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Neue jüdische Presse · 1913-08-29 · Heft 34 (29.8.1913) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
11 (1913)
Issue
Heft 34 (29.8.1913)
Date
1913-08-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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" " .. M Ht. S4 rfcs Icunfefttctec IsmMslKm IftmiRenfitottes. „Quatsch". „Quatscht sagte ich nicht gerade sehr parlamcirtarisch und schlug das Heft zu. Das Heft war die letzte Nummer der Monatsschrift „Diskussion",*) eines sonst sehr vernünftigen Unternehmens. Hans Ostwald will mit dieser Monatsschrift das, „was unsere Denker und Forscher in jahrzehntelanger Arbeit an Wissen tind Meinung sich erworben haben, in zusammengedrängter Form der Öffentlichkeit übermitteln. Jeder Mitarbeiter wird den Extrakt seiner . Erfahrungen und Erkenntnisse geben." Mit einem solchen Programm hätte er aber das Heft mit dem Titel „Die Assimilation der Juden" nicht dem Nervenarzt Dr. Max Maren se-Berlin zur Redigierung anvertrauen dürfen. Denn eine -oberflächlichere Behandlung, als dieser Erzassimilant dem gesetzten Thema in seinen eigenen..Ausführungen, die das Heft eröffnen und mehr als ein Drittel seines' Inhaltes beanspruchen, angedeihen läßt, gibt es schlechterdings nicht. „Die Juden müssen die Assimilation wünschen, weil Mr die überwältigende Mehrzahl unter ihnen das Martyrium, das ihnen und ihren Kindern die Zugehörigkeit Kunt Judentum auferlegt, schon längst jeden Sinn verloren hat. Weder halten sie sich noch Mr das auserwählte Volk, noch glauben sie an einen besonderen Judengott; weder ein Rassegefühl iwch religiöse Ueberzeugung gibt ihrem Martyrium irgend einen sittlichen Wert oder vernünftigen Zweck. . . dtnr die völlige Assimilation wird das Mal, das sie selber brennen fühlen und die anderen glimmen sehen, endlich verlöschen." Die Radikalkur des Doktor Eisenbart, — aber ein Doktor Eisenbart kann jeder Holzknecht .sein! Jir gleicher Gründlichkeit wie Dr. Marcuse behandelt der Dichter RichardDehMel die „Mischehe". „Ich habe zweimal Jüdinnen geheiratet, bin der zweiten noch urverwandter als schon der ersten, habe hübsche, wohlgeratene Kinder, und wir sind allesamt Dissidenten — nus deutscher, rein menschlicher wie göttlicher Religion." „Wir haben das Ghetto abgeschafft und dürfen darum von den Juden verlangen, nun auch mit den Ghettogefühlen anfzuräumen! Soweit sic sich noch mißtrauisch einkapseln und an verstockten Gebräuchen kleben, ist es vollkommen recht und weift, daß wir sie nicht als gleichwertige Mitglieder des Volkes und der Gesellschaft behandeln; denn dadurch erziehen wir sie zur Angleichung." Nicht minder köstlich ist der Antisemit Rich. Nvrdhausen, ein getaufter Jude, dem die! Aufgabe zufiel, über das Thema „Verschmelzung und Zionismus" seine Entscheidung zu geben. Da ihm der Assimilierungsprozeß zu lange dauert und er den Zionismus für eine Utopie hält, so macht er den Vorschlag, den Juden eine weitgehende Selbstverwaltung M gewähren und von ihnen nur Steuern zu -verlangen. „Es genügt, darauf hinzuweisen, daß bei der Organisation der Schulen, der Leibesübungen, der Verwaltung usw. alle bedrohlichen ,Berührungs- und Reibungspunkte genau so vermieden werden müssen, wie es heute schon in den Angelegenheften des Kultus geschieht." Fritz Mauthner, gleichfalls ein gewesener Jude, wünscht Verhinderung des Zuzugs der Ost-, juden, da diese die Assimilation der deutschen Juden aufhalten. Diese Blütenlese möge genügen. Der Statistiker Dr. Teilhaber, der