Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 11 (1913)
- Issue
- Heft 34 (29.8.1913)
- Date
- 1913-08-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Oflenbach er Drneklnft - Anlage Offanbacb a. H. Telefon 123 (Anschluss mit Frankfurt). Bewährteste TepolChreiBtgBa&, 100,000 qm jährlich sowie unübertroffene Betten- und Bettfedernreinigung mittelst Druckluft und Wasserdampf. Zank und Streit, sagte er: Laß doch da» Mädel in Ruhe!" „Welches Mädel? Die Pelagia?" „Gott bewahre! Die Franja meinte er, denn er kam aus dem Hause Lufcheks." „Genug," winkte der Vorsitzende. „Beruhigen Sic sich, wir werden Ihnen sogleich die Franja Lnschek gegcnüberstellcn." > Franja wurde hcreingerusen. Äber vor ihrer Vereidigung entspann sich ein lebhastcr Meinungsaustausch zwischen dem ersten Staatsanwalt und den Verteidigern. Die Verteidigung erlaubte sich, den moralischen Charakter der Zeugin zu bemäkln. Hirschthal spielte auf die stadtbekannten, feindseligen Beziehungen an, die seit dem Brande des Weichholzschcn Hauses zwischen den Lufcheks und Perez walteten. Der Staatsanwalt erwiderte mit Respekt einflößender Strenge: Der Bürgermeister von Zladno habe der Franziska Lnschek ein Wohlverhaltungszeugnis ausgestellt, dies genüge ihm und dürfe auch der Verteidigung genügen. - „Durchaus nicht!" entgegnete Hirschthal. „Dem Herr» Bürgermeister Hartmann ist dem Anscheine nach unbekannt, daß die Luschek wegen verschiedener kleiner Unterschlagungen von ihren Dicnstherrschasten entlassen wurde." „Es ist niemals eine Anzeige erstattet worden," bemerkte der Staatsanwalt. Hirschthal antwortete sostirt: „Diese Herrschaften wünschten das unbesonnene Mädchen ihrer großen Jugend wegen nicht bestraft zu sehen. Aber angesichts weiterer mir bekannt gewordener Fälle von offenbaren Veruntreuungen, welche der Luschek zur Last liegen, muß ich gegen die Glaubwürdigkeit dieser Zeugin protestieren!" Dr. Peterson aber holte zu einem besonders wuchtigen Hiebe gegen die Feindin seines Klienten aus- Er hatte in Erfahrung gebracht, daß der Pfarrer von Zladno seinerzeit Franja wegen eines begangenen Fehltritts nicht gefirmt hatte. Der hohe Gerichtshof wolle erwägen, ob dem Zeugnis dieser in jeder Beziehung moralisch anrüchigen jungen Person wirklich Glauben zu schenken sei? Nichtsdestoweniger beschloß der Gerichtshof, Franja zu vereiden, sie aber vorher noch gehörig auf die Heiligkeit des Eides aufmerksam zu machen. Franja trat herein, scheu und befangen. Es war ihr gar nicht wohl zumute. Zwar wußte sie, daß ein großer Teil der hier zahlreich versammelten Menge von ihr besonders sensationelle Enthüllungen erwartete. Aber da saßen Dr. Thörner, Riegner, Hegemann, kurz alle, die ihr Bekenntnis bei Christinens Gastmahl gehört, jeden Augenblick bereit, sofern sie die geringsten Anstalten traf, ihre alte, interessante Rolle wieder aufzunchmen, sie meineidig zu machen und ins Zuchthaus zu bringen. Vor allem aber, kaum zchn Schritt von chr entfernt, saß in der ersten Reihe de§ Zuhörerraumcs die Amtsrichterin, unbeweglich, aber unverwandt die drohenden schwarzen Augen auf sie gerichtet . . . Franja begriff, sie mußte auf der Hut sein, die Situation war gefährlich. „Franziska Luschek," begann der Präsident, „der Angeklagte behauptet, daß er in der Nacht jenes Sonnabends gesehen habe, wie der Julek um