. - und ohne aufzublicken arbeiten sie, — kräuseln Straußsedern. Am Schabbos! Baruch Goldmann ist aus Großvaters Heimat und .ist immer ein frommer Jude gewesen, aber nun arbeitet er doch am Schabbos'. „Soll ich denn die Kindern verhungern lassen?" hat er gefragt. Großvater sieht wieder seinen Jüngsten an, seinen Chaim Gott, er wird immer blässer! Wenn er nur den Wein für ihn hätte beschaffen können, aber das Geschäft ist die ganze Woche über so schlecht gegangen, und heute ist Schabbos — — —. Großvater starrt in das dunkle Zimmer hinein, das vollgestopft ist mit altem Hausrat, wackligen Möbeln und Lumpen. Auf dem Boden liegt ein Fetzen einer jüdischen Zeitung, und er muß immerfort die fettgedruckten Worte ansehen: „Das gelobte Land". Damit meinen sie Amerika. Aber wieso ist Amerika das gelobte Land? Geht es chnen hier etwa besser als in Rußland?!Da haben sie zwar auch gehungert und gefroren, aber damals haben die Kinder an ihm gehangen und haben sein Mort geehrt, und — was waren sie überhaupt für liebevolle, gute Kinder! Und hier,— was ist das, was sich hier zwischen ihn und seine Enkelkinder stellt, ihm langsam ihre Seele abwendet und sie ihm täglich mehr entftemdet? Gerechter Gott, was ist es, was durch das Haus schleicht wie ein kalter, grauer Schatten, und Großvater von Tag zu Tag einsamer macht? Er lauscht auf die Stimmen nebenan in der Küche, — Malkes Heltes Stimmchen und Benzions tiefe Sttmme in Rede und Gegenrede. Das Gespräch zieht sich lässig und mürrisch dahin. Großvater kann die Worte nicht verstehen, aber er weiß, worüber sie reden, weiß es, und ihm wird weh zumute. Jeden Schabbos, wenn sie müßig hier Herumsitzen, reden sie davon: sie sind unzufrieden, unzustieden mit ihrem Schicksal und mit Großvater^ Benzion, der Siebzehnjährige, arbeitet die Woche über in einer Schneiderwerkstatt, — für einen Hundclohn, kaum genug für die Wohnungsmiete. Benzion ist groß und stark, und ihn drängt es zu anderer Arbeit: Kutscher möchte er werden, weil er Pferde liebt und mit Ihnen umzugehen versteht wie kein anderer. Aber immer, wenn sich etwas bietet, dann scheitert es am Schabbos: kein Fuhrherr kann jeden Schabbos auf seinen Kutscher verzichten. Neulich haben sie chm eine Stelle angeboten, — mit dem Lohn hätte er die ganze Familie erhalten können. Aber Schabbos arbeiten? Wenn nur Großvater nicht so starr an den alten Formen festhielte! Walke, die Sechzehnjährige, murrt auch. Walke wäscht in einer Garküche am Ende der Straße das Geschirr ab- und dort liegen sie ihr in den Ohren: sie soll als Dienstmädchen gehen, in irgend ein feines Haus, wo sie täglich Braten und süße Speise ißt und weiße Schürzen trägt. Seine Malke soll Großvater zu fremden Leuten gehen lassen, wo sie treife ißt und nie mehr Zeit hat, nach Schul' zu gehen? Hat er dazu seinem Sohn Jsaac versprochen, die Kinder zu guten Juden zu erziehen? Aus der Küche nebenan dringt eine unwillige Knabenstimme: das ist Bert, — Berl, der seit drei Tagen kein Wort mtt Großvater spricht. Berls Lehrer ist bei dem Alten gewesen und hat ihm gesagt, wie wundervoll Berl lerntj, daß er schon wie ein geborener Amerikaner redet, und daß sie für ihn sorgen werden, ■ damit er auf die hohe Schule kann. Großvater hat gestrahlt vor Freude! Aber dann hat der Lehrer weiter gesprochen: ob denn der Junge durchaus auch in die Talmud Thora gehen müßte? Er würde sich ja Meranstrengen und krank werden; Großvater soll ihm doch die Talmud Thora erlassen. Berl hat dabei gestanden, mit Augen, die sehnsüchttg