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Neue jüdische Presse · 1913-09-05 · Heft 35 (5.9.1913) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 35 (5.9.1913)
Date
1913-09-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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♦ I ♦ Erscheint wöchentlich am Freitag. ArnmHUrri» pr» Dlirrtrljatzr: An Frankfurt«. M. Mk. l.— frei «» Hau», »ei der Post abonniert SO Pfg-, frei in» Hau» 4 Pfg. pro Monat mehr. — »ei Zufeiwung durch Ltreifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn ML 1.50, für Rußland 1 Rubel, für alle übrig« Länder ML L— Einzel-Nummer« kost« 10 Pfg. Redaktion müi ErprLition: Frmklwt «. tt. rr Cangeftr. 7 Fernsprecher Amt I. 10S07. Kal» chei». FnsrrtiouoPrri» für die sünsgespaltme Petitzeile 25 Pfg., für die «ellamezeile ML 1.—. »er Mederhovmgm entsprechender Rabatt. Stellm-Rngebote und -«esuche, Woh«ung»inserate, Heirat» - Annoncen 15 Pfg. die sechigefpattme Petitzeile ohne jeden Rabatt. Platz-und Daium^Iorschrist ohne »erbindlichlett. Lnnoncrn-»nn>hmebeiderLiped.undma.Annoncm^Sureau». Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt «. M. unter Nr. 4884. 11. Jahrgang. Freitag, de» 5. Ellul 5673 (5. September 1913) «r. 35. Grez-Jsrael. (Reisebriefe.) Bon Nachum Goldmann. XIV. Abschied v o n I e r u s a l e m . — Ben- Sch einen. — Petha ch-T ikwah. Bon Jerusalem fall man nach Galiläa reisen: dieser Rat sei allen Palästinareisenden erteilt. Die Reise bietet zwei Vorfeile: Einmal verläßt man man dann nicht das Land mit jenem bitteren Geschmacke auf der Zunge, jenem unangenehmen Gerüche in der Nase und jenem Befühl heißen Wehes und tiefer Tragik im Herzen, die man aus Jerusalem mitzunehmen pflegt. Eine Palästinareise mit Jerusalem beschließen, heißt eine Reihe schöner, herzerhebender Feiertage mit einem Fasttage beenden; der hungrige Magen läßt bald alle vorangegangene Feicrtagsstimmung vergessen und verfliegen. Der andere Vorteil ist der, daß es kein besseres Mittel gibt, die ganze paradiesische Schönheit der Berge Galiläas zu empfinden und,zu genießen, als indem man ihnen unmittelbar nach einem Aufenthalte in Jerusalem gegenübertritt. Der Kontrast war von jeher eines der besten Mittel zur Erhöhung des Effektes:. nach den engen, atembekleminenden Gassen Jerusalems die freien Berge Galiläas, einen größeren Kontrast kann die Phantasie des größten Künstlers nicht erfinden. So verließ ich also au einen: herrlichen Frühlingstage Jerusalem ntit dein Reiseziele: Galiläa. Die Stimmung, mit der «reut Jerusalem verläßt, ist — wie gesagt — eine traurige, niedergedrückte. Nirgends empfindet man das Goluth schmerzlicher, als weint man ihnt im Lande der Väter begegnet, und nirgends findet man das Goluth in einer abstoßenderen Form als gerade in Jerusalem. Und so waren es bittere Einpfindungen, entmutigende Gedanken, die mich bewegten, als ich zum letzten Malen meinen Freunden die Hand drückte, zum letzten Male den Hut schwenkte und in den Zug stieg, der bereits begann, sich langsam in Bewegung älu. setzen. Ich trat in den Waggon, und mir bot sich ein trauriges Bild: .Er war fast voll von Jerusalemer Juden, die alle nach Jaffa fuhren, um mit dent am! nächsten Tage äbgehenden Schiffe nach Amerika auszuwandern. Es waren fast alle Männer, eine Anzahl recht junger, gesunder Jünglinge unter ihnen. Ich knüpfte eine Unterhaltung mit ihnen an, fragte sie nach, den Ursachen der Emigration; fast intmer war es dieselbe Antwort, die ich erhielt: Mangel jeglicher Existenzbedingungen. „Glauben Sie", sagte einer von ihnen, ein syntpathischer junger Mann, „daß mir und