die zwölfte Stunde Ihr Haus verließ? Ist das die Wahrheit?" , „Ich weiß nicht," murmelte Franja, „ich glaube." „Ich glaubt hilft uns hier nichts. Sie muffen die blstimmte und volle Wahrheit sagen. War Julek bei Ihnen? Und welchen Anlaß hatte sein Besuch?" „Er war da, well —", sie stockte und fuhr dann trotz aller Befangenhell mll einer gewissen triumphierenden Eitelkeit fort: „Der Julek kam zu mir, er sagte, daß er mir schr gut sei und ftagte mich, ob ich seine Liebste werden wolle. Er bat mich himmelhoch um meine Liebe. Er küßte mich, und ich gab chm einen Ring. Diesen hier, es fft ein teurer, sehr seltener Ring," sie hob chre Hand in die Höhe, zeigte ihn und fuhr weinend fort: „Ich habe chn dem Julek als Lerche vom Finger gezogen!" Perez schlug eine gellende Lache auf. „Angeklagter," rief der Präsident zürnend, „was fällt Ihnen ein?" Perez, zitternd vor Erregung, erhob sich ungestüm: Frankfurter FsraeWstyes FamiltenLlrllt. „Sic können gut Ringe verschenken, diese Lufcheks, besonders wenn sic ihnen nicht gehören." „Das ist nicht wahr!" rief Franja kreideweiß. Der Wasserträger sprach unbeirrt fort: „Herr Präsident, diesen Ring kenne ich ganz genau, ich habe ihn jeden Tag an meines Vaters Hand gescheit. Es ist ein Schlangenring, — zwei Schlangen, die sich in einander fassen, und innen ist in hebräischen Buchstaben eingraviert: „David Wcichholz", der Name meines Vaters. Der Ring ging damals mit allen: Gold und Silber verloren, als mein Elternhaus von verfluchten Händen verbrannt wurde!" „Reichen Sie mir den Ring herüber!" befahl der Präsident. Franja gehorchte. Vor Schreck hatte sie zu weinen aufgchört. 'Der Ring wunderte am Richtertisch von Hand zu Hand, im Publikum gewahrte man es unter atemloser Spannung. Franja sah es, sah auch, daß da hinten in den letzten Reihen ein weißhaariger Mann die Fäuste gegen sie schüttelte und dann eilig den Saal verließ. ... : „Der Ring entspricht der Beschreibung des Perez vollkommen," sagte der Präsident laut, „wie komtnen Sie zu dem Ring?" Franja zögerte. „Ich glaube, mein Vater hat ihn einmal von einem jüdischen Hausierer gekauft." „Gestohlen habt Ihr ihn!" schrie Perez. „Schweigen Sie jetzt, Perez! Der Ring bleibt hier, alles weitere wird zur Zeit veranlaßt werden." Der Präsident wandte sich wieder an Franja: „War Ihnen bekannt, daß Julek schon ein Liebesverhältnis mll einem anderen Mädchen hatte?" „Ja, die Pelagia lief ihm nach." „Du lügst!" fuhr Perezauf, „Du allein warst es, die dem Julek nachgelausen ist," „Angeklagter," sagte der Präsident streng, „wenn Sie noch einmal die Zeugin unterbrechen, lasse ich Sie sogleich in Haft führen. Fahren Sie fort, Franziska Luschek!" „Der Julek sagte mir, der Pelagia wäre er jetzt spinnefeind, und er würde sich schon von ihr losmachen. Dann könnten wir gleich heiraten." „Was geschah darauf?" „Mein Vater erwachte," stotterte Franja, „und ich hieß dm Julek nach Hause gehen." „Schön! Sie haben ihm vom Fenster aus nachgcsehen, Perez stand vor Ihrer Tür?" „Ja." „Was geschah da?" Franja schwieg. „Sie haben in der Voruntersuchung ausgesagt, daß Perez dm Julek überfallen und geschlagm habe. Ist das die Wahrheit?" „Der Perez hat den Julek —", ein leises Zischen und Knallen tönte im Saal, stärker und stärker tobend. Franja. verstummte und wurde leichenfahl. „Was ist das für ein