flehten. Aber Großvater ist fest geblieben. Was nützt dem Jungen die ganze Gelehrsamkett, wenn er die jüdische Schrift nicht kennt? Ganz ärgerlich ist der Lehrer fortgegangen, und nun schleicht Berl umher und murrt. Alle murren sie, alle drei, wenn sie Großvater auch nicht Trotz zu bieten wagen. Wären sie doch nie hierher gekommen, wo sich dieses, entsetzliche Fremde zwischen Großvater und ftme Enkel schiebt. ßcaidfttttec MraeWsches FüuMeMÄ. _ ____. _ Seite 5 Großvater stöhnt tief, und der Junge öffnet die Augen und sieht ihn an, — so matt, so schwach! Ein Frösteln Merläust den Wen: wenn er nur den Wein i hätte, den Wein, Mer hier muß er sitzen und-. Er sieht plötzlich sein Lädchen in dev Italienergasse vor sich, mit den Schürzen and Strumpfbändern, dem Tabak und bunten Zuckerzeug, wo er sonst Stunde um Stunde auf Muser harrt. Ob der junge Mensch mit denr Handwagen jetzt wieder davor steht? Jeden Freitag Abend, wenn Großvater sein Lädchen verrammelt, kommt der und stellt sich mtt dem Wagen Vordre Ladentür. Er ist auch ein jüdischer Junge, Großvater kennt seine Leute. Pfeifend kommt er immer an und stellt sich mit aller Selbstverständlichkeit hin; — als könnte es gar nicht anders sein, als daß ein jüdischer Junge am Schabbos den Jtalienerfrauen Schürzen und Blechlöffel verkauft! Er macht ein gutes Geschäft, Großvater ist ein paar Mal am SchMbos dorbeigegangen und hat es gesehen. Sonnabend kaufen die Italienerinnen für den Sonntag ein, und ihre Männer haben den Wochenlohn in der Tasche. Wenn er die Einnahmen dieses SonnMend dazu hätte! Ob er heute wieder dort steht? Großvater sieht wieder den kleinen Chaim an. Wenn es ihm nur nicht dahingeht, das geliebte Jungchen! Dem Alten wird es eng in der StMe, er steht auf und setzt die Kappe auf, er muß durch die Küche. „Wohin, Groß-. Vater?" fragt Malke. „Nur ein bischen Lust schöpfen," erwidert er, „bleibe Du bei dem Kleinen." Er geht die Straße entlang, und unwiderstehlich zieht es ihn nach der Jtalienergasse. Sie sieht aus wie alle Tage: schmutzig und dunkel, und es riecht nach Zwiebeln; die Frauen in den bunten Jacken lehnen aus den Fenstern und unterhalten sich mit den Nachbarinnen. (Schluß folgt.) J. W. Albert, Optik Fitsn. Pincenez Doublö Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00, Weissfnauenstrasaa II, Ecke Nene Mainzeratraaae. Bunte Chronik. Wie ein Jude im Mittelalter zwischen der Türket und Italien Frieden stiftete. Der türkische Krieg mit der Republik 'Venedig um den Besitz der Insel Cypern im Jahre 1570 ist wesentlich durch die Bemühungen Salmnon Aschkenasy, Hosarztes des Königs Sigismund II. von Polen und späteren türkischen Diplomaten, beigelegt worden. Abkömmling einer deutschen Familie, aber in Udina in Italien ansässig, kam Aschkenasy in seiner frühen Jugend nach Krakau — wahrscheinlich im Gefolge der italienischen Gattin Sigismunds, Bona —, und durch seine bedeutenden Fähigkeiten erlangte er hier die Stellung eines ersten Arztes am königlichen Hofe. . Später zog er nach Konstantinopel, wo er eine große Geschicklichkeit in diplomatischen Dingen entfaltete. Er war Mitglied des Stabs des Grotzwesirs Mahomet Sakolly» der ihn mit Helen wichtigen Aufträgen betraute. Bei der Wahl eines Königs von Polen, 1572, hatte die Türkei einen mächtigen Einfluß. Aschkenasy, der die auswärtigen Angelegenheiten der Türkei praktisch durchznsühren hatte, entschied sich zugunsten Heinrichs von Anjou und brachte auch den anfänglich^tmderstrebenden Großwesir auf seine Seite. Heinrich, der spätere