fast allen unter uns das Herz nicht blutet, von Eretz- Jsrael nach Amerika gehen zu müssen? Aber was können wir tun? Zu verdienen gibt es für uns in Jerusalem keine Möglichkeit, und von einigen luinpigen Franken der Chaluka zu hungern und in Jerusalem herumzjuhocken, dazu sind wir zu jung, zu lebensfioh. Dort in Amerika werden wir arbeiten und „weren a Leben Machen". Ich Mußte ihm innerlich recht geben. Jerusalem ' bietet jungen Menschen, die arbeiten und redlich ihr Brot verdienen wollen, heute keine Existenzmöglichkeit, und so nimmt die Auswanderung intmer mehr p. Wir draußen strengen alle Kräfte an, um die Bedingungen für die Einwanderung neuer Kräfte vorzubereiten, und wahrendes wandern die im Lande bereits vorhandenen aus. Wäre es nicht richtiger, vorerst dafür p sorgen, daß diesen Landsansässigen Existenzmöglichkeit geboten wird? Ich trat in den nächsten Waggon. Ein ähnliches Bild. Auch dieser gefüllt mit Auswanderern. Nur sind es hier Araber statt Juden. Durchweg junge, stramme Fellachen aus den Dörfern rings um Jerusalem. „Wohin gehen diese?" „Nach Argentinien. Argentinien braucht Arbeiter für seine Plantagen. Die Regierung gibt ihnen freie Ueberfahrt. Dort verdienen sie einige Francs pro Tag, verbrauchen keine 10 Francs im Monat, ersparen sich in einigen Jahrün einige tausend Francs und kehren dann gewöhnlich zu ihren Familien zurück." Die ganze Verwahrlosung Palästinas stieg mir aus diesem mit emigrierenden Arabern gefüllten Waggon entgegen. 600,000 Einwohner hat dieses Land, das einige Millionen ernähren könnte.- Und auch von diesen wenigen Bewohnern müssen jährlich Hunderte und Tausende auswandörn. Ich warf Linen Blick durch das Fenster auf die Gegend, die wir durchfuhren. Was ich im Zuge an den Menschen wahrnehme, draußen zeigte cs mir die Natur. Hohe, breite Berge. ringsum, und alle verwüstet, öde, von Steinmassen bedeckt. Und diese Berge waren doch ftüher einmal alle kultiviert. Ich dächte an die Berge, die ich rings um das christliche Bethlehem gesehen hätte: alle terrassenförmig bepflanzt, mit Olivenbäumen und anderen Vegetationsarten, Und hier alles öde, alles wüste. Kein Wunder, daß selbst diese Araber das Land verlassen müssen. Der Zug näherte sich Lud. Ist stieg aus, denn es war meine Absicht, über die NationalfondsfarM Ben-Schemen und die deutsche Kolonie Wilhelnra nach Pethach-Tikwah zu gelangen. Nach einer halben Stunde kaM ich nach Ben-Gche- Men. Ich empfand ein unbeschreibliches Glücksgefühl, wieder eine "Stätte des neujüöischen Palästina vor Mir zu sehen und wieder die von der Sonne gebräunten Hände der jüdischen Arbeiter schütteln zu können. Nach Jerusalem, das ich vor vier Stunden verlassen hatte, nach den traurigen Bildern 'im Eisenbahnzüg wirkte diese .schöne, stolz auf einem Hügel gelegene Farm wie eine Befreiung, wie ein erfrischendes Bad, und Mit Entzücken atmete ich die freie, gesunde Luft der breiten Ebene ein, in der die Farm liegt. Bcn-Schomen ist die größte aller Nationalfondsfarmen; als ich hinkam, arbeiteten dort etwa 80 Arbeiter. Ich Mächte einen Rundgang um die Farm, sah den entstehenden Herzlwald, dessen Bäume znm Teil schon ganz beträchtlich Hoch sind und schied, ein wenig getröstet über die traurigen Eindrücke der letzten Tage. Schon bald gelangte ich nach Wilhelm», der blühenden deutschen Kolonie. Vor 10 Jahren ist diese Kolonie gegründet worden, und in dieser Zeit haben die Kolonisten es vermocht, bereits alle bei der Gründung gemachten Schulden zurückzuzahlen. Sie macht eilten trefflichen Eindruck, die deutsche Arbeitslust und Ordnungsliebe dokumentiert sich auf Schritt und