abscheuliches Geräusch?" fragte der Präsidmt. Ach, Franja kannte es nur zu genau, jenes entsetzliche, heimtückische Knarrm, — ganz deutlich hallte es vor ihr, — neben ihr, — überall. Einen Augenblick kämpfte sie mll der brennenden Lust, Perez zu. vernichten, — da wieder, — ihr war, als umkralle ein unsichtbarer Feind ihren Hals. Franja atmete schwer. „Der Perez hat den Julek nicht geschlagen . . Ich habe nichts gesehen!" „Sie haben in der Voruntersuchung gänzlich andere Angaben gcgm den Weichholz erhoben. Warum haben Sie das getan? Sic waren also dem Perez schr feindlich gesinnt." (Fortsetzung folgt.) J. W. Albert, Optik Fits-n. Pincenez Doublö Mk. 7.50, Nickel Mk. 4.00. Weissfrauenstrasse II, Erke Nene Mainzerstrasse. Eingesandt. Es sind uvnmehr bald zwei Jahre verflossen, seitdem die gesetzestreuc Judeuheit sich endlich entschlossen hatte, dein Drange der Zeit Folge zu leisten und unter dem Namen „A g u d a s Jisroel" eine Organisation ins Leben zu rufen mit der Bestimmung: „Den vor hundert Jahren seiner Seele beraubten Organismus der jüd. Gesamtheit ziun Leben zu erwecken, ihm die Seele wiederzugeben und alle seine Glieder zu funktionsfähigen Organen der Seele zu machen." Groß ist die Ausgabe, der sich die in Frankfurt am Main vor nunmehr fast zwei Jahren versammelten Herren unterstellten, aber schwierig deren Ausführung; schwierig vor allem durch die Zerklüftungen im Läger der gcsetzestreucn Judenheit. Dies wurde in der erwähn- Rr 34 ten Versammlung von den Anwesenden richtig erkannt, doch mit jugendlicher Begeisterung hatte danials der inzwischen leider dahingegaugene Führer der Agudas Jisroel den versammelten Genossen zugerufen: „Viel ist cs ja, was uns trennt, aber mehr und unendlich mehr ist das, was uns vereinigt. Suchen wir zusammenzuwirken in dem, was uns aneinanderknüpft; vielleicht, das; es mit der Zeit gelingen wird, die Punkte, die uns trennen, zu Überdrücken." Er war cs auch, der sich stets bewußt blieb, daß die Organisation nur dann eine fruchtbringende sein könne, wenn man den Hauptwcrt der Arbeit aus die großzügige Förderung derjenigen Angelegenheiten im Leben unseres Volkes legt, an denen allen Beteiligten Interesse haben, und er war es auch, der den Mitgliedern der Organisation als leuchtendes Beispiel voranging und noch vor der definitiven Begründung der Agudas Jisroel einen Anfang in der Festlegung einer Summe für einen bestimmten Zweck machte. Und zu jeder Zeit, war er es, der darauf hinwics, daß auf die großzügige praktische Arbeit der größte Teil der Kraft zu legen sei. Im unerforschlichcn Ratschlüsse der Vorsehung war es indessen beschlossen, daß er, dessen Initiative die Agudas Jisroel ihre Begründung; verdankte, das Werk nicht der Vollendung zuführen sollte. Und seitdem will es... fast scheinen, als ob auch die Agudas, Jisroel ihre Augen geschlossen habe! ‘ Biele Worte der Verehrung und des Schmerzes wären es, die man dem teueren Verblichenen ins Grab nachrief, — doch es waren. nur Worte! Tatenlos verhält sich die Agudas Jisroel, und von den vielen Arbeitsgebieten, die Louis Feist s. A. noch kurz vor seinem Tode der Leitung der A. I. anheiinstellte, ist erst eines inzwischen in Angriff genommen worden. Die Mahnworte, die er wiederholt seinen Kollegen im „Provis. Komitee" zurief, sich nicht mit kleinlichen Fragen zu zersetzen, sind