Nationalökonom Professor Dr. Sombart, Friedrich Naumann und Zangwill komMen außerdem zu Wort, sie sagen, was sich hören läßt,, vermögen es aber nicht, den Gesamteindruck des Heftes verblassen zu lassen: überall spricht der Fachmann, in Sachen des Judentums ist aber der Ignorant kompetent. Wie beherzigen wir unsere Geschichte? . Die Tage nationaler Erinnerungen, die uns in Leben und Lehre-nahegebracht werden, lassen es . begründet erscheinen/ wenn wir die Frage aufrollen, ob und wie wir u n s'e re Ge sch ichte in der Schule beherzigen. 1 *)'-Di-s k.n ssion. Eine Monatsschrift für aktuelle Kulwrftagen. Jahresabonnement 6 Jk, Einzelhest 0,50 M. Berlin W. 10, Margarethenstraße 8. Bei den »ichtjüdischcn Völkern hat sich seit dcnr 18. Jahrhundert*) allmählich die Anschauung von der Notwendigkeit des historischen. Unterrichts in den verschiedenen Schutgattungen zu verschiedeircn (allerdings nicht pädagogisch begründeten) Zielen hindurchgerungen, so daß dessen Wert und Notwendigkeit entsprechend überall Geschichtsunterricht erteilt wird. Nur bei den Juden steckt man, was den Geschichtsunterricht und dessen systematische Erteilung anbetrifft, noch vielfach (in Oesterreich nicht einmal in dem Maße wie in Deutschland) in sehr alten Auffassungen. Indem ich für die folgenden Ausführungen zwei Voraussetzungen mache, daß nämlich als Ziel der Pädagogik in erster Linie das Bedürfnis des Individuums zu gelten hat, ferner daß die „Lehr- und Prüfungsordnungen" und all jene für den jüdischen Geschichtsunterricht bestehenden Vorschriften mit all ihren Mängeln als pädagogisch unhaltbar im Unterricht der jüdischen Geschichte durch neue ersetzt werden müssen, kann ich mit der Frage beginnen, welches das die Nottvendigkeit des historischen Unterrichts begründende Moment für d a s j ü d i s ch e K i n d j st. Dieses verlangt Pflege und Förderung des Nationalbewußtseiris auf historischer Grundlage als Ziel des Geschichtsunterrichts, das ihm eigentümlich ist. Denn wenn auch andere Disziplinen — wie Religion, hebräische Sprache — von großem Einfluß auf jenes Bewußtsein sind, so ist doch keineswegs der Einfluß des Geschichtsunterrichts zu unterschätzen. Andererseits ist dieses Ziel selbständig ans pädagogischen Gesichtspunkten erwachsen. Denn das Nationalbewußtsein ist nicht als Teil der ethischen Seite der Bildung, sondern aus dem Bedürfnis des jüdischen Individuums heraus zielbestimmend geworden. Bedürfnis, Bildungsbedürfnis des jüdischen Schülers fordert die Pflege des Nationalgefühls. Zunächst freilich ist dieses „Bedürfnis" nicht gleichbedeutend mit dem Wunsch desselben, sondern in dem Sinne, daß die E x i st e n z des jüdischen Volkes, der jüdischen Volksgemeinschaft, von deren Wohl und Wehe das jüdische Kind abhängt, ein solches Nationalgefühl in jedem ihrer Glieder verlangt. Dann aber auch in dem Sinne, daß das Individuum an sich, ohne Rücksicht auf das Bedürfnis der Volksgemeinschaft, des Nationalbewußtseins, des Zusamniengehörigkeitsgesühls mit allen auf 'dem weiten Erdenrund lebenden und leidenden Brüdern bedarf als zur Bereicherung seines Innenlebens notwendig. Das Individuum will und soll ja nicht bloß vegetieren, und die jüdische Jugend erst recht nicht, sondern nach Lebenszwecken (dem Sombartschen „Tachlis), nach Lebensinhalt suchen. Das ist ein im vitalsten Interesse des jüdischen Kindes gelegenes Moment. Nach diesen zwei Gesichtspunkten, von denen aus der Geschichtsunterricht dem Bedürfnis des Kindes entgcgenkommt, wird es möglich sein — ausgehend vom