Tritt. Es ist für einen Touristen, der auch die Felder der jüdischen Kolonisation kennen lernen will, außerordentlich lohnend, gerade von Wilhelms nach Pethach-Tikwah p gehen. Es wird den ganzen Unterschied, der zwischen ivirklichen Bauern und unseren jüdischen Kolonisten besteht, sofort wahrnehm'en können. Denn die jüd. Kolonisten Palästinas sind keine Bauern. Es tut weh, die liebe Vorstellung^ die in allen Zionisten des Auslandes lebt, zerstören zu müssen, aber die Wahrheit zu wissen ist in diesem Falle viel nützlicher, als sich falschen Illusionen hinzugeben. Es ist in den 30 Jahren palästinensischer Kolonisation noch nicht gelungen, jüdische Bauern heranzuziehen, und wenn Man einmal klar und nüchtern es sich überlegt, was es heißt, nach 2000 Jahren Goluthgeschichte jüdische Bauern zu erziehen, wenn man ferner bedenkt, daß die Zeit bis 1900 — die Zeit des Schnorrens vor den Administrationen des Barons — in dieser Hinsicht gar nicht mitzurechnen ist, dann wird man gestehest, daß es eigentlich völlig unsinnig ist, bereits jetzt in den Kolonien einen Schlag von Bauern vorfinden zu wollen. Außerdem: Die judäischen Kolonien sind durchwegs — mit Ausnahme Ekrons — Pflanzungskolonien, und Man kann es heute als sichere Behaup- - tung aussprechen, daß in solchen Kolonien niemals der Typ des echten, wahren Bauern heranwachsen wird. Nirgends in der Welt sind die Pflanzer Bauern, sondern Kapitalisten. Die Anlage einer Orangenbojare ist ihrem Wesen nach in demselben Maße ein kapitalistisches wie ein landwirtschaftliches Unternehmen. Wenn ein Kolonist aus Pethach- Tikwah eine Bojare anlegt, dann ist er fast nie im Besitze des ganzen dap nötigen Kapitals. Was tut er als»? Er leiht und zahlt die landesüblichen hohen Zinsen. Dann muß er 6—8 Jahre warten, bis er Erträge erhält. Inzwischen steckt er immer mehr Geld hinein, leiht immer mehr undführt pdem ein. durchaus städtisches Leben. Butter, Gemüse, Eier, alle landwirtschaftlichen Produkte kauft er; kein Wunder, das ihm seine Lebensweise teuer zu stehen kommt. Liefert die Bojare endlich Ertrag, so ist die Höhe des jährlichen Ertrages auch keine sichere, feste. Sie hängt nicht nur vom Ausfall der Ernte ab, sondern — was viel mehr Schwankungen Hervorrust — von dem- Kurse der Orangenpreise an der Liverpooler Börse. Kurzum: Das Ganze hat so eine durchaus kapitalistische Grundlage. So konrmt es, daß 'Hie Kolonisten in Judäa ebenso bewandert in Bank-" angelegenheiten und Börsenftagen sind wie in landwirtschaftlichen Dingen. Ihrem Wesen nach sind sie Händler geblieben, nur handeln sie hier nicht mit Kleidern oder Heringen, sondern mit Wein-, Orangen- und Mandelpflanzungen. In ihren Augen ist ihre Pflanzung vor allem ein Handelsobjekt. All jenes Kleben am ererbten Stück Boden, jene Liebe p seinem Felde, die den Bauer vom Städter scheidet, findet man hier nicht. „Es gibt keine Bojare in Pethach-Tikwah, die .Sie nicht jeden Tag kaufen könnten, wenn Sie den geforderten Preis zahlen", sagte nrir einntal ein Pethach- Tiklvaher Kolonist. (Schluß dieses Briefes folgt.) Aus de» Ereignissen des Tages. 1. Zum 50. Geburtstage Usslschttus. Jubiläen feiern birgt in sich Gefahren, und so manchem ist sein Jubiläum schon pm Verhäng nis geworden. Das Rückwenden des Blickes auf die Vergangenheit, das jedes Jubiläum notwendig macht, kann allzu leicht dazu bringen, das Schreiten nach vorwärts, nach aufwärts. aufzuhalten und zu hemMen. Die Gefahren des Jubiläums sind für den Jübilator umso größer und! stärker, als .die Vergangenheit, deren Abschluß er feiert, die zu-

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