König Heinrich d. Dr. von Frankreich, wurde auch tatsächlich gewählt. Seinen hierdurch aus Frankreich und Polen gewonnenen Einfluß benutzte Aschkenasy späterhin, um einen Friedensschluß zwischen der Türkei und Venedig herbeizuführen. - 1576 wurde er in außerordentlicher Sendung, ausgerüstet mit den weitestgehenden Vollmachten nach Venedig gesandt, um den Frieden abzuschließen... Ije Republik, die o-.nfänglich sich weigerte, einen Juden zü empfangen, erwies ihm später die größten Ehren und Aufmerksamkeiten und er konnte nicht nur den Frieden mit der Türkei unterzeichnen, sondern auch eine von der Republik geplante Vertreibung der Juden rückgängig machen. # Leo Schweinfest A Damenschneidepal S empfehle tadellosen Sitz, gute Verarbeitung. W Gr. Eschenheimeratr. 19. I. Telef. 12206. Knust und Literatur. Beth Josef Z'vi zum Tractat Sukka, von Dr. S. C a r l e b a ch , Rabbiner der israelitischen Gemeinde zu Lübeck. Berlin 1910. Verlag .Hausfreund", 556 Seiten, Preis Jß 9, geb. JL 10, desselben Werkes zweiter Teil, zum Tractat Rosch-Haschonoh, Berlin 1912, 374 Seiten. Preis JL 6, geb. JL 7. Wir rücken den Jaumtauwim wieder näher. Talmudbeflissene lernen jetzt die Traktate Rausch-Ha-Schonoh und Sukkauß. Da glauben wir ihnen einen Dienst zu.erweisen, wenn wir an B. I. Z. erinnern, das Nachschlagewerk, dessen erster Teil auf Sukkaus por zwei Jahren und dessen 2. Band auf Rausch-Ha-Schonoh vor wenigen Monaten erschien. . Wenn wir diese beiden Bücher nicht, nur zu den guten, sondern auch zu den besten, ja allerbesten Neue rsche in ungen rechnen, so können wir das getrost sagen, ohne Mn Versasser auch, nur das geringste ^ab damit zu spenden. Denn von. ihm selbst enthalten die beiden starken Bände säst nichts, 2 ober 3 kleine Mmerkungen ausgenommen.. Ihr Inhalt setzt sich vielmehr zusammen aus Stellen, in der G'moroh und anderen bekannten Werken, soweit sie von den alsen mrd neueren Kommentaren (Raschi, Tausfansr Büch usw. usw.) zittert werden- In deyr Band auf Rausch-Ha-Schonoh smd auch Exzerpte aüs. Dikduke .Sausrin Hinzügekommen. Aber, wird man einwende», dann sind ja die beiden Bücher ganz.überflüssig. Die Stellen kann.man ja — und wahrscheinlich nicht ohne Nutzen — selbst. nachschlagen, wenn man sie nicht im Kopfe hat. Und die man weiß, braucht man nicht nachzuschlagen und also in solchem Hilfsbuch auch nicht nachzusehen. Das mag stimmen. Wer viel Zeit hat, ein „Schaß" zur Hand und einen großen Tisch, auf dem er all die nachgeschlagenen Bände aufstapeln kann, der magres so machen, wie man es. bisher ja machen mußte; Wer aber seine Zeit und seine Kraft nicht gJrix unnütz vergeudet, wenn ein Hilfsmittel vvbhanden, das ihm die Mühe abnimmt, für den ist Beth Josef Z'vi unentbehrlich. Es ist unentbehrlich für den Lamdon, der __ oft des genauen Wortlautes, einer Stelle wegen zum Nachsehen Lenötigt ist, und den nicht so gut beschlagenen Lernbeslissenen wird es fast Hei allen Zitaten seine guten Dienste leisten. Wem es darum zu 'tun ist, nicht so gründlich zu 'lernen, mehr kurserisch den Traktat durchzunehmen und 'nicht ber allen Zitaten sich aufzuhalten, sondern nur einzelnes da und dort einzusehen, der kann in B. I. Z. alles andere überschlagen und nur die ihn interessierenden Stellen Nachlesen. Die außerordentlich klare Uebersicht bietet ihm dazu die beste Möglichkeit. Aber wenn das RachschlügeN auch nicht eine ungemein zeitraubende Arbeit wäre, würde sich die Anschaffung dieses RachschlägÄorrkes dennoch reichlich verlohnen. Der TalmUdkenMr wms, daß