historischen Interesse, das dem jüdischen Kinde besonders eignet —, dem Innenleben des Individuums nach der passiven wie aktiven Seite hin Bereicherung zu bieten. Der starke Absatz an -historischen Romanen und jüdischen Erzählungen ist ein Ausdruck des Strebens, mit den historischen 'Episoden und Persönlichkeiten des Judentums in innere Beziehung zu treten. So erscheint auch das Aussuchen der biblischen und anderen historischen Stätten des Orients und die Sympathie für jüdische Bilder um des historischen Stimmungswertcs willen bezeichnend für die passiven Regungen des historischen Interesses. Nicht minder wichtig ist aber die aktive Seite. Warum fehlt es an guter jüdischer Belletristik? Warum an einem Pendant zu den Oppenheimschen Bildern? Weil das Individuum des Nationalbewußlseins oedarf, um das historische Interesse sich in der Dichtkunst, in der Malerei usw. sich auswirken zu lassen. Schöpferische Regungen, die das Streben nach historischer Forschung befriedigenden Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen und die Kunst erhalten ihre Inhalte durch den Geschichtsunterricht. Dr. E. Waschmaschinen, Wäsche-Mangeln, Wringet, Sardinenspanne?, ßügelbtetter, ■ ■ - Jugeleisen. Erstklassige Fabrikate bei billigen Freisen. Breitwieser & Franke Kaiserstrasse 8. Telephon-Amt I. 901 Aus Per zionistische» Bewegung. Frankfurt a. M. Dem soeben erschienenen Bericht des Akttons-Comites der Zion. Organisation seien die folgenden Ausführungen über die Kulturkommission entnommen: Der Kulturkommission, die im November 1911 gebildet wurde, gehörten folgende Herren an: Dr. B i r a m, Redakteur Berlin, Rabb. Dr. Wilhelm Lewy, Dr. Heinrich Loewe, Leo Motzkin und Dr. Pick. Ursprünglich gehörte der Kommission üüch Dr. B u b e r an, der jedoch im März 1912 sein Amt niederlegte; an seiner Stelle wurde Herr Dr. Biram gewählt. Den Vorsitz in. der Kommission führte. Herr,.S o k o l o w, während seiner Abwesenheit Herr Dr. Pick. An den meisten Sitzungen-nähmen auch Mitglieder des E. A.-C. teil. Es *)' Vgl: Aiartin Wehrmann (Stettin): Landes- und Heimatsgeschichte., im Unterricht der höheren Schulen. (Deutsche Geschichtsblätter, II. Band, 11./12. Heft.) wurden zahlreiche Vorschläge berateii, und die Kommission gelangte auch zu einer Reihe von Beschlüssen. Eine der Hauptfragen war die Schnlfrage im Orient. Schon in der ersten Sitzung wurde beschlossen, eine Enguöte über die Schulverhältnisse im Orient zu veranstalten. — Infolge der Kriegswirrcn konnte dieser Beschluß nicht ausgcführt werden. ^luch der Beschluß, ein in Konstantinopel geplantes Ltudentcnheim zu unterstützen, führte vorläufig nicht' zu praktischen Resultaten, da dieses Heim unter den obwaltenden Umständen nicht gegründet werden konnte. Bon den positiven Ergebnissen der in der Kulturkommission geleisteten Arbeit ist folgendes hervorzuheben: Die Snbventioniernng der Lehrerkurse in Sichron-Jakob für das Jahr 1912 ivurde befürwortet. Auch trat die Kommission dafür ein, Herrn A. M. Luncz zur Feier seines Jubiläums 200 Fr. .für den Druck des Talmud Jeruschalm i zu bewilligen. Ferner stimmte die Kommission der Bewilligung von jährlich 3000 Fr. für das Lehrerinnenseminar in Jaffa zu. Der Merkas Hamorim legte einen großzügigen Plan zur .Ausarbeitung von Lehrbüchern für palästinensische Schulen vor und verlangte eine Subvention von 10000 Fr., die allmählich zur Auszahlung gelangen sollen. Die Kulturkommission befürwortete diesen Vorschlag unter der Bedingung, daß jedes Manuskript in Berlin geprüft würde. Es liegt bereits der größte Teil eines Manuskriptes sür ein zoologisches Lehrbuch vor. 