scheinbar verschollen Diskussionen von Statuten und stundenlange Debatten über Organisationsfragen absorbieren vollständig Zeit und Arbeit, — und dabei liegen die dringendsten Aufgaben vor! I» jedem Jahre gehen uns Tausende, ja Zehntausende von Brüdern verloren, die nach dem W e st e n aüswandern und in Amerika entjuden. Gäbe es denn gar kein Mittel, um dem entgegenzuarbeiten? Könnte da nicht die Agudas Jisroel einschreiten und den Grundstein zu einem Schulwcrke legen, das vielleicht i» der Lage wäre, die Kinder der dem Judentume noch treu gebliebenen Scharen eine jüdische Erziehung angedechen zu lassen? „_ Aus fernen wandern zur Zeit Scharen unglücklicher Brüder nach Erez Jisroel aus, und es bilden sich Organisationen, um diese». Brüdern Existcnzmöglichkeiten zu schaffen. Warum.schweigt in solchen Fällen hie Agudas Jisroel? __ Blicken wir nach Afrika! Dort ist ein Stamm uitseres Volkes aufgefunden worden, der dem Judentunie entfremdet ist, jedoch aus dessen Herzen die Sehnsucht nach dem Anschlüsse an die jüdische Gesamtheit spricht. Wären diese F a l a s ch a s nicht Grund genug, um mit aller Kraftanstrcngung das Interesse der jüdischen Orthodoxie hierfür wachzurufen? Blicken wir um uns und sehen, was die Missions- Gefells ch asten für Erfolge in London,. Galizien, Jerusalem usw. an unseren unglücklichen Brüdern erzielen. Müßten wir nicht aufschreien angesichts dieser Zustände und alles daran setzen, um dem entgegenzuarbeiten? Möchte doch der großzügige und weitblickende Geist des verstorbenen Führers die Reihen der Leitung der Agudas Jisroel erleuchten, daß sie sich bewußt werden, welche Aufgaben ihrer harren. — Und wenn es. auch schwierig ist, die materiellen Mittel zur Ausführung dieser Ausgaben zu erhalten, so könnte doch wenigstens-einmal ein Anfang gemacht werden, sei es auch nur mit geringen Mitteln. W e n n c r st die Leitung persönlich ihre Opfer Willigkeit z e i'g t, wird es auch bald gelingen, das Vertrauen der Massen zu erlangen. P l o n i. n&alser JTriedrlcn Quelle Offenbach a. I. —— Segen Sieht and BhenmatiBmBB bewährt. Alleiniger General-Vertreter : Frledr loh Stahl, - Frankfurt a.M., Günthersburg-AUee37. TeL259 u.714. Wocherr-Kalender. (Zeitangaben nach dem Lvach.) Samstag, den tztz^August l— 27. Am.) Sabbat-Anfang in.^Frankfurt a. SW. 6 Uhr 40 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr — Min. in Berlin 7 Uhr 45 Min. Wocheiiabschnitt: Rc-ei. Segnungen und Flüche. — Bestimmungen über Pflicht- und Privatopfer, über die als „Heben" oder „Zehnten" zu entrichtenden Abgaben, die Pflicht, solche in Jerusalem zu verzehren. — Verbot des Blutgenusses. — Warnung vor falschen Propheten. — Wiederholung der int 3. B. M. enthaltenen Speisegesetze, hier in verkürzter Form. —' Das bekannte Festtagskompendium: Asser te-asser. Inhalt desselben: Der Feldcigentümer selbst hat einen Zehnten und zwar den Maaserschcini (2. Zehnten) in Jerusalem zu verzehren. (Sinn: Weihe des Genusses vor Gottes- Antlitz!) Das Feld, der Weinberg, hat im „siebten Jahre" brach zu liegen. (Lehre daraus: Das Feld und der Weinberg gehören Gott: sie haben einen „Sabbat"). Die Pslickit der Armenunterstützung, der Schuldenerlaß'im . „Brachjahr", die Schonung der Witwen, Waisen und Fremdlinge, Heiligung der Erstgeborenen beim Rind und Kleinvieh. Die drei Wallsahrts-