wenn man ein Zitat richtig gesunde« Hat» Wan es doch nicht sofort verstehen kann. Man wüß, um das Gesuchte verwenden zu können, es a»S her oft weit ausgedehnten Diskussion herausschälen» zu diesem Zwecke nicht selten ganze Seiten vorher und nachher dnrchlernen und überall die dazu gehörige Erklärung Raschis erst herausfinden.. All Vieser Arbeit wird man hier enthoben. Dtr PersäMr bringt nur das zum vollen Verständnis Nötige» sehr oft im Anschlüsse an die dazu gehörige Mschnvh, damit es klar wird, wieso die betr. Stelle in diesen Traktat hineinkommt. Er läßt das dazwischen Liegende, nicht hierher Gehörige weg, es sei den«, daß dieses Dazwischenliegende zum Verständnis einet anderen Stelle gehört, an der dasselbe Zitat später im Traktat wiederholt wird. Außerdem ist Raschi stets anschließend abgedruckt, sodaß man auch hierbei Zeit-und Arbeit erspart. Wenn der Verfasser als» den beiden Büchern als Motto ausgedrnckt hat „Melochoh welau chochmoh"^s»,:hctt-er insofern Recht, weil er eigene Weisheit nicht bietet, aber Arbeit für alle Lernenden leistet. Deshalb sollten diese beiden Bücher bet keinem Lernenden fehlen. Begüterten Förderern der Tauroh bieten sie eine schöne Gelegenheit, ärmeren Thorajüngeren ein wertvolles Buch zu verehren. Abs. Die Ak t i o n. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst. SondernumNE Anthologie jüngster französischer Lyrik. Heft 50 Berlin-Wilmersdorf, Die Aktion. Dicijüdlsche Welt. Literarisch-Gesellschaftliche Monatsschrift. Nr. 8. Wilna, Wilnaer Verlag B. A. Klozttn. Inhalt: Lieder und Phantasien (Abraham Reisin) — Die Rettung (A. M. Weißenberg) — Meine Sichraunaus (I. L. Perez) — Elegien (N. Eisin) — Bemerkungen zum Artikel „Der Kol Meevaser und seine Zeit" (S. L. Zitton) — Meine Antwort (I. Zinberg) — Dom Westen (Dr. - N. Birnbaum) — Richard Wagner und seine Beziehungen zu Juden (Dr. R. Seligmann) — Henri Bcrgson wegen Aesthetik (S. Radnianski) — Methode, jüdisch zu lernen (K- Schitomirstt) — Fragen des (üb. Ökonom. Lebens (I. Lcszinski)— August Bebel (B- Bochorow) — Brief von 'Gattzien (B. Rubstcin) — Neue Bücher usw. Der alttestamentliche Prophetismus. Drei ' Studien von D. Ernst Sellin. 252 Seiten, 4.80 JL,. geb. 5,80 Leipzig, A. Deichert'sche Verlagsbuchhandlung. Inhalt: I. Eine Skizze der Geschichte des alttestamentlichen Prophetismus. — II. Alter, Wesen und Ursprung der alttestamentlichen Eschatologie. — Öl. Altorientalische und alttestamentliche Offenbarung. Sellins Studien über den Prophetismus sind für den Druck erweiterte Borttagszyklen, die der Verfasser 1909 und 1910 teils vor Ihrer Exzellenz der Frau Reichskanzler von Bethmann Hollweg -in ihrem Hause, teils auf einem Berliner Ferienkurs, teils vor der landeskirchlichen Konferenz Mecklenburgs in Güstrow gehalten hat. Die zwischen Vorttag und Drucklegung vom Verfasser unternommenen Palästinareisen und ihre Forschungsergebnisse sowie seine dazwischen liegenden literarischen Veröffentlichungen sind dem Buche zugute gekommen. Die Ausführungen sind für den in der Bibelkunde Bewanderten reich an Stellen, die zum Nachdenken Anlaß geben, und gar manche Aufhellung gewähren sie. Dem jüdischen Laien, dein das kritische Urteil abgeht, können wir — wie in den meisten Fällen — auch hier nicht das Werk eines christlichen Theologen zur Lektüre empfehlen. Kaiser Friedrich Quelle Offenbuh a. M. —— Gegen, Gicht and Bheamatfamna bewährt. Alleiniger General-Vertreter: Frledrfab Stahl. Frankfurt a.K., Gflntheraburg-Allee 37. TeL259n.714. 's 1 ] i I -f; i i