'Auch ein mathematisches Lehrbuch unterliegt zurzeit der Prüfung. Aus der Lehrerwelt. Horburg i. Elsaß. Infolge ständigen Rückgangs der Schülerzahl geht am 1. Oktober die hiesige jüdische Volksschule ein. Der Gemeinderat hat den Beschluß gefaßt, an Stelle der jüdischen eine katholische Volksschule zu errichten, da die Zahl der katholischen Schulkinder mehr als aus 80 angcwachsen ist und das Schullokal sich schon lange als zu klein erwiesen hat. Lehrer S t ü f f e l wurde an die Mittelschule in Colmar versetzt.- Heldeuvergeu. Leopold Wertheimer erhielt anläßlich seines goldenen Lehrersnbilänms die Krone zum Silbernen Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen. RewNork. Rabb. D rach man hat die Berufung nach Cleveland nicht angenommen. Aus de» Bereise«. Berlin. Der Jüdische Wanderbnnd Blair- Weiß Berlin veranstaltete eine dreiwöchige Fahrt nach Süddcutschland, an der 12 Wanderer teilnahmen. Er bewies durch diese Fahrt, daß seine Leistungen denen der älteren Wandervereine nicht nachstehen. Die Arbeit, die er seit jetzt einem Jahre leistet, ist also nicht ohne Erfolg geblieben. Der große Gedanke des Jugendwandcrns beginnt, auch unter der jüdischen Jugend festen Fuß zu fassen. Schon jetzt ziehen an jedem Sonntag jüdische Schüler in großer Zahl hinaus, mit Rucksack und Kochtopf'— im Sommer und Winter und bei jedem Wetter. Schon jetzt entstehen überall in Deutschland Zweiggruppen, die an der Kräftigung und Gesundung unserer Jugend Mitarbeiten und den jüdischen Schüler dem heimlichen, aber um so drückenderenAntisemitismus entziehen, der vielfach im „Wandervogel"-und im .Jungdeutschland- Bunde" herrscht. A n s k u n f t über die Bestrebungen des Wanderbundes Blau-Weiß erteilt Dr. Adalbert Sachs, Berlin, 51V., Königgrätzerstr. 89. Seit kurzem haben sich der Jüdische Waiidcrbnnd Blau-Weiß, Berlin, der jüdische Wanderbund Blau-Weiß, Wien und der Wanderverein von 1907, Breslau in den B l a u - W e i ß - B l ä t t e r n ein eigenes Organ geschaffen, das an Mitglieder der Vereine unentgeltlich abgegeben wird. Frankfurter Berichte. Ausschuß der Israelit. Gemeinde. Der Sitzung lag ein Brief des Vereins selbstst. israel. Handwerker und Gewerbetreibender vor, in dem dieser Verein sich darüber beschwert, daß seine Mitglieder, die Mitglieder der Israelit. Gemeinde sind, beim Krankenhausneubau übergangen worden seien. ^Justizrat Dr. Bär 'der' Syndikus, erwiderte hieraus, daß die Voraussetzungen des Brieses irrtümliche seien, denn Glaserwie Tapezierer-Arbeiten seien : o» jüdischen Handwerkern geleistet worden und übrigens sei man ja noch nicht zur Inneneinrichtung geschritten. Sämtliche Ausschußmitglieder betonten ihre Sympathie mit dem jüdischen Handwerkerstande und erachteten bei gleichen Leistungen eine Berücksichtigung -es jüdischen Handwerks für selbstverständlich. Es wurden die Positionen der Krankenhausbaulommission bewilligt mir einer Ausnahme. In die Maas'sche Stiftung wurde Herr Schol> r - lo ch er delegiert. Deutsch -Jsr. Kinderheim (8. 8.). Das Deutsch-Jsr. Kinderheim (E B.) — Vorsitzender: Jul. Goldfchmidt, i. Fa.: I. u. S. Goldschmidt — veröffentlicht soeben seinen Jahresbericht. Das in Diez domizilierende Heim ist das einzige, das. verlassene jüdische Kinder aus dem ganzen Deutschen Reich aufnimmt. Das große Interesse, das man ihm aus allen Teilen Deutschlands entgegenbringt, ist daher ein wohl berechtigtes. , . 48

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